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7. Risikomanagement in der Projektdurchführung

Lernziele

Nach diesem Kapitel können Sie: - Die Bedeutung des Risikomanagements in der Projektdurchführung erklären - Risiken systematisch identifizieren und kategorisieren - Risiken qualitativ und quantitativ bewerten - Geeignete Risikobehandlungsmaßnahmen auswählen - Risikokommunikation professionell gestalten - Das Risikomanagement kontinuierlich überwachen und steuern

Modul Übersicht

Modul 11 - Kapitel 7 Lesezeit: ~15-20 Min Quelle: 11 - Projektsteuerung in IT-Projekten.pdf, FS-ITB-11_Steuerung-01_v0c.pdf

1. Einführung: Risikomanagement in der Projektdurchführung

1.1 Definition: Risiko

Ein Risiko ist ein unsicheres Ereignis oder eine Bedingung, das, wenn es eintritt, eine positive oder negative Auswirkung auf mindestens ein Projektziel hat.

Risiko vs. Chance

Risiken sind nicht nur negativ (Bedrohungen), sondern können auch positiv sein (Chancen). Risikomanagement befasst sich daher sowohl mit Risikominimierung als auch mit Chancenmaximierung.

1.2 Warum Risikomanagement in der Durchführung kritisch ist

Während der Projektdurchführung setzt die Risikoüberwachung und -steuerung den Risikomanagementplan um. Zusätzlich identifiziert sie eventuelle neue Risiken und bewertet diese. Sie beobachtet identifizierte Risiken und stellt bei Bedarf Änderungsanträge oder empfiehlt Korrekturmaßnahmen und vorbeugende Maßnahmen zur Verhinderung von Schäden und zur Realisierung von Chancen.

Aspekt Bedeutung in der Projektdurchführung
Kontinuierliche Erfassung Neue Risiken werden kontinuierlich erkannt
Laufende Bewertung Identifizierte Risiken werden laufend überwacht und neu bewertet
Maßnahmen-Steuerung Risikobehandlungsmaßnahmen werden aktiv gesteuert
Veränderte Bedingungen Risikomanagement wird an veränderte Bedingungen angepasst
Risikokommunikation Regelmäßige Berichterstattung an Entscheidungsträger

1.3 Risikomanagement-Prozess

flowchart TD
    A[Risikoidentifikation] --> B[Risikoanalyse & -bewertung]
    B --> C[Risikobehandlungsstrategie auswählen]
    C --> D[Maßnahmen implementieren]
    D --> E[Risikokontrolle & Überwachung]
    E --> F{Risiko noch aktiv?}
    F -->|Ja| E
    F -->|Nein| G[Risiko schließen]
    E --> H{Neue Risiken?}
    H -->|Ja| A
    H -->|Nein| I[Regelmäßige Review-Schleife]

    style A fill:#e3f2fd
    style B fill:#fff9c4
    style C fill:#ffecb3
    style D fill:#c8e6c9
    style I fill:#e1bee7

2. Risikoidentifikation

2.1 Kontinuierliche Erfassung

Die Risikoüberwachung und -steuerung verbindet alle anderen Prozesse des Risikomanagements mit den anderen Prozessen zur Überwachung und Steuerung des Projekts.

Kontinuierliche Erfassung (Dokumentation) und Überwachung aller relevanten Risiken:

Identifikationsquelle Beispiele
Projektstatusberichte Abweichungen im Zeitplan, Budget, Qualität
Meilenstein-Reviews Verpasste oder kritische Meilensteine
Team-Meetings Bedenken, Probleme, Beobachtungen aus dem Team
Stakeholder-Kommunikation Feedback von Kunden, Fachbereichen, Management
Technische Reviews Architektur-, Design-, Code-Reviews
Qualitätsberichte Testergebnisse, Fehlerstatistiken
Änderungsanträge Neue Anforderungen führen zu neuen Risiken
Externe Faktoren Marktveränderungen, regulatorische Änderungen, Lieferantenprobleme
Erfahrungen aus anderen Projekten Lessons Learned aus ähnlichen Projekten

Identifikation ist kontinuierlich

Die Risikoidentifikation ist keine einmalige Aktivität zu Projektstart, sondern ein kontinuierlicher Prozess über den gesamten Projektzyklus hinweg. Neue Risiken können jederzeit auftreten.

