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6. Änderungsmanagement

Lernziele

Nach diesem Kapitel können Sie: - Den Zweck und die Notwendigkeit von Änderungsmanagement in IT-Projekten erklären - Den Change-Management-Prozess systematisch durchführen - Ein Change Control Board (CCB) effizient organisieren - Change Requests professionell analysieren, bewerten und entscheiden - Scope Creep erkennen und verhindern - Die Auswirkungen von Änderungen auf das Magische Dreieck (Zeit, Kosten, Qualität) beurteilen

Modul Übersicht

Modul 11 - Kapitel 6 Lesezeit: ~15-20 Min Quelle: 11 - Projektsteuerung in IT-Projekten.pdf, FS-ITB-11_Steuerung-01_v0c.pdf

1. Einführung: Warum Änderungsmanagement entscheidend ist

1.1 Die Realität von IT-Projekten

Kein IT-Projekt verläuft exakt nach Plan. Änderungen sind unvermeidlich. Die Herausforderung ist nicht, Änderungen zu verhindern, sondern sie professionell zu steuern.

Projektsteuerung unter Einflüssen

"Kein Projekt verläuft wie geplant, deshalb muss korrigierend eingegriffen werden."

1.2 Warum Änderungsmanagement notwendig ist

Aspekt Erklärung Konsequenz ohne Änderungsmanagement
Ungewissheit Anforderungen sind nicht immer vollständig oder korrekt bei Projektstart Missverständnisse, Fehlentwicklungen, teure Nacharbeiten
Ändernde Anforderungen Kunden und Stakeholder ändern Anforderungen im Projektverlauf Scope Creep, Budgetüberschreitungen, Zeitverzögerungen
Technische Erkenntnisse Neue technische Erkenntnisse führen zu Änderungen Falsche Architektur, ineffiziente Lösungen
Marktveränderungen Marktbedingungen ändern sich während der Projektlaufzeit Veraltete Lösungen bei Projektabschluss
Regulatorische Änderungen Gesetze und Vorschriften ändern sich Compliance-Verletzungen, Projektabbruch

1.3 Definition: Änderungsmanagement

Sollten Änderungen vom Auftraggeber gewünscht oder als Reaktion auf Planabweichungen notwendig sein, so ist vor der Durchführung sicherzustellen, dass die Auswirkungen dieser Änderungen analysiert und bewertet werden, eine klare Entscheidung über das weitere Vorgehen getroffen wird und (erst dann) mit der konsequenten Umsetzung begonnen wird.

Kernprinzip

"Keine Änderung ohne Analyse, Bewertung und formale Freigabe."

2. Der Change-Management-Prozess

2.1 Übersicht des Prozesses

Der Änderungsmanagement-Prozess folgt einem strukturierten Ablauf:

flowchart TD
    A[Änderungsbedarf erkannt] --> B[Change Request erstellen]
    B --> C[Erste Analyse & Kategorisierung]
    C --> D{Klein & Routine?}
    D -->|Ja| E[Projektleiter entscheidet<br/>im Rahmen seiner Kompetenzen]
    D -->|Nein| F[Change Control Board<br/>bewertet und entscheidet]
    E --> G{Entscheidung}
    F --> G
    G -->|Genehmigt| H[Auswirkungen auf Zeit, Kosten, Qualität analysieren]
    G -->|Abgelehnt| I[Antragsteller informieren<br/>Gründe kommunizieren]
    H --> J[Projektplan anpassen]
    J --> K[Änderung umsetzen]
    K --> L[Dokumentation & Freigabe]
    L --> M[Mögliche Nachforderungen sichern]

    style G fill:#fff9c4
    style I fill:#ffcdd2
    style M fill:#c8e6c9

2.2 Detailanalyse des Prozesses

Phase 1: Änderungsbedarf erkennen

Der Änderungsbedarf kann aus verschiedenen Quellen kommen:

Quelle Beispiele
Auftraggeber / Kunde Neue Anforderungen, Änderungswünsche
Projektteam Technische Erkenntnisse, Verbesserungsvorschläge
Stakeholder Feedback von Fachbereichen, Key Usern
Projektüberwachung Abweichungen im Soll-Ist-Vergleich
Planabweichungen Verzögerungen, Budgetüberschreitungen
Externe Faktoren Marktveränderungen, regulatorische Änderungen

