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02. Soll-Konzept vs. Lösungskonzept

Lernziele

Nach diesem Kapitel können Sie: - Die begriffliche Schärfe zwischen Soll-Konzept und Lösungskonzept erklären - Den Unterschied zwischen technologieoffen und technologiefixiert unterscheiden - Die jeweilige Zielgruppe und Verwendung der Konzepte benennen - Typische Fehler bei der Konzepterstellung identifizieren und vermeiden

Lesezeit

ca. 15-20 Minuten

1. Einführung: Die Kunst der begrifflichen Schärfe

Die begriffliche Schärfe zwischen Soll-Konzept und Lösungskonzept ist ein Qualitätsmerkmal professioneller Beratung. In der Praxis werden diese Begriffe oft synonym verwendet, was zu Missverständnissen, Fehlentscheidungen und Projektrisiken führt.

Als IT-Berater ist es Ihre Aufgabe, diese Differenzierung methodisch sauber zu handhaben und sicherzustellen, dass die richtigen Konzepte zum richtigen Zeitpunkt erstellt werden und die richtigen Entscheidungsträger erreichen.

1.1 Warum diese Unterscheidung wichtig ist

flowchart TD
    A[Präzise Begriffsverwendung] --> B[Klare Kommunikation]
    A --> C[Richtige Entscheidungen]
    A --> D[Vermeidung von Projektrisiken]

    B --> E[Vertrauen der Stakeholder]
    C --> F[Fundierte Investitionsentscheidungen]
    D --> G[Vermeidung von technischen Sackgassen]

    E --> H[Erfolgreiche Projekte]
    F --> H
    G --> H

Typische Probleme bei mangelnder Unterscheidung:

  • Vorzeitige Technologieentscheidungen: Das Management entscheidet über eine Technologie, die fachlich nicht geeignet ist
  • Technische Details in Management-Berichten: C-Level-Entscheider werden mit technischen Details verwirrt
  • Kosten für das Falsche budgetiert: Es wird Budget für eine spezifische Technologie genehmigt, obwohl die fachlichen Anforderungen noch nicht geklärt sind
  • Loss of Innovation: Durch zu frühe Technologie-Fixierung werden innovative Lösungen ausgeschlossen

2. Soll-Konzept (Fachkonzept)

2.1 Definition und Charakteristika

Das Soll-Konzept (auch Fachkonzept genannt) beschreibt den gewünschten Zielzustand aus fachlicher Sicht. Es ist technologieoffen und dient als Vision für Management und Fachbereiche.

Kerneigenschaften:

Eigenschaft Beschreibung Beispiel
Technologieoffen Keine Festlegung auf spezifische Technologien "Automatisierung der Rechnungsverarbeitung" (nicht "mit SAP" oder "mit Azure Functions")
Fachlich orientiert Fokus auf Business-Wert und Prozesse "Reduktion der Bearbeitungszeit um 50%"
Abstraktionsebene hoch Verständlich für Fachbereich und Management "Schnittstelle zum ERP-System" (nicht "REST API mit OAuth 2.0")
Zielgruppe: Business Primär für Fachbereich und Entscheidungsträger CFO, Prozessverantwortliche
Keine Implementierungsdetails Verzicht auf technische Spezifikationen Keine Datenbank-Schemas, keine API-Dokumentation

2.2 Struktur eines Soll-Konzepts

Ein Soll-Konzept sollte folgende Struktur aufweisen:

2.2.1 Management Summary

Ein prägnanter Überblick für Entscheidungsträger (max. 2 Seiten): - Ausgangslage und Motivation - Zusammenfassung des Lösungsvorschlags - Erwarteter Business-Nutzen - Geschätzter Ressourcenbedarf

2.2.2 Ausgangslage und Ist-Analyse

Beschreibung des aktuellen Zustands: - Aktuelle Prozesse und Abläufe - Vorhandene IT-Systeme und deren Integration - Identifizierte Schwachstellen und Verbesserungspotentiale - Stakeholder-Analyse