2.2 Kategorisierung von Risiken

Risiken können nach verschiedenen Kriterien kategorisiert werden:

Kategorie Unterkategorien Beispiele
Technische Risiken Architektur, Entwicklung, Integration, Performance, Security Systemarchitektur nicht skalierbar, Schnittstellenprobleme, Performance-Engpässe
Management-Risiken Führung, Entscheidungen, Ressourcen, Priorisierung Mangelnde Führung, unklare Entscheidungen, Ressourcenengpässe
Organisatorische Risiken Stakeholder, Kommunikation, Prozesse, Kultur Widerstand gegen Änderungen, schlechte Kommunikation, kulturelle Unterschiede
Umfangs-Risiken (Scope) Anforderungen, Änderungen, Scope Creep Unklare Anforderungen, häufige Änderungen, Scope Creep
Termin-Risiken (Zeit) Planung, Abhängigkeiten, Verzögerungen Zu optimistische Planung, kritische Pfade, Verzögerungen von Lieferanten
Kosten-Risiken Budget, Ressourcen, Finanzierung Budgetüberschreitung, Ressourcenmangel, Finanzierungsprobleme
Qualitäts-Risiken Anforderungen, Tests, Akzeptanz Mangelnde Qualität, Testmängel, Ablehnung durch Kunden
Externe Risiken Markt, Lieferanten, Regulatorik, Politik Marktveränderungen, Lieferantenprobleme, neue Gesetze
Personal-Risiken Personal, Kompetenzen, Motivation Fachkräftemangel, Kompetenzdefizite, mangelnde Motivation

2.3 Risikoregister

Das Risikoregister (Risiko-Log) ist das zentrale Dokument für das Risikomanagement:

Risk-ID Risiko Kategorie Eintrittswahrscheinlichkeit Auswirkung Risikopriorität Verantwortlicher Status Maßnahmen Letztes Update
R-001 Datenbank-Performance bei >100.000 Datensätzen nicht ausreichend Technisch Mittel (3) Hoch (4) 12 Entwickler-A Aktiv Performance-Tests durchführen, Indizes optimieren 15.01.2026
R-002 Lieferant der Komponente X kann nicht termingerecht liefern Extern Hoch (4) Mittel (3) 12 Beschaffungs-A Aktiv Alternativlieferant identifizieren, Puffer einplanen 15.01.2026
R-003 Fachbereich X lehnt neue Software ab Organisatorisch Mittel (3) Hoch (4) 12 Projektleiter Überwacht Stakeholder-Management, Early-Bird-Programm 15.01.2026

Risikoregister ist ein lebendes Dokument

Das Risikoregister ist kein statisches Dokument, sondern wird kontinuierlich aktualisiert: - Neue Risiken hinzugefügt - Wahrscheinlichkeit und Auswirkung aktualisiert - Maßnahmen dokumentiert und Status aktualisiert - Risiken geschlossen oder inaktiviert

3. Risikoanalyse und -bewertung

3.1 Qualitative Risikoanalyse

Die qualitative Risikoanalyse bewertet Risiken basierend auf Eintrittswahrscheinlichkeit und Auswirkung.

3.1.1 Wahrscheinlichkeit (Probability)

Skala Wahrscheinlichkeit Beschreibung
1 Sehr gering (< 10%) Sehr unwahrscheinlich
2 Gering (10-30%) Unwahrscheinlich
3 Mittel (30-60%) Möglich
4 Hoch (60-90%) Wahrscheinlich
5 Sehr hoch (> 90%) Sehr wahrscheinlich

3.1.2 Auswirkung (Impact)

Skala Auswirkung Beschreibung
1 Gering Geringfügige Auswirkungen, leicht zu kompensieren
2 Mittel Moderate Auswirkungen, kompensierbar mit Aufwand
3 Hoch Signifikante Auswirkungen, kompensierbar mit hohem Aufwand
4 Kritisch Schwere Auswirkungen, Projektziel gefährdet
5 Katastrophal Extreme Auswirkungen, Projektabbruch möglich

