02. Soll-Konzept vs. Lösungskonzept
Lernziele
Nach diesem Kapitel können Sie: - Die begriffliche Schärfe zwischen Soll-Konzept und Lösungskonzept erklären - Den Unterschied zwischen technologieoffen und technologiefixiert unterscheiden - Die jeweilige Zielgruppe und Verwendung der Konzepte benennen - Typische Fehler bei der Konzepterstellung identifizieren und vermeiden
Lesezeit
ca. 15-20 Minuten
1. Einführung: Die Kunst der begrifflichen Schärfe
Die begriffliche Schärfe zwischen Soll-Konzept und Lösungskonzept ist ein Qualitätsmerkmal professioneller Beratung. In der Praxis werden diese Begriffe oft synonym verwendet, was zu Missverständnissen, Fehlentscheidungen und Projektrisiken führt.
Als IT-Berater ist es Ihre Aufgabe, diese Differenzierung methodisch sauber zu handhaben und sicherzustellen, dass die richtigen Konzepte zum richtigen Zeitpunkt erstellt werden und die richtigen Entscheidungsträger erreichen.
1.1 Warum diese Unterscheidung wichtig ist
flowchart TD
A[Präzise Begriffsverwendung] --> B[Klare Kommunikation]
A --> C[Richtige Entscheidungen]
A --> D[Vermeidung von Projektrisiken]
B --> E[Vertrauen der Stakeholder]
C --> F[Fundierte Investitionsentscheidungen]
D --> G[Vermeidung von technischen Sackgassen]
E --> H[Erfolgreiche Projekte]
F --> H
G --> H
Typische Probleme bei mangelnder Unterscheidung:
- Vorzeitige Technologieentscheidungen: Das Management entscheidet über eine Technologie, die fachlich nicht geeignet ist
- Technische Details in Management-Berichten: C-Level-Entscheider werden mit technischen Details verwirrt
- Kosten für das Falsche budgetiert: Es wird Budget für eine spezifische Technologie genehmigt, obwohl die fachlichen Anforderungen noch nicht geklärt sind
- Loss of Innovation: Durch zu frühe Technologie-Fixierung werden innovative Lösungen ausgeschlossen
2. Soll-Konzept (Fachkonzept)
2.1 Definition und Charakteristika
Das Soll-Konzept (auch Fachkonzept genannt) beschreibt den gewünschten Zielzustand aus fachlicher Sicht. Es ist technologieoffen und dient als Vision für Management und Fachbereiche.
Kerneigenschaften:
| Eigenschaft | Beschreibung | Beispiel |
|---|---|---|
| Technologieoffen | Keine Festlegung auf spezifische Technologien | "Automatisierung der Rechnungsverarbeitung" (nicht "mit SAP" oder "mit Azure Functions") |
| Fachlich orientiert | Fokus auf Business-Wert und Prozesse | "Reduktion der Bearbeitungszeit um 50%" |
| Abstraktionsebene hoch | Verständlich für Fachbereich und Management | "Schnittstelle zum ERP-System" (nicht "REST API mit OAuth 2.0") |
| Zielgruppe: Business | Primär für Fachbereich und Entscheidungsträger | CFO, Prozessverantwortliche |
| Keine Implementierungsdetails | Verzicht auf technische Spezifikationen | Keine Datenbank-Schemas, keine API-Dokumentation |
2.2 Struktur eines Soll-Konzepts
Ein Soll-Konzept sollte folgende Struktur aufweisen:
2.2.1 Management Summary
Ein prägnanter Überblick für Entscheidungsträger (max. 2 Seiten): - Ausgangslage und Motivation - Zusammenfassung des Lösungsvorschlags - Erwarteter Business-Nutzen - Geschätzter Ressourcenbedarf