2.2.3 Zielszenario

Beschreibung des gewünschten Zielzustands: - Strategische Ziele (Alignment mit Unternehmensstrategie) - Prozess-Ziele (Optimierung, Automatisierung, Standardisierung) - Qualitätsziele (Genauigkeit, Geschwindigkeit, Compliance) - Zielgruppennutzen (für alle Stakeholder)

2.2.4 Anforderungskatalog

Systematische Erfassung der Anforderungen:

Kategorie Beschreibung Beispiel
Funktionale Anforderungen Was muss das System können? "Rechnungen automatisch prüfen", "Freigabe-Workflows"
Nicht-funktionale Anforderungen Qualitätsmerkmale "Verfügbarkeit 99.9%", "Verarbeitung < 2 Sekunden"
Randbedingungen Rahmenbedingungen "DSGVO-konform", "Integration zu SAP S/4HANA"
Business-Regeln Geschäftsregeln "Rechnungen > €50k erfordern zweistufige Freigabe"

2.2.5 Prozessdarstellung

Visualisierung der Zielprozesse: - BPMN-Diagramme für die Prozesse - Swimlane-Diagramme für Verantwortlichkeiten - Use-Case-Diagramme für Funktionen

2.2.6 organisatorische Aspekte

Einbindung der Organisation: - Zuordnung von Rollen und Verantwortlichkeiten - Schulungsbedarf und Change Management - Auswirkungen auf bestehende Strukturen

2.3 Beispiele für technologieoffene Formulierungen

Negativ (technologiefixiert) Positiv (technologieoffen) Begründung
"Implementierung mit Java Spring Boot" "Plattformunabhängige Business-Logik" Keine vorzeitige Technologie-Fixierung
"Datenbank auf Microsoft SQL Server" "Zentrale Datenhaltung mit konsistenten Datenmodell" Datenbank-Typ irrelevant für Fachkonzept
"Schnittstelle als REST API" "Standardisierte Schnittstelle zum Datenaustausch" Protokoll irrelevant für Fachabteilung
"Frontend mit Angular" "Benutzerfreundliche Web-Oberfläche" Framework irrelevant für Zielgruppe
"Einsatz von Azure Functions" "Skalierbare serverlose Verarbeitung" Cloud-Provider irrelevant für Business-Ziele

2.4 Best Practices für das Soll-Konzept

DO: - ✅ Fokus auf Business-Wert und geschäftlichen Nutzen - ✅ Verständliche Sprache ohne technisches Jargon - ✅ Visuelle Darstellungen (Diagramme, Grafiken) - ✅ Klare Priorisierung der Anforderungen - ✅ Validierung mit Fachbereich und Management

DON'T: - ❌ Technologie-Entscheidungen vornehmen - ❌ Implementierungsdetails beschreiben - ❌ Spezielle Protokolle oder Standards nennen (außer Compliance-relevant) - ❌ Kosten für spezifische Technologien kalkulieren - ❌ Zu detailliert auf System-Architektur eingehen

3. Lösungskonzept (Umsetzungskonzept)

3.1 Definition und Charakteristika

Das Lösungskonzept (auch Umsetzungskonzept oder technisches Konzept genannt) ist der detaillierte technische Bauplan. Es ist technologiefixiert (Hardware, Software-Stacks, Protokolle) und dient als Arbeitsgrundlage für Entwickler und den Betrieb.

