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04 Kostentrendanalyse

Kapitel Übersicht

Kapitel 04 Lesezeit: ~15 Min Quelle: OuP-09_Projekt-Controlling.pdf (Seiten 20-21)

Was ist die Kostentrendanalyse (KTA)?

Die Kostentrendanalyse (KTA) ist eine Methode zur Ermittlung der Kostensituation in einem Projekt. Der geplante Kostenverlauf wird den tatsächlichen Kosten gegenübergestellt.

Grundprinzip

Für die jeweiligen Berichtszeitpunkte werden:

  1. Die Plan-/Soll-Kosten ermittelt
  2. Die Ist-Kosten ermittelt
  3. Beide Werte eingetragen und verglichen
graph TD
    A[Plan-Kosten<br/>Soll] --> C[Diagramm]
    B[Ist-Kosten<br/>Tatsächlich] --> C
    C --> D[Vergleich der Kurven]
    D --> E{Starke Abweichung?}
    E -- Ja --> F[Ursachenanalyse]
    E -- Nein --> G[Projekt im Griff]
    F --> H[Maßnahmen ergreifen]

Ziel

Die KTA zeigt die Entwicklung der Projektkosten über die Zeit und macht Trends und Abweichungen sichtbar.

Durchführung der KTA

Die zwei Kurven

Die KTA basiert auf dem Vergleich zweier Kurven:

Kurve Bedeutung Datenquelle
Plan-Kosten (Soll) Zu jedem Zeitpunkt geplante Kosten Projektplan/Baseline
Ist-Kosten (Tatsächlich) Zu jedem Zeitpunkt tatsächlich angefallene Kosten Aufwandserfassung, Rechnungen

Visualisierung

Die beiden Kurven werden in einem Diagramm dargestellt:

graph LR
    subgraph "Kostentrendanalyse"
        direction TB
        X[Zeitachse<br/>Berichtszeitpunkte]
        Y[Kostenachse]
        L1[Plan-Kosten<br/>Soll]
        L2[Ist-Kosten<br/>Tatsächlich]
    end

Typischer Verlauf

Normaler Verlauf: * Plan-Kosten und Ist-Kosten verlaufen annähernd parallel * Geringe Abweichungen im akzeptablen Rahmen

Problematischer Verlauf: * Ist-Kosten weichen stark von Plan-Kosten ab * Lücken weiten sich über die Zeit

Interpretation der Kurven

Szenario 1: Normale Entwicklung

Kosten
  ^
  |    Plan      Ist
  |    ----    ----
  |   /    \  /    \
  |  /      \/      \
  | /                \
  |/__________________> Zeit
    M1  M2  M3  M4

Merkmale: * Die beiden Kurven verlaufen parallel oder annähernd parallel * Abweichungen sind gering und zufällig * Trend ist stabil

Interpretation: Projekt ist im Kostenplan, keine Maßnahmen erforderlich.


Szenario 2: Kostenüberschreitung

Kosten
  ^
  |          Plan      Ist
  |          ----    ----
  |         /    \  /    \
  |        /      \/      \___
  |       /                 \_____
  |      /
  |_____/
  |__________________________> Zeit
    M1  M2  M3  M4

Merkmale: * Ist-Kosten liegen systematisch über Plan-Kosten * Die Lücke weitet sich über die Zeit * Trend steigt an

Interpretation: Kostenüberschreitung, Ursachenanalyse erforderlich, Maßnahmen einleiten.


Szenario 3: Kostenunterschreitung

Kosten
  ^
  |    Plan
  |    ----
  |   /    \_____
  |  /
  | /      Ist
  |/       ----
  |       /    \
  |      /      \_____
  |__________________> Zeit
    M1  M2  M3  M4

Merkmale: * Ist-Kosten liegen unter Plan-Kosten * Trend ist positiv

Interpretation: Kann positiv sein (Effizienzgewinne) oder negativ (Umfang nicht erfüllt).