2.2.2 Ausgangslage und Ist-Analyse
Beschreibung des aktuellen Zustands: - Aktuelle Prozesse und Abläufe - Vorhandene IT-Systeme und deren Integration - Identifizierte Schwachstellen und Verbesserungspotentiale - Stakeholder-Analyse
2.2.3 Zielszenario
Beschreibung des gewünschten Zielzustands: - Strategische Ziele (Alignment mit Unternehmensstrategie) - Prozess-Ziele (Optimierung, Automatisierung, Standardisierung) - Qualitätsziele (Genauigkeit, Geschwindigkeit, Compliance) - Zielgruppennutzen (für alle Stakeholder)
2.2.4 Anforderungskatalog
Systematische Erfassung der Anforderungen:
| Kategorie | Beschreibung | Beispiel |
|---|---|---|
| Funktionale Anforderungen | Was muss das System können? | "Rechnungen automatisch prüfen", "Freigabe-Workflows" |
| Nicht-funktionale Anforderungen | Qualitätsmerkmale | "Verfügbarkeit 99.9%", "Verarbeitung < 2 Sekunden" |
| Randbedingungen | Rahmenbedingungen | "DSGVO-konform", "Integration zu SAP S/4HANA" |
| Business-Regeln | Geschäftsregeln | "Rechnungen > €50k erfordern zweistufige Freigabe" |
2.2.5 Prozessdarstellung
Visualisierung der Zielprozesse: - BPMN-Diagramme für die Prozesse - Swimlane-Diagramme für Verantwortlichkeiten - Use-Case-Diagramme für Funktionen
2.2.6 organisatorische Aspekte
Einbindung der Organisation: - Zuordnung von Rollen und Verantwortlichkeiten - Schulungsbedarf und Change Management - Auswirkungen auf bestehende Strukturen
2.3 Beispiele für technologieoffene Formulierungen
| Negativ (technologiefixiert) | Positiv (technologieoffen) | Begründung |
|---|---|---|
| "Implementierung mit Java Spring Boot" | "Plattformunabhängige Business-Logik" | Keine vorzeitige Technologie-Fixierung |
| "Datenbank auf Microsoft SQL Server" | "Zentrale Datenhaltung mit konsistenten Datenmodell" | Datenbank-Typ irrelevant für Fachkonzept |
| "Schnittstelle als REST API" | "Standardisierte Schnittstelle zum Datenaustausch" | Protokoll irrelevant für Fachabteilung |
| "Frontend mit Angular" | "Benutzerfreundliche Web-Oberfläche" | Framework irrelevant für Zielgruppe |
| "Einsatz von Azure Functions" | "Skalierbare serverlose Verarbeitung" | Cloud-Provider irrelevant für Business-Ziele |
2.4 Best Practices für das Soll-Konzept
DO: - ✅ Fokus auf Business-Wert und geschäftlichen Nutzen - ✅ Verständliche Sprache ohne technisches Jargon - ✅ Visuelle Darstellungen (Diagramme, Grafiken) - ✅ Klare Priorisierung der Anforderungen - ✅ Validierung mit Fachbereich und Management
DON'T: - ❌ Technologie-Entscheidungen vornehmen - ❌ Implementierungsdetails beschreiben - ❌ Spezielle Protokolle oder Standards nennen (außer Compliance-relevant) - ❌ Kosten für spezifische Technologien kalkulieren - ❌ Zu detailliert auf System-Architektur eingehen
3. Lösungskonzept (Umsetzungskonzept)
3.1 Definition und Charakteristika
Das Lösungskonzept (auch Umsetzungskonzept oder technisches Konzept genannt) ist der detaillierte technische Bauplan. Es ist technologiefixiert (Hardware, Software-Stacks, Protokolle) und dient als Arbeitsgrundlage für Entwickler und den Betrieb.