Kerneigenschaften:

Eigenschaft Beschreibung Beispiel
Technologiefixiert Konkrete Technologien, Frameworks, Tools "Java 17, Spring Boot 3.x, PostgreSQL 15"
Technisch orientiert Fokus auf Machbarkeit und technische Qualität "Microservice-Architektur mit API Gateway"
Abstraktionsebene niedrig Detaillierte technische Spezifikationen "REST API mit JWT-Authentifizierung"
Zielgruppe: IT Primär für Entwickler, Architekten, Ops Software-Entwickler, DevOps-Engineer
Implementierungsdetails Konkrete Implementierungshinweise Datenbank-Schemas, API-Dokumentation, Deployment-Strategien

3.2 Struktur eines Lösungskonzepts

Ein Lösungskonzept sollte folgende Struktur aufweisen:

3.2.1 Architektur-Überblick

Gesamtsicht auf die technische Lösung: - High-Level-Architektur (Schichten, Komponenten) - Technologiestack-Framework - Entscheidungen und Alternativen (Trade-offs)

3.2.2 Komponenten-Architektur

Detaillierte Beschreibung der Komponenten: - Services und deren Verantwortlichkeiten - Schnittstellen zwischen Komponenten - Datenflüsse und Interaktionen

3.2.3 Datenarchitektur

Spezifikation der Datenhaltung: - Datenbank-Design (Schemas, Tabellen, Beziehungen) - Datenmodelle und Datentypen - Replikations- und Backup-Strategien - Migrations-Konzepte

3.2.4 Sicherheitsarchitektur

Sicherheitskonzept für die Lösung: - Authentifizierung und Autorisierung - Verschlüsselung (In Transit, At Rest) - Sicherheitsmechanismen und Protokolle - Compliance-Einhaltung (DSGVO, ISO 27001)

3.2.5 Integrationsarchitektur

Einbindung in bestehende Systeme: - Schnittstellen zu Drittsystemen - Integrationstechnologien (ESB, API Gateway) - Datenaustauschformate und -protokolle - Test- und Abnahme-Kriterien für Integrationen

3.2.6 Operations-Architektur

Konzept für den operativen Betrieb: - Deployment-Strategie (CI/CD-Pipelines) - Infrastruktur (On-Premise, Cloud, Hybrid) - Monitoring und Alerting - Backup und Disaster Recovery - Kapazitätsplanung

3.3 Beispiele für technologiefixierte Formulierungen

Kategorie Konkrete Technologie Begründung
Backend-Framework Java 17 mit Spring Boot 3.2 Bewährtes Enterprise-Framework, große Community
Datenbank PostgreSQL 15 auf RDS Open Source, ACID-konform, hohe Verfügbarkeit
Frontend-Framework React 18 mit TypeScript Modern, TypeScript für Typsicherheit
API-Stil REST mit OpenAPI 3.0 Standardisiert, gute Tool-Unterstützung
Authentifizierung OAuth 2.0 mit JWT Industriestandard, skalierbar
Containerisierung Docker + Kubernetes Portabilität, Skalierbarkeit
Monitoring Prometheus + Grafana Cloud-native, flexible Dashboards
Deployment GitHub Actions CI/CD-Integration mit Git-Workflow

3.4 Architektur-Entscheidungs-Dokument (ADR)

Für jede wesentliche Architektur-Entscheidung sollte ein Architecture Decision Record (ADR) erstellt werden:

Struktur eines ADR:

# ADR-001: Wahl von PostgreSQL als Datenbank

## Status
Accepted

## Kontext
Wir benötigen eine relationale Datenbank für die Speicherung der Kunden- und Transaktionsdaten.

## Entscheidung
Wir verwenden PostgreSQL 15 als primäre Datenbank.

## Begründung
- ACID-Compliance für Datenintegrität (kritisch für Finanztransaktionen)
- Umfassende Unterstützung für JSON/JSONB (Flexibilität für semistrukturierte Daten)
- Erweiterte Indizierungsoptionen (GiST, GIN) für komplexe Abfragen
- Active-Active-Replikation für Hochverfügbarkeit
- Open Source ohne Lizenzkosten

## Alternativen in Betracht
- **MySQL**: Ähnliche Vorteile, aber weniger erweiterte Indizierungsmöglichkeiten
- **Oracle**: Überqualifiziert, hohe Lizenzkosten
- **MongoDB**: Nicht relational, ACID-Einschränkungen