Szenario 4: Zickzack-Muster

Kosten
  ^
  |          Plan
  |          ----
  |         /    \      /     \
  |        /      \____/       \
  |       /                     /
  |  Ist /
  |  ---\       /     /
  |      \_____/     /
  |________________> Zeit
    M1  M2  M3  M4

Merkmale: * Ist-Kosten schwanken stark über und unter Plan-Kosten * Kein klarer Trend erkennbar

Interpretation: Hohe Unsicherheit in der Kostenerfassung oder Rechnungslegung, Prüfung der Datenqualität erforderlich.

Reaktion auf Abweichungen

Wann ist eine Reaktion notwendig?

Eine Reaktion ist dann sinnvoll, wenn die Abweichungen stark voneinander abweichen.

Indikatoren:

Kriterium Schwellwert (typisch)
Absolute Abweichung > 10% vom Budget
Relative Abweichung > 5% über zwei aufeinanderfolgende Berichtsperioden
Trend Kontinuierliche Vergrößerung der Lücke

Vorgehensweise bei Abweichungen

  1. Ursachenanalyse

    • Planungsfehler?
    • Änderungen im Projektumfang?
    • Unvorhergesehene Ereignisse?
    • Ineffizienzen?
  2. Bewertung

    • Ist die Abweichung akzeptabel?
    • Beeinflusst sie das Projektziel?
    • Kann sie korrigiert werden?
  3. Maßnahmenplanung

    • Gegensteuerung möglich?
    • Budgetanpassung erforderlich?
    • Umfangsreduktion denkbar?

Vorteile der KTA

1. Frühzeitige Erkennung

Die KTA zeigt sich anbahnende Kostenüberschreitungen frühzeitiger und deutlicher als einfache Soll-Ist-Vergleiche.

  • Trends werden sichtbar
  • Entwicklungen über die Zeit erkennbar
  • Proaktives Handeln möglich
Vergleich

Einfacher Soll-Ist-Vergleich: Monat 3: Plan 50.000 €, Ist 55.000 € → Abweichung +5.000 € Monat 4: Plan 60.000 €, Ist 70.000 € → Abweichung +10.000 €

KTA-Analyse: Die Lücke vergrößert sich von +10% auf +17%. Der Trend zeigt, dass sich die Überziehung weiter verstärkt wird, wenn nicht gegengesteuert wird.

2. Einfache Visualisierung

Die KTA ist einfach zu verstehen:

  • Zwei Kurven im Diagramm
  • Kein Expertenwissen erforderlich
  • Geeignet für Präsentation vor Management

3. Gute Kombinierbarkeit

Aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit der MTA ist die KTA mit dieser gut kombinierbar:

  • Gleicher Berichtszeitraum
  • Ähnliches Diagramm-Format
  • Gemeinsame Analyse möglich

4. Historische Transparenz

Die KTA zeigt den historischen Verlauf:

  • Entwicklung über die Zeit sichtbar
  • Schätzfehler erkennbar
  • Lerneffekt für zukünftige Projekte

Nachteile der KTA

1. Eingeschränkte Aussagekraft bei unfertigen Arbeitspaketen

Die KTA kann bei vielen unfertigen Arbeitspaketen über mehrere Meilensteine hinweg nur eingeschränkt verwendet werden.

Problem: * Bei unfertigen Arbeitspaketen ist der Ist-Wert nicht der Endwert * Die Prognose für die Zukunft ist schwierig * Das "Hochrechnen für Zukunft" ist nicht einfach möglich

Problemfall

Ein Projekt hat 20 Arbeitspakete, von denen 15 noch in Arbeit sind. Die Ist-Kosten sind nur für den bisherigen Zeitraum bekannt. Wie hoch werden die Gesamtkosten am Ende sein? Die KTA gibt hier nur eine begrenzte Auskunft.

