Kapitel 5: Ablaufplanung und Netzplantechnik
Lernziele
- Die Netzplantechnik und ihre Anwendung in IT-Projekten verstehen
- Vorgangslisten erstellen und Abhängigkeiten identifizieren
- Den kritischen Pfad berechnen und interpretieren
- Gantt-Diagramme zur Visualisierung einsetzen
Einleitung: Warum Ablaufplanung überlebenswichtig ist
"Ohne Terminplan ist ein Projekt nur eine Wunschliste." In der IT-Beratung sind realistische Zeitpläne das Fundament für Erfolg. Eine fundierte Ablaufplanung ermöglicht es, Ressourcen effizient zu nutzen, Meilensteine zu überwachen und Risiken frühzeitig zu erkennen. Ohne sie sind Projekte dem Chaos ausgeliefert – verspätete Releases, überlastete Teams und frustrierte Kunden sind die Folge.
Das Anti-Beispiel
Ein Software-Projekt ohne Netzplantechnik: Das Team entwickelt Features, Testen findet "irgendwann" statt, und das Deployment ist "wenn alles fertig". Result: Nach 6 Monaten sind 80% fertig, aber die Tests decken kritische Bugs auf. Das Deployment wird um 3 Monate verschoben, Budget ist aufgebraucht, Kunde verärgert.
Die Vorgangsliste: Fundament der Ablaufplanung
Jede Ablaufplanung beginnt mit einer Vorgangsliste – einer vollständigen Auflistung aller Aufgaben, die im Projekt erledigt werden müssen. Diese Liste entsteht in der Regel aus dem Projektstrukturplan (siehe Kapitel 4).
Struktur einer Vorgangsliste
| ID | Vorgang | Dauer (Tage) | Vorgänger | Verantwortlich |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Anforderungsanalyse | 7 | - | Business Analyst |
| 2 | Architekturdesign | 10 | 1 | Solution Architect |
| 3 | Datenbank-Modellierung | 5 | 2 | Database Architect |
| 4 | API-Design | 7 | 2 | Backend Lead |
| 5 | Frontend-Entwicklung | 14 | 2, 4 | Frontend Developer |
| 6 | Backend-Entwicklung | 21 | 3, 4 | Backend Developer |
| 7 | Integrationstests | 10 | 5, 6 | QA Engineer |
| 8 | Deployment | 3 | 7 | DevOps Engineer |
Vorgänger-Beziehungen
Jeder Vorgang (außer dem Start-Vorgang) hat mindestens einen Vorgänger. Diese Vorgänger-Beziehungen definieren die logische Abfolge der Tätigkeiten und sind die Basis für die Netzplantechnik.
Arten von Abhängigkeiten
Nicht alle Abhängigkeiten sind gleich. Nach PMI (Project Management Institute) gibt es vier Typen:
| Typ | Symbol | Bedeutung | Beispiel |
|---|---|---|---|
| Finish-to-Start | FS | Vorgänger muss enden, bevor Nachfolger starten kann | Design fertig → Entwicklung starten |
| Start-to-Start | SS | Vorgänger muss starten, bevor Nachfolger starten kann | Testvorbereitung starten → Tests starten |
| Finish-to-Finish | FF | Vorgänger muss enden, bevor Nachfolger enden kann | Dokumentation schreiben → Testbericht abschließen |
| Start-to-Finish | SF | Vorgänger muss starten, bevor Nachfolger enden kann (selten) | Backup-System starten → Altes System abschalten |
Praxis-Falle
In der Praxis werden Abhängigkeiten oft zu restriktiv definiert. "Ich kann Feature B erst starten, wenn Feature A fertig ist" – stimmt das wirklich? Oft können Teams parallel arbeiten, wenn Schnittstellen frühzeitig definiert werden. Überprüfen Sie jede Abhängigkeit kritisch.
Netzplantechnik: Die wissenschaftliche Terminplanung
Die Netzplantechnik (Network Planning) ist die systematische Methode zur Berechnung von Projektterminen. Sie basiert auf der Vorgangsliste und den Abhängigkeiten.
Grundlegende Konzepte
1. Früheste und späteste Zeitpunkte
Jeder Vorgang hat vier kritische Zeitpunkte:
| Zeitpunkt | Bedeutung | Berechnung |
|---|---|---|
| ES (Early Start) | Frühester Starttermin | ES = MAX(ES Vorgänger + Dauer Vorgänger) |
| EF (Early Finish) | Frühester Endtermin | EF = ES + Dauer |
| LS (Late Start) | Spätester Starttermin | LS = LF - Dauer |
| LF (Late Finish) | Spätester Endtermin | LF = MIN(LS Nachfolger) |
Rechenbeispiel
Vorgang 2 (Architekturdesign, 10 Tage) hängt von Vorgang 1 (7 Tage) ab. - ES₁ = 0, EF₁ = 7 - ES₂ = EF₁ = 7, EF₂ = 7 + 10 = 17 - Wenn das Projekt in 20 Tagen fertig sein muss und Vorgang 3 5 Tage dauert: - LF₂ = LS₃ = LF₃ - 5 = 20 - 5 = 15 - LS₂ = LF₂ - 10 = 15 - 10 = 5
2. Gesamtpufferzeit (Total Float, GP)
Die Gesamtpufferzeit gibt an, wie lange ein Vorgang verschoben werden kann, ohne das Projektende zu gefährden.
