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Kapitel 6: Ressourcenplanung

Lernziele

  • Ressourcentypen und deren Planung verstehen
  • Kapazitätsplanung und Engpassanalyse durchführen
  • Ressourcenhistogramme interpretieren und erstellen
  • Ressourcennivellierung zur Konfliktlösung anwenden

Einleitung: Ressourcen sind begrenzt

"Wir haben genug Zeit, Geld und Personal" – dieser Satz existiert in der Realität nicht. In jedem IT-Projekt sind Ressourcen endlich, und ihre effiziente Nutzung ist entscheidend für den Erfolg. Eine professionelle Ressourcenplanung verhindert Überlastung, minimiert Wartezeiten und stellt sicher, dass das Projekt mit dem verfügbaren Budget und Personal realisiert werden kann.

Klassisches Ressourcen-Desaster

Ein Projekt hat 5 Entwickler, aber für die finale Integrationsphase werden 3 Senior-Entwickler benötigt, die aber parallel an anderen Projekten arbeiten. Result: Integrationsphase verzögert sich um 4 Wochen, zusätzliche Kosten für Freelancer, Budget überschritten.

Ressourcentypen: Was braucht ein IT-Projekt?

In der IT-Projektleitung werden drei Hauptkategorien von Ressourcen unterschieden:

1. Personal (Human Resources)

Das wertvollste und meist knapste Gut in IT-Projekten.

Rollentyp Aufgaben Planungsansatz
Senior-Entwickler Architektur, komplexe Features, Code-Review Fokus auf kritische Pfade
Junior-Entwickler Standard-Features, Bugfixes, Dokumentation Fokus auf nicht-kritische Pfade
Projektmanager Steuerung, Reporting, Stakeholder-Management Dauerkapazität über Projektlaufzeit
QA-Engineer Tests, Qualitätssicherung Peak-Kapazität in Testphasen
DevOps-Engineer Deployment, Infrastruktur, Monitoring Intermittierende Kapazität
Business Analyst Anforderungen, Prozessanalyse Phase-fokussierte Kapazität

Skill-Mix beachten

Ein Junior ersetzt keinen Senior, auch nicht im Verhältnis 2:1. Planen Sie basierend auf Skills, nicht nur auf Personenstunden.

2. Material und Infrastruktur

Für IT-Projekte sind dies primär technologische Ressourcen:

Ressource Beispiele Planungsaspekte
Hardware Server, Laptops, Testgeräte Beschaffungszeit, Wartung, Rückgabe
Software-Lizenzen IDEs, CI/CD-Tools, Test-Tools Lizenzkosten, Benutzeranzahl, Verlängerung
Cloud-Services AWS/Azure/GCP, SaaS OPEX-Kosten, Skalierbarkeit, Kostenkontrolle
Netzwerk Bandbreite, VPN-Zugriffe Kapazität, Security, Compliance

3. Finanzen (Budget)

Das Budget ist die Ressource, die alles andere steuert.

Budget-Kategorie Beispiel Planungsmethode
Personalkosten Gehälter, Freelancer Personenstunden × Stundensatz
Lizenzkosten Software-Abonnements Monatliche/Jährliche Gebühren
Hardware-Investitionen Server, Test-Geräte Einmalkosten
Cloud-Kosten AWS/Azure Schätzung basierend auf Nutzung
Reserve Unvorhergesehene Ausgaben Üblich: 10-20% des Gesamtbudgets

Budget-Falle

Ein überzogenes Budget ist schwer zu korrigieren. Planen Sie konservativ und bauen Sie eine Reserve ein. Besser ist, die Reserve am Ende nicht zu nutzen, als während des Projekts um Nachtragsbudget zu bitten.

Kapazitätsplanung: Von Personenstunden zu Verfügbarkeit

Die Kapazitätsplanung wandelt den Bedarf in verfügbare Ressourcen um.

Verfügbarkeit vs. Effektive Kapazität

Begriff Erklärung Beispiel
Verfügbarkeit Zeit, die ein Mitarbeiter im Projekt investieren kann 40 Stunden Woche
Effektive Kapazität Tatsächliche produktive Arbeitszeit ~25-30 Stunden Woche
Netto-Kapazität Verfügbarkeit nach Abzug von Urlaubs, Meetings, Krankheit ~20-25 Stunden Woche

Rechenbeispiel

Ein Entwickler ist nominell zu 100% (40h/Woche) verfügbar. - Abzug: Team-Meetings (4h), Administration (3h), Schulung (2h) - Effektive Kapazität: 31 Stunden - Weitere Abzug: Urlaubs-, Krankheits-Buffer (15%) - Netto-Kapazität: ~26 Stunden pro Woche

