Zum Inhalt

02 - Storytelling und Präsentationstechnik

Lernziele

  • Storytelling-Methoden für IT-Präsentationen anwenden
  • Strukturierte Präsentationskonzepte erstellen
  • Interaktive Präsentationstechniken beherrschen

🧠 Management Summary

Eine IT-Präsentation ist weit mehr als eine technische Darstellung von Features und Funktionen. Storytelling verwandelt abstrakte technische Lösungen in greifbare Business-Werte und emotionale Benefits. Die Grundlage eines erfolgreichen Vortrags ist die Kenntnis des Buying Centers: Unterschiedliche Rollen (CFO, IT-Leiter, Anwender) benötigen unterschiedliche Botschaften. Moderne Präsentationstechniken basieren auf Interaktion statt Monolog, auf Geschichten statt auf Bullet Points, und auf Dialog statt auf Einweg-Kommunikation. Eine strukturierte Vorbereitung mit dem Pyramidenprinzip, dem Story-Sparring und der "What's in it for me?"-Perspektive stellt sicher, dass die Kernbotschaft bei allen Zuhörern ankommt.


📚 Grundlagen des Storytellings in der IT

Warum Storytelling im IT-Kontext?

IT-Entscheidungen sind oft komplex, technisch und riskant. Reine Fakten und Daten allein selten ausreichen, um zu überzeugen. Storytelling funktioniert, weil:

  • Emotionen aktivieren: Geschichten lösen Emotionen aus, die Entscheidungen maßgeblich beeinflussen
  • Abstraktes konkretisieren: Komplexe technische Konzepte werden durch Metaphern und Beispiele greifbar
  • Gedächtnis unterstützen: Menschen erinnern sich 22-mal besser an Geschichten als an reine Fakten
  • Identifikation fördern: Zuhörer können sich mit Protagonisten und Szenarien identifizieren

Storytelling vs. Lügen

Storytelling bedeutet nicht, zu erfinden oder zu übertreiben. Wahres Storytelling basiert auf echten Problemen, echten Lösungen und echten Erfolgen. Es geht darum, Fakten in eine für Zuhörer relevante Geschichte zu verpacken.

Die Grundstruktur einer IT-Story

Jede erfolgreiche Geschichte folgt einem klassischen Aufbau:

graph LR
    A[Status Quo<br/>Aktueller Zustand] --> B[Problem<br/>Schmerzpunkt]
    B --> C[Lösung<br/>IT-Produkt]
    C --> D[Resultat<br/>Business-Wert]

    A -->|Tension| B
    B -->|Resolution| C
    C -->|Benefit| D

    style A fill:#fff4e6
    style B fill:#ffe6e6
    style C fill:#e6f7ff
    style D fill:#e6ffe6

Elemente im Detail

  1. Status Quo (Aktuelle Situation):
  2. Beschreiben Sie die Situation des Kunden
  3. Nutzen Sie die Sprache des Kunden
  4. Zeigen Sie Verständnis für den Kontext

Beispiel: "Ihre Vertriebsabteilung arbeitet noch mit Excel-Listen, die manuell aktualisiert werden müssen. Jeden Tag verbringt jeder Vertriebler 30 Minuten mit der Liste."

  1. Problem (Schmerzpunkt):
  2. Machen Sie das Problem spürbar
  3. Quantifizieren Sie die negativen Auswirkungen
  4. Zeigen Sie die emotionalen Konsequenzen

Beispiel: "Das führt zu veralteten Daten, verpassten Vertriebschancen und Frustration im Team. Wir haben berechnet: Alleine diese 30 Minuten kosten Sie pro Jahr 400.000 € an Produktivitätsverlust."

  1. Lösung (IT-Produkt):
  2. Stellen Sie Ihr Produkt als Held dar
  3. Erklären Sie, wie es das Problem löst
  4. Nutzen Sie technische Details sparsam

Beispiel: "Unser CRM-Tool automatisiert die Aktualisierung. Daten werden in Echtzeit synchronisiert, Fehlerquellen eliminiert und Ihr Vertriebsteam kann sich auf das konzentrieren, was wirklich zählt: Kunden überzeugen."

  1. Resultat (Business-Wert):
  2. Quantifizieren Sie den Nutzen
  3. Verknüpfen Sie mit strategischen Zielen
  4. Zeigen Sie ROI und Amortisationszeit

Beispiel: "Die Amortisationszeit beträgt 6 Monate. Danach sparen Sie jährlich 400.000 € an Produktivität und steigern Ihren Umsatz durch bessere Kundenansprache um 15 %."


