1. Projektcontrolling
Lernziele
Nach diesem Kapitel können Sie: - Das Projektcontrolling von übergeordnetem Portfolio-Controlling abgrenzen - Die Bedeutung von Soll-Ist-Vergleichen im Projektmanagement verstehen - Verschiedene Controlling-Methoden und Kennzahlen anwenden - Den Projektcontrolling-Regelkreis als Steuerungsinstrument nutzen - Die Voraussetzungen für ein effektives Projektcontrolling benennen
Modul Übersicht
Kapitel 1 Lesezeit: ~20 Min Quelle: OuP-09_Projekt-Controlling.pdf
1. Grundlagen des Projektcontrollings
1.1 Definition und Abgrenzung
Projektcontrolling bezeichnet das Controlling innerhalb eines Projekts und ist eine der Kernaufgaben der Projektleitung. Das übergeordnete Controlling eines Projekts aus Unternehmenssicht hingegen ist Aufgabe des Programm- bzw. Portfoliomanagements und wird entsprechend als Programm- oder Projektportfolio-Controlling bezeichnet.
Die Ziele des Projektcontrollings sind umfassend:
- Kosten, Termine und Ergebnisse in Übereinstimmung mit der Planung halten
- Nicht nur auf Wirtschaftlichkeit beschränkt, sondern auch Inhalte, Ziele und Normen überwachen
- Projektplanung als Voraussetzung nutzen (ohne Plan keine Bezugsgrößen)
- Stakeholder mit aktuellen Statusinformationen versorgen
flowchart TD
A[Projektcontrolling] --> B[Kernaufgabe der Projektleitung]
C[Portfolio-Controlling] --> D[Aufgabe des Programm-/Portfoliomanagements]
B --> E[Steuerung eines spezifischen Projekts]
D --> F[Steuerung mehrerer Projekte aus Unternehmenssicht]
E --> G[Kosten, Termine, Ergebnisse]
F --> H[Ressourcenallokation, strategische Ausrichtung]
G --> I[Projektbezogen]
H --> J[Unternehmensbezogen]
Abgrenzungsfrage
Was ist der entscheidende Unterschied zwischen Projektcontrolling und Portfolio-Controlling?
Lösung: Das Projektcontrolling bezieht sich auf die Steuerung innerhalb eines spezifischen Projekts und ist Kernaufgabe der Projektleitung. Das Portfolio-Controlling betrachtet Projekte aus der übergeordneten Unternehmenssicht, um Ressourcen und Strategien über mehrere Projekte hinweg zu koordinieren.
1.2 Warum Projektcontrolling?
Projektcontrolling ist eine der Hauptaufgaben im Projektmanagement, bei der Daten aus dem laufenden Projekt gesammelt, bewertet und aufbereitet werden. Controlling bedeutet nicht nur Überwachung (Kontrolle), sondern in erster Linie Steuerung.
Wichtig
"Ein Projekt ohne Controlling ist wie Autofahren nach Gehör."
Die Bedeutung des Projektcontrollings wird durch folgende Kernprinzipien unterstrichen:
- Transparenz des Projektstatus schaffen
- Erfolgreichen Projektabschluss ermöglichen
- Frühzeitige Erkennung von Abweichungen
- Datenbasis für Entscheidungen bereitstellen
Merksatz
"Was man nicht messen kann, das kann man nicht bewerten. Was man nicht bewerten kann, das kann man nicht kontrollieren und steuern."