## Konsequenzen
- Positiv: Hohe Datenintegrität, umfangreiche Feature-Sets
- Positiv: Gute Community-Unterstützung und Dokumentation
- Negativ: PostgreSQL-spezifische Features (Portabilitätseinschränkung)
- Negativ: Erfordert Datenbank-Admin-Kenntnisse (vs. Managed-Service)

## Relevante Standards
- ISO/IEC 9075 (SQL Standard)
- DSGVO-Compliance (Datensicherheit, Backup-Strategien)

## Datum
2024-01-15

## Verantwortlich
Dr. Max Mustermann (Lead Architect)

4. Der Übergang vom Soll- zum Lösungskonzept

4.1 Prozess-Übersicht

Der Übergang vom Soll-Konzept zum Lösungskonzept ist ein kritischer Meilenstein im Projekt.

stateDiagram-v2
    [*] --> SollKonzeptErstellung: Ausgangslage
    SollKonzeptErstellung --> SollKonzeptValidierung: Konzept fertig

    SollKonzeptValidierung --> SollKonzeptAnpassung: Feedback
    SollKonzeptAnpassung --> SollKonzeptValidierung: Konzept überarbeitet

    SollKonzeptValidierung --> Technologieanalyse: Konzept akzeptiert

    Technologieanalyse --> Technologieauswahl: Machbarkeitsstudie
    Technologieauswahl --> LoesungskonzeptErstellung: Technologie-Stack definiert

    LoesungskonzeptErstellung --> LoesungskonzeptReview: Lösungskonzept fertig

    LoesungskonzeptReview --> LoesungskonzeptAnpassung: Feedback
    LoesungskonzeptAnpassung --> LoesungskonzeptReview: Konzept überarbeitet

    LoesungskonzeptReview --> Projektplanung: Konzept akzeptiert
    Projektplanung --> [*]

4.2 Checkliste für den Übergang

Bevor mit der Erstellung des Lösungskonzepts begonnen wird, muss das Soll-Konzept folgende Kriterien erfüllen:

Voraussetzungen:

  • Fachliche Anforderungen sind vollständig und klar formuliert
  • Nicht-funktionale Anforderungen sind spezifiziert
  • Stakeholder haben das Soll-Konzept validiert und akzeptiert
  • Randbedingungen und Constraints sind dokumentiert
  • Business-Nutzen ist klar definiert
  • Risiken sind identifiziert und bewertet
  • Budget-Rahmen ist grob definiert
  • Zeitliche Randbedingungen sind bekannt

4.3 Technologiewahl-Prozess

Die Auswahl der Technologien sollte systematisch und begründet erfolgen.

Kriterien für die Technologieauswahl:

Kriterium Gewicht Beispiel-Bewertung
Machbarkeit Hoch Erfüllt die Technologie die funktionale Anforderungen?
Performance Hoch Liefert sie die geforderte Performance?
Sicherheit Hoch Erfüllt sie Sicherheits- und Compliance-Anforderungen?
Wartbarkeit Mittel Gibt es ausreichend Entwickler-Ressourcen?
Kosten Mittel Ist das Lizenzmodell wirtschaftlich?
Community & Support Mittel Gibt es aktive Community und professionellen Support?
Zukunftssicherheit Mittel Ist die Technologie zukunftsfähig?
Integration Mittel Lässt sie sich gut in bestehende Systeme integrieren?

