6. Projektabschluss
Lernziele
Nach diesem Kapitel können Sie: - Die Projektabschlussphase nach verschiedenen Standards (DIN 69901, PMBOK, PRINCE2) verstehen - Die wesentlichen Aktivitäten des Projektabschlusses kennen und durchführen - Nachkalkulation und Abweichungsanalyse erstellen - Projektabschlussbericht erstellen und kommunizieren - Projektdokumentation archivieren und Ressourcen rückführen
Modul Übersicht
Kapitel 6 Lesezeit: ~25 Min Quelle: OuP-10-C_Abnahme_Abschluss.pdf, FS-ITB-12-Steuerung-02-Abnahme-Abschluss_v0c.pdf
1. Grundlagen des Projektabschlusses
1.1 Definition
Mit dem Projektabschluss tritt das Projekt in seine letzte Prozessphase. So wie es wichtig war, dass das Projekt in einer "definierten" Form begonnen und systematisch in der Projektplanung angegangen wurde, so wichtig ist auch ein geregelter und eindeutiger Abschluss eines Projekts.
Definition nach DIN 69901:2009
Gesamtheit der Tätigkeiten und Prozesse zur formalen Beendigung eines Projektes
1.2 Ziele des Projektabschlusses
Der Projektabschluss umfasst diejenigen Tätigkeiten eines Projekts, die dazu dienen, alle Projektprozesse und Projektmanagementprozesse zu beenden und die Abnahme des Projekts herbeizuführen.
Wesentliche Ziele:
| Ziel | Beschreibung |
|---|---|
| Vertragsprüfung | Prüfen, ob alle vertraglichen Leistungen erfüllt und abgenommen sind |
| Auswertung | Systematische Auswertung, um die Kalkulationsbasis für nachfolgende Projekte zu verbessern |
| Wissensmanagement | Erworbenes Wissen archivieren und weiteren Projekten zur Verfügung stellen |
| Personalmanagement | Mitarbeiter rechtzeitig auf Projektbeendigung vorbereiten |
1.3 Herausforderungen
Wesentliche Herausforderungen: - Nachhaltige Lessons-Learned-Kultur - Verankerung der Erfahrungen außerhalb der Projektarbeit - Zeitmangel (wichtigster Grund, warum Nachkalkulation nicht durchgeführt wird) - Gewährleistung von kontinuierlicher Qualität
Wichtig
Der Projektabschluss wird oft vernachlässigt, da Projekte in die nächste Aufgabe übergehen. Dies führt zu Verlust von Wissen und Chancen zur Verbesserung.
2. Projektabschluss nach verschiedenen Standards
2.1 DIN 69901-5:2009
Die aktuelle DIN 69901-5:2009 kennt den Begriff "Projektabschluss" nicht. Sie definiert die Begriffe "Abschlussphase" sowie "Abschluss" als "Projektmanagementphase".
Auslöser der Abschlussphase ist im Prozessmodell der DIN 69901-2 der Prozess "Abnahme erteilen".
Die Abschlussphase dient demzufolge nur noch der Nachbereitung des Projekts in der Trägerorganisation.
Aktivitäten der PM-Phase "Abschluss" nach DIN 69901:2009: - Nachkalkulation erstellen - Verträge beenden - Projektabschlussbericht erstellen - Abschlussbesprechung durchführen - Leistungen würdigen - Projekterfahrungen sichern - Projektdokumentation archivieren - Ressourcen rückführen - Projektorganisation auflösen
2.2 PMBOK Guide
Der PMBOK® Guide, Fifth Edition, benennt "Closing the Project" als letzten Abschnitt des generischen Projektlebenszyklus.
Abschlussprozessgruppe: - Close Project or Phase (Abschließen eines Projekts oder einer Phase) - Close Procurements (Abschließen des Beschaffungswesens)
Ergebnisse: - Übergabe des Projektergebnisses - Abschließende Aktualisierung der Projektdokumente - Abschlussberichte - Lessons Learned
2.3 ICB 3.0 und PM3
In der ICB 3.0 ist der Projektabschluss (Close-out) als eine von 20 technischen Kompetenzen definiert.
