3. Analyse von Betriebsabläufen
Lernziele
Nach diesem Kapitel können Sie: - Betriebsabläufe systematisch analysieren und dokumentieren - Swimlane-Diagramme zur Prozessvisualisierung erstellen und interpretieren - Schwachstellen in Prozessen identifizieren (Engpässe, Medienbrüche, Doppelarbeiten) - Potenzialanalysen zur Erkennung von Digitalisierungschancen durchführen - Handlungsempfehlungen für Prozessoptimierungen ableiten
Modul Übersicht
Modul 13 - Kapitel 3"
Lesezeit: ~17 Min
Quelle:** FS-ITB-13-A-laufender Betrieb_V0d .pdf
1. Grundlagen der Betriebsablauf-Analyse
Die Analyse von Betriebsabläufen bedeutet, dass bestehende Arbeits-, Produktions- oder Geschäftsprozesse systematisch untersucht werden, um zu verstehen, wie ein Unternehmen tatsächlich arbeitet, wo Schwachstellen bestehen und wie Abläufe verbessert werden können.
Ziele der Betriebsablauf-Analyse
Das übergeordnete Ziel ist es, Transparenz über Abläufe zu schaffen, Ineffizienzen zu erkennen und Optimierungspotenziale aufzudecken – sowohl organisatorisch als auch technisch.
Spezifische Ziele:
- Prozessdurchlaufzeiten verkürzen
- Fehlerquoten reduzieren
- Medienbrüche beseitigen
- Doppelarbeiten vermeiden
- Ressourceneffizienz steigern
- Prozesskosten senken
- Qualität der Ergebnisse verbessern
- Digitalisierungspotenziale identifizieren
Praxisbeispiel
Ein Unternehmen führt regelmäßig Reklamationen zu späten Lieferungen. Die Analyse des Bestellprozesses zeigt, dass Aufträge handschriftlich erfasst, dann per E-Mail an die Produktion weitergeleitet und schließlich noch einmal im ERP-System erfasst werden. Die Auftragsbearbeitung benötigt 3 Tage, obwohl die reinen Prozessschritte nur 2 Stunden in Anspruch nehmen würden. Durch direkte Systemintegration wird die Durchlaufzeit auf 4 Stunden reduziert.
Die Rolle des IT-Beraters bei der Prozessanalyse
IT-Berater spielen eine zentrale Rolle bei der Analyse von Betriebsabläufen:
Aufgaben:
- Ist-Aufnahme: Dokumentation der aktuellen Prozesse
- Visualisierung: Erstellung von Prozessdiagrammen
- Schwachstellenanalyse: Identifikation von Ineffizienzen
- Potenzialanalyse: Erkennung von Optimierungsmöglichkeiten
- Technologie-Empfehlung: Auswahl geeigneter IT-Lösungen
- Implementierungsbegleitung: Unterstützung bei der Umsetzung
2. Die vier Phasen der Betriebsablauf-Analyse
Die Analyse von Betriebsabläufen erfolgt meist in mehreren Phasen. Ein strukturiertes Vorgehen ist entscheidend für den Erfolg.
flowchart LR
A[Phase 1<br/>Ist-Aufnahme] --> B[Phase 2<br/>Darstellung der Abläufe]
B --> C[Phase 3<br/>Bewertung & Schwachstellenanalyse]
C --> D[Phase 4<br/>Ableitung von Verbesserungspotenzialen]
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style D fill:#ffe1e1
Phase 1: Ist-Aufnahme
Die Ist-Aufnahme umfasst die systematische Erfassung des aktuellen Zustands.
Methoden der Ist-Aufnahme:
| Methode | Beschreibung | Vorteile | Nachteile |
|---|---|---|---|
| Beobachtung | Direkte Beobachtung der Mitarbeiter bei ihrer Arbeit | Realitätsnah, erkennt implizites Wissen | Zeitintensiv, Beobachtungseffekt möglich |
| Interviews | Strukturierte oder halbstrukturierte Gespräche | Tiefes Verständnis, subjektive Erfahrungen | Abhängig von Erinnerung und Ehrlichkeit |
| Workshops | Gemeinsame Workshops mit betroffenen Mitarbeitern | Konsensbildung, kollektives Wissen | Dominante Teilnehmer können beeinflussen |
| Dokumentenanalyse | Auswertung vorhandener Dokumentationen | Objektiv, schneller | Oft veraltet oder unvollständig |
| Datenanalyse | Auswertung von Systemdaten, Logs, KPIs | Objektiv, umfangreich | Erfordert Datenkompetenz |
Beispiel für einen Interview-Leitfaden:
- Welche Aufgaben erfüllen Sie in diesem Prozess?
