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Total Cost of Ownership (TCO)

Definition und Bedeutung

Die Total Cost of Ownership (TCO) ist eine umfassende Kennzahl, die alle Kosten erfasst, die über den gesamten Lebenszyklus einer IT-Lösung anfallen. Anders als der bloße Anschaffungspreis berücksichtigt die TCO auch die indirekten und oft unterschätzten Folgekosten.

Tip

Die TCO-Analyse ist ein entscheidendes Argumentationsinstrument für IT-Berater. Sie zeigt Kunden die langfristigen Kosteneffekte und rechtfertigt oft höhere Initialinvestitionen durch geringere Folgekosten.

Die Berechnung der TCO hilft: - Investmententscheidungen objektiv zu begründen - versteckte Kosten aufzudecken - verschiedene Lösungsoptionen vergleichbar zu machen - das Budget über mehrere Perioden zu planen

Kostenarten

1. Anschaffungskosten (Direct Costs)

Einmalige Kosten beim Erwerb einer Lösung:

Kostenart Beschreibung Beispielaufschlag
Lizenzkosten Softwarelizenzen, API-Credits 10.000 €
Hardware Server, Arbeitsplätze, Netzwerkequipment 15.000 €
Implementierung Installation, Konfiguration, Migration 8.000 €
Schulung Erstschulung des Personals 2.000 €

2. Betriebskosten (Operative Costs)

Laufende Kosten während der Nutzung:

  • Personalkosten: Administration, Support, Betrieb (oft größter Kostenblock)
  • Wartung & Support: Software-Wartungsverträge, Hardware-Support
  • Energie: Strom, Kühlung, Rackspace
  • Kommunikation: Bandbreiten, VPN-Zugänge
  • Backups & Recovery: Storage, Rechenzeit, Testing

Warning

Viele Kunden unterschätzen die Personalkosten für Betrieb und Wartung. Ein Vollzeit-Administrator verursacht inklusive Sozialabgaben oft 80.000-100.000 € pro Jahr.

3. Wartungs- und Aktualisierungskosten

  • Software-Updates und Patches
  • Hardware-Upgrades (z.B. Speichererweiterung nach 3 Jahren)
  • Sicherheitsaudits und Compliance-Checks
  • Performance-Tuning und Optimierungen

4. Schulungskosten (Laufend)

  • Neue Mitarbeiter-Schulungen
  • Fortbildungen zu neuen Features
  • Zertifizierungen des IT-Personals

TCO-Berechnung Beispiel

Betrachten wir ein Beispiel: Ein Unternehmen evaluiert eine CRM-Lösung über 5 Jahre.

Option A: On-Premise CRM

\[TCO_{A} = Anschaffung + \sum_{t=1}^{5} \frac{Betriebskosten_t}{(1+r)^t}\]

Anschaffungskosten (Jahr 0): - Softwarelizenzen: 50.000 € - Server-Hardware: 20.000 € - Implementierung: 30.000 € - Erstschulung: 5.000 € - Summe Jahr 0: 105.000 €

Betriebskosten (jährlich): - Administrator (0,5 FTE): 50.000 € - Wartungsverträge: 8.000 € - Strom & Kühlung: 2.000 € - Backups: 1.000 € - Summe pro Jahr: 61.000 €

\[TCO_A = 105.000 + 5 \times 61.000 = 410.000 \text{ €}\]

Option B: Cloud SaaS CRM

Einmalige Kosten: - Implementierung & Migration: 20.000 € - Schulung: 5.000 € - Summe Jahr 0: 25.000 €

Laufende Kosten (jährlich): - SaaS-Abo (100 User × 50 € × 12): 60.000 € - Support-Paket: 5.000 € - Bandbreite: 1.000 € - Summe pro Jahr: 66.000 €

\[TCO_B = 25.000 + 5 \times 66.000 = 355.000 \text{ €}\]

Example

Interpretation: Obwohl die Cloud-Lösung jährlich 5.000 € mehr kostet, ist die TCO nach 5 Jahren um 55.000 € geringer. Die niedrigeren Initialinvestitionen und fehlenden Administratorkosten überwiegen.