Vier Prozessschritte nach Burghardt:
- Produktabnahme
-
Prüfung und Akzeptanz der Ergebnisse
-
Projektabschlussanalyse (Projekt-Evaluation)
- Nachkalkulation
- Abweichungsanalyse
- Wirtschaftlichkeitsanalyse
-
Kundenbefragung
-
Erfahrungssicherung
- Produktbezogene und projektbezogene Erfahrungsdaten
-
Kennzahlen
-
Projektauflösung
- Projektabschlussbericht erstellen und kommunizieren
- Abschlussbesprechung durchführen
- Projektdokumentation archivieren
- Personalressourcen beurteilen und Ressourcen rückführen
- Projektparty / Projektabschlussveranstaltung
- Formales Projektende und ggf. Information an Portfolio-Management
2.4 PRINCE2
Für PRINCE2 sind alle Tätigkeiten zur Erstellung, Prüfung und Übergabe von Produkten sog. Spezialistentätigkeiten. Somit zählen auch technische Abnahmen nicht zu den Tätigkeiten des Projektabschlusses, sondern zu den Spezialistentätigkeiten.
Demzufolge kennt PRINCE2 keine Abschlussphase, sondern lediglich den Prozess "Abschließen eines Projekts" (Closing a Project), der während der letzten Managementphase parallel zu den letzten Spezialistentätigkeiten durchgeführt wird.
Zeitpunkt des Projektabschlusses: - Eindeutig definiert durch die Entscheidung des Lenkungsausschusses - Auf Antrag des Projektmanagers das Projekt als abgeschlossen zu erklären
Anmerkung
Die unterschiedliche Definition von Projektabschluss in verschiedenen Richtlinien kann für erhebliche Verwirrung und Missverständnisse zwischen den Beteiligten sorgen. Klären Sie daher vorab, welches Standard oder welche Methodik verwendet wird.
3. Nachkalkulation erstellen
3.1 Zielsetzung
Auf Basis des Projektplans (Kosten, Finanzmittel, Businessplan) erfolgt das Zusammentragen aller wesentlichen kaufmännischen IST-Daten und eine Gegenüberstellung der in der Vorkalkulation geschätzten Plandaten sowie der erreichten Produktergebnisgrößen.
Die Projektnachkalkulation ist damit auch eine Art Projektergebnisrechnung.
Ziele: - Ermittlung der tatsächlichen Kosten eines Projekts und Überprüfen der wirtschaftlichen Tragfähigkeit - Kontrolle der zu Projektbeginn gemachten Wirtschaftlichkeitsprognosen am Projektende
Grundlage für: - Projektbewertung - Abweichungsanalyse - Erfahrungssicherung - Zukünftigen Angebotsprozess
Problem in der Praxis
Die Nachkalkulation wird bei vielen Projekten nicht durchgeführt. Der wichtigste Grund ist Zeitmangel!
3.2 Plan-/Ist-Abgleich
Beispiel 1: Plan-/Ist-Abgleich
| Kostenart | Plan-Soll | Plan-Ist | Abweichung |
|---|---|---|---|
| Personalkosten | 100.000 € | 120.000 € | +20.000 € |
| Sachkosten | 30.000 € | 25.000 € | -5.000 € |
| Externe Services | 50.000 € | 60.000 € | +10.000 € |
| Gesamt | 180.000 € | 205.000 € | +25.000 € |
Beispiel 2: Plan-/Ist-Abgleich auf Phasenebene
| Phase | Plan-Soll | Plan-Ist | Abweichung |
|---|---|---|---|
| Analyse | 35.000 € | 30.000 € | -5.000 € |
| Design | 45.000 € | 50.000 € | +5.000 € |
| Implementierung | 80.000 € | 100.000 € | +20.000 € |
| Test | 20.000 € | 25.000 € | +5.000 € |
| Gesamt | 180.000 € | 205.000 € | +25.000 € |
Praxisempfehlung
Eine Projekt-Abschluss-Kalkulation ist nicht nur auf Projektebene notwendig, sondern auch je Phase/Teilaufgabe. Dies ermöglicht eine detaillierte Analyse, wo die Abweichungen entstanden sind.