- Welche Tools und Systeme nutzen Sie?
- Welche Informationen benötigen Sie von anderen?
- Welche Informationen geben Sie weiter?
- Wo entstehen Verzögerungen oder Engpässe?
- Welche Aufgaben sind besonders aufwendig oder fehleranfällig?
- Wo gibt es doppelte Arbeitsschritte?
- Welche Verbesserungen würden Sie sich wünschen?
Phase 2: Darstellung der Abläufe
Die erfassten Prozesse werden visualisiert. Die Visualisierung ist ein wesentliches Werkzeug zur Kommunikation und Analyse.
Wichtige Diagrammtypen:
- Flussdiagramme: Einfache Darstellung von Prozessschritten
- Swimlane-Diagramme: Zuordnung von Schritten zu Rollen oder Abteilungen
- Prozesslandkarten: Übersicht über übergeordnete Prozesse
- UML-Aktivitätsdiagramme: Formale Darstellung von Abläufen
- Vorgangskettendiagramme: Ereignisgesteuerte Prozesskette (EPK)
Praxistipp
Nutzen Sie für die Visualisierung professionelle Tools wie Microsoft Visio, Lucidchart, draw.io oder BPMN-Tools. Diese bieten Vorlagen für verschiedene Diagrammtypen und ermöglichen eine konsistente Dokumentation.
Phase 3: Bewertung und Schwachstellenanalyse
Die dargestellten Prozesse werden auf Schwachstellen untersucht.
Typische Schwachstellenarten:
| Schwachstellenart | Beschreibung | Beispiele |
|---|---|---|
| Engpässe | Prozessschritte mit begrenzter Kapazität, die den Gesamtablauf bremsen | Langsame Genehmigungen, manuelle Eingaben |
| Medienbrüche | Wechsel des Mediums (z. B. digital → Papier → digital) | Ausdruck und erneutes Einscannen von Formularen |
| Doppelarbeiten | Identische Aufgaben werden mehrfach erfasst | Zweimalige Dateneingabe in verschiedene Systeme |
| Fehlerquellen | Prozessschritte mit hoher Fehlerwahrscheinlichkeit | Manuelle Berechnungen, mangelnde Plausibilitätsprüfungen |
| Wartezeiten | Zeiten, in denen nichts passiert, weil auf Informationen oder Genehmigungen gewartet wird | Warten auf Management-Freigaben |
| Nicht genutzte Kapazitäten | Ressourcen, die nicht optimal ausgelastet sind | Leerlaufzeiten, ungenutzte Software-Lizenzen |
Phase 4: Ableitung von Verbesserungspotenzialen
Basierend auf der Analyse werden konkrete Verbesserungsvorschläge entwickelt.
Priorisierung der Verbesserungen:
| Priorität | Kriterien | Beispiele |
|---|---|---|
| Hoch | Hoher Nutzen, geringer Aufwand, schnelle Umsetzung | Automatisierung manueller Eingaben |
| Mittel | Hoher Nutzen, mittlerer Aufwand oder mittlerer Nutzen, geringer Aufwand | Systemintegration, Prozessanpassung |
| Niedrig | Geringer Nutzen oder sehr hoher Aufwand | Komplette Prozessneugestaltung |
3. Swimlane-Diagramme zur Prozessvisualisierung
Swimlane-Diagramme (auch "Swimlanes" oder "Bahnen-Diagramme") sind ein besonders effektives Werkzeug zur Visualisierung von Prozessen. Sie unterteilen den Prozess in vertikale oder horizontale Bahnen, die Rollen, Abteilungen oder Systeme repräsentieren.
Aufbau eines Swimlane-Diagramms
flowchart TD
subgraph "Swimlane: Kunde"
A[Auftrag erteilen] --> B{Produkt verfügbar?}
B -->|Ja| C[Zahlung durchführen]
end
subgraph "Swimlane: Vertrieb"
B -->|Nein| D[Bestellung einleiten]
D --> E[Status an Kunde senden]
end
subgraph "Swimlane: Produktion"
E --> F[Produkt herstellen]
F --> G[Versand vorbereiten]
end
subgraph "Swimlane: Logistik"
G --> H[Lieferung versenden]
C --> H
end
H --> I[Lieferung bestätigt]
Vorteile von Swimlane-Diagrammen
- Klaren Verantwortlichkeiten: Jede Bahn repräsentiert eine Verantwortung
- Schnittstellen-Identifikation: Übergaben zwischen Bahnen sind sichtbar
- Kommunikationsfluss: Wer mit wem kommuniziert, wird deutlich
- Prozessoptimierung: Doppelarbeiten oder Medienbrüche werden erkennbar
Beispiel: Bestellprozess als Swimlane-Diagramm
Szenario: Ein Unternehmen verkauft Produkte über einen Online-Shop. Der Prozess beinhaltet die Kundenbestellung, den Wareneingang im Lager, die Versandvorbereitung und die Lieferung.