Scoring-Beispiel:

graph TD
    A[Technologieauswahl] --> B[Kriterien-Definition]
    B --> C[Gewichtung zuweisen]
    C --> D[Alternativen identifizieren]
    D --> E[Bewertung pro Kriterium]
    E --> F[Score berechnen]
    F --> G[Alternativen vergleichen]
    G --> H[Entscheidung treffen]
    H --> I[ADR erstellen]

Beispiel-Score-Matrix für Backend-Frameworks:

Kriterium Gewicht Java/Spring Python/Django Node.js/Express C#/.NET
Machbarkeit 30% 9 8 8 9
Performance 20% 9 7 8 9
Sicherheit 15% 9 7 6 9
Wartbarkeit 10% 8 9 7 8
Kosten 10% 10 10 10 8
Community 10% 9 9 9 8
Zukunftssicherheit 5% 9 8 8 9
Gesamtscore 100% 8.9 8.1 7.6 8.6

Score-Berechnung: Σ(Gewicht × Score pro Kriterium)

4.4 Typische Fehler beim Übergang

Fehler Beschreibung Konsequenz Vermeidung
Verfrühte Technologieentscheidung Technologie bereits im Soll-Konzept fixiert Verlust von Innovation, zu enge Lösung Technologieoffen halten
Technologie-First-Ansatz Technologie vorfachlichen Anforderungen "Building the wrong thing" Fachliche Anforderungen prioritär
Fehlende Validierung Keine Abstimmung mit Fachbereich Fehlkonzepte spät erkannt Regelmäßige Reviews
Over-Engineering Zu komplexe technologische Lösungen Hohe Kosten, schwierige Wartung MVP-Ansatz, YAGNI-Prinzip
Ignorieren von Legacy Keine Berücksichtigung bestehender Systeme Integrationsprobleme Systemanalyse vor Beginn

5. Praktische Beispiele

5.1 Beispiel 1: Rechnungsverarbeitung

Soll-Konzept (Auszug):

"Das Ziel ist die Automatisierung der Rechnungsverarbeitung. Rechnungen sollen automatisch geprüft, validiert und zur Zahlung freigegeben werden. Die Bearbeitungszeit soll um mindestens 70% reduziert werden. Rechnungen über €50.000 erfordern eine zweistufige Freigabe. Das System muss DSGVO-konform sein und in das bestehende ERP-System integrierbar."

Lösungskonzept (Auszug):

"Als Backend wird Java 17 mit Spring Boot 3.2 verwendet. Die Datenhaltung erfolgt in PostgreSQL 15 mit pgcrypto für Verschlüsselung sensibler Daten. Die OCR-Extraktion erfolgt mit Azure Computer Vision. Die Integration zum ERP-System erfolgt über SAP BAPI. Die Authentifizierung basiert auf OAuth 2.0 mit Keycloak. Das System wird als Container-Anwendung in Kubernetes mit Helm Charts deployed. Monitoring erfolgt mit Prometheus und Grafana. Die Backup-Strategie basiert auf WAL-Archivierung mit täglichen Snapshots."

Vergleichstabelle:

Aspekt Soll-Konzept Lösungskonzept
Ziel Automatisierung der Rechnungsverarbeitung -
Technologie Nicht spezifiziert Java 17, Spring Boot 3.2
Datenbank Nicht spezifiziert PostgreSQL 15
Integration In ERP-System SAP BAPI
Sicherheit DSGVO-konform OAuth 2.0, Keycloak, pgcrypto
Deployment Nicht spezifiziert Kubernetes, Helm
Monitoring Nicht spezifiziert Prometheus, Grafana

5.2 Beispiel 2: Kundenportal

Soll-Konzept:

"Ein Web-Portal für Kunden zur Verwaltung ihrer Aufträge und Abos. Kunden können Aufträge einreichen, Status abfragen, Rechnungen herunterladen und Support-Tickets erstellen. Das Portal soll in Deutsch und Englisch verfügbar sein und auf Desktop und Tablet nutzbar sein."

Lösungskonzept:

"Frontend: React 18 mit TypeScript und Material-UI. Backend: Node.js 18 mit Express.js und TypeScript. Datenbank: MongoDB mit Sharding für Skalierbarkeit. API: REST mit OpenAPI 3.0. Authentifizierung: OpenID Connect mit Auth0. Hosting: Azure App Service mit CDN. Internationionalisierung: i18next mit React-Intl. Testing: Jest + Cypress. CI/CD: GitHub Actions."