2. Fokus nur auf Kostenkontrolle

Die KTA hat den Fokus der Kostenkontrolle:

  • Inhaltlicher Fortschritt wird nicht berücksichtigt
  • Terminsituation ist nicht sichtbar
  • Qualitätsaspekte fehlen

Lösung: Gemeinsame Betrachtung mit der Meilenstein-Trendanalyse (MTA) → siehe terminorientierte Kostenkontrolle.

3. Keine Prognose-Fähigkeit

Die KTA selbst ist eher rückwärtsgewandt:

  • Zeigt, was bisher passiert ist
  • Gibt keine zuverlässige Prognose für die Zukunft
  • Hochrechnungen erfordert Zusatzanalysen

Einschränkung

Die KTA allein ist kein Prognoseinstrument. Für Prognosen müssen Methoden wie die Earned Value Analyse (EVA) hinzugezogen werden.

Terminorientierte Kostenkontrolle

Die Kombination MTA + KTA

Die Kostenüberwachung sollte sich an den Terminen und dem erreichten Sachfortschritt orientieren.

flowchart LR
    A[Meilenstein-Trendanalyse<br/>MTA<br/>Terminüberwachung] --> C[Gemeinsames Dashboard]
    B[Kosten-Trendanalyse<br/>KTA<br/>Kostenüberwachung] --> C
    C --> D[Integrierte Interpretation]
    D --> E{Steuerungsentscheidung}

Vorteile der Kombination

Dimension MTA KTA Kombination
Zeit Ja Nein Ja
Kosten Nein Ja Ja
Zusammenhang Nein Nein Ja

Praktisches Beispiel

graph TD
    subgraph "MTA: Terminverlauf"
        direction LR
        A["MS-01: Plan 15.01."] --> A1["Bericht 1: 15.01."]
        A1 --> A2["Bericht 2: 20.01."]
        A2 --> A3["Bericht 3: 25.01."]
        A3 --> A4["Bericht 4: 01.02."]
    end

    subgraph "KTA: Kostenverlauf"
        direction LR
        B["M1: Plan 30.000 €<br/>Ist 30.000 €"] --> B1["M2: Plan 40.000 €<br/>Ist 42.000 €"]
        B1 --> B2["M3: Plan 50.000 €<br/>Ist 56.000 €"]
        B2 --> B3["M4: Plan 60.000 €<br/>Ist 70.000 €"]
    end

    subgraph "Interpretation"
        direction LR
        C[MTA: Terminverschiebungen]
        D[KTA: Kostenüberschreitung]
        E[Kombination: Projekt wird später<br/>UND teurer als geplant]
    end

Analyse: * MTA: Termin um 2 Wochen verschoben * KTA: Kosten um 17% über Plan * Kombination: Projekt steht vor ernsthaften Problemen, beides muss adressiert werden

Vergleich der Analysemethoden

MTA vs. KTA vs. EVA

Kriterium MTA KTA EVA
Basis Meilensteine Kosten Kosten, Zeit, Leistung
Fokus Termine Kosten Integriert
Objektivität Subjektiv Objektiv Objektiv
Prognose Eingeschränkt Eingeschränkt Sehr gut
Aufwand Gering Gering Mittel
Eignung Frühwarnung Kosten Frühwarnung Termin Umfassend
KPIs Terminabweichung Kostenabweichung CPI, SPI, EAC, ETC

Empfehlung zur Nutzung

Situation Empfohlene Methode(n)
Kleine Projekte MTA + KTA
Mittelgroße Projekte MTA + KTA + EVA (vereinfacht)
Große Projekte MTA + KTA + EVA (vollständig)
Kritische Projekte Alle Methoden + engmaschiges Monitoring
Agile Projekte EVA (vereinfacht) + Burndown Charts

Praktische Anwendung

Einrichtung einer KTA

1. Datenbasis definieren

Erforderliche Daten: * Plan-Kosten: Aus Projektplan/Baseline * Ist-Kosten: Aus Aufwandserfassung, Rechnungssystem, ERP