flowchart TD
subgraph "Kunde"
A[Produkt im<br/>Online-Shop auswählen] --> B[Bestellung<br/>aufgeben]
end
subgraph "Vertrieb/Shop-System"
B --> C[Bestellung<br/>prüfen und speichern]
C --> D{Zahlungsstatus<br/>prüfen}
D -->|Zahlung erhalten| E[Bestellung an<br/>Lager weiterleiten]
D -->|Zahlung fehlt| F[Zahlungserinnerung<br/>senden]
F --> B
end
subgraph "Lager"
E --> G[Warenbestand<br/>prüfen]
G --> H{Artikel verfügbar?}
H -->|Ja| I[Waren bereitstellen<br/>und kommissionieren]
H -->|Nein| J[Nachbestellung<br/>einleiten]
J --> G
end
subgraph "Logistik"
I --> K[Versandetikett<br/>erstellen]
K --> L[Waren verpacken<br/>und versenden]
L --> M[Versandstatus<br/>an Kunden senden]
end
subgraph "Kunde"
M --> N[Waren<br/>empfangen]
end
N --> O{Ware in Ordnung?}
O -->|Ja| P[Bestellung<br/>abschließen]
O -->|Nein| Q[Reklamation<br/>einleiten]
Q --> R[Retourenprozess<br/>starten]
style C fill:#e1f5e1
style I fill:#e1f5e1
style L fill:#e1f5e1
Erkenntnisse aus dem Swimlane-Diagramm
- Schnittstellen-Identifikation: Bestellungen werden vom Vertrieb an das Lager weitergeleitet. Dies ist eine kritische Schnittstelle.
- Medienbrüche: Keine direkten Medienbrüche identifiziert, aber die Kommunikation zwischen Vertrieb und Lager könnte optimiert werden.
- Engpässe: Der Schritt "Nachbestellung einleiten" (J) kann zu Verzögerungen führen, wenn Waren nicht verfügbar sind.
- Optimierungspotenzial:
- Integration von Lagerbestand in den Online-Shop (vermeidet untaugliche Bestellungen)
- Automatische Benachrichtigung bei Verfügbarkeit
- Automatischer Reklamationsprozess
4. Potenzialanalyse
Die Potenzialanalyse (auch Potentialanalyse) beschreibt ein systematisches Verfahren, mit dem Möglichkeiten zur Verbesserung, Entwicklung oder Optimierung in einem bestimmten Bereich erkannt werden sollen.
Definition und Ziele
Eine Potenzialanalyse ist die strukturierte Untersuchung von bestehenden Strukturen, Abläufen, Ressourcen oder Systemen, um herauszufinden, welche ungenutzten Möglichkeiten (Potenziale) bestehen, um Leistung, Effizienz, Wirtschaftlichkeit oder Zukunftsfähigkeit zu steigern.
Ziele der Potenzialanalyse:
-
Erkennen von Verbesserungspotenzialen
- Wo können Prozesse vereinfacht oder automatisiert werden?
- Welche Aufgaben könnten digitalisiert werden?
- Welche Abläufe verursachen unnötige Kosten oder Zeitaufwand?
-
Bewertung der Wirtschaftlichkeit
- Welche Maßnahmen lohnen sich betriebswirtschaftlich?
- Wie hoch ist der erwartete Nutzen (z. B. Zeitersparnis, Qualitätssteigerung, Kostensenkung)?
-
Strategische Weiterentwicklung
- Wie kann sich das Unternehmen technologisch oder organisatorisch zukunftssicher aufstellen?
- Welche Innovationen bieten Wettbewerbsvorteile?
Vorgehensweise einer Potenzialanalyse
flowchart LR
A[Phase 1<br/>Ist-Analyse] --> B[Phase 2<br/>Identifikation von Schwachstellen]
B --> C[Phase 3<br/>Bewertung der Potenziale]
C --> D[Phase 4<br/>Priorisierung & Handlungsempfehlung]
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style B fill:#fff4e1
style C fill:#e1f0ff
style D fill:#ffe1e1
Phase 1: Ist-Analyse
Erfassung des aktuellen Zustands (z. B. Prozesse, Systeme, Personalressourcen, Datenflüsse).