2. Der Projektcontrolling-Regelkreis
2.1 Grundprinzip
Der Projektcontrolling-Regelkreis basiert auf dem iterativen Prozess der Planung, Steuerung und Kontrolle. Generell findet das Projektcontrolling parallel zur eigentlichen Projektarbeit statt.
flowchart LR
A[Projektplanung<br/>Soll-Werte] --> B[IST-Datenerfassung]
B --> C[Soll-Ist-Vergleich]
C --> D{Abweichungen?}
D -->|Ja| E[Abweichungsanalyse]
D -->|Nein| A
E --> F[Maßnahmenplanung]
F --> G[Steuerung der Maßnahmen]
G --> H[Wirksamkeitsprüfung]
H --> A
2.2 Vorgehensweise im Detail
Basis: Detaillierter Projektplan mit Arbeitspaketen (Baseline) - Erstellt in der Projektplanungsphase - Evtl. überarbeitet in der vorausgegangenen Periode
Schritt 1: Erfassung des aktuellen Status - Ist-Werte der Fertigstellung ermitteln - Hierbei gibt es Unterschiede bei den Methoden
Schritt 2: Kontrolle / Abweichungsanalyse - Soll/Ist-Vergleich auf Basis definierter Kennzahlen (Key Performance Indicators) - Verwendete Methoden: - Meilensteintrend-Analyse (MTA) - Einfacher Soll/Ist-Vergleich - Earned Value Analysis (EVA) / Earned Value Methode (EVM)
Schritt 3: Steuerung - Ableitung geeigneter Gegenmaßnahmen (falls notwendig)
2.3 Aufgabenverteilung
Das Projektcontrolling wird im Idealfall gemeinschaftlich durch den Projektmanager und den Projektcontroller umgesetzt:
| Rolle | Verantwortung |
|---|---|
| Projektleiter | Verantwortet das Ergebnis (Leistung (Qualität), Kosten, Termin) |
| Projektcontroller | Verantwortet die Transparenz der Ergebnisse |
Der Controller bereitet die Projektinformationen auf und benennt bewertete Handlungsalternativen, während der Projektmanager auf dieser Basis die Entscheidungen trifft.
Hinweis
"Das Projektcontrolling" kann auch eine Person oder Stelle bezeichnen, die Projektcontrolling ausführt. Es ist eine Querschnittstätigkeit und Servicefunktion, die in allen Projektphasen stattfindet.
3. Was wird controlled?
3.1 Controlling-Dimensionen
Im Projektcontrolling werden zahlreiche Aspekte überwacht:
| Dimension | Beschreibung | Messbarkeit |
|---|---|---|
| Kosten | Budgetverbrauch, Personalkosten, Sachkosten | Einfach |
| Termine | Meilensteine, Endtermine, Phasenabschlüsse | Einfach |
| Kapazitäten/Ressourcen | Personaleinsatz, Ressourcenauslastung | Mittel |
| Leistungsumfang | Erbrachte Leistungen vs. geplanter Umfang | Schwer |
| Qualität | Fehlerzahl, Qualitätskriterien, Tests | Mittel |
| Risiken | Identifizierte Risiken, Maßnahmenstatus | Mittel |
| Änderungen | Change Requests, Umfangsänderungen | Mittel |
| Fehler | Defects, Bugs, Mängel | Einfach |
| Fertigstellungsgrad | % des erreichten Projektfortschritts | Schwer |
| Projektablauf | Prozessqualität, Einhaltung Standards | Schwer |
| Team-Produktivität/Zufriedenheit | Motivation, Effizienz | Schwer |
| Zahlungen | Rechnungen, Abschlagszahlungen | Einfach |
3.2 Das Controlling-Dilemma
Die Herausforderung im Projektcontrolling liegt in der unterschiedlichen Messbarkeit der Kriterien:
Einfach messbar: - Budgetverbrauch - Geleistete Aufwände - Termine
Schwer objektiv messbar: - Fertigstellungsgrad der einzelnen Ergebnisse - Anteil der fertiggestellten Ergebnisse am endgültigen Projektergebnis - Team-/Mitarbeiter-Zufriedenheit/-Motivation
Praxisempfehlung
Bei schwer messbaren Kriterien sollten Sie auf Kombinationen verschiedener Methoden zurückgreifen und subjektive Einschätzungen durch objektive Daten ergänzen.
