01. Planungsgrundlagen
Lernziele
Nach diesem Kapitel können Sie: - Die Grundlagen der Projektplanung nach ISO 21500 und PMBOK erklären - Die Dualität der Planung (Produkt- vs. Projektplanung) unterscheiden - Die Bedeutung der Reihenfolge im Planungsprozess begründen - Typische Planungsfehler in IT-Projekten identifizieren und vermeiden
Lesezeit
ca. 15-20 Minuten
1. Einführung: Warum strategische Planung in IT-Projekten?
In der IT-Beratung ist die strategische Planung das Fundament für den Projekterfolg. Eine fundierte Planung nach internationalen Standards wie ISO 21500 und dem PMBOK-Guide minimiert Risiken und maximiert die Wahrscheinlichkeit der Zielerreichung.
IT-Projekte unterscheiden sich durch ihre Komplexität und Dynamik von klassischen Bauprojekten. Während bei einem Hausbau die Anforderungen zu Beginn meist klar definiert sind, ändern sich in IT-Projekten Anforderungen, Technologien und Rahmenbedingungen oft während der Umsetzung. Dies macht eine sorgfältige, methodische Planung umso wichtiger.
1.1 Die Rolle des IT-Beraters im Planungsprozess
Als IT-Berater nehmen Sie eine Schlüsselposition im Planungsprozess ein. Ihre Aufgaben umfassen:
flowchart TD
A[IT-Berater] --> B[Anforderungserhebung]
A --> C[Methodenberatung]
A --> D[Risikoanalyse]
A --> E[Entscheidungsvorbereitung]
B --> F[Verständnis der fachlichen Ziele]
C --> G[Anwendung internationaler Standards]
D --> H[Identifikation von Planungsrisiken]
E --> I[Fundierte Empfehlungen an Management]
F --> J[Erfolgreiche Projektumsetzung]
G --> J
H --> J
I --> J
2. Internationale Standards für die Projektplanung
2.1 ISO 21500 - Guidance on Project Management
Die ISO 21500 (International Standard for Project Management Guidance) provides umfassende Leitlinien für das Projektmanagement. Sie wurde 2012 veröffentlicht und bietet einen universellen Rahmen, der branchenübergreifend anwendbar ist.
Kernelemente der ISO 21500:
| Bereich | Beschreibung | Relevanz für IT-Projekte |
|---|---|---|
| Themenbereiche | 39 Themenbereiche vom Projektstart bis zum Abschluss | Strukturierte Vorgehensweise |
| Prozesse | Prozessorientierte Darstellung der Projektmanagement-Tätigkeiten | Wiederholbare Qualität |
| Stakeholder | Systematisches Management aller Beteiligten | Einbeziehung aller Interessen |
| Integration | Zusammenführung aller Management-Disziplinen | Ganzheitlicher Ansatz |
Die ISO 21500 ist bewusst technologie- und methodenneutral gestaltet. Sie beschreibt WAS zu tun ist, nicht WIE es zu tun ist. Dies ermöglicht es Organisationen, den Standard an ihre spezifischen Bedürfnisse anzupassen.
2.2 PMBOK Guide - Project Management Body of Knowledge
Der PMBOK Guide (Project Management Body of Knowledge) des Project Management Institute (PMI) ist der weltweit am weitesten verbreitete Standard für das Projektmanagement.
