Zum Inhalt

02 Fertigstellungsgrad

Kapitel Übersicht

Kapitel 02 Lesezeit: ~25 Min Quelle: OuP-09_Projekt-Controlling.pdf (Seiten 10-14)

Was ist der Fertigstellungsgrad?

Der Fertigstellungsgrad ist der zu einem bestimmten Zeitpunkt erbrachte, in Prozenten angegebene Anteil der vereinbarten Leistung eines Arbeitspakets oder Projekts.

Verwandte Begriffe

Begriff Beschreibung Maßeinheit
Fertigstellungsgrad (Percent Complete, PC) Prozentsatz der erbrachten Leistung %
Fertigstellungswert (Earned Value, EV) Absoluter Wert der erbrachten Leistung Währungseinheit (€, $)

Wichtig

Der Fertigstellungswert (EV) ergibt sich aus dem Fertigstellungsgrad (PC) multipliziert mit dem Gesamtbudget (BAC): $\(EV = BAC \times PC\)$

Die Grundannahmen

Der Fertigstellungsgrad wird im Allgemeinen mit Kosten und Zeit gleichgesetzt:

  1. Kostenorientiert: Prozentualer Anteil der bereits entstandenen Kosten an der gesamten Kostensumme
  2. Zeitorientiert: Prozentualer Anteil der bereits aufgebrauchten Zeit an der gesamten Projektdauer
PC-Wert Status
0 % Arbeitspaket/Projekt noch nicht begonnen
100 % Arbeitspaket/Projekt vollständig abgeschlossen

Das 90%-Syndrom

Das Phänomen

In einer relativ frühen Phase des Projekts (typischerweise zwischen 30% und 60% der Projektlaufzeit), glaubt man, bereits 90% des Projektergebnisses zu haben.

graph LR
    A[Frühe Projektphase<br/>30-60% Laufzeit] --> B[Subjektive Wahrnehmung<br/>"Wir sind fast fertig!"]
    B --> C[90%-Syndrom<br/>Falsches Sicherheitsgefühl]
    C --> D[Realität<br/>90% des Lösungswegs klar]
    D --> E[Missverständnis<br/>90% der Umsetzung erledigt]
    E --> F[Ergebnis<br/>Überraschend hohe Restaufwände]

Ursachen des 90%-Syndroms

Ursache Erklärung
Erworbene Kenntnis des Lösungswegs Man verwechselt das Verstehen des Weges mit dem Abschreiten des Weges
Unkenntnis der noch auftretenden Störungen Fehler, Tests, Dokumentation werden vergessen
Subjektive Schätzung Entwickler optimistisch bei Fortschrittsmeldungen
Mangelnde objektive Messkriterien Keine klaren "Definition of Done"-Kriterien

Die Realität

Tatsächlich erfordert die Umsetzung einer erkannten Lösung erhebliche Aufwände:

  • Fehlerbehebung (Bugfixing)
  • Integrationstests
  • Dokumentation
  • Code Reviews
  • Deployment-Vorbereitung
Real-World Beispiel

Ein Entwickler behauptet seit drei Wochen, dass sein Modul "fast fertig" ist. Realität: Er hat die Kernfunktionalität implementiert, aber: * Noch keine Unit-Tests geschrieben * Edge-Cases nicht beachtet * Performance-Tests nicht durchgeführt * Dokumentation fehlt komplett * Code Review noch nicht abgeschlossen

Konsequenz

Die subjektive Aufwandseinschätzung der Projektmitarbeiter muss hinterfragt und gegebenenfalls deutlich erhöht werden.

Gegenstrategien gegen das 90%-Syndrom

Objektive Methoden zur Fortschrittsmessung

Um das 90%-Syndrom zu vermeiden, sind objektive Methoden zur Fortschrittsmessung erforderlich.

Die Goldene Regel in der IT-Entwicklung

Wann ist ein Stück Software fertig entwickelt?

Antwort: Erst fertig ist fertig!

Kriterien: * Ein Arbeitspaket/eine Aktivität hat definierte Ergebnisse und Qualitätskriterien * Insbesondere bei der Programmierung: * Code ist erst dann fertig, wenn der Entwicklertest erfolgreich stattgefunden hat * NIEMALS auf die Antwort "Fast fertig" einen Fertigstellungsgrad von mehr als 50% annehmen!