3.3 Projekt-Evaluation
Überprüfung des Erfolgs / Misserfolgs des Projekts: - Basierend auf den Erfolgskriterien bzw. den Erfolgsindikatoren der Ziele / Unterziele - Vergleich der Erwartungen mit den Ergebnissen - Formulierung von Kommentaren und Empfehlungen
Mögliche Kennzahlen für Plan-/Ist-Abgleiche:
| Kategorie | Kennzahl | Referenz |
|---|---|---|
| Erfolgskriterien / Ziele | Zielerreichungsgrad | Projektplan |
| Leistung | Geplanter vs. realisierter Leistungsumfang, Change-Management | Projektplan |
| Kosten | CPI (Cost Performance Index): EV / AC | EVA |
| Termin | SPI (Schedule Performance Index): EV / PV | EVA |
| Risiken | Risikobudget vs. Risikoaufwand | Risikoregister |
| Qualität | Qualitätskosten / Qualitätsaufwand | Qualitätsbericht |
| Kommunikation | Wirksamkeit der Maßnahmen Stakeholdermanagement | Kommunikationsplan |
4. Abweichungsanalyse
4.1 Ursachenanalyse
Auf Basis der Projektnachkalkulation wird eine Abweichungsanalyse der Projekt- und Produktparameter erstellt. Durch sie sollen Maßnahmen und Lösungsansätze für das künftige Vermeiden größerer Abweichungen von den Planvorgaben abgeleitet werden.
Mögliche Ursachen für Planabweichungen:
| Ursachenkategorie | Beispiele | Maßnahmen |
|---|---|---|
| Schätzfehler | Aufwand unterschätzt, Komplexität falsch eingeschätzt | Schulung, Erfahrungswerte nutzen |
| Änderungen | Scope Creep, ungeplante Änderungen | Change Management, klare Anforderungen |
| Ressourcenprobleme | Nicht verfügbare Ressourcen, schlechtere Qualifikation | Ressourcenmanagement, Schulung |
| Risikotreffer | Unvorhergesehene Ereignisse | Risikomanagement, Contingency-Puffer |
| Externe Faktoren | Lieferantenprobleme, Marktveränderungen | Lieferantenmanagement, Puffer |
| Kommunikation | Missverständnisse, fehlende Informationen | Verbesserte Kommunikation |
| Qualitätsprobleme | Nacharbeit, Fehlerbehebung | Qualitätssicherung, Tests |
4.2 Analyse-Tabelle
Beispiel einer Abweichungsanalyse:
| Arbeitspaket | Plan-Kosten | Ist-Kosten | Abweichung | Ursache | Maßnahme |
|---|---|---|---|---|---|
| AP 2.1 | 50.000 € | 75.000 € | +25.000 € | Komplexität unterschätzt | Erfahrungswerte dokumentieren |
| AP 3.2 | 30.000 € | 35.000 € | +5.000 € | Zusätzliche Anforderungen | Change Management verbessern |
| AP 4.1 | 20.000 € | 15.000 € | -5.000 € | Effizientere Methoden | Best Practice etablieren |
5. Verträge beenden
5.1 Vorgehensweise
- Abschluss aller Verträge, die nach Projektende nicht mehr benötigt werden
- Überprüfung, welche Verträge nach Projektende noch für den Weiterbetrieb der vom Projekt erstellten Leistungen notwendig sind
- Übergabe der noch notwendigen Verträge an die betreuenden Organisationseinheiten
Typische Verträge: - Lieferantenverträge - Lizenzverträge - Mietverträge (Hardware, Räume) - Dienstleistungsverträge - Wartungsverträge
Praxisempfehlung
Erstellen Sie eine Vertragsübersicht, die alle relevanten Verträge mit Fristen, Kündigungsfristen und Übergabeverantwortlichkeiten listet.