3.3 Zeitpunkte des Projektcontrollings
Die Kontrolle ist eine wesentliche Führungsaufgabe des Projektleiters. Da Führung ein permanenter Prozess ist, ist auch der Kontrollprozess auf die gesamte Laufzeit des Projektes zu beziehen.
Projektcontrolling findet in allen Phasen des Projekts statt.
4. Voraussetzungen für Projektcontrolling
4.1 Aufwandserfassung
Zur Ermittlung des aktuellen Projektstatus werden die Soll-Zahlen des Projekts den Ist-Zahlen gegenübergestellt. Basis dieses Vergleichs ist der Projektstrukturplan (PSP) mit den zugehörigen Arbeitspaketen.
Die einzelnen Arbeitspakete enthalten: - Plan-Vorgaben für den Aufwand (Kosten) - Ist-Werte für: - Personalaufwand / Personalkosten - Sachkosten
4.2 Erfassungsprozess
Ab dem Zeitpunkt, wo ein Arbeitspaket begonnen wird, erfassen die jeweiligen Arbeitspaketverantwortlichen die bislang benötigten Aufwände. Der Projektcontroller summiert diese und setzt sie dann in Relation zu den zeitlichen Vorgaben (aus dem Projektterminplan).
Der Projektmanager steht dabei vor vier Herausforderungen:
- Daten sollen aktuell verfügbar sein
- Entstehende Aufwände müssen korrekt dem Projekt zugeordnet werden
- Projektrelevante Aufwände sollen den einzelnen Arbeitspaketen zugeordnet werden
- Daten sollen eine geeignete Grundlage für Prognosen darstellen
Wesentlich
Die projektbezogene Arbeitszeiterfassung der Projektmitarbeiter ist die Basis für ein effektives Projektcontrolling.
4.3 Aufwandserfassungs-Formular
Beispiel eines Aufwandserfassungs-Formulars:
| AP-Nr | Arbeitspaket | Ursprünglicher Plan | Stichtag: [Datum] |
|---|---|---|---|
| PT | Sach-Kosten | ||
| 1.1 | Analyse | 15 | 0 |
| 2.1 | DB-Design | 15 | 2.000 |
| 2.2 | Material beschaffen | 12 | 10.000 |
| 2.3 | Design GUI | 20 | 2.000 |
| 3.1 | Software entwickeln | 30 | 1.000 |
Abkürzungen: - PT: Personentage - AP: Arbeitspaket
5. Projektfortschritt und Fertigstellungsgrad
5.1 Definition Projektfortschritt
Projektfortschritt ist das Verhältnis der zu einem Stichtag erbrachten Leistungen zum gesamten vereinbarten Leistungsumfang des Projekts.
Verschiedene Definitionen nach Standards:
| Standard | Definition |
|---|---|
| DIN 69901 | Vergleich zweier Stände eines Projekts, Arbeitspakets oder Vorgangs, wobei die geplanten Ziele mit der jeweiligen Situation verglichen werden |
| GPM/PM3 | Beschreibung und Gegenüberstellung der zu einem bestimmten Projektzeitpunkt geplanten und tatsächlich erreichten zeit-, aufwands- und ergebnisbezogenen Projektziele |
| PMI/PMBOK | "Performance" - bezieht sich auf die erbrachten Ergebnisse in Relation zum Inhalt und Umfang des Projekts |
| PRINCE2 | Maßstab, nach dem beurteilt wird, ob und in welchem Umfang die Ziele eines Plans erreicht wurden |
Hinweis
Im Vergleich der Richtlinien ist überraschend, dass der Begriff "Projektfortschritt" so uneinheitlich definiert wird. Eine Möglichkeit, auf diese Unklarheit zu reagieren, besteht darin, direkt vom Fertigstellungsgrad zu sprechen.
5.2 Definition Fertigstellungsgrad
Fertigstellungsgrad ist der zu einem bestimmten Zeitpunkt erbrachte, in Prozenten angegebene Anteil der vereinbarten Leistung eines Arbeitspakets oder Projekts.