Praktische Fragen und Antworten

Frage Problematische Antwort Richtige Antwort
"Wie weit bist du?" "Fast fertig…" "Ich bin 30% fertig, habe Requirements A-C erledigt"
"Wann ist das Modul fertig?" "Ich muss nur noch…" "Ich brauche noch X Stunden für Tests und Dokumentation"
"Ist der Code fertig?" "Fertig, ich muss nur noch einchecken…" "Code ist fertig, getestet, dokumentiert und bereit für Review"

Best Practice

Fördern Sie eine Kultur, in der "fast fertig" nicht als Status akzeptiert wird. Verlangen Sie stattdessen messbare Ergebnisse (abgeschlossene Tests, dokumentierte Funktionen, bestandene Reviews).

Grundsätze zur Ermittlung des Fertigstellungsgrades

Nach PMI/PMBOK gibt es wichtige Grundsätze:

1. Klare Vereinbarungen

  • Der Fertigstellungsgrad wird nicht nach Gefühl bestimmt
  • Er folgt klaren Vereinbarungen, die zu Beginn des Projektes getroffen wurden
  • Diese Vereinbarungen müssen dokumentiert und bekannt sein

2. Realitätsnähe

  • Der Wert muss den realen Zustand so gut wie möglich treffen
  • Es dürfen mehrere Verfahren kombiniert werden, wenn sie eine bessere Näherung ermöglichen

3. Fokus auf begonnene Arbeitspakete

  • Schwierig zu betrachten sind die angefangenen Arbeitspakete
  • Ihre Bewertung ist am unsichersten
  • Hier müssen besonders klare Regeln gelten

4. Konfliktfreiheit

  • Über den Fertigstellungsgrad sollte es im Projektverlauf keinen Konflikt geben
  • Die Regeln für dessen Ermittlung müssen klar definiert sein

Verfahren zur Fertigstellungsgradermittlung

Es gibt verschiedene Methoden zur Bestimmung des Fertigstellungsgrades. Jede Methode hat ihre Vor- und Nachteile und eignet sich für unterschiedliche Situationen.

Übersicht der Methoden

Methode Typ Eignung Genauigkeit
0/100-Methode Ergebnisorientiert Kleine, kurze Arbeitspakete Sehr hoch
20/80-Methode Ergebnisorientiert Standardarbeitspakete Hoch
50/50-Methode Ergebnisorientiert Langlebige Arbeitspakete Mittel
Mengenproportional Mengenorientiert Produktion, Montage Sehr hoch
Zeitproportional Zeitorientiert Dienstleistungen Mittel

Ergebnisorientierte Methoden (Vereinfachungsregel)

Grundprinzip

Die Vereinfachungsregeln bewerten die Arbeitspakete unabhängig von den bereits erbrachten oder den noch zu erbringenden Aufwänden.

  • Es wird nur der Umsetzungsbeginn mit einer festen Prozentzahl bewertet
  • Erst bei Fertigstellung des Teilpakets wird der Rest hinzugefügt (und damit mit 100% angenommen)

Die drei gängigen Methoden

0/100-Methode

Anwendung: Ideal für kleine, kurze Arbeitspakete

Status Fertigstellungsgrad
Nicht begonnen 0 %
In Arbeit (beliebiger Fortschritt) 0 %
Abgeschlossen 100 %

Vorteile: * Sehr objektiv * Keine Diskussion über Zwischenstände * Konservativ (unterbewertet ist besser als überbewertet)

Nachteile: * Sehr späte Sichtbarkeit von Fortschritt * Führt zu "Last-Minute"-Effekten

Anwendungsfall

Das Arbeitspaket "Einrichtung Testserver" dauert voraussichtlich 2 Tage. Mit der 0/100-Methode wird erst nach Abschluss des zweiten Tages ein Fortschritt von 100% gebucht.

20/80-Methode

Anwendung: Sehr häufig verwendet, für Standardarbeitspakete

Status Fertigstellungsgrad
Nicht begonnen 0 %
Begonnen (definierter Start) 20 %
Abgeschlossen 100 %

Warum 20/80? * 20% Anerkennung für die Organisation und den Beginn * 80% für die eigentliche Umsetzung * Gute Balance zwischen Motivation und Objektivität

Vorteile: * Frühzeitige Fortschrittserkennung * Motivierend für Teammitglieder * Noch relativ objektiv * Am häufigsten eingesetzt