Beispiel: Analyse eines Produktionsprozesses in einem Maschinenbauunternehmen
| Aspekt | Ist-Zustand |
|---|---|
| Prozesse | Aufträge werden per Hand in Excel-Tabellen erfasst, Maschinenlaufzeiten werden manuell notiert |
| Systeme | ERP-System für Bestandsführung, Excel für Produktionsplanung, keine Integration |
| Personal | 5 Produktionsplaner, 10 Maschinenbediener |
| Datenflüsse | Daten werden manuell zwischen ERP und Excel übertragen |
Phase 2: Identifikation von Schwachstellen
Wo treten Engpässe, Medienbrüche, doppelte Arbeit oder manuelle Tätigkeiten auf?
Identifizierte Schwachstellen:
| Schwachstelle | Auswirkung |
|---|---|
| Doppelte Dateneingabe (ERP → Excel) | 1 Stunde pro Tag für Produktionsplaner |
| Keine Echtzeit-Information über Maschinenstatus | Verzögerte Reaktion bei Ausfällen |
| Manuelle Auftragszuweisung | Nicht optimierte Maschinenauslastung |
| Keine zentrale Dokumentation | Wissensverlust bei Mitarbeiterabgang |
Phase 3: Bewertung der Potenziale
Einschätzung, wo durch Veränderung oder Digitalisierung Verbesserungen erzielt werden können – unter Berücksichtigung von Kosten, Nutzen, Aufwand und Risiko.
Potenzialbewertung:
| Potenzial | Maßnahme | Kosten | Nutzen | Aufwand | ROI | Risiko |
|---|---|---|---|---|---|---|
| MES-System einführen | Manufacturing Execution System mit Datenübertragung aus Maschinen | 80.000 € | 40.000 €/Jahr | 4 Monate | 2 Jahre | Mittel |
| ERP-Excel-Integration | Automatischer Datenexport/-import | 15.000 € | 20.000 €/Jahr | 2 Monate | 9 Monate | Gering |
| Maschinen-Monitoring | IoT-Sensoren für Echtzeit-Überwachung | 25.000 € | 15.000 €/Jahr | 3 Monate | 1,7 Jahre | Gering |
| Produktions-Portal | Web-Portal für Auftragszuweisung | 30.000 € | 25.000 €/Jahr | 3 Monate | 1,2 Jahre | Mittel |
ROI (Return on Investment) = (Nutzen pro Jahr × Jahre bis zu Amortisation) / Kosten
- ERP-Excel-Integration: ROI = (20.000 × 0,75) / 15.000 = 1,0 (Investition in 9 Monaten amortisiert)
- MES-System: ROI = (40.000 × 2) / 80.000 = 1,0 (Investition in 2 Jahren amortisiert)
Phase 4: Priorisierung & Handlungsempfehlung
Entwicklung eines Maßnahmenplans mit Prioritäten (z. B. Quick Wins vs. langfristige Projekte).
Priorisierung nach ROI und Aufwand:
graph TB
subgraph "Quick Wins<br/>Hoher ROI, geringer Aufwand"
A[ERP-Excel-Integration<br/>ROI: 9 Monate]
end
subgraph "Mittelfristige Projekte<br/>Mittlerer ROI, mittlerer Aufwand"
B[Produktions-Portal<br/>ROI: 1,2 Jahre]
C[Maschinen-Monitoring<br/>ROI: 1,7 Jahre]
end
subgraph "Langfristige Projekte<br/>Mittlerer ROI, hoher Aufwand"
D[MES-System<br/>ROI: 2 Jahre]
end
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style B fill:#ffd93d
style C fill:#ffd93d
style D fill:#ff6b6b
Maßnahmenplan:
| Priorität | Maßnahme | Zeitraum | Verantwortlich |
|---|---|---|---|
| 1 | ERP-Excel-Integration implementieren | Monat 1-2 | IT-Berater, Produktionsplaner |
| 2 | Produktions-Portal einführen | Monat 3-5 | IT-Berater, Software-Entwickler |
| 3 | Maschinen-Monitoring installieren | Monat 6-8 | IT-Berater, Systemtechniker |
| 4 | MES-System einführen | Monat 9-12 | IT-Berater, MES-Anbieter |
Nutzen einer Potenzialanalyse
- Objektive Grundlage für Investitionsentscheidungen
- Transparenz über Stärken, Schwächen und Chancen
- Erhöhung der Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit
- Unterstützung bei der Digitalisierungsstrategie
- Förderung einer kontinuierlichen Verbesserungskultur
5. Typische Analyseergebnisse und Handlungsempfehlungen
Die Analyse von Betriebsabläufen führt oft zu ähnlichen Ergebnissen. Hier sind die häufigsten Muster und die entsprechenden Handlungsempfehlungen.
Ergebnis 1: Medienbrüche
Erkennung: Prozesse wechseln zwischen verschiedenen Medien (z. B. digital → Papier → digital).