6. Projektabschlussbericht erstellen und kommunizieren
6.1 Definition
Nach DIN 69901-5:2009 ist der Projektabschlussbericht (engl. project closing report) eine "zusammenfassende, abschließende Darstellung von Aufgaben und erzielten Ergebnissen, von Zeit-, Kosten- und Personalaufwand sowie gegebenenfalls von Hinweisen für mögliche Anschlussprojekte."
6.2 Inhalt
Der Projektabschlussbericht dokumentiert: - Den Ablauf - Die tatsächlich erreichten Leistungen des Projekts - Vergleich mit dem ursprünglich vereinbarten Leistungsumfang
Zeitpunkt: - Nach der Abnahme durch den Auftraggeber - Bei Projektabbruch
Von besonderer Relevanz sind:
1. Analyse des Projektverlaufs (Abwicklungsprozesses)
- Die Organisation
- Die Planverfahren und deren Einhaltung
- Die Abweichungen von Terminen, Kosten, Leistungen und Qualität
- Die Kommunikation
- Die Abläufe
- Das Führungsverhalten
- Das Stakeholder-Management
- Das Risiko-Management (u.a. gab es unvorhergesehene Risiken, die eingetreten sind)
2. Abweichungsanalysen
- Projektbezogene Abweichungen (Kosten, Zeit)
- Produktmerkmale (Funktionalität, Qualität)
- Personelle, technische, organisatorische Ursachen
- Vermeidbare bzw. nicht oder kaum vermeidbare Ursachen
- Korrekturmaßnahmen
3. Ggf. offene Punkte
- Offene Mängel
- Offene Aufgaben
- Offene Verpflichtungen
6.3 Struktur-Beispiel
| Abschnitt | Inhalte |
|---|---|
| Management Summary | Kurze Zusammenfassung, wesentliche Ergebnisse |
| Projektsteckbrief | Projektname, Projektziele, Stakeholder, Zeitraum |
| Ergebnisse | Erbrachte Leistungen, Abnahmestatus, Zielerreichung |
| Zeit- und Kostenanalyse | Soll/Ist-Vergleich, Abweichungen, Ursachen |
| Qualitätsanalyse | Qualitätskennzahlen, Testergebnisse |
| Lessons Learned | Gelernte Erfahrungen, Empfehlungen |
| Offene Punkte | Restpunkte, Nacharbeiten, Gewährleistung |
| Anschlussprojekte | Empfehlungen für Folgeprojekte |
| Anlagen | Detaillierte Anhänge |
7. Abschlussbesprechung durchführen (Lessons Learned)
7.1 Begriff und Ziel
Die förmliche Projektabschlusssitzung wird auch als "Kick-Out-Meeting" oder als "Lessons-Learned-Workshop" bezeichnet; je nachdem wie die Schwerpunkte bei dieser Besprechung gesetzt werden.
Diese Abschlussbesprechung dient der Aufarbeitung des Projektverlaufes und der Sicherstellung des Wissens, das in diesem Projekt erworben wurde. Hierzu zählen sowohl positive wie negative Elemente, die das Projekt bzw. seinen Verlauf beeinflusst haben.
Zukünftige Projektteams sollen von diesen Erfahrungen profitieren und schon einmal gemachte Fehler sollen vermieden werden. Bewährtes, das die Wahrscheinlichkeit des Projekterfolgs erhöht, soll genutzt werden.