Phase 2: Change Request erstellen

Ein Change Request (CR) ist ein formeller Antrag auf Änderung:

CR-Attribute Beispiel
CR-ID CR-2026-001
Titel Hinzufügen einer Export-Funktion für Berichte
Beschreibung Anwender möchten Berichte exportieren können (PDF, Excel)
Begründung Wichtig für Kundenservice und Compliance-Audits
Antragsteller Leiter Kundenservice
Priorität P2 (Hoch)
Kategorie Neue Funktion
Status Neu
Eingangsdatum 15.01.2026

Tipps für gute Change Requests

  • Klar und präzise: Beschreiben Sie die Änderung eindeutig und konkret
  • Begründet: Erklären Sie, warum die Änderung notwendig ist
  • Priorisiert: Weisen Sie eine Priorität zu (P0-P3)
  • Kategorisiert: Geben Sie die Art der Änderung an (Neue Funktion, Fehlerbehebung, Anpassung)
  • Visualisiert: Nutzen Sie Skizzen, Wireframes oder Beispiele zur Verdeutlichung

Phase 3: Erste Analyse & Kategorisierung

Eine erste Analyse und Kategorisierung entscheidet über den weiteren Prozess:

Kriterium Entscheidung
Auswirkung auf Projektumfang (Scope) Große Erweiterung vs. kleine Anpassung
Auswirkung auf Zeitplan Zeitverzug vs. kein Einfluss
Auswirkung auf Budget Kostenüberschreitung vs. im Rahmen
Komplexität Technisch einfach vs. komplex
Risiko Gering vs. hoch
Routine-Charakter Wiederkehrende, ähnliche Änderung vs. einmalig
Kategorisierung Weiteres Vorgehen
Routine, klein, geringes Risiko Projektleiter entscheidet im Rahmen seiner Kompetenzen
Kritisch, groß, hohes Risiko Change Control Board entscheidet

Phase 4: Entscheidung

Die Entscheidung kann sein:

Entscheidung Erklärung Konsequenzen
Genehmigt Änderung wird umgesetzt Projektplan angepasst, Budget/Termin angepasst, Umsetzung
Genehmigt mit Änderungen Änderung wird umgesetzt, aber mit Modifikationen Anforderungen angepasst, dann Projektplan angepasst
Abgelehnt Änderung wird nicht umgesetzt Antragsteller informiert, Gründe kommuniziert
Zurückgestellt Änderung wird zu einem späteren Zeitpunkt erneut geprüft CR gespeichert, zu späterem Zeitpunkt erneut evaluiert

Entscheidung transparent kommunizieren

Jede Entscheidung (Genehmigt, Abgelehnt, Zurückgestellt) muss transparent kommuniziert werden. Insbesondere bei Ablehnung ist eine klare Begründung wichtig, um Frustration zu vermeiden.

Phase 5: Auswirkungsanalyse

Bei Genehmigung muss eine detaillierte Auswirkungsanalyse durchgeführt werden:

Auswirkungsaspekt Fragen Beispiele
Scope Wie verändert sich der Projektumfang? Neue Funktion hinzugefügt, Bestehende Funktion angepasst
Zeit Wie verändert sich der Zeitplan? Verzögerung um 2 Wochen, Meilenstein verschoben
Kosten Wie verändern sich die Kosten? Zusätzliche 10.000 € Aufwand, Lizenzkosten erhöht
Qualität Wie verändert sich die Qualität? Höhere Qualität durch zusätzliche Tests, aber auch Risiko von Fehlern
Ressourcen Welche Ressourcen werden benötigt? Zusätzlicher Entwickler, zusätzlicher Testzeitraum
Risiken Welche neuen Risiken entstehen? Technische Komplexität erhöht, Integrationsprobleme möglich
Abhängigkeiten Welche Abhängigkeiten gibt es? Integration mit Modul X notwendig, Schnittstelle zu System Y
Nachforderungen Gibt es Nachforderungen gegenüber dem Auftraggeber? Zusätzliche Kosten, Verlängerung der Projektdauer