Auswirkung:
- Verzögerungen durch manuelle Übertragungen
- Fehleranfälligkeit bei Übertragungen
- Zusätzlicher Aufwand für Archivierung
Handlungsempfehlung:
- Digitale End-to-End-Prozesse: Prozesse durchgängig digitalisieren
- Systemintegration: Schnittstellen zwischen Systemen erstellen
- Digitalisierung von Papier: Einführung von E-Invoicing, digitalen Unterschriften
Beispiel
Vorher: Rechnungen werden per Post versendet, manuell erfasst, und im ERP-System gespeichert. Prozesszeit: 5-7 Tage. Nachher: E-Invoicing mit automatischer Erfassung im ERP-System. Prozesszeit: 1 Stunde.
Ergebnis 2: Doppelarbeiten
Erkennung: Identische Aufgaben werden von verschiedenen Personen oder in verschiedenen Systemen mehrfach erfasst.
Auswirkung:
- Zeitverschwendung
- Inkonsistenz der Daten
- Frustration der Mitarbeiter
Handlungsempfehlung:
- Datenintegration: Systeme so integrieren, dass Daten nur einmal erfasst werden
- Automatisierung: Manuelle Tätigkeiten automatisieren
- Workflow-Optimierung: Prozesse so gestalten, dass Doppelerfassungen vermieden werden
Beispiel
Vorher: Kundendaten werden im CRM-System erfasst und manuell ins ERP-System übertragen. Aufwand: 15 Minuten pro Kunde. Nachher: Automatische Synchronisation zwischen CRM und ERP. Aufwand: 0 Minuten.
Ergebnis 3: Engpässe
Erkennung: Prozessschritte mit begrenzter Kapazität, die den Gesamtablauf bremsen.
Auswirkung:
- Verlängerte Durchlaufzeiten
- Wartezeiten im Prozess
- Unzufriedene Kunden oder Mitarbeiter
Handlungsempfehlung:
- Kapazitätsausbau: zusätzliche Ressourcen bereitstellen
- Prozessumgestaltung: Engpass-Step entlasten oder umgehen
- Priorisierung: Kritische Aufgaben vorziehen
Beispiel
Vorher: Genehmigungsprozess für Software-Updates dauert 5 Tage durch ein Genehmigungsgremium, das nur 2 Mal pro Woche tagt. Nachher: Automatische Genehmigung für Low-Risk-Updates, Genehmigungsgremium nur für High-Risk-Updates. Durchlaufzeit: 1 Tag für Low-Risk-Updates.
Ergebnis 4: Fehlende Transparenz
Erkennung: Prozessschritte oder -status sind nicht transparent erkennbar.
Auswirkung:
- Unklare Verantwortlichkeiten
- Verzögerte Entscheidungen
- Fehler durch Unkenntnis
Handlungsempfehlung:
- Status-Tracking: Einführung eines Status-Trackings (z. B. Ticketsystem)
- Dashboards: Visualisierung von Prozessstatus und KPIs
- Kommunikation: Regelmäßige Updates über Prozessstatus
Beispiel
Vorher: Kunden wissen nicht, ob ihre Bestellung bearbeitet wird. Telefonate und E-Mails führen zu Frustration. Nachher: Online-Tracking-System zeigt den Status der Bestellung in Echtzeit. Kundenzufriedenheit steigt.
Ergebnis 5: Manuelle Fehlerquellen
Erkennung: Prozessschritte mit hoher Fehlerwahrscheinlichkeit durch manuelle Eingaben oder Berechnungen.
Auswirkung:
- Fehlerhafte Daten
- Nachbearbeitungsaufwand *. Reputationsverlust
Handlungsempfehlung:
- Validierung: Automatische Plausibilitätsprüfungen einbauen
- Automatisierung: Manuelle Tätigkeiten durch Automatisierung ersetzen
- Standardisierung: Einheitliche Vorlagen und Prozesse einführen
Beispiel
Vorher: Preise werden manuell in Angebote berechnet. Fehlerquote: 8%. Nachher: Automatische Preisberechnung basierend auf Produktkonfigurator. Fehlerquote: 0,5%.
6. Praxisbeispiel: Lieferverzögerungen reduzieren
Ausgangssituation
Ein Unternehmen bemerkt, dass es immer wieder zu Lieferverzögerungen und Bestandsabweichungen kommt. Die Mitarbeitenden klagen über unnötige Doppelerfassungen und veraltete IT-Systeme, die nicht miteinander verknüpft sind.
Vorgehensweise der Analyse
Schritt 1: Ist-Aufnahme
Der Berater beobachtet den Wareneingang:
-
Wie werden Lieferungen entgegengenommen?
