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04 - Finanzierungsinstrumente im IT-Projekt

Lernziele

  • Abschreibungsmodelle (AfA) verstehen und berechnen
  • Leasing-Formeln und Vor- und Nachteile erkennen
  • Factoring und Forfaitierung anwenden
  • Liquidität vs. Rentabilität abwägen

🧠 Management Summary

Die Entscheidung über die Finanzierung eines IT-Projekts ist oft genauso wichtig wie die technische Lösung selbst. Kunden müssen nicht nur den Nutzen verstehen, sondern auch die finanzielle Machbarkeit und die steuerlichen Auswirkungen. Abschreibungsmodelle (AfA) ermöglichen eine planmäßige Verteilung der Kosten über die Nutzungsdauer und beeinflussen direkt den steuerlichen Gewinn. Leasing bietet eine bilanzneutrale Alternative zum Kauf, die Liquidität schont und meist ohne Eigenkapital auskommt. Factoring als Instrument der Liquiditätssicherung verkauft Forderungen an Dritte, um sofortige Zahlungsfähigkeit zu gewährleisten. Die zentrale Herausforderung besteht darin, die richtige Balance zwischen Liquidität (Zahlungsfähigkeit hier und jetzt) und Rentabilität (langfristiger Gewinn) zu finden. Ein professioneller IT-Berater muss diese Finanzierungsinstrumente kennen und dem Kunden die für ihn passende Option empfehlen können.


📚 Abschreibung (AfA) für IT-Investitionen

Grundlagen der Abschreibung

Die Absetzung für Abnutzung (AfA) ist ein steuerrechtliches Instrument, das es Unternehmen erlaubt, die Anschaffungskosten eines Wirtschaftsgutes über dessen wirtschaftliche Nutzungsdauer steuermindernd geltend zu machen.

AfA = Steuergewinn

Die AfA mindert den steuerlichen Gewinn, nicht die Liquidität. Eine hohe AfA spart Steuern, aber die Liquidität ist im Jahr der Investition trotzdem gebunden.

Lineare Abschreibung

Die lineare Abschreibung ist der Standard und die einfachste Methode. Die Anschaffungskosten werden gleichmäßig über die gesamte Nutzungsdauer verteilt.

Formel:

Jährlicher AfA-Betrag = (Anschaffungskosten - Restwert) / Nutzungsdauer

Beispiel: - Server-Anschaffungskosten: 24.000 € - Nutzungsdauer: 4 Jahre - Jährliche AfA: 24.000 € / 4 = 6.000 € p.a.

graph TD
    A[Anschaffung<br/>24.000 €] --> B[Jahr 1<br/>AfA: 6.000 €<br/>Buchwert: 18.000 €]
    B --> C[Jahr 2<br/>AfA: 6.000 €<br/>Buchwert: 12.000 €]
    C --> D[Jahr 3<br/>AfA: 6.000 €<br/>Buchwert: 6.000 €]
    D --> E[Jahr 4<br/>AfA: 6.000 €<br/>Buchwert: 0 €]

    style A fill:#e6f7ff
    style B fill:#fff4e6
    style C fill:#fff4e6
    style D fill:#fff4e6
    style E fill:#e6ffe6

Degressive Abschreibung

Die degressive Abschreibung ist für IT-Investitionen selten mehr zugelassen, war aber historisch relevant. Sie ermöglicht höhere Abschreibungen in den ersten Jahren.

Formel:

Degressive AfA = Buchwert × Degressionsrate (max. 2,5 × lineare Rate)

Aktuelle Rechtslage

In Deutschland ist die degressive Abschreibung für Neuanlagen seit 2011 nicht mehr zulässig. Nur für Altanlagen ist die degressive AfA noch anwendbar. IT-Berater sollten sich darauf konzentrieren, die lineare AfA zu berücksichtigen.

AfA-Tabellen für IT-Güter

Die AfA-Nutzungsdauer richtet sich nach den amtlichen AfA-Tabellen der Finanzverwaltung:

IT-Gut Typische Nutzungsdauer Bemerkung
Server (Hardware) 3-4 Jahre Hohe technologische Abnutzung
Desktop-PCs 3-4 Jahre Anwendungsabhängig
Notebooks 3 Jahre Höhere Abnutzung durch Mobilität
Netzwerkkomponenten 4-5 Jahre Switches, Router
Standardsoftware (Lizenzen) 3-5 Jahre Laufzeitabhängig
Individualsoftware 5-7 Jahre Längere Nutzungsdauer typisch
IT-Infrastruktur 10-20 Jahre Kabelverlegung, Racks

Praxisbeispiel

Ein Unternehmen kauft eine Individualsoftware für 150.000 €. Die AfA-Tabelle empfiehlt 6 Jahre Nutzungsdauer.