3.1.3 Risikopriorität (Risk Priority Number - RPN)

Die Risikopriorität wird als Produkt aus Wahrscheinlichkeit und Auswirkung berechnet:

\[RPN = \text{Wahrscheinlichkeit} \times \text{Auswirkung}\]
RPN Priorität Maßnahmen
1-4 Gering Überwachen, keine spezifischen Maßnahmen erforderlich
5-9 Mittel Maßnahmen bei Zeitplanung berücksichtigen
10-15 Hoch Aktive Maßnahmen erforderlich
16-25 Sehr hoch Sofortige Maßnahmen, Eskalation an Management

3.1.4 Risiko-Matrix

Die Risiko-Matrix visualisiert Risiken:

graph TD
    subgraph "Auswirkung →"
    direction LR
    A1[1 Gering]
    A2[2 Mittel]
    A3[3 Hoch]
    A4[4 Kritisch]
    A5[5 Katastrophal]
    end

    subgraph "↓ Wahrscheinlichkeit"
    B1[5 Sehr hoch]
    B2[4 Hoch]
    B3[3 Mittel]
    B4[2 Gering]
    B5[1 Sehr gering]
    end

    B1 -->|RPN: 5-25| A1
    B1 --> A2
    B1 --> A3
    B1 --> A4
    B1 --> A5

    B2 --> A1
    B2 --> A2
    B2 --> A3
    B2 --> A4
    B2 --> A5

    B3 --> A1
    B3 --> A2
    B3 --> A3
    B3 --> A4
    B3 --> A5

    B4 --> A1
    B4 --> A2
    B4 --> A3
    B4 --> A4
    B4 --> A5

    B5 --> A1
    B5 --> A2
    B5 --> A3
    B5 --> A4
    B5 --> A5

    style A4 fill:#ffcdd2
    style A5 fill:#f44336
    style B1 fill:#ffcdd2

3.2 Quantitative Risikoanalyse (optional)

Die quantitative Risikoanalyse führt numerische Analysen durch:

Methode Beschreibung Anwendbarkeit
Erwartungswert-Analyse Erwarteter Schaden = Wahrscheinlichkeit × Auswirkung (in €) Für monetäre Auswirkungen
Monte-Carlo-Simulation Simulation von Szenarien mit Zufallsvariablen Für komplexe Projekte mit vielen Risiken
Szenario-Analyse Analyse von optimistischen, realistischen und pessimistischen Szenarien Für Strategie-Entscheidungen
Empfindlichkeitsanalyse Analyse der Empfindlichkeit von Projektparamettern Für kritische Paramter

Erwartungswert-Analyse

Risiko: Datenbank-Ausfall, der Umsatzverlust verursacht

  • Wahrscheinlichkeit: 10% (0,1)
  • Auswirkung: 100.000 € Umsatzverlust

Erwarteter Schaden: 0,1 × 100.000 € = 10.000 €

Interpretation: Auf den langjährigen Durchschnitt gesehen kostet dieses Risiko 10.000 € pro Projekt.

4. Risikobehandlungsstrategien

4.1 Verantwortliche für die Verfolgung

Für jedes Risiko wird ein Verantwortlicher benannt:

Verantwortliche Aufgaben
Risikobesitzer Überwacht das Risiko, steuert die Maßnahmen, meldet Änderungen
Risikomanager Koordiniert das Risikomanagement, berichtet an Management
Projektleiter Verantwortlich für Gesamtrisikomanagement im Projekt
Stakeholder Betroffene Parteien, unterstützen bei Maßnahmen