Kerneigenschaften:
| Eigenschaft | Beschreibung | Beispiel |
|---|---|---|
| Technologiefixiert | Konkrete Technologien, Frameworks, Tools | "Java 17, Spring Boot 3.x, PostgreSQL 15" |
| Technisch orientiert | Fokus auf Machbarkeit und technische Qualität | "Microservice-Architektur mit API Gateway" |
| Abstraktionsebene niedrig | Detaillierte technische Spezifikationen | "REST API mit JWT-Authentifizierung" |
| Zielgruppe: IT | Primär für Entwickler, Architekten, Ops | Software-Entwickler, DevOps-Engineer |
| Implementierungsdetails | Konkrete Implementierungshinweise | Datenbank-Schemas, API-Dokumentation, Deployment-Strategien |
3.2 Struktur eines Lösungskonzepts
Ein Lösungskonzept sollte folgende Struktur aufweisen:
3.2.1 Architektur-Überblick
Gesamtsicht auf die technische Lösung: - High-Level-Architektur (Schichten, Komponenten) - Technologiestack-Framework - Entscheidungen und Alternativen (Trade-offs)
3.2.2 Komponenten-Architektur
Detaillierte Beschreibung der Komponenten: - Services und deren Verantwortlichkeiten - Schnittstellen zwischen Komponenten - Datenflüsse und Interaktionen
3.2.3 Datenarchitektur
Spezifikation der Datenhaltung: - Datenbank-Design (Schemas, Tabellen, Beziehungen) - Datenmodelle und Datentypen - Replikations- und Backup-Strategien - Migrations-Konzepte
3.2.4 Sicherheitsarchitektur
Sicherheitskonzept für die Lösung: - Authentifizierung und Autorisierung - Verschlüsselung (In Transit, At Rest) - Sicherheitsmechanismen und Protokolle - Compliance-Einhaltung (DSGVO, ISO 27001)
3.2.5 Integrationsarchitektur
Einbindung in bestehende Systeme: - Schnittstellen zu Drittsystemen - Integrationstechnologien (ESB, API Gateway) - Datenaustauschformate und -protokolle - Test- und Abnahme-Kriterien für Integrationen
3.2.6 Operations-Architektur
Konzept für den operativen Betrieb: - Deployment-Strategie (CI/CD-Pipelines) - Infrastruktur (On-Premise, Cloud, Hybrid) - Monitoring und Alerting - Backup und Disaster Recovery - Kapazitätsplanung
3.3 Beispiele für technologiefixierte Formulierungen
| Kategorie | Konkrete Technologie | Begründung |
|---|---|---|
| Backend-Framework | Java 17 mit Spring Boot 3.2 | Bewährtes Enterprise-Framework, große Community |
| Datenbank | PostgreSQL 15 auf RDS | Open Source, ACID-konform, hohe Verfügbarkeit |
| Frontend-Framework | React 18 mit TypeScript | Modern, TypeScript für Typsicherheit |
| API-Stil | REST mit OpenAPI 3.0 | Standardisiert, gute Tool-Unterstützung |
| Authentifizierung | OAuth 2.0 mit JWT | Industriestandard, skalierbar |
| Containerisierung | Docker + Kubernetes | Portabilität, Skalierbarkeit |
| Monitoring | Prometheus + Grafana | Cloud-native, flexible Dashboards |
| Deployment | GitHub Actions | CI/CD-Integration mit Git-Workflow |
3.4 Architektur-Entscheidungs-Dokument (ADR)
Für jede wesentliche Architektur-Entscheidung sollte ein Architecture Decision Record (ADR) erstellt werden:
Struktur eines ADR:
# ADR-001: Wahl von PostgreSQL als Datenbank
## Status
Accepted
## Kontext
Wir benötigen eine relationale Datenbank für die Speicherung der Kunden- und Transaktionsdaten.
## Entscheidung
Wir verwenden PostgreSQL 15 als primäre Datenbank.