7.2 Inhalte
Hard Facts (die sachliche Seite des Projekts):
| Kategorie | Aspekte |
|---|---|
| Projekt-/Prozessbezogen | Projektablauf, Planungsverfahren, Termin-, Kosten-, Leistungsabweichungen |
| Produktbezogen | Funktionalität, Qualität, Performance, User Experience |
Soft Facts (die Zusammenarbeit im Projekt): - Teamdynamik - Kommunikation - Führung - Stakeholder-Management
7.3 Fragen zur Ermittlung von Lessons Learned
Allgemeiner Projektverlauf
- Was haben wir aus diesem Projekt gelernt? (lessons learned)
- Was ist in diesem Projekt gut gelaufen?
- Was ist in diesem Projekt schlecht gelaufen?
- Was hätten wir anders machen sollen?
- Was kann optimiert werden?
- Was sollte in zukünftigen Projekten berücksichtigt werden?
- Welche Faktoren und Bedingungen förderten das Projekt und wie wurden diese im Projekt genutzt?
- An welcher Stelle gab es Schwierigkeiten und Probleme und wie wurden diese gelöst?
- Worauf sollten andere bei ähnlichen Problemstellungen achten?
Ziele
- Wurde das Projektziel erreicht?
- War der Auftraggeber mit dem Ergebnis zufrieden?
- Wurde das Budget eingehalten?
- Wurde der Termin gehalten?
- Wurde der anfänglich vereinbarte Leistungsumfang geliefert?
- Ggf. welche Gründe gab es für Abweichungen?
Vorgehensweise und Projektmanagementmethode
- War die Vorgehensweise für die gestellte Aufgabe geeignet?
- Welche Vorgehensweise wäre im Rückblick effektiver und effizienter gewesen?
- Wurde der Change-Management-Prozess gelebt?
- Wie hat sich die eingesetzte Projektmanagementmethode bewährt und welche Veränderungen und Erweiterungen der Methode können vorgeschlagen werden?
Fachliche und soziale Kompetenz Projektteam
- Hatten die Projektmitarbeiter die erforderlichen fachlichen Kompetenzen?
- Welche fachlichen Kompetenzen haben gefehlt?
- Waren die Projektmitarbeiter teamfähig?
- Waren die kommunikativen Kompetenzen der Teammitglieder ausreichend?
- Wie wurden fehlende Kompetenzen im Projekt erworben?
- Welche Qualifizierungsmöglichkeiten wurden im Projekt genutzt?
Befugnisse und Entscheidungsspielräume
- Hatte der Projektleiter die erforderlichen Befugnisse und Entscheidungsspielräume?
- Welche Entscheidungsbefugnisse hatten Teilprojektleiter oder Projektmitarbeiter und wie wurden diese genutzt?
- Wie wurden Entscheidungen gefällt und was hat sich dabei bewährt?
- Wie wurden Probleme und Entscheidungen eskaliert?
Kommunikation
- Wie wurden die Stakeholder eingebunden?
- Was hat sich dabei bewährt?
- Was hätte man besser machen können?
- Können daraus Best Practices in der Stakeholder-Kommunikation abgeleitet werden?
- Welche Erfahrungen wurden in der Kommunikation mit Sponsor, Kunden und vom Projektergebnis Betroffenen gemacht?
Fehler
- Welche Fehler wurden gemacht?
- Was waren die Ursachen?
- Wie hätten sie sich vermeiden lassen?
- Was kann man daraus lernen?
- Wie lassen sich diese Fehler zukünftig vermeiden?
Probleme und Risiken
- Welche Probleme gab es?
- Wie wurde das Risikomanagement durchgeführt?
- Welche Maßnahmen zur Risikobehandlung wurden ergriffen?
- Welche Risiken traten ein und wie wurde darauf reagiert?
- Welche Chancen ergaben sich im Projekt und wie wurden diese genutzt?
Best Practices und Optimierungsfelder
- Was gelang allgemein so gut, dass es definitiv wieder eingesetzt / genutzt / durchgeführt werden kann?
- Was misslang?
- Was sollte in einem anderen Projekt nicht wieder gemacht werden?
- Was lässt sich verbessern und kann in veränderter Form in einem anderen Projekt eingesetzt werden?