4.2 Strategien zur Risikobehandlung

Strategie Beschreibung Beispiel Anwendbarkeit
Vermeiden (Avoid) Risikowahrscheinlichkeit auf Null setzen Technologie wechseln, um Performance-Risiko zu vermeiden Für Risiken mit hoher Auswirkung und kontrollierbarer Wahrscheinlichkeit
Minderung (Mitigate) Wahrscheinlichkeit oder Auswirkung reduzieren Tests durchführen, um Fehlerwahrscheinlichkeit zu senken Für alle Risiken, besonders bei hoher Wahrscheinlichkeit
Übertragen (Transfer) Risiko auf andere Parteien übertragen Versicherungen abschließen, Outsourcing mit Service-Level-Agreements Für Risiken, die von anderen besser kontrolliert werden können
Akzeptieren (Accept) Risiko akzeptieren und falls eintritt, reagieren Risiko akzeptieren und Kontingenz-Reserve einplanen Für Risiken mit geringer Auswirkung oder unvermeidbaren Risiken

4.3 Maßnahmen-Einleitung

Einleiten von Maßnahmen zur Erreichung der angestrebten risikopolitischen Ziele:

Strategie Maßnahmen Verantwortlicher Zeitrahmen
Vermeiden Technologie-Stack anpassen, Anforderung ändern, Partner wechseln Projektleiter, Architekt Sofort
Minderung Prototyping, Tests, Schulungen, Backup-Strategie, Puffer einplanen Verantwortliche Laufend
Übertragen Versicherungen, SLA, Outsourcing-Verträge Beschaffung, Legal Vor Projektstart
Akzeptieren Kontingenz-Reserve einplanen, Notfallplan erstellen Finanz, Projektleiter Vor Projektstart

Kombination von Strategien

Oft ist eine Kombination von Strategien sinnvoll. Beispiel: Ein Risiko wird teilweise gemindert (Tests) und der Rest wird akzeptiert (Kontingenz-Reserve).

4.4 Kontinuierliche Überprüfung

Laufende Überprüfung der risikoorientierten Steuerungsmaßnahmen und ggf. Anpassung an veränderte Bedingungen:

Überprüfungsaspekt Fragen Maßnahmen
Risiko-Aktivität Ist das Risiko noch aktiv? Ist es eingetreten? Status im Risikoregister aktualisieren
Wahrscheinlichkeit Hat sich die Wahrscheinlichkeit geändert? Wahrscheinlichkeit neu bewerten
Auswirkung Hat sich die Auswirkung geändert? Auswirkung neu bewerten
Wirksamkeit der Maßnahmen Sind die Maßnahmen wirksam? Maßnahmen evaluieren, ggf. anpassen
Neue Informationen Gibt es neue Informationen über das Risiko? Risiko-Informationen aktualisieren
Veränderte Bedingungen Haben sich Bedingungen geändert? Risikobewertung anpassen

4.5 Regelmäßige Kontrolle

Regelmäßige Kontrolle der risikoorientierten Steuerungsmaßnahmen:

Überprüfungsfrequenz Anlässe
Täglich Kritische Risiken, besonders in kritischen Projektphasen
Wöchentlich Wöchentliche Projektbesprechungen, Standard für IT-Projekte
14-tägig/Monatlich Regelmäßige Reviews, weniger kritische Risiken
Bei Meilensteinen Erneutes Risiko-Assessment bei jedem Meilenstein
Bei Projektplanänderungen Neu-Bewertung bei Planänderungen

Kontrollhäufigkeit anpassen

Die Kontrollhäufigkeit sollte an die Risikosituation angepasst werden: - Hohe Risikosituation: Tägliche oder wöchentliche Kontrolle - Mittlere Risikosituation: Wöchentliche oder 14-tägige Kontrolle - Niedrige Risikosituation: Monatliche Kontrolle

4.6 Risiko-Review bei Meilensteinen

Bei jedem Meilenstein wird ein erneutes Risiko-Assessment durchgeführt:

Frage Erklärung
Gibt es neue Risiken? Neue Risiken identifizieren und bewerten
Hat sich die Wichtigkeit bei Risiken verändert? Wahrscheinlichkeit und Auswirkung neu bewerten
Sind Maßnahmen wirksam? Maßnahmen evaluieren und ggf. anpassen
Sind Risiken eingetreten? Eingetretene Risiken auswerten, lernen, dokumentieren
Gibt es Chancen? Chancen identifizieren und nutzen

5. Risikokommunikation

5.1 Bedeutung der Risikokommunikation

Risikokommunikation ist wichtig und man sollte sie keinesfalls dem Zufall überlassen, sondern als Bestandteil des Kommunikationsplans sehen.