## Begründung
- ACID-Compliance für Datenintegrität (kritisch für Finanztransaktionen)
- Umfassende Unterstützung für JSON/JSONB (Flexibilität für semistrukturierte Daten)
- Erweiterte Indizierungsoptionen (GiST, GIN) für komplexe Abfragen
- Active-Active-Replikation für Hochverfügbarkeit
- Open Source ohne Lizenzkosten
## Alternativen in Betracht
- **MySQL**: Ähnliche Vorteile, aber weniger erweiterte Indizierungsmöglichkeiten
- **Oracle**: Überqualifiziert, hohe Lizenzkosten
- **MongoDB**: Nicht relational, ACID-Einschränkungen
## Konsequenzen
- Positiv: Hohe Datenintegrität, umfangreiche Feature-Sets
- Positiv: Gute Community-Unterstützung und Dokumentation
- Negativ: PostgreSQL-spezifische Features (Portabilitätseinschränkung)
- Negativ: Erfordert Datenbank-Admin-Kenntnisse (vs. Managed-Service)
## Relevante Standards
- ISO/IEC 9075 (SQL Standard)
- DSGVO-Compliance (Datensicherheit, Backup-Strategien)
## Datum
2024-01-15
## Verantwortlich
Dr. Max Mustermann (Lead Architect)
4. Der Übergang vom Soll- zum Lösungskonzept
4.1 Prozess-Übersicht
Der Übergang vom Soll-Konzept zum Lösungskonzept ist ein kritischer Meilenstein im Projekt.
stateDiagram-v2
[*] --> SollKonzeptErstellung: Ausgangslage
SollKonzeptErstellung --> SollKonzeptValidierung: Konzept fertig
SollKonzeptValidierung --> SollKonzeptAnpassung: Feedback
SollKonzeptAnpassung --> SollKonzeptValidierung: Konzept überarbeitet
SollKonzeptValidierung --> Technologieanalyse: Konzept akzeptiert
Technologieanalyse --> Technologieauswahl: Machbarkeitsstudie
Technologieauswahl --> LoesungskonzeptErstellung: Technologie-Stack definiert
LoesungskonzeptErstellung --> LoesungskonzeptReview: Lösungskonzept fertig
LoesungskonzeptReview --> LoesungskonzeptAnpassung: Feedback
LoesungskonzeptAnpassung --> LoesungskonzeptReview: Konzept überarbeitet
LoesungskonzeptReview --> Projektplanung: Konzept akzeptiert
Projektplanung --> [*]
4.2 Checkliste für den Übergang
Bevor mit der Erstellung des Lösungskonzepts begonnen wird, muss das Soll-Konzept folgende Kriterien erfüllen:
Voraussetzungen:
- Fachliche Anforderungen sind vollständig und klar formuliert
- Nicht-funktionale Anforderungen sind spezifiziert
- Stakeholder haben das Soll-Konzept validiert und akzeptiert
- Randbedingungen und Constraints sind dokumentiert
- Business-Nutzen ist klar definiert
- Risiken sind identifiziert und bewertet
- Budget-Rahmen ist grob definiert
- Zeitliche Randbedingungen sind bekannt
4.3 Technologiewahl-Prozess
Die Auswahl der Technologien sollte systematisch und begründet erfolgen.
Kriterien für die Technologieauswahl:
| Kriterium | Gewicht | Beispiel-Bewertung |
|---|---|---|
| Machbarkeit | Hoch | Erfüllt die Technologie die funktionale Anforderungen? |
| Performance | Hoch | Liefert sie die geforderte Performance? |
| Sicherheit | Hoch | Erfüllt sie Sicherheits- und Compliance-Anforderungen? |
| Wartbarkeit | Mittel | Gibt es ausreichend Entwickler-Ressourcen? |
| Kosten | Mittel | Ist das Lizenzmodell wirtschaftlich? |
| Community & Support | Mittel | Gibt es aktive Community und professionellen Support? |
| Zukunftssicherheit | Mittel | Ist die Technologie zukunftsfähig? |
| Integration | Mittel | Lässt sie sich gut in bestehende Systeme integrieren? |
Scoring-Beispiel:
graph TD
