1. Beschaffungsmanagement
Kapitel Übersicht
Kapitel 1/8 Lesezeit: ~8 Min Modul 10: Planung II
🎯 Lernziele
Nach diesem Kapitel können Sie: - Den strategischen Wert des Beschaffungsmanagements in IT-Projekten verstehen - Den Beschaffungsprozess systematisch durchlaufen - Entscheidungsgrundlagen für Make-or-Buy-Entscheidungen herleiten - Vertragsformen und ihre Risikoverteilung bewerten
📋 Einführung
Das Beschaffungsmanagement in IT-Projekten ist weit mehr als der bloße Einkauf von Hardware oder Software. Es ist eine strategische Disziplin, die direkt über den Projekterfolg entscheidet. In modernen IT-Landschaften basieren bis zu 70% aller Systemkomponenten auf externen Leistungen – von SaaS-Lösungen über Cloud-Infrastrukturen bis hin zu spezialisierten Entwicklungsdienstleistungen.
Praxisbeispiel
Ein mittelständisches Unternehmen plant die Einführung eines neuen CRM-Systems. Die Entscheidung, ob eine proprietäre Software gekauft oder eine Cloud-SaaS-Lösung gemietet wird, hat nicht nur Auswirkungen auf die Anschaffungskosten (CAPEX), sondern auch auf die laufenden Kosten (OPEX), die IT-Sicherheit, die Flexibilität bei Skalierung und die Compliance (z.B. DSGVO bei Cloud-Datenspeicherung). Diese Entscheidung wird im Beschaffungsprozess getroffen.
🔍 Der Beschaffungsprozess
Ein strukturierter Beschaffungsprozess minimiert Risiken und maximiert den Projektwert. Der Prozess durchläuft typischerweise fünf Phasen:
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A[Phase 1: Bedarfsermittlung] --> B[Phase 2: Marktanalyse]
B --> C[Phase 3: Lieferantensuche]
C --> D[Phase 4: Vertragsverhandlung]
D --> E[Phase 5: Vertragsmanagement]
Phase 1: Bedarfsermittlung
Der erste Schritt ist die präzise Definition des Bedarfs. Dies beinhaltet:
- Funktionale Anforderungen: Was muss das Produkt/die Dienstleistung leisten?
- Nicht-funktionale Anforderungen: Performance, Verfügbarkeit, Skalierbarkeit
- Budgetrahmen: Wie viel Kapital ist verfügbar (CAPEX vs. OPEX)?
- Zeitrahmen: Wann wird die Leistung benötigt?
- Compliance-Anforderungen: Welche gesetzlichen oder regulatorischen Vorgaben gelten?
Häufiger Fehler
Viele Projekte beginnen mit der Lieferantensuche, bevor der Bedarf vollständig geklärt ist. Dies führt zu unnötigen Iterationen, erhöhtem Zeitdruck und suboptimalen Lösungen. Investieren Sie 20-30% der Beschaffungszeit in die Bedarfsanalyse.
Phase 2: Marktanalyse
In dieser Phase wird der Markt nach geeigneten Lösungen durchleuchtet:
- Identifikation potenzieller Lieferanten: Wer bietet vergleichbare Lösungen?
- Technologie-Trendanalyse: Welche Technologien zukunftsfähig?
- Wettbewerbsanalyse: Preis-Leistungsverhältnis, Referenzen
- Risikobeurteilung: Marktpositionierung, Stabilität der Anbieter
Phase 3: Lieferantensuche
Die Auswahl des richtigen Lieferanten erfolgt meist über ein strukturiertes Auswahlverfahren:
| Kriterium | Beschreibung | Gewichtung |
|---|---|---|
| Funktionalität | Deckt die Lösung die Anforderungen ab? | 30% |
| Preis | Gesamtkosten über den Lebenszyklus (TCO) | 25% |
| Referenzen | Erfahrungen anderer Kunden | 20% |
| Innovation | Innovationsfähigkeit und Roadmap | 15% |
| Service & Support | Qualität des Support- und Serviceangebots | 10% |
Die Nutzwertanalyse ist hier das Instrument der Wahl: Kriterien werden gewichtet, Lieferanten mit Punkten bewertet, und die Summe ergibt eine objektive Gesamtwertung.
Phase 4: Vertragsverhandlung
In dieser Phase werden die Vertragsbedingungen ausgehandelt. Typische Vertragsformen in der IT-Beschaffung sind:
| Vertragsform | Beschreibung | Risikoverteilung |
|---|---|---|
| Festpreis | Einmaliger Preis für definierte Leistung | Risiko beim Auftragnehmer |
| Time & Material | Vergütung nach Aufwand (Stundensatz) | Risiko beim Auftraggeber |
| Mischform | Basispreis + variable Komponenten | Geteiltes Risiko |
| Managed Service | Laufende Vergütung für Service (OPEX) | Risiko beim Auftragnehmer (Availability) |
EVB-IT
Die Ergänzenden Vertragsbedingungen für die Beschaffung von IT-Leistungen (EVB-IT) sind ein Standard im deutschen Markt. Sie bieten rechtssichere Formulierungen für typische IT-Problematiken (Haftung, Gewährleistung, Abnahme) und sollten in jedem IT-Vertrag zumindest als Referenz verwendet werden.
Phase 5: Vertragsmanagement
Die Arbeit endet nicht mit der Unterschrift. Das Vertragsmanagement umfasst:
- Lieferantenüberwachung: Einhalten von Zeitplänen, Qualitätsstandards
- SLA-Monitoring: Überwachung der Service Level Agreements
- Change Management: Umgang mit Änderungswünschen
- Claim Management: Durchsetzung oder Abwehr von Forderungen
📊 Checkliste: Beschaffungsprozess
✅ Bedarfsermittlung
✅ Funktionale Anforderungen dokumentiert
✅ Nicht-funktionale Anforderungen definiert
✅ Budgetrahmen geklärt
✅ Zeitplan erstellt
✅ Marktanalyse
✅ Potenzielle Lieferanten identifiziert
✅ Technologien evaluiert
✅ Wettbewerbsanalyse durchgeführt
✅ Lieferantensuche
✅ Kriterienkatalog erstellt
✅ Nutzwertanalyse durchgeführt
✅ Referenzen überprüft
✅ Vertragsverhandlung
✅ Vertragsform gewählt
✅ EVB-IT berücksichtigt
✅ SLAs definiert
✅ Vertragsmanagement
✅ Monitoring-Prozesse eingerichtet
✅ Escalation-Paths definiert
✅ Review-Termine geplant
🚀 Fazit
Beschaffungsmanagement ist ein strategischer Erfolgsfaktor für IT-Projekte. Ein strukturierter Prozess, fundierte Entscheidungsgrundlagen und kontinuierliches Monitoring verhindern kostspielige Fehler und steigern die Wahrscheinlichkeit des Projekterfolgs signifikant.
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Im nächsten Kapitel 2. Make-or-Buy-Analyse vertiefen wir die Entscheidung, ob Leistungen selbst erbracht oder extern eingekauft werden sollten.