Jährliche AfA: 150.000 € / 6 Jahre = 25.000 € p.a.

Steuereffekt bei 30 % Steuersatz: 25.000 € × 30 % = 7.500 € Steuerersparnis pro Jahr.


💰 Leasing als Finanzierungsalternative

Grundlagen des Leasings

Leasing ist eine Form der Miete, bei der der Leasinggeber (Leasinggeber) dem Leasingnehmer (Leasingnehmer) ein Wirtschaftsgut gegen Entgelt zur Nutzung überlässt. Der Leasingnehmer wird nicht Eigentümer des Gutes, hat aber das wirtschaftliche Risiko.

Leasing-Arten im IT-Kontext

Operate Leasing (Operating Lease)

  • Kurzfristige Verträge (weniger als 90 % der Nutzungsdauer)
  • Kein Eigentumserwerb automatisch am Ende
  • Leasinggeber übernimmt das Instandhaltungsrisiko
  • Bilanzneutral für den Leasingnehmer
  • Typisch für: Server-Racks, Drucker, Notebooks

Vorteile: - Bilanzielle Entlastung (Keine Aktivierung in der Bilanz) - Flexibilität (Technologiewechsel möglich) - Keine Eigenkapitalbindung

Nachteile: - Höhere Gesamtkosten als Kauf - Kein Eigentumserwerb - Abhängigkeit vom Leasinggeber

Finance Leasing (Kapitalleasing)

  • Langfristige Verträge (mindestens 90 % der Nutzungsdauer)
  • Kaufoption am Ende oft vorhanden
  • Leasingnehmer übernimmt das Instandhaltungsrisiko
  • Bilanziell Aktivierungspflicht (Leasingobjekt und Leasingverbindlichkeit)
  • Typisch für: Produktionsanlagen, teure Server-Cluster

Vorteile: - Steuerliche Vorteile (AfA, Zinsen absetzbar) - Eigentumserwerb möglich - Finanzierung ohne Bankkredit

Nachteile: - Bilanzbelastung - Feste Vertragslaufzeiten - Risiko bei technischem Veralten

IAS 17 / IFRS 16 beachten

Nach IFRS 16 müssen Finance Leasing-Verträge in der Bilanz aktiviert werden (Leasingobjekt als Vermögenswert, Leasingverpflichtung als Schuld). Das ändert die Bilanzkennzahlen (z.B. Eigenkapitalquote).

Leasing-Kalkulationsbeispiel

Szenario: Server-Leasing über 36 Monate

Position Leasing Kredit (Kauf) Differenz
Anschaffungswert 24.000 € 24.000 € 0 €
Monatliche Rate 720 € - -
Gesamtkosten (36 Monate) 25.920 € 24.000 € +1.920 €
Eigenkapital-Bindung 0 € 24.000 € -24.000 €
AfA möglich Nein Ja (6.000 € p.a.) -6.000 € p.a.
Bilanzneutralität Ja Nein -

Fazit: Leasing ist teurer (+8 % Gesamtkosten), aber schont die Liquidität und bleibt bilanzneutral.


📊 Factoring und Forfaitierung

Factoring

Factoring ist der Verkauf von Forderungen (Rechnungen) an einen Finanzdienstleister (Factor). Der Factor übernimmt das Ausfallrisiko und zahlt sofort (oder bis zu 90 % des Rechnungsbetrags).

Funktionen des Factorings

  1. Finanzierungsfunktion: Sofortige Liquidität durch vorzeitige Zahlung
  2. Delkrederefunktion: Übernahme des Ausfallrisikos
  3. Dienstleistungsfunktion: Debitorenmanagement, Mahnwesen

Ablauf eines Factoring-Geschäfts

graph LR
    A[Lieferant] -->|Rechnung 100.000 €| B[Kunde / Debitor]
    A -->|Forderungsverkauf 100.000 €| C[Factor]
    C -->|Zahlt sofort 85.000 €| A
    C -->|Mahnung / Inkasso| B
    B -->|Zahlt 100.000 €| C
    C -->|Restzahlung 15.000 €| A

    style A fill:#fff4e6
    style B fill:#e6f7ff
    style C fill:#ffe6e6

Kosten: Factoring-Gebühren liegen typischerweise zwischen 1,5 % und 3 % des Forderungsvolumens.