🔧 Präsentationsstrukturierung

Das Pyramidenprinzip

Das von Barbara Minto entwickelte Pyramidenprinzip ist ein Standard für strukturiertes Denken und Präsentieren.

graph TD
    A[Hauptbotschaft<br/>Zentraler Nutzen] --> B[Argument 1]
    A --> C[Argument 2]
    A --> D[Argument 3]

    B --> B1[Unterargument 1.1]
    B --> B2[Unterargument 1.2]

    C --> C1[Unterargument 2.1]
    C --> C2[Unterargument 2.2]

    D --> D1[Unterargument 3.1]
    D --> D2[Unterargument 3.2]

    style A fill:#ffe6e6
    style B fill:#e6f7ff
    style C fill:#e6f7ff
    style D fill:#e6f7ff

Prinzipien:

  1. Top-down: Beginnen mit der Hauptbotschaft
  2. MECE: Mutually Exclusive, Collectively Exhaustive (Sich gegenseitig ausschließend, gemeinsam erschöpfend)
  3. One message per slide: Jede Folie transportiert genau eine Kernbotschaft

Pyramide in der Praxis

Hauptbotschaft: "Unser Cloud-basiertes Dokumentenmanagementsystem reduziert Ihre Dokumentensuche um 80 %."

Argument 1: Zeitersparnis für Mitarbeiter - Unterargument 1.1: Suchzeit von durchschnittlich 15 Minuten auf 3 Minuten reduziert - Unterargument 1.2: 400 Mitarbeiter sparen jährlich 16.000 Arbeitsstunden

Argument 2: Kostenreduktion - Unterargument 2.1: Weniger Druckerkosten (weniger physische Dokumente) - Unterargument 2.2: Weniger Lagerplatz für Archive

Argument 3: Compliance und Sicherheit - Unterargument 3.1: Versionierung und Audit-Trails automatisch - Unterargument 3.2: DSGVO-konforme Berechtigungssteuerung

Die 4-Minuten-Regel

Zuhörer konzentrieren sich maximal 10-15 Minuten am Stück. Bauen Sie Ihre Präsentation in 10-minütige Blöcke mit:

  • Aufmerksamkeitshaken: Start mit provokanter Frage oder Statistik
  • Kernbotschaft: Hauptargument des Blocks
  • Beispiel: Konkretes Szenario
  • Interaktion: Frage an das Publikum

Interaktive Elemente

Element Zweck Beispiele
Fragen an das Publikum Aktivierung "Wer von Ihnen kennt das Problem?"
Live-Demonstration Glaubwürdigkeit Echtzeit-Demo der Software
Voting / Abstimmung Einbindung Handzeichen, digitale Tools
Metaphern Verständlichkeit "Wie ein Navi für Ihre Datenströme"
Geschichten Emotionen Kunden-Success-Story erzählen

💡 Dialogbeispiel: Storytelling in der Präsentation

Szenario: Präsentation eines ERP-Systems

Berater: "Guten Morgen zusammen. Ich möchte heute mit einer Frage beginnen: Wer von Ihnen hat schon einmal eine Bestellung aufgegeben und musste dann tagelang auf den Lieferstatus warten?" (Meldungen aus dem Publikum)

Kunde (Logistikleiter): "Das passiert bei uns ständig. Die Vertriebler wissen nicht, was im Lager ist, und die Kunden rufen ständig an."

Berater: "Danke. Genau das Problem erleben wir bei vielen Unternehmen. Lassen Sie mich eine Geschichte aus unserer Praxis erzählen: Bei einem Kunden ähnlich Ihrer Größe, einem mittelständischen Maschinenbauer mit 200 Mitarbeitern, war die Situation noch dramatischer."

Berater: "Der Vertrieb rief Kunden an, Produkte anzubieten, die schon seit Wochen ausverkauft waren. Der Lagerchef bestellte Materialien, die in einem Monat verfielen, weil er nicht wusste, dass sie benötigt wurden. Und die Buchhaltung telefonierte täglich mit Kunden, die bezahlt hatten, aber noch keine Lieferung erhalten hatten." (Kunden nicken)

Berater: "Der Leiter sagte uns: 'Wir verkaufen gut, aber wir verlieren Kunden, weil unser internes Chaos zu außen sichtbaren Problemen führt.' Er schätzte die Kosten der versäumten Lieferungen und Kundenbeschwerden auf 500.000 € pro Jahr."

Berater: "Sie alle kennen das: Die Vertriebslisten in Excel, die manuell aktualisiert werden. Die Lagerbestände, die man telefonisch erfragen muss. Die Buchhaltung, die Rechnungen schreibt, ohne zu wissen, ob geliefert wurde." (Mehr Nicken)

Berater: "Unser ERP-System ist die Antwort auf genau dieses Problem. Es synchronisiert Vertrieb, Lager und Buchhaltung in Echtzeit. Ein Vertriebler sieht sofort den tatsächlichen Lagerbestand, bevor er ein Produkt anbietet. Der Lagerchef erhält automatische Bestellvorschläge. Und die Buchhaltung kann Rechnungen schreiben, sobald die Ware versendet ist."

Berater: "Das Ergebnis bei diesem Kunden: Nach 3 Monaten waren die versäumten Lieferungen von 12 % auf 0,8 % gesunken. Die Kundenbeschwerden halbierten sich. Und der ROI wurde bereits nach 7 Monaten erreicht."

Berater: "Für Ihr Unternehmen haben wir eine ähnliche Ausgangslage analysiert. Basierend auf Ihren Daten erwarten wir eine Reduktion der administrativen Arbeitszeit um 40 % und eine Erhöhung der Lieferzuverlässigkeit auf 98 %. Die Amortisationszeit liegt bei 8 Monaten."