6. Zusammenfassung und Praxis-Checklisten

6.1 Kernpunkte dieses Kapitels

  1. Soll-Konzept ist technologieoffen, fachlich orientiert, Zielgruppe: Business
  2. Lösungskonzept ist technologiefixiert, technisch orientiert, Zielgruppe: IT
  3. Reihenfolge ist entscheidend: Erst Soll, dann Lösung
  4. Begriffliche Schärfe vermeidet Missverständnisse und Fehlentscheidungen
  5. Validierung ist essenziell vor Technologieentscheidungen

6.2 Checkliste: Soll-Konzept vollständig?

  • Zielsetzung und Business-Nutzen klar definiert
  • Ausgangslage und Ist-Analyse dokumentiert
  • Stakeholder identifiziert und analysiert
  • Funktionale Anforderungen vollständig
  • Nicht-funktionale Anforderungen spezifiziert
  • Prozess-Darstellungen erstellt (BPMN, Swimlanes)
  • Organisatorische Aspekte berücksichtigt
  • Technologieoffene Formulierungen verwendet
  • Verständlich für Fachbereich und Management
  • Von Fachbereich und Management validiert

6.3 Checkliste: Lösungskonzept vollständig?

  • Soll-Konzept als Basis verwendet
  • Technologiewahl begründet (ADRs erstellt)
  • Architektur-Überblick vorhanden
  • Komponenten-Architektur detailliert
  • Datenarchitektur spezifiziert
  • Sicherheitsarchitektur definiert
  • Integrationsarchitektur dokumentiert
  • Operations-Architektur beschrieben
  • Von Architektur-Board reviewt
  • Implementierungstauglich und vollständig

Schlüsselbegriffe

Begriff Definition
Soll-Konzept Fachkonzept, technologieoffene Beschreibung des Zielzustands aus fachlicher Sicht
Lösungskonzept Umsetzungskonzept, technologiefixierter technischer Bauplan für die Implementierung
Technologieoffen Keine Festlegung auf spezifische Technologien, Fokus auf funktionale Anforderungen
Technologiefixiert Konkrete Festlegung auf Technologien, Frameworks und Tools
ADR Architecture Decision Record, Dokumentation wichtiger Architektur-Entscheidungen
Trade-off Abwägung zwischen verschiedenen Optionen mit Vor- und Nachteilen
Over-Engineering Übermäßige technische Komplexität, die über die Anforderungen hinausgeht
MVP Minimal Viable Product, minimale produktfähige Version mit den wichtigsten Funktionen
YAGNI You Aren't Gonna Need It, Prinzip der Vermeidung unnötiger Funktionalität

Verständnisfragen

Frage 1: Soll-Konzept vs. Lösungskonzept

Ein Kunde fordert in einem Meeting ein Konzept für ein neues HR-Portal. Im Entwurf werden bereits Technologien wie "React mit Material-UI" und "Node.js mit Express" genannt, die Funktionalitäten aber nur vage beschrieben. Erklären Sie dem Kunden, warum dies problematisch ist und wie Sie das Konzept überarbeiten würden.

Lösung: Dieses Konzept vermischt Soll- und Lösungskonzept. Es ist problematisch, weil: 1. Die Technologien vor der klaren Definition der fachlichen Anforderungen festgelegt werden 2. Der Fokus auf technische Details die fachliche Diskussion behindert 3. Innovative Alternativen von Anfang an ausgeschlossen werden 4. Management und HR-Abteilung (die eigentliche Zielgruppe) durch technische Details verwirrt werden

Überarbeitungsvorschlag: 1. Soll-Konzept erstellen: Fokus auf fachliche Anforderungen ("Mitarbeiter können Urlaub beantragen", "Abteilungsleiter genehmigen", "Integration zu Zeiterfassungssystem") 2. Technologieoffen bleiben: "Web-basiertes Portal mit modernem UI" statt "React mit Material-UI" 3. Validierung: Mit HR-Abteilung und Management die Anforderungen prüfen 4. Erst danach Lösungskonzept: Nach akzeptiertem Soll-Konzept die Technologieauswahl begründet treffen

Begründung: "Wir müssen zuerst verstehen, WAS Sie benötigen, bevor wir entscheiden, WIE wir es technisch umsetzen."