Kapazitätsberechnung nach Projektphasen

gantt
    title Projektphasen und Ressourcenbedarf
    dateFormat  YYYY-MM-DD
    axisFormat  %d.%m.

    section Projektphasen
    Analyse               :p1, 2026-01-02, 14d
    Design                :p2, after p1, 14d
    Entwicklung           :p3, after p2, 42d
    Testing               :p4, after p3, 14d
    Deployment            :p5, after p4, 7d

    section Ressourcen
    Business Analyst      :ba, 2026-01-02, 28d
    Architekten           :arch, after p1, 14d
    Entwickler            :dev, after p2, 42d
    QA-Engineer           :qa, after p3, 14d
    DevOps                :ops, after p4, 7d

Peak-Management

Ressourcenbedarf ist nie konstant. Planen Sie für Peaks (z. B. Testphase) und Tals (z. B. zwischen Phasen). Überbrücken Sie Peaks mit Freelancern oder zeitweisen Aufstockungen.

Ressourcenhistogramm: Visuelle Kapazitätsanalyse

Das Ressourcenhistogramm zeigt den Ressourcenbedarf über die Zeit und macht Überlastungen sichtbar.

Histogramm-Daten

Woche Dev1 Dev2 Dev3 Dev4 Dev5 Gesamt
KW 1-4 100% 100% 80% 60% 40% 380%
KW 5-8 120% 110% 100% 80% 60% 470%
KW 9-12 80% 90% 90% 70% 50% 380%

Überlastung erkennen

In KW 5-8 sind Dev1 und Dev2 überlastet (>100%). Ohne Maßnahmen drohen Verzögerungen und Burnout-Risiko.

Histogramm-Visualisierung

xychart-beta
    title "Ressourcenauslastung über Projektlaufzeit"
    x-axis [KW1, KW2, KW3, KW4, KW5, KW6, KW7, KW8, KW9, KW10, KW11, KW12]
    y-axis "Auslastung (%)" 0 --> 120
    line [80, 85, 90, 95, 110, 115, 110, 105, 90, 85, 80, 75]

Histogramm-Interpretation

  • < 80%: Unterauslastung → Ressourcen können woanders eingesetzt werden
  • 80-100%: Idealer Bereich → Effiziente Auslastung
  • > 100%: Überlastung → Sofortige Maßnahmen nötig

Engpassanalyse: Wo klemmt es?

Die Engpassanalyse identifiziert Ressourcen, die den kritischen Pfad blockieren.

Typische Engpässe in IT-Projekten

Engpass-Typ Symptome Lösungen
Skill-Engpass Spezialisierte Aufgaben warten auf Senior-Ressource Freelancer, Schulung, Alternative Lösung
Zeit-Engpass Kritischer Pfad verzögert sich Ressourcen umverteilen, Parallelisierung
Budget-Engpass Geld ausgegeben, Projekt noch nicht fertig Priorisierung, Kostenreduktion
Infrastruktur-Engpass Test-Umgebungen nicht verfügbar Cloud-Skalierung, temporäre Ressourcen

Realer Engpass

Ein kritisches Modul muss von einem Senior-Architekten konzipiert werden, aber dieser ist parallel in 3 Projekten. Das Modul wartet 3 Wochen auf Start. Lösung: Freelancer-Architekt für 2 Wochen einsetzen, Senior übernimmt nur Review.

Ressourcennivellierung: Konflikte lösen

Die Ressourcennivellierung (Resource Leveling) ist der Prozess, Überlastungen zu beheben, ohne das Projektende zu gefährden.

Nivellierungsstrategien

Strategie 1: Pufferzeiten nutzen

Verschieben Sie nicht-kritische Vorgänge in deren Pufferzeit.

gantt
    title Vorher: Überlastung in Woche 5-6
    dateFormat  YYYY-MM-DD
    axisFormat  %d.%m.

    section Überlastete Ressource
    Kritischer Vorgang A  :crit, a1, 2026-01-02, 10d
    Nicht-kritisch B      :b1, 2026-01-02, 5d
    Nicht-kritisch C      :c1, 2026-01-07, 5d
gantt
    title Nachher: Nivelliert
    dateFormat  YYYY-MM-DD
    axisFormat  %d.%m.

    section Nivellierte Planung
    Kritischer Vorgang A  :crit, a1, 2026-01-02, 10d
    Nicht-kritisch B      :b1, 2026-01-12, 5d
    Nicht-kritisch C      :c1, 2026-01-12, 5d