Weitere zu behandelnde Themen
- Sind notwendige Folgeaktivitäten (u.a. für Nutzung/Betrieb) veranlasst?
- Ist die Projekt-Dokumentation vollständig?
- Sind alle Rechnungen gestellt?
8. Leistungen würdigen
Die Leistungen der Projektbeteiligten werden in geeigneter Form (z.B. materielle oder immaterielle Anerkennung) gewürdigt und das Erreichen der Projektziele gebührend gefeiert.
Formen der Würdigung: - Team-Events - Zertifikate oder Urkunden - Boni oder Prämien - Öffentliches Lob - Weiterbildungsmöglichkeiten - Empfehlungsschreiben
Praxisempfehlung
Die Würdigung von Leistungen motiviert das Team und stärkt die Bindung an das Unternehmen. Eine Projektparty oder ein gemeinsames Abschlussessen sind einfache, aber effektive Möglichkeiten.
9. Projekterfahrungen sichern
9.1 Herausforderung
Das einfache Sichern aller Dokumente und Berichte des Projekts liefert noch keinen Nutzen für nachfolgende Projekte.
Es müssen die "wesentlichen Merkmale und Erkenntnisse" aus dem abzuschließenden Projekt extrahiert und für Nachfolgeprojekte zugreifbar gemacht werden.
9.2 Erfahrungsdatenbank
Eine Erfahrungsdatenbank bietet eine Grundlage für: - Aufwandsschätzungen - Produktivitätsbetrachtungen - Projektbeurteilungen - Wissenstransfer
9.3 Themenbereiche der Erfahrungssicherung
Projektorientiert
| Bereich | Inhalte |
|---|---|
| Projektplanung / Projektcontrolling | Planabweichungen inkl. der Steuerungsmaßnahmen |
| Leistung, Kosten, Termin | Abweichungen, Ursachen, Maßnahmen |
| Risikomanagement | Maßnahmen zur Risikobehandlung |
| Kommunikationsmanagement | Erfolgreiche / nicht erfolgreiche Maßnahmen |
| Stakeholdermanagement | Erfolgreiche / nicht erfolgreiche Maßnahmen |
| Konfliktmanagement | Erfolgreiche / nicht erfolgreiche Maßnahmen |
| Änderungsmanagement | Umgang mit Änderungsanträgen |
| Qualitätsmanagement | QS-Kosten |
| Fehlermanagement | Fehlerkosten |
| Ressourcenmanagement | Produktivität und Overhead |
| Zusammenarbeit im Projekt | Fachliche und soziale Kompetenz Projektteam |
| Effizienz der Projektorganisation | Z.B. Entscheidungsprozesse |
| Effizienz des Projektmanagements | Z.B. Methoden, Verfahren |
Produktorientiert
| Bereich | Inhalte |
|---|---|
| Komplexität des Produktes | Schnittstellen, Abhängigkeiten |
| Testabdeckungsgrad | Durchgeführte Testfälle, Coverage |
| Roll-Out | Erfahrungen bei der Einführung |
Praxisempfehlung
Verwenden Sie eine strukturierte Vorlage für die Dokumentation von Lessons Learned. Dies erleichtert die Konsistenz und spätere Wiederauffindbarkeit.
10. Projektdokumentation archivieren
10.1 Prüfung der Projektdokumentation
- Prüfung der Projektdokumentation auf Konsistenz und Vollständigkeit
Typischer Inhalt einer Projektdokumentation:
| Kategorie | Dokumente |
|---|---|
| Projektmanagement-Dokumente | Projektauftrag, Projektplan, Berichte, Statusberichte |
| Produkt-Dokumente | Anforderungen, Design-Spezifikationen, Testdokumentation |
| System-Dokumentation | Systemarchitektur, Schnittstellenbeschreibung |
| Betriebs-Dokumentation | Handbücher, Installationsanleitungen, Notfallpläne |
| Qualitäts-Dokumente | Testprotokolle, Abnahmeprotokolle, Mängellisten |
| Vertrags-Dokumente | Verträge, Change Requests, Angebote |
| Finanz-Dokumente | Rechnungen, Budgetplanungen, Nachkalkulation |
10.2 Integration und Bereitstellung
- Integration in das vorhandene Archiv
- Bereitstellung für ggf. notwendige Recherchen
- Zugriffsberechtigungen definieren
Praxisempfehlung
Nutzen Sie ein zentrales Dokumenten-Management-System (DMS) für die Archivierung. Dies erleichtert die Wiederauffindbarkeit und Versionierung.