PMBOK Process Groups:
flowchart LR
PG[Project Management Process Groups] --> IP[Initiating]
PG --> PP[Planning]
PG --> EX[Executing]
PG --> M[Monitoring & Controlling]
PG --> CL[Closing]
IP --> PP
PP --> EX
EX --> M
M --> CL
M --> PP
Die 5 Wissensgebiete mit hoher IT-Relevanz:
- Scope Management - Definition und Steuerung des Leistungsumfangs
- Time Management - Zeitplanung und Meilenstein-Management
- Cost Management - Kostenschätzung und Budgetsteuerung
- Quality Management - Qualitätssicherung und -kontrolle
- Risk Management - Identifikation und Behandlung von Risiken
Vergleich ISO 21500 vs. PMBOK:
| Aspekt | ISO 21500 | PMBOK Guide |
|---|---|---|
| Fokus | Guidance, kein Zertifizierungsstandard | Umfassendes Wissenssystem |
| Anwendung | Universell, alle Branchen | Starker US-Fokus, breit akzeptiert |
| Zertifizierung | Nein | Ja (PMP, CAPM) |
| Detaillierungsgrad | Kompakt, übersichtlich | Sehr detailliert |
| Praxisorientierung | Hoch | Mittel bis hoch |
2.3 Anwendung in der IT-Beratung
In der IT-Beratung ist es üblich, Elemente beider Standards zu kombinieren. Ein typischer Ansatz:
- Struktur: PMBOK für die prozessuale Gliederung
- Leitlinien: ISO 21500 für die inhaltliche Ausrichtung
- Anpassung: Unternehmensspezifische Methoden und Templates
3. Die Dualität der Planung: Produkt- vs. Projektplanung
3.1 Konzeptuelle Unterscheidung
Ein zentraler Aspekt der strategischen Planung ist die Dualität der Planung: Die Trennung zwischen der Produktplanung (Was bauen wir?) und der Projektplanung (Wie setzen wir es um?).
flowchart TD
A[Planungsprozess] --> B[Produktplanung]
A --> C[Projektplanung]
B --> B1[Leistungsumfang definieren]
B --> B2[Architektur entwerfen]
B --> B3[Anforderungen spezifizieren]
B --> B4[Technologieentscheidungen treffen]
C --> C1[Zeitplan erstellen]
C --> C2[Ressourcen planen]
C --> C3[Kosten schätzen]
C --> C4[Risiken identifizieren]
B1 --> D[Stabiles Produktkonzept]
B2 --> D
B3 --> D
B4 --> D
D --> C1
D --> C2
D --> C3
D --> C4
3.2 Produktplanung - "Was bauen wir?"
Die Produktplanung konzentriert sich auf den zu erstellenden Gegenstand (Produkt, Service, Ergebnis). Sie beantwortet die Frage nach dem funktionalen Zielbild.
Elemente der Produktplanung:
| Komponente | Beschreibung | Beispiel |
|---|---|---|
| Produktziele | Strategische und operative Ziele | "Automatisierung der Rechnungsprüfung um 50%" |
| Funktionale Anforderungen | Was muss das System können? | "Import von PDF-Rechnungen", "Validierung gegen Stammdaten" |
| Nicht-funktionale Anforderungen (NFRs) | Qualitätsmerkmale | "Antwortzeit < 3 Sekunden", "Verfügbarkeit 99.9%" |
| Architektur | Struktur des Systems | "Microservice-Architektur mit API Gateway" |
| Schnittstellen | Integrationen zu anderen Systemen | "Schnittstelle zum ERP-System", "Bankdaten-Anbindung" |
| Datenmodell | Struktur der Daten | "Kundenstammdaten", "Rechnungspositionen" |
Best Practice in der Produktplanung:
- Agile Iteration: Produktplanung ist nicht statisch, sondern wird iterativ verfeinert
- Early Prototyping: Schnelle Visualisierungen für besseres Verständnis
- Stakeholder-Validation: Regelmäßige Abstimmung mit Fachbereich und Management
- MVP-Fokus: Konzentration auf Minimal Viable Product für schnelleren Markteintritt
3.3 Projektplanung - "Wie setzen wir es um?"
Die Projektplanung fokussiert auf die operative Umsetzung. Sie beantwortet die Frage nach dem Weg zum Ziel.