Kommunikation ist Schlüssel

"Risikokommunikation ist das Bindeglied zwischen Risikomanagement und Projektsteuerung. Ohne Kommunikation ist das beste Risikomanagement wertlos."

5.2 Regelmäßige Berichterstattung

Regelmäßige Berichterstattung über die wesentlichen Risiken an die jeweiligen Entscheidungsträger:

Berichtstyp Empfänger Frequenz Inhalte
Risiko-Statusbericht Projektleiter, Lenkungsausschuss Wöchentlich/Monatlich Top 10 Risiken, Status-Update, neue Risiken, geschlossene Risiken
Risiko-Executive-Summary Management, C-Level Monatlich/Quartalsweise Zusammenfassung der wichtigsten Risiken, Trends, Eskalationen
Risiko-Dashboard Alle Stakeholder Laufend (Online) Visuelle Darstellung der Risikosituation
Risiko-Eskalation Management, C-Level Ad hoc Kritische Risiken, Eskalation bei Bedarf

5.3 Aufzeigen von Abweichungen

Aufzeigen von Abweichungen gegenüber den vorgegebenen risikopolitischen Zielen:

Abweichungstyp Beispiel Eskalation
Risiko-Anzahl Anzahl der Hoch-Risiken hat signifikant zugenommen Eskalation an Management
Risiko-Priorität Höchste Risikopriorität hat sich erhöht Eskalation an Management
Maßnahmen-Wirksamkeit Maßnahmen sind nicht wirksam, Risikosituation verschlechtert Eskalation an Management
Ressourcen-Engpässe Keine Ressourcen zur Durchführung von Maßnahmen Eskalation an Management
Zeitplan-Beeinflussung Risiken beeinflussen den Zeitplan signifikant Eskalation an Lenkungsausschuss

!!! warning "Eskalationskriterien definieren** Definieren Sie klare Eskalationskriterien für Risiken: - "Bei >5 Hoch-Risiken eskalieren an Lenkungsausschuss" - "Bei Risiken mit Auswirkung 5 (katastrophal) sofort eskalieren" - "Bei Budgetüberschreitung durch Risiken >20% eskalieren an Management"

6. Zusammenfassung

6.1 Kernpunkte des Kapitels

  1. Risikomanagement ist kontinuierlich - Keine einmalige Aktivität, sondern ein dauerhafter Prozess
  2. Risikoidentifikation - Neue Risiken werden kontinuierlich erkannt und dokumentiert
  3. Risikoanalyse und -bewertung - Qualitative und quantitative Bewertung von Risiken
  4. Risikobehandlungsstrategien - Vermeiden, Minderung, Übertragen, Akzeptieren
  5. Kontinuierliche Überwachung - Regelmäßige Überprüfung und Anpassung
  6. Risikokommunikation - Regelmäßige Berichterstattung an Entscheidungsträger

6.2 Erfolgsfaktoren

Erfolgsfaktor Maßnahmen
Kontinuierliche Identifikation Neue Risiken laufend erkennen und dokumentieren
Klare Verantwortlichkeiten Verantwortliche für jedes Risiko benennen
Realistische Bewertung Wahrscheinlichkeit und Auswirkung realistisch bewerten
Proaktive Maßnahmen Maßnahmen proaktiv, nicht nur reaktiv
Regelmäßige Überprüfung Kontinuierliche Überwachung und Anpassung
Gute Kommunikation Transparente Risikokommunikation an alle Stakeholder
Kultur der Offenheit Offene Risikokultur, Risiken werden nicht versteckt
Wissensmanagement Lessons Learned aus Risiken dokumentieren und nutzen
Tool-Unterstützung Nutzung von Risikomanagement-Tools