Strategie 2: Ressourcen erhöhen

Wenn Pufferzeiten nicht ausreichen, können Ressourcen erhöht werden:

Maßnahme Vor- Nach-
Freelancer hinzuziehen Schnell verfügbar, Expertise Höhere Kosten, Einbindungsaufwand
Outsourcing Kosteneffiziv bei Massen-Work Kommunikationsaufwand, Quality Control
Interne Umverteilung Keine Zusatzkosten Andere Projekte werden beeinträchtigt
Temporäre Überstunden Sofort verfügbar Burnout-Risiko, langfristig nachteilig

Überstunden-Falle

Überstunden sind kurzfristig eine Lösung, langfristig eine Gefahr. Die "Katastrophe" passiert nicht sofort, sondern nach Wochen/Monaten. Planen Sie Überstunden nur als absolute Ausnahme.

Strategie 3: Projektumfang reduzieren

Wenn Ressourcen nicht erhöht werden können, muss der Umfang reduziert werden:

  1. Priorisierung nach MoSCoW:
  2. Must have: Bleibt im Projekt
  3. Should have: Bleibt, wenn Ressourcen reichen
  4. Could have: Kann entfernt werden
  5. Won't have: Wird nicht umgesetzt

  6. Minimum Viable Product (MVP):

  7. Fokus auf kernfunktionale Features
  8. Nice-to-haves in Phase 2 schieben

MoSCoW in der Praxis

Ein E-Commerce-Projekt: - Must: Produktkatalog, Warenkorb, Bezahlung - Should: Kundenbewertungen, Empfehlungen - Could: Social Media Integration, Chatbot - Won't: KI-basierte Bilderkennung (in Phase 2)

Ressourcencontrolling: Regelmäßige Überwachung

Ressourcenplanung ist kein einmaliger Prozess. Regelmäßige Updates sind unerlässlich.

Wöchentlicher Ressourcen-Check

Prüfpunkt Frage Maßnahme bei Abweichung
Ist-Auslastung Sind alle Mitarbeiter wie geplant ausgelastet? Umplanung bei Über-/Unterlastung
Budgetverbrauch Liegen Kosten im Rahmen? Korrekturmaßnahmen bei Überschreitung
Meilensteine Werden Termine gehalten? Ressourcen umverteilen bei Gefährdung
Engpässe Gab es neue Engpässe? Sofortige Beseitigung
Team-Gesundheit Überstunden, Burnout-Signale? Maßnahmen zum Wohlbefinden

!!! tip "KPIs für Ressourcenmanagement - Auslastungsrate: Ziel 80-100% (ohne Überlastung) - Budgetabweichung: < 5% vom Plan - Engpass-Reaktionszeit: < 2 Tage nach Erkennung - Team-Zufriedenheit:** Regelmäßige Umfragen

Häufige Fehler und deren Vermeidung

Fehler Auswirkung Lösung
Kapazität überbewerten Planung basiert auf 40h statt 25h Realistische Netto-Kapazität nutzen
Engpässe ignorieren Projekte verzögern sich Regelmäßige Engpassanalyse
Eindeutige Ressourcenbindung Eine Person macht alles Rollen definieren, Wissen teilen
Budget nicht überwachen Überraschende Kostenüberschreitung Wöchentliches Budget-Tracking
Kein Puffer Jede Verzögerung kritisch 10-20% Zeit- und Budgetpuffer einplanen

Single Point of Failure

Wenn eine kritische Ressource (z. B. der einzige Senior-Architekt) ausfällt, steht das Projekt still. Maßnahmen: Dokumentation, Schulung, Backup-Ressource.

Zusammenfassung

Die Ressourcenplanung ist das Fundament für die Machbarkeit eines IT-Projekts. Sie verbindet die zeitliche Planung (Ablaufplanung) mit den verfügbaren Mitteln (Personal, Budget, Material).

Kernprinzipien der Ressourcenplanung:

  1. Realistische Kapazitäten: Von 100% Verfügbarkeit zu ~60-70% Netto-Kapazität
  2. Engpass-Proaktivität: Engpässe frühzeitig erkennen und beseitigen
  3. Flexibilität: Nivellierung, Puffer, Alternativen planen
  4. Controlling: Regelmäßige Überwachung und Anpassung
  5. Mensch-Fokus: Überlastung verhindern, Team-Gesundheit erhalten

Eine professionelle Ressourcenplanung verwandelt ein "Wir schaffen das irgendwie" in ein "Wir haben genug von allem, um es rechtzeitig zu schaffen."


Nächstes Kapitel: Kommunikationsplanung