Elemente der Projektplanung:
| Komponente | Beschreibung | Beispiel |
|---|---|---|
| Arbeitspakete | Konkrete Aufgaben | "Entwicklung PDF-Parser", "Integrationstests" |
| Meilensteine | Bedeutende Zwischenziele | "Abnahme Konzept", "Go-Live" |
| Zeitplan | Zeitliche Abfolge | "Monat 1-2: Konzeption", "Monat 3-5: Entwicklung" |
| Ressourcen | Personen, Rollen, Skills | "2 Senior Developer", "1 Tester" |
| Kosten | Budgetierung | "Software-Lizenzen: €50k", "Externe Beratung: €120k" |
| Risikomanagement | Identifikation und Behandlung | "Risiko: Skill-Mangel", "Maßnahme: Training" |
3.4 Die Gefahr der falschen Reihenfolge
Ein häufiger Fehler in der Praxis ist der verfrühte Start der Projektplanung bei noch vagem Produktkonzept.
flowchart LR
A[Start Projektplanung<br>bei vagem Konzept] --> B[Unzuverlässige Schätzungen]
A --> C[Falsche Ressourcenplanung]
A --> D[Unrealistischer Zeitplan]
B --> E[Nacharbeiten]
C --> E
D --> E
E --> F[Projektverzögerung]
E --> G[Budgetüberschreitung]
E --> H[Motivationsverlust]
F --> I[Projektfailure]
G --> I
H --> I
Das Problem "Building the wrong thing right":
Wenn Sie mit der Projektplanung beginnen, bevor das Produktkonzept stabil ist, riskieren Sie, die falsche Sache perfekt zu bauen.
Beispiel: - Ein Unternehmen möchte ein neues CRM-System einführen - Die Projektplanung beginnt sofort: 12 Monate, €500k Budget, 5 Mitarbeiter - Nach 6 Monaten stellt sich heraus: Die Anforderungen wurden falsch verstanden - Das geplante System entspricht nicht den Bedürfnissen des Vertriebs - Ergebnis: Monate Entwicklung verschwendet, Budget verbraucht, System muss komplett neu geplant werden
3.5 Empfohlener Planungsprozess
Der empfohlene Prozess folgt einem sequentiellen Ansatz mit Rückkopplungsschleifen:
stateDiagram-v2
[*] --> Produktvision
Produktvision --> Anforderungsanalyse
Anforderungsanalyse --> Konzeptentwicklung
Konzeptentwicklung --> Architekturplanung
Architekturplanung --> Validierung: Fachbereich-Abstimmung
Validierung --> Architekturplanung: Anpassungen
Validierung --> Projektplanung: Konzept stabilisiert
Projektplanung --> Detaillierung: Zeitplan
Projektplanung --> Detaillierung: Ressourcen
Projektplanung --> Detaillierung: Budget
Detaillierung --> Finalisierung: Freigabe durch Management
Finalisierung --> Umsetzung
Umsetzung --> [*]
Checkliste für den Übergang zur Projektplanung:
- Produktziele sind klar definiert und von allen Stakeholdern akzeptiert
- Funktionale Anforderungen sind vollständig dokumentiert
- Nicht-funktionale Anforderungen sind spezifiziert
- Architektur ist definiert und dokumentiert
- Technologien sind ausgewählt (oder die Auswahl ist bewusst offen)
- Schnittstellen zu bestehenden Systemen sind identifiziert
- Risiken auf Produktebene sind identifiziert und bewertet
4. Typische Planungsfehler und wie man sie vermeidet
4.1 Übersicht häufiger Fehler
| Fehler | Beschreibung | Auswirkung | Vermeidung |
|---|---|---|---|
| Verfrühte Projektplanung | Projektplanung bei unklarem Produkt | "Wrong thing right" | Konzept stabilisieren vor Planung |
| Scope Creep | Unkontrollierte Anforderungen | Zeit- und Budgetüberschreitung | Änderungsmanagementprozess |
| Detailverliebtheit | Zu früh zu detailliert | Verlust der Agilität | Iterative Verfeinerung |
| Ignorieren von NFRs | Fokus nur auf Funktionale | Probleme in Produktion | NFRs von Anfang an einbeziehen |
| Mangelnde Stakeholder-Einbindung | Entscheidung im Stillen | Widerstand, Nacharbeiten | Regelmäßige Kommunikation |
| Over-Engineering | Zu komplexe Lösungen | Hohe Kosten, schwierige Wartung | MVP-Ansatz, YAGNI-Prinzip |
4.2 Deep Dive: Scope Creep
Scope Creep bezeichnet die unkontrollierte Ausweitung des Projektumfangs über die ursprünglich definierten Anforderungen hinaus.