Phase 6: Projektplan anpassen

Der Projektplan wird entsprechend der Änderung angepasst:

Plan-Element Anpassung Beispiel
Projektstrukturplan (PSP) Neue Arbeitspakete hinzufügen AP: "Entwicklung Export-Funktion"
Terminplan Termine anpassen, Meilensteine verschieben Meilenstein "Testing Export-Funktion" auf 15.03.
Kostenplan Budget anpassen Gesamtbudget erhöht um 10.000 €
Ressourcenplan Ressourcen zuweisen Entwickler A für 2 Wochen zugewiesen
Risikoregister Neue Risiken hinzufügen Risiko: "Export-Funktion performance-intensiv"
Qualitätsplan QM-Maßnahmen anpassen Zusätzliche Tests für Export-Funktion

Phase 7: Änderung umsetzen

Die Änderung wird entsprechend den angepassten Plänen umgesetzt:

Umsetzungsschritt Beschreibung
Arbeitspakete erstellen Detaillierte Aufteilung in Arbeitspakete
Ressourcen zuweisen Zuweisung von Verantwortlichen
Umsetzung durchführen Entwicklung, Konfiguration, Anpassung
Testing durchführen Tests der Änderung
Dokumentation erstellen Dokumentation der Änderung
Freigabe Freigabe der Änderung durch CCB oder Projektleiter

Phase 8: Dokumentation & Freigabe

Die Änderung wird dokumentiert und freigegeben:

Dokumentation Inhalte
Change Request Originalantrag, Entscheidung, Begründung
Auswirkungsanalyse Auswirkungen auf Scope, Zeit, Kosten, Qualität, Ressourcen
Implementierungsplan Detaillierter Plan der Umsetzung
Test-Ergebnisse Ergebnisse der Tests
Release Notes Dokumentation der Änderung für Benutzer
Aktualisierter Projektplan Angepasster Projektplan

3. Change Control Board (CCB)

3.1 Definition und Zweck

Das Change Control Board (CCB) ist ein besonderes Gremium zur Überwachung und Steuerung von Änderungswünschen. Es entscheidet über kritische, große Änderungen mit hohem Risiko.

Charakteristik

"Change Control Board - Das Gericht über Änderungen."

3.2 Wann ist ein CCB notwendig?

Bedingung Beispiel
Große Änderungen Neue Funktionen, die erheblichen Aufwand erfordern
Hohe Kosten Änderungen, die das Budget signifikant erhöhen
Zeitliche Auswirkungen Änderungen, die den Zeitplan erheblich verschieben
Hohes Risiko Änderungen mit signifikanten Risiken
Interdepartementale Auswirkungen Änderungen, die mehrere Abteilungen betreffen
Strategische Bedeutung Änderungen mit strategischer Bedeutung
Vertragliche Auswirkungen Änderungen, die vertragliche Vereinbarungen beeinflussen

3.3 Zusammensetzung des CCB

Rolle Verantwortung Typische Mitglieder
Vorsitzender Leitung des CCB, Entscheidung bei Stimmengleichheit Projektleiter oder Senior Manager
Auftraggeber Kunden- oder Stakeholder-Vertretung Kunde, Lenkungsausschuss
Projektleiter Projektspezifische Expertise Projektleiter
Fachbereichsvertreter Fachliche Bewertung Key User, Fachexperten
Technische Experten Technische Bewertung Architekten, Senior Entwickler
Qualitätsmanager Qualitätsbewertung QM-Verantwortlicher
Finanzvertreter Bewertung der Kosten Finanzabteilung

Größe des CCB

Ein CCB sollte nicht zu groß sein (ideal 5-7 Mitglieder), um Entscheidungseffizienz zu gewährleisten. Zu viele Mitglieder führen zu langen Diskussionen und verzögerten Entscheidungen.