7. Schlüsselbegriffe

Begriff Definition
Risiko Unsicheres Ereignis oder Bedingung mit positiver oder negativer Auswirkung auf Projektziele
Chance Positives Risiko, das ggf. genutzt werden kann
Risikoidentifikation Prozess zur Erkennung von Risiken
Risikoanalyse Bewertung von Risiken (Wahrscheinlichkeit und Auswirkung)
Qualitative Risikoanalyse Bewertung basierend auf Wahrscheinlichkeit und Auswirkung (Skalen)
Quantitative Risikoanalyse Numerische Analyse von Risiken (Erwartungswert, Simulation)
Risikopriorität (RPN) Priorisierung von Risiken basierend auf Wahrscheinlichkeit und Auswirkung
Risikoregister Zentrales Dokument für das Risikomanagement
Risikobehandlungsstrategie Strategie zur Behandlung von Risiken (Vermeiden, Minderung, Übertragen, Akzeptieren)
Risikobesitzer Verantwortliche Person für ein Risiko
Kontingenz-Reserve Budget- oder Zeitpuffer für akzeptierte Risiken
Eskalation Weiterleitung von kritischen Risiken an höhere Entscheidungsebene
Risikokommunikation Kommunikation von Risiken an Stakeholder
Risikomonitoring Kontinuierliche Überwachung von Risiken
Risikoreview Regelmäßige Überprüfung der Risikosituation
Lessons Learned Erfahrungen und Lern-Erfahrungen aus Risiken
Monte-Carlo-Simulation Simulation von Szenarien mit Zufallsvariablen für Risikoanalyse
Erwartungswert Erwarteter Schaden oder Nutzen eines Risikos (Wahrscheinlichkeit × Auswirkung)

8. Verständnisfragen

Frage 1: Risikoanalyse und -bewertung

Ein IT-Projekt hat folgende Risiken identifiziert:

  • Risiko A: Lieferant liefert Komponente nicht termingerecht (Wahrscheinlichkeit: Hoch (4), Auswirkung: Kritisch (4))
  • Risiko B: Datenbank-Performance bei >100.000 Datensätzen nicht ausreichend (Wahrscheinlichkeit: Mittel (3), Auswirkung: Hoch (3))
  • Risiko C: Fachbereich X lehnt neue Software ab (Wahrscheinlichkeit: Mittel (3), Auswirkung: Kritisch (4))

a) Berechnen Sie die Risikopriorität (RPN) für jedes Risiko. b) Welches Risiko hat die höchste Priorität? c) Welche Risikobehandlungsstrategien würden Sie für jedes Risiko empfehlen?

Lösung: a) Risikopriorität (RPN = Wahrscheinlichkeit × Auswirkung):

Risiko Wahrscheinlichkeit Auswirkung RPN
Risiko A 4 (Hoch) 4 (Kritisch) 16
Risiko B 3 (Mittel) 3 (Hoch) 9
Risiko C 3 (Mittel) 4 (Kritisch) 12

b) Höchste Priorität: Risiko A (RPN = 16)

Begründung: Risiko A hat die höchste Risikopriorität mit RPN = 16. Nach der RPN-Skala (16-25: Sehr hoch, Sofortige Maßnahmen, Eskalation) ist dies ein sehr hohes Risiko, das sofortige Maßnahmen erfordert.

c) Risikobehandlungsstrategien:

Risiko Empfohlene Strategie Begründung
Risiko A (Lieferant liefert nicht termingerecht) Minderung oder Übertragen Wahrscheinlichkeit und Auswirkung sind hoch. Minderung: Alternativlieferant identifizieren, Puffer einplanen, frühzeitige Kommunikation mit Lieferant. Übertragen: SLA mit Lieferant, Strafzahlungen bei Verzögerung.
Risiko B (Datenbank-Performance nicht ausreichend) Minderung oder Vermeiden Wahrscheinlichkeit und Auswirkung sind mittel bis hoch. Minderung: Performance-Tests, Indizes optimieren, Skalierungsstrategie. Vermeiden: Alternative Datenbank-Technologie mit besserer Performance.
Risiko C (Fachbereich lehnt Software ab) Minderung Auswirkung ist kritisch. Minderung: Stakeholder-Management, Early-Bird-Programm, frühzeitige Einbindung des Fachbereichs, Schulung, Benefits kommunizieren.
Frage 2: Risikokommunikation und Eskalation