- LKW-Fahrer übergibt Lieferscheine
- Wareneingangsprüfer prüft Waren qualitativ
- Manuelle Erfassung auf Papierliste
-
Wie erfolgt die Kontrolle und Erfassung im System?
- Papierliste wird an Buchhaltung weitergeleitet
- Buchhaltungsmitarbeiter erfasst Daten manuell im ERP-System
- Lagerverwaltung wird separat in Excel geführt
-
Welche Dokumente und Softwarelösungen werden genutzt?
- Lieferscheine (Papier)
- ERP-System (Buchhaltung)
- Excel-Tabellen (Lager)
- Keine Integration zwischen Systemen
Der Berater spricht mit Lagerpersonal, Buchhaltung und Einkauf, um ein vollständiges Bild zu erhalten.
Erkenntnisse aus Interviews:
| Rolle | Hauptprobleme |
|---|---|
| Lagerpersonal | Doppelte Erfassung (Papier + Excel), keine Echtzeit-Information |
| Buchhaltung | Manuelle Dateneingabe fehleranfällig, Zeitverlust |
| Einkauf | Keine Echtzeit-Bestandsinformationen, verspätete Nachbestellungen |
Schritt 2: Darstellung der Abläufe
Der aktuelle Prozess wird als Prozessdiagramm abgebildet: Vom Eintreffen der Lieferung über die Wareneingangskontrolle bis zur Verbuchung im ERP-System.
flowchart TD
A[Lieferung trifft ein] --> B[Wareneingangsprüfer prüft Ware]
B --> C[Manuelle Erfassung auf<br/>Papierliste]
C --> D[Papierliste an<br/>Buchhaltung weiterleiten]
D --> E[Buchhaltungsmitarbeiter<br/>erfasst im ERP]
E --> F[Bestandsaktualisierung<br/>im ERP]
F --> G[Lagerverwalter<br/>trägt in Excel ein]
H{Bestandsübereinstimmung?}
G --> H
F --> H
H -->|Ja| I[Prozess abgeschlossen]
H -->|Nein| J[Discrepanzbericht<br/>erstellen]
J --> K[Discrepanz klären<br/>und manuell korrigieren]
K --> F
style C fill:#ff6b6b
style E fill:#ff6b6b
style G fill:#ff6b6b
style H fill:#ff6b6b
Schritt 3: Schwachstellenanalyse
Identifizierte Schwachstellen:
| Schwachstelle | Beschreibung | Auswirkung |
|---|---|---|
| Doppelte Erfassung | Wareneingang wird papierlich erfasst und in Excel eingetragen | Zusätzlicher Aufwand, Fehlerquelle |
| Keine Schnittstelle | ERP und Excel sind nicht verknüpft | Medienbruch, verzögerte Information |
| Keine Echtzeit-Information | Bestandsdaten werden tagesnacht aktualisiert | Fehlende Transparenz |
| Fehlerhafte Bestandszahlen | Diskrepanzen zwischen ERP und Excel | Fehlbestellungen oder Überbestände |
| Verzögerte Buchung | Wareneingänge werden nicht tagesaktuell gebucht | Planungsprobleme |
Schritt 4: Optimierungsvorschläge
-
Einführung eines Barcode-Systems zur automatischen Erfassung
- Wareneingangsprüfer scannt Barcodes
- Daten werden direkt ins ERP-System übertragen
-
Anbindung der Lagerverwaltungssoftware an das ERP-System
- Einheitliche Datenbasis
- Automatische Synchronisation
-
Schulung der Mitarbeitenden in digitaler Erfassung
- Schnellere Einarbeitung
- Reduzierung von Fehlern
-
Einführung eines Dashboards für Echtzeit-Bestandsübersichten
- Echtzeit-Information für alle Abteilungen
- Bessere Planung und Steuerung
Ergebnis und Nutzen
Durch die Analyse der Betriebsabläufe wurde klar, wo Zeit verloren geht und Fehler entstehen. Nach Umsetzung der Empfehlungen:
| Kennzahl | Vorher | Nachher | Verbesserung |
|---|---|---|---|
| Erfassungszeit pro Lieferung | 15 Min | 5 Min | 67% Reduktion |
| Fehler im Warenbestand | 8% | 1% | 87% Reduktion |
| Durchlaufzeit Wareneingang | 2 Tage | 0,5 Tage | 75% Reduktion |
| Transparenz im Materialfluss | Gering | Hoch | Signifikant |
Finanzieller Nutzen:
- Einsparung durch Reduzierung der Erfassungszeit: 5 Personen × 2 Stunden/Tag × 250 Tage/Tag × 50 €/Stunde = 125.000 €/Jahr
- Einsparung durch Reduzierung der Fehlbestellungen: 30.000 €/Jahr
- Gesamteinsparung: 155.000 €/Jahr
- Investition (Hardware + Software + Schulung): 80.000 €
- ROI: 155.000 / 80.000 = 1,94 (Amortisation in ~6 Monaten)
Der laufende Betrieb wurde dadurch effizienter und kostengünstiger, und die Mitarbeiterzufriedenheit stieg merklich.