Nachteile: * Subjektiver Startpunkt * Kann zu Optimismus führen

50/50-Methode

Anwendung: Für langlebige Arbeitspakete mit kontinuierlichem Fortschritt

Status Fertigstellungsgrad
Nicht begonnen 0 %
Begonnen 50 %
Abgeschlossen 100 %

Vorteile: * Einfach zu handhaben * Gibt frühzeitige Fortschrittsanzeige * Fair für langfristige Aufgaben

Nachteile: * Weniger genau als 20/80 * Führt zu starker Überbewertung am Anfang * Risiko des "Start-Bonus"

Vergleich der Methoden

graph TD
    A[Arbeitspaket Start] --> B{Methode}
    B -->|0/100| C[0 %]
    B -->|20/80| D[20 %]
    B -->|50/50| E[50 %]
    C --> F[Arbeitspaket läuft<br/>Weiter 0 %]
    D --> G[Arbeitspaket läuft<br/>Weiter 20 %]
    E --> H[Arbeitspaket läuft<br/>Weiter 50 %]
    F --> I[Arbeitspaket abgeschlossen<br/>100 %]
    G --> I
    H --> I

Empfehlung

Beginnen Sie mit der 20/80-Methode als Standard für die meisten Arbeitspakete. Verwenden Sie die 0/100-Methode für kleine Aufgaben und die 50/50-Methode nur für langfristige, kontinuierliche Tätigkeiten.

Messung nach Statusschritten

Grundprinzip

Für den Projektteilbereich müssen Statusschritte, Phasen oder Meilensteine definiert sein. Die Zeitdauer erstreckt sich über mehrere Berichtsperioden.

Funktionsweise

Der Fortschrittsgrad wird erst nach 100%-Erfüllung und positivem Ergebnis angerechnet.

Phasenabhängige Ermittlung

Ein Projekt hat drei Hauptphasen mit folgender Gewichtung:

Phase Fertigstellungsgrad
Phase 1: Analyse & Design 25 %
Phase 2: Entwicklung 50 %
Phase 3: Test & Deployment 25 %

Solange Phase 1 nicht zu 100% abgeschlossen ist, wird der Fortschritt von Phase 2 nicht gebucht.

Vorteile: * Sehr objektiv * Keine Diskussion über Zwischenfortschritt * Klar definierte Quality Gates

Nachteile: * Sehr späte Sichtbarkeit von Problemen * Große Sprünge im Fortschritt * Nicht geeignet für feingranulares Controlling

Anwendung

Diese Methode ist besonders geeignet für Phasenprojekte oder bei Nutzung von Quality Gates.

Mengenproportionale Messung

Grundprinzip

Die Relation von erbrachter Mengenleistung zur Gesamtmengenleistung ergibt den Fertigstellungsgrad.

Formel

\[Fertigstellungsgrad = \frac{Ermittelte\ Mengenleistung}{Gesamtmengenleistung} \times 100\%\]
Produktionsbeispiel

Eine Server-Migration umfasst 200 Server.

Stand heute: * 140 Server migriert * 60 Server noch ausstehend

Fertigstellungsgrad: $\(Fertigstellungsgrad = \frac{140}{200} \times 100\% = 70\%\)$

Typische Anwendungsfälle

Anwendungsfall Mengenmaß
Hardware-Installation Anzahl installierter Geräte
Software-Deployment Anzahl installierter Systeme
Testausführung Anzahl ausgeführter Testfälle
Datensammlung Anzahl erfasster Datensätze
Migration Anzahl migrierter Elemente

Vorteile: * Sehr objektiv und messbar * Kontinuierliche Fortschrittsanzeige * Leicht verständlich * Kein subjektiver Einfluss

Nachteile: * Nur anwendbar bei zählbaren Einheiten * Ignoriert Qualität oder Komplexität * Nicht geeignet für kreative oder analytische Aufgaben

Best Practice

Kombinieren Sie die mengenproportionale Messung mit Qualitätskriterien. Nur erfolgreich migrierte Server zählen als "erledigt".

Zeitproportionale Messung

Grundprinzip

Die Relation von verbrauchter Zeit (Dauer & Aufwand) zur erwarteten Gesamtzeit ergibt den Fertigstellungsgrad.