Ein Projektleiter hat ein kritisches Risiko identifiziert: Die Datenmigration könnte fehlschlagen, was zu Datenverlust führen würde (Wahrscheinlichkeit: Mittel (3), Auswirkung: Katastrophal (5)). Er hat die Maßnahme "Daten-Backup vor Migration" geplant, aber das Management wird bisher nicht informiert.

a) Sollte der Projektleiter das Risiko eskalieren? Warum? b) Was sollte der Projektleiter in einem Risiko-Eskalationsbericht kommunizieren? c) Wann und wie oft sollte der Projektleiter über den Status dieses Risikos berichten?

Lösung: a) Ja, der Projektleiter sollte das Risiko eskalieren.

Begründung: - Die Risikopriorität ist sehr hoch (RPN = 3 × 5 = 15, in der Skala 10-15: Hoch, Aktive Maßnahmen erforderlich) - Die Auswirkung ist katastrophal (Datenverlust), was zu massiven finanziellen Schäden und Vertrauensverlust führen kann - Die Maßnahme "Daten-Backup vor Migration" ist wichtig, aber das Management muss über das Risiko informiert werden - Eskalationskriterien sind erfüllt: Risiko mit Auswirkung 5 (katastrophal) sollte sofort eskaliert werden

b) Inhalt des Risiko-Eskalationsberichts:

Berichtsabschnitt Inhalte
Zusammenfassung Kritisches Risiko identifiziert: Datenmigration könnte fehlschlagen, Datenverlust möglich
Risiko-Beschreibung Beschreibung des Risikos, betroffene Systeme, Datenmenge, Zeitrahmen
Auswirkungen Mögliche Auswirkungen: Datenverlust, Umsatzverlust, Compliance-Verletzungen, Vertrauensverlust, Projektabbruch
Wahrscheinlichkeit Wahrscheinlichkeit: Mittel (30-60%), Begründung der Bewertung
Geplante Maßnahmen Maßnahme: Daten-Backup vor Migration, Testmigration, Rollback-Plan, Datensicherungs-Verfahren
Ressourcen-Bedarf Benötigte Ressourcen: Additionaler Speicher für Backup, Zeit für Tests, Team-Ressourcen

| Zeitplan | Zeitplan für Maßnahmen: Backup vor dem 15.03., Testmigration vom 16.-20.03., Produktivmigration am 31.03. | Eskalationsanforderung | Management-Entscheidung erforderlich: Genehmigung der Maßnahmen, Budgetfreigabe, Priorisierung | Empfehlung | Empfehlung: Sofortige Genehmigung der Maßnahmen, Priorisierung dieses Risikos, Überwachung der Maßnahmen |

c) Berichtsfrequenz für dieses kritisches Risiko:

| Phase | Frequenz | Begründung |
|-------|----------|------------|
**Vor Migration** | **Täglich** oder **bei Maßnahmen-Status-Änderungen** | Kritisches Risiko erfordert tägliche Überwachung |
| Während Migration** | **Laufend** (Stündlich) oder **bei Problemen** | Migration ist kritischer Zeitpunkt, laufendes Monitoring erforderlich |
**Nach Migration** | **Wöchentlich** für 4-6 Wochen | Nachbereitung, Überwachung der Datenqualität |
**General** | **Im Projektstatusbericht (wöchentlich)** | Regelmäßiges Reporting an Lenkungsausschuss und Management |

Zusätzlich: **Sofortige Eskalation** bei:
- Problemen bei der Backup-Erstellung
- Fehlern bei der Testmigration
- Abweichungen vom Zeitplan
- Unvorhergesehene Probleme
Frage 3: Risikobehandlungsstrategien

Ein IT-Projekt hat ein Risiko identifiziert: Das neu entwickelte System könnte bei >1.000 gleichzeitigen Benutzern Performance-Probleme haben. Die Projektleitung diskutiert verschiedene Strategien.

a) Erklären Sie die vier Risikobehandlungsstrategien (Vermeiden, Minderung, Übertragen, Akzeptieren) für dieses Risiko. b) Welche Strategie(n) würden Sie empfehlen und warum? c) Welche konkreten Maßnahmen würden Sie für die empfohlene(n) Strategie(n) vorschlagen?