A[Technologieauswahl] --> B[Kriterien-Definition]
B --> C[Gewichtung zuweisen]
C --> D[Alternativen identifizieren]
D --> E[Bewertung pro Kriterium]
E --> F[Score berechnen]
F --> G[Alternativen vergleichen]
G --> H[Entscheidung treffen]
H --> I[ADR erstellen]
Beispiel-Score-Matrix für Backend-Frameworks:
| Kriterium | Gewicht | Java/Spring | Python/Django | Node.js/Express | C#/.NET |
|---|---|---|---|---|---|
| Machbarkeit | 30% | 9 | 8 | 8 | 9 |
| Performance | 20% | 9 | 7 | 8 | 9 |
| Sicherheit | 15% | 9 | 7 | 6 | 9 |
| Wartbarkeit | 10% | 8 | 9 | 7 | 8 |
| Kosten | 10% | 10 | 10 | 10 | 8 |
| Community | 10% | 9 | 9 | 9 | 8 |
| Zukunftssicherheit | 5% | 9 | 8 | 8 | 9 |
| Gesamtscore | 100% | 8.9 | 8.1 | 7.6 | 8.6 |
Score-Berechnung: Σ(Gewicht × Score pro Kriterium)
4.4 Typische Fehler beim Übergang
| Fehler | Beschreibung | Konsequenz | Vermeidung |
|---|---|---|---|
| Verfrühte Technologieentscheidung | Technologie bereits im Soll-Konzept fixiert | Verlust von Innovation, zu enge Lösung | Technologieoffen halten |
| Technologie-First-Ansatz | Technologie vorfachlichen Anforderungen | "Building the wrong thing" | Fachliche Anforderungen prioritär |
| Fehlende Validierung | Keine Abstimmung mit Fachbereich | Fehlkonzepte spät erkannt | Regelmäßige Reviews |
| Over-Engineering | Zu komplexe technologische Lösungen | Hohe Kosten, schwierige Wartung | MVP-Ansatz, YAGNI-Prinzip |
| Ignorieren von Legacy | Keine Berücksichtigung bestehender Systeme | Integrationsprobleme | Systemanalyse vor Beginn |
5. Praktische Beispiele
5.1 Beispiel 1: Rechnungsverarbeitung
Soll-Konzept (Auszug):
"Das Ziel ist die Automatisierung der Rechnungsverarbeitung. Rechnungen sollen automatisch geprüft, validiert und zur Zahlung freigegeben werden. Die Bearbeitungszeit soll um mindestens 70% reduziert werden. Rechnungen über €50.000 erfordern eine zweistufige Freigabe. Das System muss DSGVO-konform sein und in das bestehende ERP-System integrierbar."
Lösungskonzept (Auszug):
"Als Backend wird Java 17 mit Spring Boot 3.2 verwendet. Die Datenhaltung erfolgt in PostgreSQL 15 mit pgcrypto für Verschlüsselung sensibler Daten. Die OCR-Extraktion erfolgt mit Azure Computer Vision. Die Integration zum ERP-System erfolgt über SAP BAPI. Die Authentifizierung basiert auf OAuth 2.0 mit Keycloak. Das System wird als Container-Anwendung in Kubernetes mit Helm Charts deployed. Monitoring erfolgt mit Prometheus und Grafana. Die Backup-Strategie basiert auf WAL-Archivierung mit täglichen Snapshots."
Vergleichstabelle:
| Aspekt | Soll-Konzept | Lösungskonzept |
|---|---|---|
| Ziel | Automatisierung der Rechnungsverarbeitung | - |
| Technologie | Nicht spezifiziert | Java 17, Spring Boot 3.2 |
| Datenbank | Nicht spezifiziert | PostgreSQL 15 |
| Integration | In ERP-System | SAP BAPI |
| Sicherheit | DSGVO-konform | OAuth 2.0, Keycloak, pgcrypto |
| Deployment | Nicht spezifiziert | Kubernetes, Helm |
| Monitoring | Nicht spezifiziert | Prometheus, Grafana |
5.2 Beispiel 2: Kundenportal
Soll-Konzept:
"Ein Web-Portal für Kunden zur Verwaltung ihrer Aufträge und Abos. Kunden können Aufträge einreichen, Status abfragen, Rechnungen herunterladen und Support-Tickets erstellen. Das Portal soll in Deutsch und Englisch verfügbar sein und auf Desktop und Tablet nutzbar sein."