Formel

\[Fertigstellungsgrad = \frac{IST-Aufwand}{IST-Aufwand + Rest-Aufwand (geschätzt)} \times 100\%\]
Berechnungsbeispiel

Gegeben: * Aufwand laut Plan: 65 PT * IST-Aufwand: 60 PT * Rest-Aufwand (geschätzt): 20 PT

Fertigstellungsgrad: $\(Fertigstellungsgrad = \frac{60}{60 + 20} \times 100\% = \frac{60}{80} \times 100\% = 75\%\)$

Wichtige Aspekte

Aspekt Erklärung
IST-Aufwand Tatsächlich verbrachter Aufwand (messbar)
Rest-Aufwand Geschätzter verbleibender Aufwand (subjektiv!)
Problem Die Qualität der Schätzung des Restaufwands entscheidet über die Genauigkeit

Vorteile: * Kontinuierliche Fortschrittsanzeige * Berücksichtigt bereits geleistete Arbeit * Einfach zu berechnen

Nachteile: * Hängt von der Qualität der Restschätzung ab * Kann zum 90%-Syndrom führen, wenn Restaufwand unterschätzt wird * Subjektiver Einfluss bei der Schätzung

Gegenüberstellung der Ansätze

Ansatz Genauigkeit Subjektivität Eignung
0/100-Methode Sehr hoch (binär) Sehr niedrig Kleine Aufgaben
20/80-Methode Hoch Gering bis Mittel Standardarbeitspakete
50/50-Methode Mittel Mittel Langlebige Aufgaben
Statusschritte Sehr hoch (phasenweise) Sehr niedrig Phasenprojekte
Mengenproportional Sehr hoch Sehr niedrig Produktionsartige Aufgaben
Zeitproportional Mittel bis Gering Hoch (durch Restschätzung) Dienstleistungen

Praktische Empfehlungen

Kombination von Methoden

Die besten Ergebnisse werden erzielt, wenn mehrere Methoden kombiniert werden:

Kombinationsansatz

Ein Softwareprojekt verwendet: * 0/100-Methode für Code Reviews und kleine Bugfixes * 20/80-Methode für normale Entwicklungstätigkeiten * Mengenproportional für Testausführungen (Anzahl Testfälle) * Statusschritte für Phasenübergänge (Requirement → Design → Development → Test)

Methodenauswahl nach Arbeitspakettyp

Arbeitspakettyp Empfohlene Methode
Recherche/Analyse 0/100 oder 50/50
Dokumentation 20/80 oder mengenproportional
Softwareentwicklung 20/80 mit qualitätsbezogener Abnahme
Testausführung Mengenproportional
Hardware-Installation Mengenproportional
Meetings/Workshops 0/100 oder 50/50
Phasenübergänge Statusschritte

Qualitätsorientierte Fertigstellung

Um das 90%-Syndrom zu vermeiden, sollte der Fertigstellungsgrad immer mit Qualitätskriterien verknüpft sein:

flowchart TD
    A[Arbeitspaket wird begonnen] --> B{Qualitätskriterien erfüllt?}
    B -- Nein --> C[Fertigstellungsgrad bleibt auf Startwert]
    C --> A
    B -- Ja --> D[Fortschritt wird gebucht]
    D --> E[Arbeitspaket fortsetzen]
    E --> F{Arbeitspaket abgeschlossen?}
    F -- Nein --> B
    F -- Ja --> G[100 % gebucht]

Qualitätskriterien je Arbeitspakettyp

Typ Qualitätskriterien
Software-Code Unit-Tests erfolgreich, Code Review abgeschlossen, Docu vorhanden
Dokumentation Review durch Stakeholder, Formatprüfung abgeschlossen
Testfall Test dokumentiert, Ergebnisse verifiziert, Tickets erstellt
Installation System läuft, Tests erfolgreich, Dokumentation aktualisiert

Zusammenfassung

Der Fertigstellungsgrad ist eine zentrale Messgröße im Projektcontrolling. Seine korrekte Ermittlung ist entscheidend für:

  • Realistische Projektstatus-Meldungen
  • Vermeidung des 90%-Syndroms
  • Berechnung des Earned Value (EV)
  • Ermittlung von CPI und SPI

Schlüsselerkenntnisse:

  1. Vermeiden Sie subjektive Schätzungen wo immer möglich
  2. Definieren Sie klare Qualitätskriterien ("Definition of Done")
  3. Kombinieren Sie Methoden für maximale Genauigkeit
  4. Nutzen Sie die 20/80-Methode als Standard
  5. Trauen Sie "Fast fertig" nicht – fordern Sie messbare Ergebnisse

Im nächsten Kapitel lernen Sie die Meilensteintrendanalyse (MTA) kennen – eine visuelle Methode zur Überwachung des Termintrends.