TCO vs. Anschaffungspreis

Der Vergleich verdeutlicht, warum der Anschaffungspreis irreführend ist:

Aspekt Anschaffungspreis TCO
Zeitraum Stichtag Lebenszyklus (3-10 Jahre)
Transparenz Hoch Mittel
Komplexität Gering Hoch
Entscheidungsrelevanz Eingeschränkt Hoch
Zukunftsorientierung Nein Ja

Typische Kostenverteilung über 5 Jahre: - Hardware: 15-25% der TCO - Software: 10-20% der TCO - Administration/Support: 40-60% der TCO - Schulung: 5-10% der TCO - Sonstiges: 5-10% der TCO

Cloud vs. On-Premise TCO-Vergleich

Der Vergleich zwischen Cloud- und On-Premise-Lösungen ist eine klassische TCO-Anwendung.

On-Premise - TCO-Treiber

\[TCO_{OnPrem} = CAPEX + OPEX_{Admin} + OPEX_{Wartung} + OPEX_{Energie}\]

Vorteile: - Kontrolle über Daten und Infrastruktur - Vorhersehbare Lizenzkosten - Keine monatlichen Abhängigkeiten

Nachteile: - Hohe Initialinvestitionen (CAPEX) - Personalkosten für Administration - Upgrade-Zyklen (Hard- und Software)

Cloud - TCO-Treiber

\[TCO_{Cloud} = OPEX_{Abo} + OPEX_{Bandbreite} + OPEX_{Training}\]

Vorteile: - Keine CAPEX, OPEX-Modell - Skalierbarkeit nach Bedarf - Provider übernimmt Wartung

Nachteile: - Monatliche Kosten werden teuer bei Langzeitnutzung - Vendor Lock-In - Bandbreiten- und Latenzabhängigkeit

Break-Even-Analyse

Der Break-Even-Point zeigt, ab wann sich Cloud lohnt:

\[n_{BreakEven} = \frac{CAPEX_{OnPrem} - CAPEX_{Cloud}}{OPEX_{Cloud} - OPEX_{OnPrem}}\]

Example

Praxisbeispiel: Server-Infrastruktur - On-Premise CAPEX: 100.000 € - Cloud CAPEX: 0 € - On-Premise OPEX/Jahr: 30.000 € - Cloud OPEX/Jahr: 50.000 €

\[n_{BreakEven} = \frac{100.000 - 0}{50.000 - 30.000} = 5 \text{ Jahre}\]

Fazit: Bei einer geplanten Nutzungsdauer < 5 Jahre ist Cloud kostengünstiger. Bei > 5 Jahren lohnt sich On-Premise.

TCO-Analyse in der Beratungspraxis

Für IT-Berater ist die TCO-Analyse ein Kernwerkzeug:

  1. Transparenz schaffen: Kunden verstehen oft nicht die langfristigen Kosten
  2. Objektivität: Zahlen statt Bauchgefühl
  3. Wertbeitrag demonstrieren: TCO-Sparargumente rechtfertigen Beratungshonorare
  4. Realismus: Risikofaktoren und Unsicherheiten einpreisen

Tip

Dokumentieren Sie Ihre TCO-Berechnungen transparent. Verwenden Sie Sensitivitätsanalysen ("Was passiert bei 10% mehr Admin-Kosten?"), um Robustheit zu demonstrieren.

Zusammenfassung

Die TCO-Analyse geht weit über den reinen Preisvergleich hinaus. Sie: - erfasst den kompletten Lebenszyklus - macht versteckte Kosten sichtbar - ermöglicht fundierte Investitionsentscheidungen - dient als Argumentationshilfe in Verhandlungen

Ein professionelles Angebot sollte daher immer eine TCO-Perspektive einnehmen, insbesondere bei strategischen IT-Investitionen mit langer Laufzeit.