3.4 CCB-Meetings

CCB-Meeting Frequenz Dauer Agenda
Regelmäßiges CCB-Meeting Wöchentlich oder 14-tägig 60-90 Minuten Review offener CRs, Entscheidungen, Status-Update
Ad-hoc CCB-Meeting Bei kritischen CRs 30-60 Minuten Schnelle Entscheidung zu kritischen Änderungen
CCB-Review Monatlich 60 Minuten Review vergangener Entscheidungen, Prozess-Verbesserung

3.5 Entscheidungsprozess im CCB

flowchart TD
    A[CR vorgelegt] --> B[CCB-Meeting]
    B --> C[CR präsentiert]
    C --> D[Diskussion und Fragen]
    D --> E{Entscheidung}
    E -->|Einstimmig| F[Genehmigt]
    E -->|Mehrheit| F
    E -->|Keine Einstimmung oder keine Mehrheit| G{Entscheidung des Vorsitzenden}
    G -->|Ja| F
    G -->|Nein| H[Abgelehnt]
    F --> I[Protokoll und Kommunikation]
    H --> I
Entscheidungsregel Erklärung
Einstimmig Alle Mitglieder stimmen zu (strengste Regel)
Mehrheit Mehrheit der Mitglieder stimmt zu (Standardregel)
Qualifizierte Mehrheit z.B. 2/3-Mehrheit (bei besonders kritischen Entscheidungen)
Veto-Recht Bestimmte Mitglieder (z.B. Auftraggeber) haben Veto-Recht
Entscheidung des Vorsitzenden Bei Stimmengleichheit entscheidet der Vorsitzende

4. Scope Creep: Die unterschätzte Gefahr

4.1 Was ist Scope Creep?

Scope Creep (Umfangsschwemme) ist das unkontrollierte Anwachsen des Projektumfangs durch kleine, schleichende Änderungen.

Gefahr des Scope Creep

"Scope Creep ist der Hauptgrund für Budgetüberschreitungen und Zeitverzögerungen in IT-Projekten."

4.2 Typen von Scope Creep

Typ Erklärung Beispiel
Kunden-getriebener Scope Creep Kunden fügen ständig neue Anforderungen hinzu "Können wir noch diese kleine Funktion hinzufügen?"
Projektteam-getriebener Scope Creep Projektteam fügt "Nice-to-have"-Funktionen hinzu "Das wäre noch eine schöne Ergänzung..."
Technologie-getriebener Scope Creep Neue Technologien führen zu ungewollten Erweiterungen "Diese neue Bibliothek macht das auch noch..."
Gold-Plating Füge "goldene" Features hinzu, die nicht gefordert wurden Überperfektionierung, unnötige Zusatzfeatures

4.3 Vermeidung von Scope Creep

Strategie Maßnahmen
Klare Scope-Definition Detaillierte und klare Definition des Projektumfangs zu Projektstart
Change-Management-Prozess Strukturierter Prozess für alle Änderungen
Kommunikation Transparente Kommunikation über Auswirkungen von Änderungen
Kunden-Schulung Aufklärung über Auswirkungen von Änderungen auf Zeit, Kosten, Qualität
Trade-off-Analyse Gegenüberstellung von Kosten und Nutzen
Kategorisierung von Anforderungen Muss-Haben vs. Kann-Haben vs. Sollte-Haben
Priorisierung Priorisierung von Anforderungen nach geschäftlichem Nutzen
Budget- und Zeitpuffer Puffer für unerwartete Änderungen
Regelmäßige Reviews Regelmäßige Überprüfung des Scope im Projektverlauf

4.4 Umgang mit Scope Creep

Situation Reaktion
Kleine Änderung, geringe Auswirkung Genehmigen, aber dokumentieren und aufsummieren
Mittlere Änderung, moderate Auswirkung Auswirkungsanalyse, Trade-off-Analyse, Entscheidung
Große Änderung, hohe Auswirkung CCB entscheidet, möglicherweise neues Projekt
Häufige kleine Änderungen Kumulative Auswirkungen analysieren, ggf. Stopppunkt definieren
Scope Creep bereits passiert Umfang realistisch neu definieren, Budget und Zeitplan anpassen, Stakeholder informieren