Der Fertigstellungsgrad gibt: - prozentual: wie weit eine Aufgabe erledigt wurde - absolut (Fertigstellungswert/Earned Value): wie viel Wert bereits erbracht wurde
Bei der Erfassung des Projektfortschritts wird häufig eine Schätzung des Fertigstellungsgrads abgefragt, da der Fertigstellungswert oft nicht exakt erfassbar ist.
Definitionen:
-
DIN 69901: "Das Verhältnis der zu einem Stichtag erbrachten Leistung zur Gesamtleistung eines Arbeitspaketes bzw. Vorganges oder eines Projektes"
-
PMI/PMBOK: "Eine in Prozent angegebene Schätzung darüber, in welchem Umfang die Arbeit an einem Vorgang oder einer Komponente des Projektstrukturplans fertig gestellt wurde"
5.3 Die 90%-Syndrom-Falle
Gefahr: 90%-Syndrom
In einer relativ frühen Phase des Projekts (typischerweise zwischen 30% und 60% der Projektlaufzeit), glaubt man, bereits 90% des Projektergebnisses zu haben.
Ursachen: - Erworbene Kenntnis des Lösungswegs - Unkenntnis der noch auftretenden Störungen - Subjektive Aufwandseinschätzung der Projektmitarbeiter
Realität: Die Umsetzung einer erkannten Lösung erfordert erhebliche Aufwände, so dass die subjektive Aufwandseinschätzung hinterfragt und deutlich erhöht werden muss.
Wann ist Software fertig entwickelt?
Die Antworten: "Fast fertig…", "Ich muss nur noch…", "Fertig, ich muss nur noch einchecken…"
Lösung: Erst fertig ist fertig! Ein Arbeitspaket/eine Aktivität hat definierte Ergebnisse und Qualitätskriterien. Insbesondere bei der Programmierung: - Code ist erst dann fertig, wenn der Entwicklertest erfolgreich stattgefunden hat - NIEMALS auf die Antwort "Fast fertig" einen Fertigstellungsgrad von mehr als 50% annehmen
5.4 Grundsätze zur Ermittlung des Fertigstellungsgrades (PMI/PMBOK)
- Der Fertigstellungsgrad wird nicht nach Gefühl bestimmt, sondern folgt klaren Vereinbarungen, die zu Beginn des Projektes getroffen wurden
- Der Wert muss den realen Zustand so gut wie möglich treffen
- Es dürfen mehrere Verfahren kombiniert werden, wenn sie eine bessere Näherung ermöglichen
- Schwierig zu betrachten sind die angefangenen Arbeitspakete, da deren Bewertung am unsichersten ist
- Über den Fertigstellungsgrad sollte es im Projektverlauf keinen Konflikt geben, wenn die Regeln für dessen Ermittlung klar definiert wurden
6. Verfahren zur Fertigstellungsgradermittlung
6.1 Ergebnisorientiert / Bewertung der Arbeitspakete (Vereinfachungsregel)
Die Vereinfachungsregeln bewerten die Arbeitspakete unabhängig von bereits erbrachten oder noch zu erbringenden Aufwänden. Es wird nur der Umsetzungsbeginn mit einer festen Prozentzahl bewertet und erst bei Fertigstellung des Teilpakets der Rest hinzugefügt.
Die drei in der Praxis üblichen Methoden:
| Methode | Anwendung | Erklärung |
|---|---|---|
| 0/100-Methode | Kleine, kurzfristige Arbeitspakete | 0% bis zur Fertigstellung, dann 100% |
| 20/80-Methode | Arbeitspakete mittlerer Größe (am häufigsten) | 20% bei Beginn, 80% bei Fertigstellung |
| 50/50-Methode | Arbeitspakete ähnlicher Länge | 50% bei Beginn, 50% bei Fertigstellung |
Praxisempfehlung
Die 20/80-Methode wird in der Praxis am häufigsten eingesetzt, da sie einen ausgewogenen Kompromiss zwischen Genauigkeit und Aufwand darstellt.