Praxisbeispiel: IT-Dienstleister

Ein IT-Dienstleister hat eine Forderung von 100.000 € gegen einen Kunden mit einer Zahlungsziel von 60 Tagen.

Ohne Factoring: Zahlung erst nach 60 Tagen, Liquiditätsgap

Mit Factoring: - Sofortige Zahlung: 85.000 € (85 %) - Factor übernimmt Ausfallrisiko - Kosten: 3.000 € (3 %) - Gesamtauszahlung: 97.000 €

Vorteil: Sofortige Liquidität, kein Risiko

Forfaitierung

Forfaitierung ist eine Sonderform des Factorings, die typischerweise bei internationalen Geschäften eingesetzt wird. Im Gegensatz zum Factoring ist die Forfaitierung:

  • Ohne Rückgriffsrecht (Without recourse)
  • Langfristig (meist 1-7 Jahre)
  • Oft mit Bankaval oder Ausfallversicherung gesichert
  • Häufig bei Exportgeschäften

Factoring vs. Forfaitierung

Factoring ist kurzfristig und oft mit Rückgriffsrecht (bei Insolvenz des Kunden muss der Lieferant zahlen). Forfaitierung ist langfristig und ohne Rückgriffsrecht - das volle Risiko liegt beim Forfaiteur.


⚖️ Liquidität vs. Rentabilität: Der Zielkonflikt

Definitionen

Begriff Definition Messung
Liquidität Zahlungsfähigkeit, jederzeit Rechnungen zahlen können Cash-Flow, Working Capital
Rentabilität Verhältnis von Gewinn zu eingesetztem Kapital ROI, Umsatzrendite

Der Zielkonflikt

graph TD
    A[Investition IT-Projekt] --> B{Finanzierungsentscheidung}
    B -->|Kredit kaufen| C[Höhere Rentabilität<br/>AfA, Steuervorteile]
    B -->|Leasing| D[Höhere Liquidität<br/>Keine Eigenkapitalbindung]

    C --> E[Langfristiger Gewinn<br/>Aber: Liquiditätsgap heute]
    D --> F[Geringerer Gewinn<br/>Aber: Liquidität heute]

    E --> G{Priorität?}
    F --> G

    G -->|Gewinnmaximierung| C
    G -->|Liquiditätssicherung| D

    style C fill:#fff4e6
    style D fill:#e6f7ff

Regel der Praxis

In Krisenzeiten hat Liquidität immer Vorrang vor Rentabilität. Ein Unternehmen kann nur profitabel sein, wenn es zahlungsfähig ist. "Cash is King" gilt auch für IT-Projekte.

Entscheidungshilfe: Finanzierungsform wählen

Kriterium Kredit / Kauf Leasing Factoring
Liquiditätswirkung Negativ (Liquidität gebunden) Neutral bis positiv Stark positiv
Rentabilität Hoch (AfA, Steuervorteile) Mittel (Zinsen, keine AfA) Gering (Gebühren)
Bilanzwirkung Aktivierungspflicht Operate: Bilanzneutral / Finance: Aktivierungspflicht Keine Bilanzwirkung
Flexibilität Gering (festes Kapital) Mittel (Laufzeit fest, aber ablösbar) Hoch (auftragsweise)
Eigentum Ja Nein (ohne Kaufoption) Nicht zutreffend
Typischer Einsatz Langfristige Investitionen Hardware, IT-Infrastruktur Forderungsmanagement

💡 Dialogbeispiel: Finanzierung im Kundengespräch

Szenario: Diskussion über Server-Cluster-Upgrade

CFO: "Herr Müller, Ihr Angebot für den neuen Server-Cluster liegt bei 240.000 €. Das ist für uns eine erhebliche Summe, gerade da wir dieses Jahr noch Investitionen in die Lagerhalle planen."