5. Auswirkungen von Änderungen auf das Magische Dreieck

5.1 Das Magische Dreieck

Das Magische Dreieck (Projektmanagement-Dreieck) beschreibt den Zielkonflikt zwischen:

graph TD
    A[Zeit<br/>Termine] --- B[Leistung/Qualität<br/>Umfang, Anforderungen]
    B --- C[Kosten/Aufwand<br/>Budget, Ressourcen]
    C --- A

    style A fill:#ffecb3
    style B fill:#c8e6c9
    style C fill:#ffcdd2

5.2 Auswirkungsanalyse nach dem Magischen Dreieck

Änderungstyp Auswirkung auf Zeit Auswirkung auf Kosten Auswirkung auf Qualität Mögliche Kompromisse
Zusätzliche Funktion + Zeit + Kosten ? (höhe Qualität durch Testing, aber auch Risiko) Zeit verlängern, Budget erhöhen, andere Funktion entfernen
Fehlerbehebung + Zeit (für Fix und Testing) + Kosten (für Fix) + Qualität (Fehler behoben) Zeit verlängern, Budget erhöhen
Performance-Verbesserung + Zeit (für Optimierung) + Kosten (für Optimierung) + Qualität Zeit verlängern, Budget erhöhen, Scope reduzieren
Anpassung an Gesetze + Zeit (für Umsetzung) + Kosten (für Umsetzung) + Qualität (Compliance) Zeit verlängern, Budget erhöhen (Muss-Haben)
Technologiewechsel +++ Zeit +++ Kosten ? (neue Technologie kann Qualität verbessern oder gefährden) Zeit stark verlängern, Budget stark erhöhen, ggf. Projekt neu planen

5.3 Trade-off-Analyse

Eine Trade-off-Analyse hilft bei der Entscheidung:

Option Zeit Kosten Qualität Bewertung
Änderung durchführen +2 Wochen +10.000 € Gleich Mittel
Änderung nicht durchführen - - Gleich Gering
Änderung durchführen, aber Scope reduzieren +1 Woche +5.000 € - (weniger Funktionen) Hoch
Änderung auf späteres Projekt verschieben - - - Hoch (zukünftiges Projekt)

Trade-off-Prinzip

"Trade-off-Analyse" bedeutet, die Alternativen gegeneinander abzuwägen. Die beste Entscheidung ist nicht immer die mit den geringsten Kosten oder der kürzesten Zeit, sondern die mit dem besten Gesamtwert für das Unternehmen.

6. Best Practices für Änderungsmanagement

6.1 Prävention

Präventionsmaßnahme Beschreibung
Gute Anforderungsanalyse Gründliche Analyse zu Projektstart reduziert Änderungsbedarf
Stakeholder-Management Frühe und kontinuierliche Einbindung aller Stakeholder
Klare Scope-Definition Detaillierte und klare Definition des Projektumfangs
Kommunikation Transparente Kommunikation über Projektstatus und Änderungen
Agile Methoden Iteratives Vorgehen ermöglicht schrittweise Anpassungen
Prototyping Frühzeitige visuelle Darstellung reduziert Missverständnisse
MVP (Minimum Viable Product) Fokus auf Kernfunktionen, weniger Änderungsdruck

6.2 Prozesseffizienz

Prozess-Verbesserung Beschreibung
Standardisierte CR-Vorlagen Reduziert Zeit für Erstellung von Change Requests
Automatisierte Workflows Tool-gestützte Änderungsanträge und Workflows
Regelmäßige CCB-Meetings Reduziert Ad-hoc-Meetings, verbessert Planbarkeit
Klare Entscheidungswege Klar definierte Zuständigkeiten und Eskalationspfade
Dokumentation Ausreichende Dokumentation für Transparenz und Nachvollziehbarkeit
Metriken Tracking von CRs, Entscheidungszeit, Abgablerate zur Prozessverbesserung
Lessons Learned Regelmäßige Analyse des Änderungsmanagement-Prozesses

6.3 Kommunikation

Kommunikations-Aspekt Maßnahmen
Transparenz Offene Kommunikation über Änderungen und deren Auswirkungen
Begründung Klare Begründung für Entscheidungen (Genehmigt, Abgelehnt)
Kunden-Einbindung Aktive Einbindung des Kunden in den Änderungsprozess
Erwartungsmanagement Realistische Erwartungen an Kunden und Stakeholder
Timely Updates Schnelle Updates zu Entscheidungen und Statusänderungen
Multi-Channel Nutzung verschiedener Kommunikationskanäle (E-Mail, Meetings, Dashboards)
Feedback-Kultur Offene Feedback-Kultur für Verbesserung des Prozesses