2. Berichtsintervalle

Typische Intervalle: * Wöchentlich: Für kritische Projekte * Monatlich: Für normale Projekte * Meilensteinbezogen: Bei Phasenübergängen

3. Dashboard erstellen

graph LR
    subgraph "KTA Dashboard"
        direction TB
        title["Kostentrendanalyse<br/>Projekt: XYZ"]
        chart["<br/>Kosten"]
            axisX[Zeit]
            axisY[€]
            linePlan[Plan-Kosten]
            lineIst[Ist-Kosten]
        end
    end

Reporting-Vorlage

Kostentrendanalyse - Monat 04/2026
===================================

Projekt: CRM-System-Einführung
Berichtsdatum: 02.01.2026

Kostenübersicht:
-----------------
Monat 01: Plan 30.000 € | Ist 30.000 € | Abweichung: 0%
Monat 02: Plan 40.000 € | Ist 42.000 € | Abweichung: +5%
Monat 03: Plan 50.000 € | Ist 56.000 € | Abweichung: +12%
Monat 04: Plan 60.000 € | Ist 70.000 € | Abweichung: +17%

Trend-Analyse:
--------------
Die Ist-Kosten weichen zunehmend vom Plan ab.
Die Lücke vergrößert sich kontinuierlich.

Bewertung: Kostenüberschreitung erkennbar
Maßnahmen: Ursachenanalyse erforderlich, Prüfung von Gegenmaßnahmen

Ursachenanalyse bei Kostenabweichungen

Typische Ursachen

Kategorie Beispiele
Planungsfehler Unterschätzung des Aufwands, vergessene Kosten
Änderungen Change Requests, Scope Creep
Externe Faktoren Preiserhöhungen, Lieferantenprobleme
Ineffizienzen Schlechtes Ressourcenmanagement, ineffiziente Prozesse
Qualitätsprobleme Nacharbeit, Fehlerbehebung

Vorgehensweise zur Ursachenanalyse

flowchart TD
    A[Kostenabweichung festgestellt] --> B[Daten prüfen]
    B --> C{Daten korrekt?}
    C -- Nein --> D[Korrektur der Daten]
    C -- Ja --> E[Ursachen identifizieren]
    E --> F{Einmalig oder systematisch?}
    F -- Einmalig --> G[Keine Sorge]
    F -- Systematisch --> H[Maßnahmen einleiten]
    H --> I[Effekt überprüfen]

Zusammenfassung

Die Kostentrendanalyse (KTA) ist eine einfache und effektive Methode zur Überwachung der Kostenentwicklung in Projekten.

Stärken

  • Frühzeitige Erkennung von Kostenüberschreitungen
  • Einfache Visualisierung und Verständlichkeit
  • Gute Kombinierbarkeit mit der MTA
  • Historische Transparenz der Kostenentwicklung

Schwächen

  • Eingeschränkte Aussagekraft bei vielen unfertigen Arbeitspaketen
  • Fokus nur auf Kosten (keine Zeit oder Qualität)
  • Keine Prognose-Fähigkeit (nur rückwärtsgewandt)

Empfehlung

  • Verwenden Sie die KTA immer in Kombination mit der MTA
  • Ergänzen Sie sie durch die Earned Value Analyse (EVA) für Prognosen
  • Definieren Sie klare Schwellwerte für Reaktionen auf Abweichungen
  • Führen Sie regelmäßige Ursachenanalysen bei Abweichungen durch

Die KTA ist ein wichtiges Werkzeug im Projektcontrolling, aber sie sollte nicht isoliert verwendet werden. In Kombination mit anderen Methoden ermöglicht sie ein umfassendes Bild des Projektstatus.

Im nächsten Kapitel lernen Sie die Earned Value Analyse (EVA) kennen – die umfassendste Methode für integriertes Projektcontrolling.