Lösung: a) Risikobehandlungsstrategien für das Performance-Risiko:

Strategie Erklärung Anwendung auf Performance-Risiko
Vermeiden (Avoid) Risikowahrscheinlichkeit auf Null setzen Performance-Risiko vermeiden durch Auswahl einer anderen Architektur, die für >1.000 Benutzer skaliert (z.B. Microservices statt Monolith, Cloud-basierte Skalierung, Caching-Strategie)
Minderung (Mitigate) Wahrscheinlichkeit oder Auswirkung reduzieren Performance-Risiko mindern durch Performance-Tests, Lasttests, Optimierung von Datenbankabfragen, Caching, Load Balancing, horizontale Skalierung
Übertragen (Transfer) Risiko auf andere Parteien übertragen Performance-Risiko übertragen durch Cloud-Hosting mit garantierten SLAs (z.B. AWS Auto Scaling), Externalisierung der Performance-Optimierung an Experten
Akzeptieren (Accept) Risiko akzeptieren und falls eintritt, reagieren Performance-Risiko akzeptieren und Kontingenz-Maßnahmen planen (z.B. Notfall-Plan für Performance-Engpässe, Kommunikationsplan an Benutzer, Puffer für Performance-Optimierung nach Go-Live)

b) Empfohlene Strategie(n):

Kombination von Minderung und Übertragen wird empfohlen:

  1. Minderung (Primärstrategie):
  2. Performance- und Lasttests vor Go-Live
  3. Caching-Strategie implementieren
  4. Datenbankoptimierung durchführen
  5. Horizontale Skalierung vorbereiten

  6. Übertragen (Sekundärstrategie):

  7. Cloud-basierte Hosting-Lösung mit Auto-Scaling
  8. SLA mit Cloud-Provider für Performance und Verfügbarkeit
  9. Externalisierung von Performance-Optimierung an Experten, falls notwendig

Begründung: - Vermeiden ist in diesem Fall oft nicht realistisch, da Performance-Optimierung Teil der Entwicklung ist - Minderung ist die primäre Strategie, da Performance-Tests und Optimierungen Standardmaßnahmen sind - Übertragen ergänzt Minderung durch Cloud-Skalierung und SLAs, was zusätzliche Sicherheit bietet - Akzeptieren sollte nur als Backup-Plan verwendet werden (Kontingenz-Maßnahmen), da Performance-Probleme kritische Auswirkungen haben können

c) Konkrete Maßnahmen für die empfohlenen Strategien:

Minderungs-Maßnahmen:

Maßnahme Verantwortlicher Zeitrahmen
Performance-Tests Test-Team, Entwickler Vor Go-Live, 2 Wochen
Lasttests Test-Team Vor Go-Live, 1 Woche
Caching-Strategie Architekt, Entwickler In Entwicklung, 3 Wochen
Datenbankoptimierung Datenbank-Admin, Entwickler In Entwicklung, 2 Wochen
Load Balancing Systemarchitekt, DevOps Vor Go-Live, 1 Woche
Horizontale Skalierung DevOps Vor Go-Live, 1 Woche

Übertragungs-Maßnahmen:

Maßnahme Verantwortlicher Zeitrahmen
Cloud-Hosting mit Auto-Scaling DevOps, Cloud-Provider Vor Go-Live, 2 Wochen
SLA mit Cloud-Provider Legal, Cloud-Provider Vor Go-Live, 1 Woche
Performance-Monitoring DevOps Laufend ab Go-Live
Alerting bei Performance-Problemen DevOps Vor Go-Live, 1 Woche

Kontingenz-Maßnahmen (für Akzeptieren):

Maßnahme Verantwortlicher Zeitrahmen
Notfallplan für Performance-Engpässe Projektleiter Vor Go-Live
Kommunikationsplan an Benutzer Kommunikation Vor Go-Live
Puffer für Performance-Optimierung nach Go-Live Entwickler Im Projektplan einplanen

Nächstes Kapitel: 8. Quiz