Schlüsselbegriffe
| Begriff | Definition |
|---|---|
| Betriebsablauf-Analyse | Systematische Untersuchung von Arbeits- und Geschäftsprozessen zur Erkennung von Verbesserungspotenzialen |
| Swimlane-Diagramm | Prozessdiagramm, das Prozesse in Bahnen unterteilt, um Verantwortlichkeiten und Schnittstellen zu zeigen |
| Medienbruch | Informationsverlust oder Effizienzstopp durch Wechsel des Mediums (z. B. von Digital auf Papier) |
| Doppelarbeit | Identische Aufgaben, die mehrfach erfasst oder ausgeführt werden |
| Engpass | Prozessschritt mit begrenzter Kapazität, der den Gesamtablauf bremsen kann |
| Potenzialanalyse | Strukturierte Untersuchung von Verbesserungschancen in bestehenden Strukturen und Prozessen |
| ROI | Return on Investment; Kennzahl für die Wirtschaftlichkeit einer Investition |
| Ist-Aufnahme | Erfassung und Dokumentation des aktuellen Zustands von Prozessen |
| Schnittstelle | Übergabepunkt zwischen Prozessschritten, Rollen oder Systemen |
| Echtzeit-Information | Informationen, die sofort verfügbar und aktuell sind |
Verständnisfragen
Frage 1: Swimlane-Diagramm interpretieren
Ein Swimlane-Diagramm zeigt, dass ein Kunde eine Bestellung aufgibt, diese dann vom Vertrieb geprüft wird, anschließend an die Produktion weitergeleitet wird und schließlich von der Logistik versendet wird. Welcher Aspekt wird durch die Darstellung in verschiedenen Bahnen (Swimlanes) besonders hervorgehoben und warum ist dies wichtig?
Lösung: Die Darstellung in verschiedenen Bahnen (Swimlanes) hebt besonders die Verantwortlichkeiten und Schnittstellen hervor. Jede Bahn repräsentiert eine Rolle oder Abteilung (Kunde, Vertrieb, Produktion, Logistik). Dies ist wichtig, weil: 1. Klar wird, wer für welchen Prozessschritt verantwortlich ist 2. Schnittstellen zwischen Abteilungen werden sichtbar (z. B. Vertrieb → Produktion, Produktion → Logistik) 3. Kommunikationsflüsse werden erkennbar 4. Potenzielle Engpässe oder Medienbrüche an Schnittstellen identifiziert werden können
Dadurch können Doppelarbeiten, fehlende Verantwortlichkeiten oder Ineffizienzen an den Übergabepunkten erkannt und optimiert werden.
Frage 2: Potenzialanalyse priorisieren
Ein Unternehmen hat folgende Potenziale identifiziert: A) Einführung eines CRM-Systems: Kosten 120.000 €, Nutzen 80.000 €/Jahr, Aufwand 6 Monate B) Automatisierung einer manuellen Eingabe: Kosten 20.000 €, Nutzen 25.000 €/Jahr, Aufwand 1 Monat C) Migration in die Cloud: Kosten 300.000 €, Nutzen 150.000 €/Jahr, Aufwand 12 Monate
Berechnen Sie den ROI für alle drei Projekte und empfehlen Sie eine Priorisierung mit Begründung.
Lösung: ROI-Berechnung (Amortisationszeit = Kosten / Nutzen pro Jahr):
- A) CRM-System: ROI = 120.000 / 80.000 = 1,5 (Amortisation in 1,5 Jahren)
- B) Manuelle Eingabe automatisieren: ROI = 20.000 / 25.000 = 0,8 (Amortisation in 0,8 Jahren = ~10 Monaten)
- C) Cloud-Migration: ROI = 300.000 / 150.000 = 2,0 (Amortisation in 2 Jahren)
Priorisierungsempfehlung:
-
Priorität 1: B) Automatisierung der manuellen Eingabe (Quick Win)
- Kürzeste Amortisationszeit (10 Monate)
- Geringster Aufwand (1 Monat)
- Schneller Erfolg, Ressourcen werden schnell wieder verfügbar
-
Priorität 2: A) CRM-System (Mittelfristiges Projekt)
- Mittlere Amortisationszeit (1,5 Jahre)
- Mittlerer Aufwand (6 Monate)
- Strategische Bedeutung für Kundenbeziehungen
-
Priorität 3: C) Cloud-Migration (Langfristiges Projekt)
- Längste Amortisationszeit (2 Jahre)
- Höchster Aufwand (12 Monate)
- Langfristige strategische Entscheidung, wenn die anderen Projekte erfolgreich abgeschlossen sind
Frage 3: Schwachstelle identifizieren und beheben
Ein Unternehmen bemerkt, dass Rechnungen im Durchschnitt 7 Tage zur Bearbeitung benötigen. Die Analyse zeigt folgenden Prozess: Die Rechnung per E-Mail empfangen → PDF ausdrucken → Papierformular ausfüllen → PDF erneut einscannen → Daten manuell ins ERP-System eingeben → Prüfung und Freigabe. Welche Schwachstelle liegt vor und wie könnte diese behoben werden?