Lösungskonzept:
"Frontend: React 18 mit TypeScript und Material-UI. Backend: Node.js 18 mit Express.js und TypeScript. Datenbank: MongoDB mit Sharding für Skalierbarkeit. API: REST mit OpenAPI 3.0. Authentifizierung: OpenID Connect mit Auth0. Hosting: Azure App Service mit CDN. Internationionalisierung: i18next mit React-Intl. Testing: Jest + Cypress. CI/CD: GitHub Actions."
6. Zusammenfassung und Praxis-Checklisten
6.1 Kernpunkte dieses Kapitels
- Soll-Konzept ist technologieoffen, fachlich orientiert, Zielgruppe: Business
- Lösungskonzept ist technologiefixiert, technisch orientiert, Zielgruppe: IT
- Reihenfolge ist entscheidend: Erst Soll, dann Lösung
- Begriffliche Schärfe vermeidet Missverständnisse und Fehlentscheidungen
- Validierung ist essenziell vor Technologieentscheidungen
6.2 Checkliste: Soll-Konzept vollständig?
- Zielsetzung und Business-Nutzen klar definiert
- Ausgangslage und Ist-Analyse dokumentiert
- Stakeholder identifiziert und analysiert
- Funktionale Anforderungen vollständig
- Nicht-funktionale Anforderungen spezifiziert
- Prozess-Darstellungen erstellt (BPMN, Swimlanes)
- Organisatorische Aspekte berücksichtigt
- Technologieoffene Formulierungen verwendet
- Verständlich für Fachbereich und Management
- Von Fachbereich und Management validiert
6.3 Checkliste: Lösungskonzept vollständig?
- Soll-Konzept als Basis verwendet
- Technologiewahl begründet (ADRs erstellt)
- Architektur-Überblick vorhanden
- Komponenten-Architektur detailliert
- Datenarchitektur spezifiziert
- Sicherheitsarchitektur definiert
- Integrationsarchitektur dokumentiert
- Operations-Architektur beschrieben
- Von Architektur-Board reviewt
- Implementierungstauglich und vollständig
Schlüsselbegriffe
| Begriff | Definition |
|---|---|
| Soll-Konzept | Fachkonzept, technologieoffene Beschreibung des Zielzustands aus fachlicher Sicht |
| Lösungskonzept | Umsetzungskonzept, technologiefixierter technischer Bauplan für die Implementierung |
| Technologieoffen | Keine Festlegung auf spezifische Technologien, Fokus auf funktionale Anforderungen |
| Technologiefixiert | Konkrete Festlegung auf Technologien, Frameworks und Tools |
| ADR | Architecture Decision Record, Dokumentation wichtiger Architektur-Entscheidungen |
| Trade-off | Abwägung zwischen verschiedenen Optionen mit Vor- und Nachteilen |
| Over-Engineering | Übermäßige technische Komplexität, die über die Anforderungen hinausgeht |
| MVP | Minimal Viable Product, minimale produktfähige Version mit den wichtigsten Funktionen |
| YAGNI | You Aren't Gonna Need It, Prinzip der Vermeidung unnötiger Funktionalität |
Verständnisfragen
Frage 1: Soll-Konzept vs. Lösungskonzept
Ein Kunde fordert in einem Meeting ein Konzept für ein neues HR-Portal. Im Entwurf werden bereits Technologien wie "React mit Material-UI" und "Node.js mit Express" genannt, die Funktionalitäten aber nur vage beschrieben. Erklären Sie dem Kunden, warum dies problematisch ist und wie Sie das Konzept überarbeiten würden.
Lösung: Dieses Konzept vermischt Soll- und Lösungskonzept. Es ist problematisch, weil: 1. Die Technologien vor der klaren Definition der fachlichen Anforderungen festgelegt werden 2. Der Fokus auf technische Details die fachliche Diskussion behindert 3. Innovative Alternativen von Anfang an ausgeschlossen werden 4. Management und HR-Abteilung (die eigentliche Zielgruppe) durch technische Details verwirrt werden
Überarbeitungsvorschlag: 1. Soll-Konzept erstellen: Fokus auf fachliche Anforderungen ("Mitarbeiter können Urlaub beantragen", "Abteilungsleiter genehmigen", "Integration zu Zeiterfassungssystem") 2. Technologieoffen bleiben: "Web-basiertes Portal mit modernem UI" statt "React mit Material-UI" 3. Validierung: Mit HR-Abteilung und Management die Anforderungen prüfen 4. Erst danach Lösungskonzept: Nach akzeptiertem Soll-Konzept die Technologieauswahl begründet treffen
Begründung: "Wir müssen zuerst verstehen, WAS Sie benötigen, bevor wir entscheiden, WIE wir es technisch umsetzen."