7. Zusammenfassung

7.1 Kernpunkte des Kapitels

  1. Änderungsmanagement ist unverzichtbar - Kein Projekt ohne Änderungen
  2. Strukturierter Prozess - Change Request, Analyse, Entscheidung, Umsetzung
  3. CCB für kritische Änderungen - Change Control Board für große, kritische Änderungen
  4. Scope Creep verhindern - Unkontrolliertes Anwachsen des Umfangs vermeiden
  5. Auswirkungen auf das Magische Dreieck - Jede Änderung hat Auswirkungen auf Zeit, Kosten, Qualität
  6. Trade-off-Analyse - Alternativen gegeneinander abwägen
  7. Kommunikation und Transparenz - Klare Kommunikation über Änderungen und Entscheidungen

7.2 Erfolgsfaktoren

Erfolgsfaktor Maßnahmen
Gute Anforderungsanalyse Reduziert Änderungsbedarf von vornherein
Stakeholder-Management Frühe und kontinuierliche Einbindung
Klare Scope-Definition Detaillierte Definition des Projektumfangs
Strukturierter Prozess Klare Prozesse und Zuständigkeiten
CCB-Kompetenz Erfahrene und kompetente CCB-Mitglieder
Metriken & Monitoring Tracking von CRs und Entscheidungszeiten
Kommunikation Transparente und klare Kommunikation
Tool-Unterstützung Nutzung von Projektmanagement-Tools
Flexibilität - Flexibel, aber strukturiert
Erwartungsmanagement Realistische Erwartungen an alle Beteiligten

8. Schlüsselbegriffe

Begriff Definition
Änderungsmanagement (Change Management) Systematischer Prozess zur Behandlung von Änderungen im Projektverlauf
Change Request (CR) Formeller Antrag auf Änderung
Change Control Board (CCB) Gremium zur Überwachung und Steuerung von Änderungswünschen
Scope Creep Unkontrolliertes Anwachsen des Projektumfangs
Auswirkungsanalyse Analyse der Auswirkungen einer Änderung auf Zeit, Kosten, Qualität
Magisches Dreieck Zielkonflikt zwischen Leistung/Qualität, Zeit und Kosten
Trade-off-Analyse Gegenüberstellung von Alternativen und Abwägung der Vor- und Nachteile
Genehmigt mit Änderungen Änderung wird genehmigt, aber mit Modifikationen
Zurückgestellt Änderung wird zu einem späteren Zeitpunkt erneut geprüft
Abgelehnt Änderung wird nicht umgesetzt
Routine-Änderung Kleine, routine-mäßige Änderungen, die vom Projektleiter entschieden werden
Kritische Änderung Große Änderung mit hohem Risiko, die vom CCB entschieden werden
Gold-Plating Hinzufügen von Features, die nicht gefordert wurden (Überperfektionierung)
Stakeholder Alle Personen oder Gruppen, die ein berechtigtes Interesse am Projektverlauf oder -ergebnis haben
Kritische Erfolgsfaktoren (KEF) Die 3-5 wichtigsten Faktoren, die über Erfolg oder Misserfolg des Projekts entscheiden

9. Verständnisfragen

Frage 1: Change Management Prozess

Ein Kunde meldet einen Change Request für eine neue Funktion im CRM-System. Die Funktion würde 2 Wochen Entwicklungsaufwand erfordern und das Budget um 5.000 € erhöhen. Der Projektleiter hat Budgetkompetenz bis zu 3.000 €.

a) Sollte der Projektleiter oder das CCB entscheiden? Warum? b) Welcher Prozess sollte durchlaufen werden? c) Was sollte bei der Auswirkungsanalyse berücksichtigt werden?