Lösung: Identifizierte Schwachstelle: Medienbruch und Doppelarbeit
Der Prozess weist mehrere Medienbrüche auf: * E-Mail (digital) → PDF ausdrucken (Papier) * Papier → PDF erneut einscannen (digital) * PDF → manuelle Eingabe (digital)
Dies führt zu Verzögerungen, erhöhter Fehleranfälligkeit und unnötigem Aufwand.
Behebung der Schwachstelle:
- Einführung von E-Invoicing: Rechnungen werden direkt digital verarbeitet, ohne Ausdrucken und Einscannen
- OCR (Optical Character Recognition): PDF-Rechnungen werden automatisch ausgelesen
- Automatische Erfassung im ERP-System: Die extrahierten Daten werden direkt ins ERP übertragen
- Workflow-Automatisierung: Der Prüfungs- und Freigabeprozess wird digitalisiert
Erwartetes Ergebnis: * Durchlaufzeit: 7 Tage → < 1 Stunde * Fehlerquote: Durch automatische Validierung reduziert * Kosten: Durch Automatisierung Personalkosten eingespart
Frage 4: Analyseergebnis interpretieren
Eine Potenzialanalyse zeigt, dass ein Unternehmen 200.000 € pro Jahr durch ineffiziente Prozesse verliert. Die Aufteilung ist: 80.000 € durch Doppelarbeiten, 60.000 € durch Medienbrüche, 40.000 € durch manuelle Fehler, 20.000 € durch Engpässe. Das Unternehmen hat ein Budget von 150.000 € für Prozessoptimierungen zur Verfügung. Welche Maßnahmen sollten priorisiert werden und warum?
Lösung: Analyse der Kostenarten:
| Kostenart | Kosten pro Jahr | Anteil an Gesamtkosten |
|------------|-----------------|----------------------| | Doppelarbeiten | 80.000 € | 40% | | Medienbrüche | 60.000 € | 30% | | Manuelle Fehler | 40.000 € | 20% | | Engpässe | 20.000 € | 10% | | Gesamt | 200.000 € | 100% |
**Priorisierungsempfehlung:**
**Phase 1: Behebung von Doppelarbeiten (Budget ca. 60.000 €)**
* Größter Kostenblock (80.000 €/Jahr)
* ROI-Betrachtung: 60.000 € Investition → 80.000 €/Jahr Einsparung = Amortisation in 9 Monaten
* Maßnahmen: Systemintegration, Workflow-Optimierung
**Phase 2: Behebung von Medienbrüchen (Budget ca. 50.000 €)**
* Zweitgrößter Kostenblock (60.000 €/Jahr)
* ROI-Betrachtung: 50.000 € Investition → 60.000 €/Jahr Einsparung = Amortisation in 10 Monaten
* Maßnahmen: Digitalisierung, E-Invoicing, automatische Datenübertragung
**Phase 3: Reduzierung manuelle Fehler (Budget ca. 30.000 €)**
* Dritter Kostenblock (40.000 €/Jahr)
* ROI-Betrachtung: 30.000 € Investition → 40.000 €/Jahr Einsparung = Amortisation in 9 Monaten
* Maßnahmen: Validierung, Automatisierung, Schulung
**Phase 4: Behebung von Engpässen (Budget ca. 10.000 €)**
* Kleinster Kostenblock (20.000 €/Jahr)
* ROI-Betrachtung: 10.000 € Investition → 20.000 €/Jahr Einsparung = Amortisation in 6 Monaten
* Maßnahmen: Kapazitätsausbau, Priorisierung, Prozessumgestaltung
**Ergebnis:** Gesamtbudget von 150.000 € wird vollständig ausgeschöpft, Amortisation insgesamt nach ca. 9 Monaten, Einsparungen von 200.000 €/Jahr, also 50.000 €/Jahr positiv ab Phase 1.