Berater: "Aber Zahlen allein sagen nicht alles. Was mich interessiert: Welche dieser Herausforderungen - Vertriebsunsicherheit, Lagerplanung oder Kundenkommunikation - ist für Sie am drängendsten?"

CFO: "Für mich ist der ROI entscheidend. Sie sagten 8 Monate Amortisation. Das klingt optimistisch."

Berater: "Das ist eine berechtigte Frage, Herr Weiß. Lassen Sie mich die Berechnung im Detail aufschlüsseln..." (Wechselt zu ROI-Folie)


🎯 Präsentationstechniken für verschiedene Buying Center Rollen

Ansprache des CFO (Finanz-Entscheider)

Fokus: ROI, Kostenstruktur, Risiko

Botschaften: - "Investition amortisiert sich in X Monaten" - "Kostenreduktion um Y %" - "Risikominimierung durch Compliance und Sicherheit"

Materialien: - ROI-Rechner - Kosten-Nutzen-Analyse - Sensitivitätsanalyse (Best-Case, Worst-Case)

Beispiel-Satz: "Herr Weiß, verstehen Sie den ROI der 120.000 € Investition so: Sie investieren heute 120.000 € und erhalten ab Monat 8 jeden Monat 20.000 € Cash-Flow. Das entspricht einer Kapitalrendite von 20 % p.a. und übertrifft deutlich Ihre internen Zielrenditen."

ROI-Formel

ROI = (Gewinn aus Investition - Investitionskosten) / Investitionskosten × 100

Ansprache des IT-Leiters (Technischer Beeinflusser)

Fokus: Kompatibilität, Sicherheit, Wartbarkeit, Integration

Botschaften: - "Nahtlose Integration in bestehende Systeme" - "DSGVO-konforme Architektur" - "Offene Standards, keine Vendor Lock-in"

Materialien: - Architekturdokumentation - Integrationsdiagramme - Security-Zertifizierungen

Beispiel-Satz: "Herr Müller, unsere Lösung baut auf Microservices auf und integriert sich per REST-API in Ihre bestehenden Systeme. Das bedeutet: Keine monolithische Abhängigkeit, sondern modulare Integration, die Sie jederzeit erweitern oder ersetzen können."

Ansprache der Anwender (User)

Fokus: Usability, Effizienz, Alltagstauglichkeit

Botschaften: - "Weniger Klicks für mehr Ergebnis" - "Keine Schulung erforderlich" - "Spürbare Zeitersparnis"

Materialien: - UI/UX-Demonstrationen - Vorher-Nachher-Vergleiche - Testimonials von Anwendern

Beispiel-Satz: "Frau Schmidt, anstatt 6 verschiedene Systeme zu öffnen und Daten per Copy-Paste zu übertragen, haben Sie nun alles auf einem Bildschirm. Ein Klick und der Kundenstatus ist aktualisiert, die Rechnung erstellt und das Lager informiert."

Ansprache des Einkäufers (Buyer)

Fokus: Preis, Konditionen, Lieferbedingungen

Botschaften: - "Wettbewerbsfähige Preise" - "Flexible Laufzeiten" - "Transparente Kostentransparenz"

Materialien: - Preistabelle - Konditionen-Optionen - Vergleich mit Marktpreisen

Beispiel-Satz: "Frau Meier, wir bieten Ihnen 12-, 24- und 36-Monats-Optionen an. Bei 36 Monaten erhalten Sie einen Rabatt von 15 % und eine Preisgarantie für die gesamte Laufzeit. Die Kosten sind fix, keine versteckten Gebühren."


📊 Zusammenfassung

Präsentations-Checkliste

Phase Aufgabe Frage
Vorbereitung Buying Center analysieren Wer ist im Raum?
Vorbereitung Kernbotschaft definieren Was ist die Hauptaussage?
Vorbereitung Story strukturieren Problem → Lösung → Resultat
Start Aufmerksamkeit gewinnen Provokative Frage oder Statistik
Mitte Argumente präsentieren Pyramidenprinzip anwenden
Interaktion Dialog fördern Fragen stellen, Live-Demos
Ende Handlungsaufforderung Was ist der nächste Schritt?

Häufige Fehler vermeiden

Fehler Auswirkung Lösung
Feature-Overload Zuhörer werden überwältigt Nutzen vor Features
Technik-Jargon Nicht-Techniker verstehen nichts Sprache des Kunden nutzen
Monolog Kein Engagement Fragen und Interaktion
Keine Zielgruppenfokussierung Alle gleiche Botschaft Botschaften an Rollen anpassen

Erfolgsfaktor

Eine IT-Präsentation ist nicht erfolgreich, wenn sie "gut präsentiert" wurde, sondern wenn Zuhörer verstanden haben, wie ihr Problem gelöst wird und warum sie jetzt handeln sollen. Storytelling ist kein Selbstzweck, sondern das Werkzeug, um diese Botschaft emotional und rational zu verankern.