6.2 Messung nach Statusschritten
Für den Projektteilbereich müssen Statusschritte, Phasen oder Meilensteine definiert sein. Die Zeitdauer erstreckt sich über mehrere Berichtsperioden. Der Fortschrittsgrad wird erst nach 100%-Erfüllung und positivem Ergebnis angerechnet.
Beispiel:
| Phase | Fertigstellungsgrad |
|---|---|
| Phase 1: Anforderungsanalyse | 25% |
| Phase 2: Design | 50% |
| Phase 3: Implementierung | 25% |
6.3 Mengenproportional
Die Relation von erbrachter Mengenleistung zur Gesamtmengenleistung ergibt den Fertigstellungsgrad.
Formel:
Fertigstellungsgrad = (Erbrachte Menge / Gesamtmenge) × 100%
Beispiel: - 500 von 2000 Programmzeilen geschrieben - Fertigstellungsgrad = (500 / 2000) × 100% = 25%
6.4 Zeitproportional (mit Rest-Schätzung)
Die Relation von verbrauchter Zeit (Dauer & Aufwand) zur erwarteten Gesamtzeit ergibt den Fertigstellungsgrad.
Berechnungsformel:
Fertigstellungsgrad = IST-Aufwand / (Ist-Aufwand + Rest-Aufwand) × 100%
Beispiel: - Aufwand lt. Plan: 65 PT - Ist-Aufwand: 60 PT - Rest-Aufwand (geschätzt): 20 PT - Fertigstellungsgrad = [60/(60+20)] × 100% = 75%
6.5 Gegenüberstellung der Ansätze
| Methode | Vorteile | Nachteile | Geeignet für |
|---|---|---|---|
| 0/100 | Einfach, objektiv | Grobe Näherung | Kleine APs |
| 20/80 | Ausgewogen | Moderater Aufwand | Mittlere APs |
| 50/50 | Einfach bei ähnlichen APs | Ungenau bei unterschiedlicher Dauer | Ähnliche APs |
| Statusschritte | Qualitativ, gut steuerbar | Phasenabhängig | Phasenprojekte |
| Mengenproportional | Objektiv messbar | Nicht immer anwendbar | Produktion, Coding |
| Zeitproportional | Intuitiv | Subjektive Restschätzung | Alle APs |
Praxistipp
Kombinieren Sie verschiedene Methoden je nach Art des Arbeitspakets für beste Ergebnisse. Für kritische Pfad-Arbeitspakete verwenden Sie objektivere Methoden (Statusschritte, Mengenproportional).
7. Projektcontrolling-Methoden
7.1 Einfacher Soll-Ist-Vergleich
Der einfachste Soll-Ist-Vergleich ist die einfachste Form des Projekt-Controllings. In ihm werden die Abweichungen der Ist-Werte (z.B. Ist-Kosten, Ist-Arbeitszeit, Ist-Arbeitsmenge) von den entsprechenden Sollwerten zu einem bestimmten Termin bestimmt.
Beispiel: - Plan-Kosten: 100.000 € - Ist-Kosten: 115.000 € - Abweichung: +15.000 € (+15%)
Aussagekraft: Die Aussagefähigkeit ist jedoch begrenzt, da er keine direkte Aussage über den Status des Projekts ergibt. Hierfür müssen sowohl Kosten- und Zeitinformationen als auch der Fertigstellungsgrad gemeinsam betrachtet werden.
Er muss daher mindestens durch die Meilensteintrendanalyse und eine angemessene inhaltliche Projektbewertung ergänzt werden.