Formel: GP = LS - ES = LF - EF
| GP | Bedeutung | Handlung |
|---|---|---|
| GP = 0 | Vorgang liegt auf dem kritischen Pfad | Nicht verschieben! |
| GP > 0 | Vorgang hat Pufferzeit | Flexibel innerhalb des Puffers |
| GP < 0 | Projekttermin ist verpasst | Sofortige Maßnahmen nötig |
Praxis-Tipp
Ein Vorgang mit GP = 7 Tagen kann um 7 Tage verschoben werden, ohne das Projektende zu gefährden. Nutzen Sie diesen Puffer für unkritische Aufgaben, um kritische Pfade zu entlasten.
3. Freie Pufferzeit (Free Float, FP)
Die freie Pufferzeit gibt an, wie lange ein Vorgang verschoben werden kann, ohne den Starttermin des Nachfolgers zu gefährden.
Formel: FP = MIN(ES Nachfolger) - EF
Der kritische Pfad
Der kritische Pfad (Critical Path) ist die Sequenz von Vorgängen mit Gesamtpufferzeit = 0. Jede Verzögerung auf dem kritischen Pfad verzögert das gesamte Projekt.
graph LR
A[Start<br/>GP: 0] --> B[Vorgang A<br/>7 Tage<br/>GP: 0]
B --> C[Vorgang B<br/>10 Tage<br/>GP: 0]
C --> D[Vorgang C<br/>5 Tage<br/>GP: 0]
D --> E[Ende<br/>GP: 0]
B --> F[Vorgang D<br/>3 Tage<br/>GP: 4]
F --> D
style A fill:#ff6b6b
style B fill:#ff6b6b
style C fill:#ff6b6b
style D fill:#ff6b6b
style E fill:#ff6b6b
style F fill:#51cf66
Kritischer Pfad: Start → A → B → C → Ende (22 Tage) Nicht-kritischer Pfad: Start → A → B → D → Ende (20 Tage, GP = 2)
Fokusmanagement
Der kritische Pfad benötigt die meiste Aufmerksamkeit. Ressourcen sollten prioritär für kritische Vorgänge bereitgestellt werden. Nicht-kritische Pfade können (innerhalb des Puffers) warten.
CPM und PERT: Zwei Methoden der Netzplantechnik
| Methode | Volle Bezeichnung | Dauerbestimmung | Anwendung |
|---|---|---|---|
| CPM | Critical Path Method | Fest, deterministisch | Projekte mit gut bekannten Dauern |
| PERT | Program Evaluation and Review Technique | Drei Schätzwerte (optimistisch, realistisch, pessimistisch) | Projekte mit Unsicherheit |
PERT-Dauerschätzung
Ein Software-Modul wird eingeschätzt: - Optimistisch: 5 Tage - Realistisch: 10 Tage - Pessimistisch: 20 Tage
Erwartete Dauer = (5 + 4×10 + 20) / 6 = 10.83 Tage
Diese Methode berücksichtigt Unsicherheit und liefert realistischere Zeitschätzungen.
Gantt-Diagramm: Visuelle Darstellung der Ablaufplanung
Das Gantt-Diagramm ist die bekannteste Visualisierung der Ablaufplanung. Es zeigt Vorgänge als Balken über der Zeitachse und macht Abhängigkeiten und Pufferzeiten sichtbar.
Beispiel: IT-Projekt mit Mermaid Gantt
gantt
title IT-Projektplan: CRM-System
dateFormat YYYY-MM-DD
axisFormat %d.%m.
section Analyse
Anforderungsanalyse :a1, 2026-01-02, 7d
Ist-Analyse :a2, after a1, 5d
section Design
Architekturdesign :d1, after a2, 10d
Datenbank-Modellierung :d2, after d1, 5d
API-Design :d3, after d1, 7d
section Entwicklung
Frontend-Entwicklung :f1, after d1 d3, 14d
Backend-Entwicklung :b1, after d2 d3, 21d
section Testing
Integrationstests :t1, after f1 b1, 10d
User Acceptance Tests :t2, after t1, 7d
section Deployment
Deployment :dep, after t2, 3d
Go-Live :live, after dep, 0d
Gantt-Tipps
- Meilensteine: Als Diamanten markieren (Dauer = 0)
- Pufferzeiten: Als dünne, transparente Balken hinter dem Hauptbalken
- Abhängigkeiten: Als Pfeile zwischen Vorgängen visualisieren
- Heute-Linie: Vertikale Linie für aktuellen Stand
Gantt-Diagramm mit Pufferzeiten
gantt
title IT-Projekt mit Pufferzeiten
dateFormat YYYY-MM-DD
axisFormat %d.%m.