Frage 2: Technologiefixierung
Sie erstellen ein Lösungskonzept für ein E-Commerce-System. In einer Übersicht sind verschiedene Technologien ohne Begründung aufgelistet: Datenbank: Oracle, Backend: Java, Frontend: Angular. Was fehlt und warum ist dies für die Qualität des Lösungskonzepts kritisch?
Lösung: Es fehlen die Begründungen für die Technologieentscheidungen. Dies ist kritisch, weil: 1. Nachvollziehbarkeit: Ohne Begründung können Stakeholder die Entscheidungen nicht verstehen und akzeptieren 2. Alternativen: Es ist unklar, ob Alternativen geprüft wurden und warum diese verworfen wurden 3. Lernen: Zukünftige Projekte können nicht von den Erfahrungen profitieren 4. Review: Architektur-Reviews sind ohne Begründung ineffektiv
Verbesserungsvorschlag: - Für jede Technologie einen Architecture Decision Record (ADR) erstellen mit: - Kontext (Anforderung, Problem) - Entscheidung (gewählte Technologie) - Begründung (Warum diese Technologie?) - Alternativen in Betracht (Warum nicht diese?) - Konsequenzen (Auswirkungen auf das Projekt)
Beispiel: "Wir wählen Oracle als Datenbank, weil die hochverfügbare Konfiguration (RAC) erforderlich ist und das Unternehmen bereits Oracle-Lizenzen besitzt. Alternativen (PostgreSQL, MySQL) wurden geprüft, aber wegen fehlender Support-Optionen für Mission-Critical-Systeme verworfen."
Frage 3: Übergang Soll- zu Lösungskonzept
Ein Kunde hat ein Soll-Konzept für ein neues ERP-System erstellt und fordert, dass Sie sofort mit dem Lösungskonzept beginnen. Das Soll-Konzept ist noch nicht vom Fachbereich validiert, und einige funktionale Anforderungen sind unklar. Wie reagieren Sie als professioneller Berater?
Lösung: Als professioneller Berater sollten Sie den Start des Lösungskonzepts mit gut begründeten Argumenten verzögern. Reaktion:
1. Problemdarstellung: - Das Lösungskonzept baut auf einem stabilen Soll-Konzept auf Ohne validiertes Soll-Konzept besteht das Risiko, das Falsche zu implementieren - Fehlende funktionale Anforderungen führen zu falschen Technologieentscheidungen
2. Empfohlene Vorgehensweise: - Zuerst Soll-Konzept validieren: Review mit Fachbereich, offene Fragen klären - Anforderungen vervollständigen: Fehlende funktionale und nicht-funktionale Anforderungen ergänzen - Dann erst Lösungskonzept: Basierend auf stabilem, validiertem Soll-Konzept
3. Begründung mit Business-Argumenten: - Kostenvermeidung: "Vermeidung von Nacharbeiten spart Zeit und Geld" - Risikominimierung: "Fundierte Entscheidungen reduzieren Projektrisiken" - Qualitätssicherung: "Validiertes Konzept garantiert, dass die Bedürfnisse erfüllt werden"
4. Konkreter Vorschlag: - Termin für Review-Meeting mit Fachbereich innerhalb einer Woche - Liste der offenen Fragen und Klärungsbedarfe - Zeitschätzung für Validierung (z.B. 2-3 Wochen) - Danach Beginn des Lösungskonzepts
Diese professionelle Herangehensweise zeigt Kompetenz, Verantwortungsbewusstsein und schützt das Projekt vor teuren Fehlentscheidungen.