Typische Ursachen:
- Mangelnde Anforderungsdokumentation: Anforderungen sind nicht klar und vollständig definiert
- Mangelnde Kommunikation: Anforderungen ändern sich, aber alle Beteiligten werden nicht informiert
- Mangelndes Änderungsmanagement: Änderungen werden nicht systematisch bewertet
- Gold-Plating: Team führt zusätzliche Features ein, die nicht angefordert wurden
- Druck von Stakeholdern: Anforderungen werden nachträglich ergänzt
Beispiel aus der Praxis:
Ein Unternehmen plant die Einführung eines neuen Intranets mit folgenden Anforderungen: - Mitarbeiterverzeichnis - News-Seite - Dokumentenbibliothek
Während des Projekts kommen sukzessive hinzu: - "Könnten wir auch ein Forum hinzufügen?" - "Wir bräuchten auch einen Kalender für Team-Events" - "Es wäre toll, wenn man auch Blogs schreiben könnte" - "Für das Onboarding neuer Mitarbeiter bräuchten wir noch..."
Ergebnis: Aus einem 3-Monats-Projekt mit €100k Budget wird ein 9-Monats-Projekt mit €350k Budget - mit entsprechend höherem Risiko für das Scheitern.
Vermeidungsstrategien:
- Klarest Anforderungsmanagement
- Anforderungen schriftlich dokumentieren
- Priorisierungen vornehmen (Must-have vs. Nice-to-have)
-
Abnahmekriterien definieren
-
Formalisierte Änderungsprozesse
- Änderungsantrag dokumentieren
- Auswirkungen analysieren (Zeit, Kosten, Qualität, Risiko)
-
Entscheidung durch Projektlenkungsausschuss
-
Kommunikationsmanagement
- Regelmäßige Updates an alle Stakeholder
- Transparente Darstellung von Auswirkungen
- Klare Priorisierung bei Ressourcenkonflikten
4.3 Deep Dive: Ignorieren von NFRs (Nicht-funktionale Anforderungen)
Nicht-funktionale Anforderungen (NFRs) beschreiben, WIE das System funktionieren soll, nicht WAS es tut. Sie werden oft als "zweitrangig" angesehen, sind aber entscheidend für den Projekterfolg.
Wichtige NFR-Kategorien:
| Kategorie | Beispiele | Konsequenzen bei Nichtbeachtung |
|---|---|---|
| Performance | Antwortzeiten, Durchsatz | Unzufriedene Benutzer, Verlust von Geschäftswert |
| Sicherheit | Authentifizierung, Verschlüsselung | Datenlecks, Compliance-Verstöße |
| Verfügbarkeit | Uptime, Recovery-Zeiten | Produktionsausfälle, Umsatzverluste |
| Skalierbarkeit | Lastverteilung, Speicherwachstum | Systemausfall bei Peak-Lasten |
| Usability | Bedienbarkeit, Accessibility | Geringe Akzeptanz, Fehlbedienungen |
| Wartbarkeit | Code-Qualität, Dokumentation | Hohe Folgekosten, Schwierigkeiten bei Erweiterungen |
| Compliance | DSGVO, ISO 27001, SOX | Rechtliche Konsequenzen, Bußgelder |
Beispiel: Performance ignoriert
Ein E-Commerce-Unternehmen entwickelt ein neues Bestellsystem: - Fokus: Alle funktionalen Anforderungen (Produktsuche, Warenkorb, Bezahlung) werden perfekt implementiert - Ignorierte NFR: "Antwortzeit bei Produktliste < 2 Sekunden bei 1.000 gleichzeitigen Benutzern"
Ergebnis nach Go-Live: - Während der Black-Friday-Kampagne brechen die Seitenlastzeiten auf >10 Sekunden ein - 40% der Benutzer brechen den Kaufvorgang ab - Umsatzverlust: schätzungslich €500.000 an diesem Wochenende - Reputationsverlust: Negative Bewertungen in sozialen Medien - Folgekosten: Notfall-Optimierung, Hardware-Umrüstung
Best Practice für NFRs:
flowchart TD
A[Anforderungserhebung] --> B[Funktionale Anforderungen]
A --> C[Nicht-funktionale Anforderungen]
B --> D[User Stories / Use Cases]
C --> E[Qualitätsattribute]
E --> F[Performance]
E --> G[Sicherheit]
E --> H[Verfügbarkeit]
E --> I[Usability]
F --> J[Quantifizierte Ziele<br/>z.B. "Antwortzeit < 2s bei 1.000 Usern"]
G --> J
H --> J
I --> J
J --> K[Architektur-Design]
K --> L[Technologieentscheidung]
L --> M[Implementierung]
M --> N[Testen & Validieren]
N --> O[Monitoring in Produktion]
5. Die Rolle der Planung im Projekt-Lebenszyklus
5.1 Phasenmodell
Ein IT-Projekt durchläuft typischerweise verschiedene Phasen, in denen die Planung unterschiedliche Ausprägungen hat:
| Phase | Planungsfokus | Planungsart | Typische Ergebnisse |
|---|---|---|---|
| Initiierung | Machbarkeit, Rahmenbedingungen | Strategisch | Projekt Charter, Vorstudie |
| Konzeption | Was bauen wir? | Produktplanung | Soll-Konzept, Lösungskonzept |
| Planung | Wie bauen wir es? | Projektplanung | Projektplan, Budget, Ressourcen |
| Umsetzung | Detaillierung und Anpassung | Taktisch | Sprint-Planung, Detail-Design |
| Abschluss | Lessons Learned, Transition | Reflexiv | Abschlussbericht, Übergabedokumentation |
5.2 Iterative Planung (Agile vs. Wasserfall)
Die Art der Planung hängt stark von der gewählten Projektmethode ab.
Wasserfall (V-Modell):
flowchart TD
A[Anforderungen] --> B[Design]
B --> C[Implementierung]
C --> D[Testen]
D --> E[Betrieb]
style A fill:#e1f5ff
style B fill:#e1f5ff
style C fill:#fff4e1
style D fill:#fff4e1
style E fill:#ffe1e1
- Charakteristik: Sequenzielle Phasen, umfassende Planung vor Start
- Vorteile: Klarer Überblick, gut planbare Kosten und Termine
- Nachteile: Geringe Flexibilität, späte Rückmeldung
- Einsatz: Feste Anforderungen, kritische Systeme (z.B. medizinische Geräte)
Agil (Scrum):
flowchart LR
subgraph Iteration ["Sprint (2-4 Wochen)"]
A[Planning] --> B[Development]
B --> C[Review]
C --> D[Retrospective]
end
D --> A
- Charakteristik: Kurze Iterationen, kontinuierliche Planung
- Vorteile: Flexibel, schnelle Rückmeldung, höhere Kundenzufriedenheit
- Nachteile: Unklarer Gesamtaufwand, erfordert Disziplin
- Einsatz: Unsichere Anforderungen, innovative Produkte
Hybrid-Ansätze:
In der Praxis ist eine Kombination oft sinnvoll:
| Phase | Ansatz | Begründung |
|---|---|---|
| Produktplanung | Initial umfassend, dann iterativ | Klare Vision, aber Flexibilität für Anpassungen |
| Projektplanung | Rolling Wave Planning | Detaillierung "just in time" |
| Anforderungen | MoSCoW-Priorisierung | Fokus auf Wichtiges, Flexibilität für Änderungen |
6. Zusammenfassung und Praxis-Checklisten
6.1 Kernpunkte dieses Kapitels
- Internationale Standards (ISO 21500, PMBOK) bieten bewährte Leitlinien für die Projektplanung
- Dualität der Planung: Produktplanung (Was?) und Projektplanung (Wie?) müssen getrennt werden
- Reihenfolge ist entscheidend: Projektplanung sollte erst bei stabilem Produktkonzept starten
- NFRs nicht vergessen: Nicht-funktionale Anforderungen sind entscheidend für den Erfolg
- Agilität vs. Kontrolle: Wählen Sie die Planungsmethode passend zum Projekttyp
6.2 Praktische Checklisten
Checkliste: Produktplanung vollständig?