Frage 2: Technologiefixierung

Sie erstellen ein Lösungskonzept für ein E-Commerce-System. In einer Übersicht sind verschiedene Technologien ohne Begründung aufgelistet: Datenbank: Oracle, Backend: Java, Frontend: Angular. Was fehlt und warum ist dies für die Qualität des Lösungskonzepts kritisch?

Lösung: Es fehlen die Begründungen für die Technologieentscheidungen. Dies ist kritisch, weil: 1. Nachvollziehbarkeit: Ohne Begründung können Stakeholder die Entscheidungen nicht verstehen und akzeptieren 2. Alternativen: Es ist unklar, ob Alternativen geprüft wurden und warum diese verworfen wurden 3. Lernen: Zukünftige Projekte können nicht von den Erfahrungen profitieren 4. Review: Architektur-Reviews sind ohne Begründung ineffektiv

Verbesserungsvorschlag: - Für jede Technologie einen Architecture Decision Record (ADR) erstellen mit: - Kontext (Anforderung, Problem) - Entscheidung (gewählte Technologie) - Begründung (Warum diese Technologie?) - Alternativen in Betracht (Warum nicht diese?) - Konsequenzen (Auswirkungen auf das Projekt)

Beispiel: "Wir wählen Oracle als Datenbank, weil die hochverfügbare Konfiguration (RAC) erforderlich ist und das Unternehmen bereits Oracle-Lizenzen besitzt. Alternativen (PostgreSQL, MySQL) wurden geprüft, aber wegen fehlender Support-Optionen für Mission-Critical-Systeme verworfen."

Frage 3: Übergang Soll- zu Lösungskonzept

Ein Kunde hat ein Soll-Konzept für ein neues ERP-System erstellt und fordert, dass Sie sofort mit dem Lösungskonzept beginnen. Das Soll-Konzept ist noch nicht vom Fachbereich validiert, und einige funktionale Anforderungen sind unklar. Wie reagieren Sie als professioneller Berater?

Lösung: Als professioneller Berater sollten Sie den Start des Lösungskonzepts mit gut begründeten Argumenten verzögern. Reaktion:

1. Problemdarstellung: - Das Lösungskonzept baut auf einem stabilen Soll-Konzept auf Ohne validiertes Soll-Konzept besteht das Risiko, das Falsche zu implementieren - Fehlende funktionale Anforderungen führen zu falschen Technologieentscheidungen

2. Empfohlene Vorgehensweise: - Zuerst Soll-Konzept validieren: Review mit Fachbereich, offene Fragen klären - Anforderungen vervollständigen: Fehlende funktionale und nicht-funktionale Anforderungen ergänzen - Dann erst Lösungskonzept: Basierend auf stabilem, validiertem Soll-Konzept

3. Begründung mit Business-Argumenten: - Kostenvermeidung: "Vermeidung von Nacharbeiten spart Zeit und Geld" - Risikominimierung: "Fundierte Entscheidungen reduzieren Projektrisiken" - Qualitätssicherung: "Validiertes Konzept garantiert, dass die Bedürfnisse erfüllt werden"

4. Konkreter Vorschlag: - Termin für Review-Meeting mit Fachbereich innerhalb einer Woche - Liste der offenen Fragen und Klärungsbedarfe - Zeitschätzung für Validierung (z.B. 2-3 Wochen) - Danach Beginn des Lösungskonzepts

Diese professionelle Herangehensweise zeigt Kompetenz, Verantwortungsbewusstsein und schützt das Projekt vor teuren Fehlentscheidungen.