11. Ressourcen rückführen
11.1 Maßnahmen
Die Maßnahmen hängen sehr stark von der jeweiligen Form der gewählten Projektorganisation ab. Sie stellen bei Linienorganisation und Matrixorganisation kein Problem dar; können aber bei einer reinen Projektorganisation von erheblicher Brisanz sein.
Ressourcenarten:
| Ressourcenart | Maßnahmen |
|---|---|
| Projektteam (Mitarbeiter) | Beurteilen (durch Projektleiter) |
| Projektleiter | Beurteilen (durch Auftraggeber und/oder Projekt-Team) |
| Andere Ressourcen | Hardware, Testumgebungen, Möbel und Arbeitsräume |
11.2 Personalrückführung
Beurteilung: - Leistungsbewertung - Kompetenzentwicklung - Übernahme in Folgeprojekte - Freistellung für andere Aufgaben
Zeitplanung: - Rechtzeitige Information über Projektende - Planung der Übergabe in neue Projekte - Berücksichtigung von Urlaubs- und Ausfallzeiten
12. Projektorganisation auflösen
12.1 Formales Projektende
- Überprüfung, ob wirklich alle Arbeiten am Projekt beendet sind
- Projektleiter und ggf. das Projektteam werden entlastet
- Projektparty / Projektabschlussveranstaltung
12.2 Auflösungsschritte
- Abschlussprüfliste durchgehen
- Alle Aufgaben erledigt?
- Alle Dokumente archiviert?
- Alle Verträge gekündigt/übergeben?
-
Alle Ressourcen zurückgeführt?
-
Formale Freigabe
- Freigabe durch Lenkungsausschuss oder Auftraggeber
- Dokumentation des Projektendes
-
Information aller Stakeholder
-
Administrative Auflösung
- Projekt-ID freigeben
- Budgets schließen
-
Berechtigungen entziehen
-
Projektparty / Abschlussfeier
- Würdigung der Leistungen
- Celebration des Erfolgs
- Networking
Praxisempfehlung
Nutzen Sie eine Abschlussprüfliste, um sicherzustellen, dass alle Schritte durchgeführt wurden. Dies verhindert, dass Aufgaben "durch das Raster fallen".
13. Zusammenfassung
13.1 Kernpunkte
Der Projektabschluss umfasst die Tätigkeiten zur formalen Beendigung eines Projektes. Die wichtigsten Aspekte sind:
- Nachkalkulation: Plan-/Ist-Vergleich zur Verbesserung zukünftiger Projekte
- Abweichungsanalyse: Ursachen von Abweichungen identifizieren und Maßnahmen ableiten
- Projektabschlussbericht: Zusammenfassende Darstellung des Projekts
- Lessons Learned: Systematische Auswertung von Erfahrungen
- Archivierung: Dokumentation und Wissen für nachfolgende Projekte sichern
- Ressourcenrückführung: Mitarbeiter und Ressourcen in neue Projekte überführen
13.2 Erfolgsfaktoren
| Erfolgsfaktor | Beschreibung |
|---|---|
| Rechtzeitige Planung | Projektabschluss bereits zu Projektbeginn planen |
| Kontinuierliche Dokumentation | Nicht erst am Ende dokumentieren |
| Einbindung aller Beteiligten | Lessons Learned Workshop mit allen Teammitgliedern |
| Strukturierte Vorgehensweise | Nutzung von Vorlagen und Checklisten |
| Nachhaltigkeit | Wissen organisational verankern, nicht nur projektbezogen |
Abschluss-Tipp
Ein professioneller Projektabschluss ist der Abschluss des aktuellen Projekts und der Startschuss für erfolgreiche Folgeprojekte. Investieren Sie die Zeit in eine systematische Auswertung und Wissenssicherung – die Investition zahlt sich in zukünftigen Projekten vielfach aus.