- Produktvision und Ziele sind dokumentiert
- Stakeholder sind identifiziert und ihre Bedürfnisse erfasst
- Funktionale Anforderungen sind vollständig spezifiziert
- Nicht-funktionale Anforderungen sind quantifiziert
- Architektur ist definiert und dokumentiert
- Technologien sind ausgewählt oder bewusst offengehalten
- Schnittstellen sind identifiziert
- Datenmodell ist entworfen
- Validierung durch Fachbereich erfolgt
- Risiken auf Produktebene sind bewertet
Checkliste: Projektplanung sinnvoll starten?
- Produktkonzept ist stabil und akzeptiert
- Umfang ist klar begrenzt (Scope definiert)
- Änderungsmanagement ist etabliert
- Stakeholder sind informiert und eingebunden
- Ressourcen sind grob geschätzt
- Risiken auf Projektebene sind identifiziert
6.3 Reflexionsfragen für IT-Berater
Bevor Sie mit der Planung eines neuen Projekts beginnen, stellen Sie sich folgende Fragen:
- Ist das Produktkonzept wirklich stabil? Oder gibt noch offene Fragen?
- Sind alle Stakeholder identifiziert? Wer könnte noch betroffen sein, den wir nicht kennen?
- Sind die Anforderungen wirklich verstanden? Haben wir Use Cases oder User Stories erstellt?
- Sind die NFRs spezifiziert? Wie lautet die Performance-Anforderung quantifiziert?
- Welche Planungsmethode passt zum Projekt? Wasserfall, Agil oder Hybrid?
- Haben wir Lessons Learned aus ähnlichen Projekten betrachtet? Was lief dort gut/schlecht?
- Wann werden wir die Planung validieren? Gibt es Meilensteine für Review-Schleifen?
Schlüsselbegriffe
| Begriff | Definition |
|---|---|
| ISO 21500 | Internationaler Standard für Projektmanagement-Leitlinien, technologie- und methodenneutral |
| PMBOK Guide | Project Management Body of Knowledge, umfassendes Wissenssystem des PMI |
| Produktplanung | Planung des zu erstellenden Produkts (Was bauen wir?), Fokus auf Funktionen und Architektur |
| Projektplanung | Planung der Umsetzung (Wie bauen wir es?), Fokus auf Zeit, Kosten und Ressourcen |
| Dualität der Planung | Trennung von Produkt- und Projektplanung, um "building the wrong thing right" zu vermeiden |
| NFR (Non-Functional Requirements) | Nicht-funktionale Anforderungen (Performance, Sicherheit, Verfügbarkeit etc.) |
| Scope Creep | Unkontrollierte Ausweitung des Projektumfangs ohne Anpassung von Zeit und Budget |
| Rolling Wave Planning | Iterative Planungsmethode, bei der Details erst kurz vor der Umsetzung festgelegt werden |
| MVP (Minimal Viable Product) | Minimale produktfähige Version mit den wichtigsten Funktionen |
| YAGNI (You Aren't Gonna Need It) | Prinzip, keine Funktionen zu implementieren, die nicht aktuell benötigt werden |
Verständnisfragen
Frage 1: Reihenfolge der Planungsphasen
Ein Kunde möchte ein neues Portal für seine Mitarbeiter entwickeln. Er fordert, dass Sie sofort mit der Zeitplanung, Ressourcenplanung und Budgetierung (Projektplanung) beginnen, obwohl die funktionalen Anforderungen noch nicht vollständig geklärt sind. Erklären Sie ihm methodisch fundiert, warum dies problematisch ist und welcher Ansatz empfohlen wird.
Lösung: Dies ist ein klassischer Fehler in der IT-Projektplanung. Die Projektplanung baut auf den Ergebnissen der Produktplanung auf. Ohne geklärte Anforderungen sind Schätzungen zu Zeit, Kosten und Ressourcen höchst unzuverlässig. Es besteht ein hohes Risiko, "das Falsche richtig zu bauen" (Building the wrong thing right), was zu massiven Nacharbeiten führt.