7.2 Vorgehensweisen im Projektcontrolling
Stichtagsbezogenes Vorgehen: 1. Ist-Daten in entsprechende Darstellungsform bringen 2. Plandaten mit aktuellem Leistungsfortschritt je Arbeitspaket in Bezug setzen → Soll-Daten 3. Die so erhaltenen Soll-Daten mit Ist-Daten vergleichen → Abweichungen zum Stichtag
Projektendebezogenes Vorgehen: 1. Ist-Daten in entsprechende Darstellungsform bringen 2. Hochrechnung vom Stichtag bis zum Endtermin (von Arbeitspaket oder Projekt) durchführen 3. Addition von Ist-Daten und Hochrechnung → Erwartungswert zum Projektende 4. Den so erhaltenen Erwartungswert mit dem Planwert vergleichen → Abweichungen zum Projektende
8. Controlling-Methoden-Übersicht
8.1 Methoden-Portfolio
| Methode | Fokus | Dimensionen | Komplexität | Anwendbarkeit |
|---|---|---|---|---|
| Einfacher Soll-Ist-Vergleich | Kosten, Termine | 2-D | Gering | Alle Projekte |
| Terminkontrolle | Termine | 1-D | Gering | Alle Projekte |
| Meilensteintrendanalyse (MTA) | Termine | 1-D | Mittel | Alle Projekte |
| Kostentrendanalyse (KTA) | Kosten | 1-D | Mittel | Alle Projekte |
| Terminorientierte Kostenkontrolle | Kosten + Termine | 2-D | Mittel | Mittlere bis große Projekte |
| Earned Value Analyse (EVA) | Kosten + Zeit + Leistung | 3-D | Hoch | Große Projekte, kritische Projekte |
| Sprint-Burndown-Chart | Sprint-Progress | 2-D | Mittel | Agile Projekte (Scrum) |
8.2 Auswahlkriterien
Bei der Wahl der geeigneten Controlling-Methode sollten folgende Kriterien berücksichtigt werden:
| Kriterium | Einfache Methoden | Komplexe Methoden |
|---|---|---|
| Projektgröße | Kleine Projekte | Große Projekte |
| Projektkomplexität | Geringe Komplexität | Hohe Komplexität |
| Kritikalität | Nicht kritisch | Kritisch für das Unternehmen |
| Ressourcenverfügbarkeit | Eingeschränkt | Ausreichend |
| Stakeholder-Anforderungen | Gering | Hoch |
| Branchenstandards | Keine spezifischen | Branchenüblich |
Praxisempfehlung
Starten Sie mit einfachen Methoden und steigern Sie die Komplexität schrittweise. Für kleine Projekte reicht oft ein einfacher Soll-Ist-Vergleich mit Meilensteintrendanalyse aus. Für kritische Großprojekte ist die Earned Value Analyse zu empfehlen.
9. Typische Fehler im Projektcontrolling
9.1 Häufige Fehlerquellen
| Fehler | Beschreibung | Auswirkung | Vermeidung |
|---|---|---|---|
| Fehlende Planung | Controlling ohne Projektplan | Keine Bezugsgrößen | Fundierte Planung vor Projektstart |
| Unzuverlässige Daten | Aufwände nicht zeitnah gemeldet | Verzögerte Erkennung | Projektspezifische Zeiterfassung |
| Falsche Zuordnung | Aufwände falschem AP zugeordnet | Verzerrte Ergebnisse | Klare AP-Definitionen |
| Subjektive Schätzungen | Fertigstellungsgrad nach Bauchgefühl | 90%-Syndrom | Objektive Messverfahren |
| Reaktion zu spät | Maßnahmen erst bei großen Abweichungen | Eskalation | Frühwarnsysteme nutzen |
| Isolierte Betrachtung | Nur Kosten oder nur Termine | Unvollständiges Bild | Integrierte Methoden (EVA) |
9.2 Offene Punkteliste
Die Liste der offenen Punkte ist ein wichtiges Instrument im Projektcontrolling. Sie hilft, offene Aufgaben, Risiken und Entscheidungen zu tracken.