Schlüsselbegriffe
| Begriff | Definition |
|---|---|
| Projektabschluss | Gesamtheit der Tätigkeiten zur formalen Beendigung eines Projektes |
| Nachkalkulation | Gegenüberstellung von Plan- und Ist-Kosten am Projektende |
| Abweichungsanalyse | Analyse der Ursachen von Planabweichungen |
| Projektabschlussbericht | Zusammenfassende Darstellung von Aufgaben und Ergebnissen |
| Lessons Learned | Systematische Auswertung von Erfahrungen zur Prozessverbesserung |
| Kick-Out-Meeting | Formelle Projektabschlusssitzung |
| Erfahrungsdatenbank | Datenbank zur Speicherung von Projekterfahrungen |
| Ressourcenrückführung | Überführung von Mitarbeitern und Ressourcen in neue Projekte |
| Projektorganisation auflösen | Formale Beendigung der Projektstruktur |
Verständnisfragen
Frage 1
Nennen Sie die Aktivitäten der PM-Phase "Abschluss" nach DIN 69901:2009 und erklären Sie kurz den Zweck jeder Aktivität.
Lösung: 1. Nachkalkulation erstellen: Plan-/Ist-Vergleich zur Wirtschaftlichkeitsprüfung 2. Verträge beenden: Abschluss oder Übergabe von Verträgen 3. Projektabschlussbericht erstellen: Zusammenfassende Dokumentation des Projekts 4. Abschlussbesprechung durchführen: Lessons Learned Workshop 5. Leistungen würdigen: Anerkennung und Motivation des Teams 6. Projekterfahrungen sichern: Wissensmanagement für Folgeprojekte 7. Projektdokumentation archivieren: Sicherung und Bereitstellung von Dokumenten 8. Ressourcen rückführen: Überführung von Mitarbeitern in neue Aufgaben 9. Projektorganisation auflösen: Formale Beendigung der Projektstruktur
Frage 2
Warum ist die Nachkalkulation für nachfolgende Projekte wichtig und welche Informationen liefert sie?
Lösung: Die Nachkalkulation liefert fundierte Daten zur Verbesserung der Kalkulationsbasis für zukünftige Angebote. Sie liefert: - Tatsächliche Kosten (Ist) vs. geplante Kosten (Soll) - Identifikation von Abweichungen und deren Ursachen - Basis für Aufwandsschätzungen in Folgeprojekten - Erfahrungswerte für Planung und Risikomanagement - Daten zur Beurteilung der Wirtschaftlichkeit von Projekten
Frage 3
Erklären Sie die Bedeutung von "Lessons Learned" für die organisationale Lernkurve. Warum reicht das einfache Sichern von Dokumenten nicht aus?
Lösung: Lessons Learned sind die systematische Auswertung von Erfahrungen (positiv und negativ) zur Prozessverbesserung. Das einfache Sichern von Dokumenten liefert keinen Nutzen für nachfolgende Projekte, da die Informationen nicht aufbereitet sind. Erforderlich ist die Extraktion der "wesentlichen Merkmale und Erkenntnisse" und deren Verfügbarmachung für Nachfolgeprojekte. Dies umfasst: - Ursachen von Problemen und Erfolgen - Maßnahmen und Best Practices - Kennzahlen und Erfahrungswerte - Strukturierte Dokumentation in einer Erfahrungsdatenbank Nur durch diese Aufbereitung kann organisationales Wissen aufgebaut werden, das über das individuelle Projekt hinausgeht.