section Entwicklung
Modul A (kritisch) :crit, a1, 2026-01-02, 14d
Modul B (Puffer: 5d) :b1, 2026-01-02, 10d, 5d
Modul C (Puffer: 3d) :c1, 2026-01-05, 7d, 3d
section Integration
Integrationstests :crit, i1, after a1 b1 c1, 10d
section Deployment
Deployment :crit, dep, after i1, 3d
Pufferzeit-Falle
Pufferzeiten sind keine "Schlupf"-Zeiten, die einfach verbraucht werden können. Sie sind für Unvorhergesehenes reserviert. Werden sie planlos aufgebraucht, fehlt der Spielraum bei echten Problemen.
Praktische Anwendung in IT-Projekten
Schritt-für-Schritt: Eine Ablaufplanung erstellen
Schritt 1: Vorgangsliste erstellen
- Aus dem Projektstrukturplan ableiten
- Jeden Vorgang mit Dauer, Vorgänger und Verantwortung versehen
- Dauern realistisch schätzen (PERT bei Unsicherheit)
Schritt 2: Netzplan aufstellen
- Vorgänge als Knoten, Abhängigkeiten als Pfeile
- Forward Pass: Früheste Start- und Endtermine berechnen
- Backward Pass: Späteste Start- und Endtermine berechnen
Schritt 3: Kritischen Pfad identifizieren
- Alle Vorgänge mit GP = 0 markieren
- Diesen Vorgängen höchste Priorität einräumen
Schritt 4: Gantt-Diagramm erstellen
- Visualisierung für Stakeholder
- Meilensteine definieren
- Ressourcen zuordnen
Schritt 5: Aktualisieren und steuern
- Wöchentliche Aktualisierung der Ist-Termine
- Neue Netzpläne bei Änderungen
- Frühwarnsystem bei kritischen Pfad-Verschiebungen
Reales Beispiel: E-Commerce Relaunch
Ein 12-wöchiges E-Commerce Relaunch-Projekt mit 45 Vorgängen: - Kritischer Pfad: 12 Vorgänge, 0 Tage Puffer - Nicht-kritische Vorgänge: 33 Vorgänge, durchschnittlich 8 Tage Puffer - Strategie: Senior-Entwickler auf kritischen Pfad, Junior auf nicht-kritische Pfade - Ergebnis: Projekt in 11.5 Wochen abgeschlossen (0.5 Wochen Puffer genutzt)
Häufige Fehler und deren Vermeidung
| Fehler | Auswirkung | Lösung |
|---|---|---|
| Optimistische Dauerschätzung | Projekt verzögert sich | PERT-Methode anwenden, Puffer einplanen |
| Zu viele Abhängigkeiten | Engpass-Bottlenecks | Jede Abhängigkeit hinterfragen, parallele Arbeit ermöglichen |
| Kritischen Pfad ignorieren | Verzögerungen werden nicht erkannt | Regelmäßige Netzplan-Aktualisierung, Critical Path Monitoring |
| Pufferzeiten verbrauchen | Kein Spielraum bei echten Problemen | Puffer als "Ressource für Unvorhergesehenes" behandeln |
| Einmalige Planung | Planung wird nie aktualisiert | Iterative Planung, wöchentliche Updates |
Parkinsonsches Gesetz
"Arbeit dehnt sich so aus, dass sie die verfügbare Zeit ausfüllt." Wenn ein Vorgang 10 Tage Puffer hat, wird er oft erst nach 10 Tagen fertig sein. Gegenmaßnahme: Realistische Dauern schätzen, aber keine unnötigen Puffer geben.
Zusammenfassung
Die Ablaufplanung mit Netzplantechnik und Gantt-Diagrammen ist das Kerninstrument der Projektsteuerung. Sie ermöglicht:
- Transparenz: Alle Vorgänge, Abhängigkeiten und Zeitpunkte sind sichtbar
- Fokus: Der kritische Pfad zeigt, worauf es ankommt
- Flexibilität: Pufferzeiten ermöglichen Umgang mit Unvorhergesehenem
- Kontrolle: Abweichungen werden frühzeitig erkannt
Checkliste für erfolgreiche Ablaufplanung:
- Vollständige Vorgangsliste aus PSP erstellt
- Alle Abhängigkeiten identifiziert und validiert
- Realistische Dauern (bei Unsicherheit PERT)
- Netzplan berechnet (ES, EF, LS, LF, GP, FP)
- Kritischer Pfad identifiziert
- Gantt-Diagramm erstellt
- Ressourcen zugeordnet
- Regelmäßige Aktualisierung etabliert
Eine fundierte Ablaufplanung ist keine bürokratische Übung – sie ist die Brücke zwischen Vision und Realisierung. Sie verwandelt ein chaotisches "Mal schauen wie es wird" in ein kontrolliertes "Wir wissen, wann wir fertig sind."
Nächstes Kapitel: Ressourcenplanung