Der empfohlene Ansatz: 1. Zuerst Produktplanung: Klärung der Anforderungen, Erstellung des Soll-Konzepts, Definition der Architektur 2. Validierung: Abstimmung mit Stakeholdern,确保 das Konzept die Bedürfnisse trifft 3. Dann Projektplanung: Erst nach stabilisiertem Produktkonzept beginnen mit Zeitplan, Ressourcen und Budget
Begründung: "So wie ein Architekt erst den Bauplan erstellt, bevor der Rohbau geplant und kalkuliert wird, müssen wir zuerst klären, WAS wir bauen, bevor wir planen können, WIE und WANN wir es bauen."
Frage 2: NFRs vs. Funktionale Anforderungen
Sie beraten ein E-Commerce-Startup bei der Entwicklung einer neuen Bestellplattform. Das Entwicklungsteam fokussiert sich ausschließlich auf die funktionale Umsetzung (Produktkatalog, Warenkorb, Bezahlung). Welche nicht-funktionale Anforderungen (NFRs) könnten für dieses Projekt kritisch sein und warum sollten sie nicht ignoriert werden?
Lösung: Für ein E-Commerce-System sind folgende NFRs kritisch:
- Performance: "Antwortzeit < 2 Sekunden bei 1.000 gleichzeitigen Benutzern" - Langsame Ladezeiten führen zu hoher Abbruchrate bei Bestellungen
- Verfügbarkeit: "Uptime 99.9% (max. 8h Ausfall pro Jahr)" - Jeder Ausfall bedeutet direkten Umsatzverlust
- Sicherheit: "DSGVO-konforme Datenhaltung, PCI-DSS-Compliance für Zahlungsdaten" - Datenschutzlecks führen zu Bußgeldern und Reputationsschäden
- Skalierbarkeit: "Lastverteilung möglich für 10.000 gleichzeitige Benutzer" - Das System muss mit Wachstum skalieren können
- Usability: "Mobile-Friendly, Accessibility nach WCAG 2.1" - Gute Usability steigert die Konversionsrate
Ignorieren dieser NFRs führt typischerweise zu Problemen in der Produktion, die teuer zu beheben sind und das Geschäft gefährden können. Ein Produkt mit perfekten Funktionen, aber schlechter Performance oder Sicherheit, ist im Markt nicht konkurrenzfähig.
Frage 3: Agile vs. Wasserfall
Ein Kundenunternehmen entwickelt eine neue Software für die Logistik-Steuerung. Es handelt sich um ein System mit harten Sicherheitsanforderungen und Compliance-Vorgaben. Beraten Sie das Unternehmen, welche Planungsmethode (Wasserfall, Agil oder Hybrid) am besten geeignet ist und begründen Sie Ihre Empfehlung.
Lösung: Für dieses Projekt empfiehlt sich ein Hybrid-Ansatz mit folgenden Elementen:
Gründe für teilweise Wasserfall-Elemente: - Harte Sicherheitsanforderungen erfordern umfassende Planung und Validierung vor Implementierung - Compliance-Vorgaben (z.B. für Logistik-Systeme in regulierten Branchen) benötigen klare Dokumentation - Fehlende Flexibilität bei Sicherheitsaspekten (können nicht "im Nachhinein" ergänzt werden)
Gründe für agile Elemente: - Unklare Anforderungen im Detail (Logistik-Prozesse sind komplex) - Schnelle Rückmeldung der Anwender aus der Praxis - Risiko: Falsche Annahmen im Konzept, die erst spät entdeckt werden
Empfohlener Hybrid-Ansatz: - Phase 1 (Wasserfall): Detaillierte Produktplanung für Sicherheit und Compliance (Sicherheitskonzept, Datenschutzkonzept, Compliance-Checkliste) - Phase 2 (Agil): Iterative Entwicklung der funktionalen Logistik-Features mit regelmäßigen Sprints - Phase 3 (Wasserfall): Formale Validierung und Zertifizierung nach Funktionalitätserfüllung
Begründung: Die kritischen, unflexiblen Aspekte (Sicherheit, Compliance) werden im Voraus geplant, während die komplexen, unklaren Aspekte (Funktionalität) iterativ entwickelt werden. Dies kombiniert die Vorteile beider Ansätze.