Typische Inhalte: - Offene Arbeitspakete - Nichteingegangene Entscheidungen - Offene Change Requests - Nichteingehaltene Meilensteine - Offene Risiken und Maßnahmen - Offene Dokumentationspflichten
Praxistipp
Aktualisieren Sie die Liste der offenen Punkte bei jedem Controlling-Zyklus und priorisieren Sie nach Dringlichkeit und Auswirkung auf das Projekt.
10. Zusammenfassung und Ausblick
10.1 Kernpunkte
Das Projektcontrolling ist ein wesentliches Instrument der Projektleitung zur Steuerung und Überwachung von Projekten. Die wichtigsten Aspekte sind:
- Fundament: Projektplanung als Voraussetzung
- Regelkreis: Kontinuierlicher Soll-Ist-Vergleich mit Maßnahmenplanung
- Dimensionen: Kosten, Termine, Leistung, Qualität, Risiken
- Methoden: Von einfachem Soll-Ist-Vergleich bis zur komplexen Earned Value Analyse
- Herausforderungen: Objektive Messbarkeit, zeitnahe Daten, korrekte Zuordnung
10.2 Weiterführende Themen
Die folgenden Kapitel vertiefen spezifische Aspekte des Projektcontrollings:
- Kapitel 2: Earned Value Analyse im Detail (EVA, SPI, CPI, EAC)
- Kapitel 3: Meilensteintrendanalyse (MTA)
- Kapitel 4-8: Abnahme, Gewährleistung, Abschluss, Lessons Learned
Schlüsselbegriffe
| Begriff | Definition |
|---|---|
| Projektcontrolling | Controlling innerhalb eines Projekts; Kernaufgabe der Projektleitung |
| Portfolio-Controlling | Übergeordnetes Controlling mehrerer Projekte aus Unternehmenssicht |
| Soll-Ist-Vergleich | Gegenüberstellung von geplanten und tatsächlichen Werten |
| Fertigstellungsgrad | Prozentualer Anteil der erbrachten Leistung am Gesamtleistungsumfang |
| 90%-Syndrom | Unterschätzung des verbleibenden Aufwands in frühen Projektphasen |
| Aufwandserfassung | Erfassung von Personentagen und Sachkosten je Arbeitspaket |
| KPI (Key Performance Indicator) | Kennzahl zur Messung des Projektfortschritts |
| Liste der offenen Punkte | Übersicht über offene Aufgaben, Risiken und Entscheidungen |
Verständnisfragen
Frage 1
Nennen Sie mindestens drei Dimensionen, die im Rahmen des Projektcontrollings überwacht werden können, und ordnen Sie diese nach ihrer objektiven Messbarkeit zu.
Lösung: Einfach messbar: Kosten, Termine, Zahlungen Mittel messbar: Qualität, Risiken, Ressourcen Schwer messbar: Fertigstellungsgrad, Team-Zufriedenheit, Projektablauf
Frage 2
Was ist der Unterschied zwischen Projektcontrolling und Portfolio-Controlling? Nennen Sie je eine typische Aufgabe für beide Bereiche.
Lösung: Projektcontrolling: Steuerung innerhalb eines spezifischen Projekts (z.B. Kostenüberwachung, Terminkontrolle). Portfolio-Controlling: Steuerung mehrerer Projekte aus Unternehmenssicht (z.B. Ressourcenallokation, strategische Ausrichtung).
Frage 3
Erläutern Sie das 90%-Syndrom und nennen Sie zwei Strategien zur Vermeidung dieses Problems.
Lösung: Das 90%-Syndrom bezeichnet die Unterschätzung des verbleibenden Aufwands in frühen Projektphasen (30-60% der Laufzeit). Projektmitarbeiter glauben, bereits 90% erreicht zu haben. Strategien: 1. Objektive Methoden zur Fortschrittsmessung verwenden (Statusschritte, Mengenproportional) 2. NIEMALS auf "Fast fertig" einen Fertigstellungsgrad von mehr als 50% annehmen 3. Definierte Ergebnisse und Qualitätskriterien für Arbeitspakete festlegen