Berater: "Verstehe ich vollkommen, Herr Weiß. Die Liquidität ist für Sie in diesem Jahr entscheidend. Lassen Sie uns die Finanzierungsoptionen durchgehen."

CFO: "Was sind unsere Möglichkeiten?"

Berater: "Wir haben drei Optionen. Die erste: Klassischer Kauf mit Kredit. Die Anschaffungskosten betragen 240.000 €, die Nutzungsdauer ist 4 Jahre. Sie können jährlich 60.000 € abschreiben. Bei Ihrem Steuersatz von 30 % sparen Sie jährlich 18.000 € an Steuern. Der Effektivzins liegt bei 4,5 % p.a. Die Gesamtkosten inklusive Zinsen: 259.200 €."

CFO: "Ok, das bedeutet: Hohe Rentabilität, aber heute 240.000 € Liquidität weg."

Berater: "Exakt. Option 2: Operate Leasing. Monatliche Rate von 6.000 € über 36 Monate, also Gesamtkosten von 216.000 €. Bilanzneutral, keine Eigenkapitalbindung. Der Nachteil: Keine AfA, keine Steuervorteile."

CFO: "Die monatliche Rate von 6.000 € ist machbar. Aber wir werden nie Eigentümer."

Berater: "Stimmt. Wir könnten aber eine Kaufoption am Ende einbauen. Dann hätten Sie nach 3 Jahren die Wahl: Für ein Restguthaben von 20.000 € Eigentum erwerben oder die Server zurückgeben."

CFO: "Klingt gut. Was ist Option 3?"

Berater: "Option 3 wäre eine Kombination: Sie kaufen die Server (für AfA und Steuervorteile) und nutzen Factoring für Ihre Forderungen, um die Liquidität zu sichern. So erhalten Sie sofort 85 % Ihrer Rechnungsausstände, behalten aber die Steuervorteile des Kaufs."

CFO: "Hmm, Factoring hatten wir noch nie. Was kostet das?"

Berater: "Typisch 2,5 % vom Forderungsvolumen. Wenn Sie in diesem Quartal Forderungen von 300.000 € haben, erhalten Sie sofort 255.000 €, die Kosten betragen 7.500 €. Zusammen mit der AfA von 60.000 € im ersten Jahr haben Sie einen Nettovorteil von 52.500 €."

CFO: "Die Kombination aus Kauf und Factoring klingt interessant. Aber Factoring bindet uns ja an einen Factor."

Berater: "Richtig. Wenn Sie Flexibilität wünschen, wäre Leasing besser. Lassen Sie mich eine Tabelle mit den drei Optionen für Sie vorbereiten, damit Sie das mit Ihrem Wirtschaftsprüfer besprechen können."

CFO: "Gut. Machen Sie das."


🎯 Zusammenfassung

Finanzierungs-Checkliste für IT-Projekte

Phase Frage Antwortoption
Analyze Was ist das Projekt? Software, Hardware, Mischform
Analyze Welche Nutzungsdauer? Kurz (1-3 Jahre), Mittel (3-7 Jahre), Lang (> 7 Jahre)
Analyze Wie ist die Liquiditätssituation? Eng, Normal, Gut
Evaluate Welche Finanzierung passt? Kauf, Leasing, Factoring, Kombination
Calculate Gesamtkosten vergleichen Kapitalkosten, Zinsen, Gebühren, Steuereffekte
Decide Empfehlung abgeben Begründete Empfehlung mit Zahlen

Häufige Fehler vermeiden

Fehler Auswirkung Lösung
Nur auf Preis schauen Falsche Finanzierungsentscheidung Gesamtkosten (Total Cost of Ownership) betrachten
Steuereffekte vergessen Verpasste Einsparungen AfA, Zinsen, Gebühren steuerlich berücksichtigen
Liquidität unterschätzen Zahlungsprobleme im Projekt Cash-Flow-Projektion für Projektlaufzeit
Eigenkapital überstrapazieren Keine Puffer für andere Projekte Leasing oder Factoring in Erwägung ziehen

Erfolgsfaktor

Ein IT-Berater, der nicht nur technische Lösungen, sondern auch Finanzierungsoptionen vermittelt, wird als strategischer Partner wahrgenommen. Die Frage "Wie finanzieren Sie das?" gehört genauso zu einem Angebot wie die technische Spezifikation.