Lösung: a) Entscheidung: Change Control Board (CCB)

Begründung: - Die Kosten von 5.000 € liegen über der Kompetenz des Projektleiters (Budgetkompetenz bis 3.000 €) - Die Änderung erfordert 2 Wochen Entwicklungsauswurf, was den Zeitplan beeinflusst - Die Änderung ist keine Routine-Änderung, sondern eine neue Funktion mit Auswirkungen auf Scope - Die Kriterien für CCB-Entscheidung (große Änderung, hohe Kosten, zeitliche Auswirkung) sind erfüllt

b) Prozess: 1. Change Request erstellen: Kunde füllt CR-Vorlage aus (Titel, Beschreibung, Begründung, Priorität) 2. Erste Analyse & Kategorisierung: Projektleiter bewertet CR und kategorisiert als kritisch (groß, hohe Kosten) 3. CCB-Meeting: CR wird im CCB präsentiert und diskutiert 4. Entscheidung: CCB entscheidet (Genehmigt, Genehmigt mit Änderungen, Abgelehnt, Zurückgestellt) 5. Auswirkungsanalyse: Detaillierte Analyse der Auswirkungen auf Zeit, Kosten, Qualität 6. Projektplan anpassen: PSP, Terminplan, Kostenplan angepasst 7. Änderung umsetzen: Entwicklung, Testing, Freigabe 8. Dokumentation: CR dokumentiert, Release Notes erstellt

c) Auswirkungsanalyse sollte berücksichtigen:

Aspekt Fragen
Scope Wie verändert sich der Projektumfang? Neue Funktion hinzugefügt?
Zeit Wie verändert sich der Zeitplan? 2 Wochen Verzögerung? Meilensteine verschoben?
Kosten Wie verändern sich die Kosten? 5.000 € Aufwand? Zusätzliche Lizenzkosten?
Qualität Wie verändert sich die Qualität? Zusätzliche Tests erforderlich? Neue Risiken?
Ressourcen Welche Ressourcen werden benötigt? Entwickler für 2 Wochen? Testzeitraum?
Risiken Welche neuen Risiken entstehen? Integration mit bestehenden Funktionen? Performance-Risiken?
Abhängigkeiten Welche Abhängigkeiten gibt es? Schnittstellen zu anderen Modulen?
Nachforderungen Gibt es Nachforderungen gegenüber dem Kunden? Zeitverlängerung? Kostenübernahme?
Frage 2: Scope Creep

Ein IT-Projekt läuft seit 3 Monaten. Der Kunde hat währenddessen 15 kleine Change Requests gestellt, die jeweils vom Projektleiter genehmigt wurden. Jede Änderung kostete durchschnittlich 500 € und verursachte 2 Tage Verzögerung. Das ursprüngliche Budget war 50.000 €, die ursprüngliche Projektdauer war 6 Monate.

a) Wie hoch ist die Gesamtkosten- und Zeitverzögerung durch die 15 Änderungen? b) Liegt hier Scope Creep vor? Warum? c) Was hätte anders gemacht werden können?

Lösung: a) Gesamtkosten und Zeitverzögerung: - Kosten: 15 Änderungen × 500 € = 7.500 € (15% des ursprünglichen Budgets) - Zeit: 15 Änderungen × 2 Tage = 30 Tage (ca. 1,5 Monate, 25% der ursprünglichen Projektdauer)

Ergebnis: - Neues Budget: 50.000 € + 7.500 € = 57.500 € (+15%) - Neue Projektdauer: 6 Monate + 1,5 Monate = 7,5 Monate (+25%)

b) Ja, hier liegt Scope Creep vor.

Begründung: - Es gibt 15 Änderungen in nur 3 Monaten (durchschnittlich 1 pro Woche) - Jede Änderung wurde genehmigt, ohne die kumulativen Auswirkungen zu berücksichtigen - Die Gesamtauswirkung (15% Budget, 25% Zeit) ist signifikant - Die Änderungen sind "klein und schleichend", was für Scope Creep typisch ist - Es gibt keine klare Scope-Begrenzung oder Priorisierung

c) Was hätte anders gemacht werden können:

  1. Klare Scope-Definition: Detailliertere Definition des Projektumfangs zu Projektstart, einschließlich "In-Scope" und "Out-of-Scope"
  2. Priorisierung von Anforderungen: Unterscheidung in "Muss-Haben", "Kann-Haben", "Sollte-Haben"
  3. Change-Management-Prozess: Strukturierter Prozess für alle Änderungen, auch kleine
  4. Kumulatives Tracking: Tracking der kumulativen Auswirkungen aller Änderungen (Budget, Zeit)
  5. Stopp-Kriterien: Definition von Stopppunkten (z.B. bei 10% Budgetüberschreitung keine weiteren Änderungen ohne CCB-Entscheidung)
  6. Kommunikation mit Kunden: Transparente Kommunikation über Auswirkungen von Änderungen
  7. Trade-off-Analyse: Gegenüberstellung von Kosten und Nutzen bei jeder Änderung
  8. Agile Iterationen: Nutzung agiler Methoden (Sprints, Iterationen) zur Einplanung von Änderungen in geplanten Iterationen
  9. Budget- und Zeitpuffer: Einplanung von Puffern für unerwartete Änderungen (z.B. 10-20% Budgetpuffer)
  10. Kunden-Schulung: Aufklärung über Auswirkungen von Änderungen auf Zeit, Kosten, Qualität
Frage 3: Magisches Dreieck und Trade-off

Ein Projektteam hat einen Change Request erhalten, der die Performance des Systems verbessern soll. Die Optionen sind:

  • Option A: Performance verbessern, aber Projektdauer um 4 Wochen verlängern, Kosten um 20.000 € erhöhen
  • Option B: Performance nicht verbessern, aber Projektdauer und Kosten beibehalten
  • Option C: Performance verbessern, aber eine andere Funktion entfernen (spart 2 Wochen und 10.000 €)

Führen Sie eine Trade-off-Analyse durch und machen Sie eine Empfehlung.

Lösung:

Trade-off-Analyse:

Kriterium Option A Option B Option C
Zeit +4 Wochen - +2 Wochen (netto: +4 -2 = +2)
Kosten +20.000 € - +10.000 € (netto: +20 -10 = +10)
Leistung/Qualität + (Performance verbessert) - (nicht verbessert) + (Performance verbessert) aber - (andere Funktion entfernt)
Bewertung Hoch (bessere Performance, aber teuer und lang) Gering (keine Verbesserung) Mittel bis Hoch (bessere Performance, moderate Kosten und Zeit, aber andere Funktion entfernt)

Empfehlung: Option C (mit Klarstellung und Kommunikation)

Begründung:

  1. Business-Value prüfen:
  2. Ist die Performance-Verbesserung für den Kunden wichtiger als die andere Funktion?
  3. Wie hoch ist der geschäftliche Nutzen der Performance-Verbesserung?
  4. Wie hoch ist der geschäftliche Nutzen der anderen Funktion?

  5. Wenn Performance wichtiger ist:

  6. Option C bietet die beste Balance zwischen Kosten, Zeit und Qualität
  7. Netto-Kosten (+10.000 €) und Netto-Zeit (+2 Wochen) sind akzeptabel
  8. Die entfernte Funktion sollte eine "Kann-Haben"-Funktion sein, kein "Muss-Haben"

  9. Wenn die andere Funktion wichtiger ist:

  10. Option B sollte gewählt werden (keine Änderung)
  11. Performance-Verbesserung sollte in einem zukünftigen Projekt geplant werden
  12. Alternativ: Performance-Optimierung in der Wartungsphase durchführen

  13. Kommunikation mit Kunden:

  14. Transparente Kommunikation über die drei Optionen und deren Auswirkungen
  15. Kunden-Entscheidung basierend auf geschäftlichem Nutzen
  16. Klärung, ob die Performance-Verbesserung oder die andere Funktion wichtiger ist

Alternative: Option A (wenn Budget und Zeit keine Beschränkungen sind und Performance kritisch ist) - Wählen Sie Option A, wenn die Performance-Verbesserung kritisch für den Geschäftsbetrieb ist - Die zusätzlichen Kosten (+20.000 €) und Zeit (+4 Wochen) müssen im Budget und Zeitplan berücksichtigt werden - Klären Sie, ob der Kunde bereit ist, die zusätzlichen Kosten und Zeit zu akzeptieren


Nächstes Kapitel: 7. Risikomanagement