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Break-Even-Analyse

Die Break-Even-Analyse (Gewinnschwellenanalyse) zeigt den Punkt, an dem Umsatz und Kosten gleich hoch sind – ab dem wird Gewinn erzielt. Für IT-Berater ist sie ein entscheidendes Instrument zur Preisfindung und zur Bewertung von Investitionen.

Lernziele

  • Break-Even-Point (BEP) berechnen
  • Preisuntergrenzen bestimmen
  • Break-Even-Analyse für IT-Projekte anwenden

1. Grundlagen der Break-Even-Analyse

Definition

Der Break-Even-Point (BEP) ist der Punkt, an dem:

\[Erlös = Gesamtkosten\]
\[Umsatz = variable Kosten + fixe Kosten\]

Ab diesem Punkt wird jeder zusätzliche Verkaufseinheit zum Gewinn beitragen:

\[Gewinn = (Stückmenge - BEP) × Deckungsbeitrag_{pro Stück}\]

Die Grundformel

\[BEP_{Menge} = \frac{Fixkosten}{Deckungsbeitrag_{pro Stück}}\]
\[BEP_{Umsatz} = \frac{Fixkosten}{Deckungsbeitrag_{quote}}\]

!!! tip "Einheiten beachten Bei IT-Beratung kann der BEP berechnet werden für: - Projekteinheiten: Anzahl Projekte bis zur Gewinnschwelle - Zeiteinheiten: Monate/Jahre bis zur Gewinnschwelle - Lizenzen:** Anzahl verkaufter Lizenzen bis zur Gewinnschwelle

2. Break-Even für Dienstleistungen

Beispiel: IT-Beratung als Dienstleister

Ein IT-Berater hat folgende Kostenstruktur:

Position Wert
Fixkosten (Monat) 30.000 € (Miete, Verwaltung, Basis-Personalkosten)
Stundenverrechnungssatz 150 €/h
Variable Kosten (pro Stunde) 20 € (Reisekosten, Verbrauchsmaterial)
Deckungsbeitrag (pro Stunde) 130 €/h (150 € - 20 €)
\[BEP_{Stunden} = \frac{30.000 €}{130 €/h} = 231 Stunden\]

Interpretation

Der Berater muss mind. 231 Stunden im Monat fakturieren, um keinen Verlust zu machen. Bei 160 Arbeitsstunden im Monat ist das nicht erreichbar – der Berater hat ein strukturelles Problem!

Kritische Analyse

Szenario Fakturierte Stunden Umsatz Var. Kosten DB Fixkosten Ergebnis
Negativ 150 h 22.500 € 3.000 € 19.500 € -30.000 € -10.500 €
Break-Even 231 h 34.500 € 4.620 € 29.880 € -30.000 € 0 €
Positiv 300 h 45.000 € 6.000 € 39.000 € -30.000 € 9.000 €

!!! warning "Unerreichbare BEP** Wenn BEP > fakturierbare Stunden (ca. 140-150 h/Monat für einen Berater), sind die Fixkosten zu hoch. Lösungen: - Fixkosten senken (kleinere Büroräume, weniger Personal) - Stundensatz erhöhen - Mehr Berater einstellen (Fixkosten auf mehr Schultern verteilen)

3. Break-Even für Produkt-/Lizenzverkauf

Beispiel: SaaS-Anwendung

Eine SaaS-Anwendung mit folgenden Parametern:

Position Wert
Fixkosten (Monat) 50.000 € (Server, Personal, Marketing)
Preis pro Lizenz (Monat) 100 €/Monat
Variable Kosten (pro Lizenz) 20 €/Monat (Server-Ressourcen, Support)
Deckungsbeitrag (pro Lizenz) 80 €/Monat
\[BEP_{Lizenzen} = \frac{50.000 €}{80 €/Lizenz/Monat} = 625 Lizenzen\]

!!! example "Zeitliche Break-Even-Analyse** Wenn im Durchschnitt 50 neue Lizenzen pro Monat hinzukommen:

$$BEP_{Zeit} = \frac{625 Lizenzen}{50 Lizenzen/Monat} = 12,5 Monate$$

Nach ca. 12,5 Monaten erreicht das Projekt die Gewinnschwelle.

Vergleich: Einmalige Software vs. SaaS

Parameter Einmalige Software SaaS
Preis 5.000 € 100 €/Monat (ca. 1.200 €/Jahr)
Var. Kosten (pro Kunde) 500 € 20 €/Monat
Fixkosten (Jahr) 200.000 € 600.000 €
DB pro Kunde 4.500 € 80 €/Monat
BEP (Kunden) 45 Kunden 625 Kunden
BEP (Zeit) Sofort bei Verkauf Nach ca. 12,5 Monaten

!!! tip "Modell-Wahl** SaaS hat höheren BEP, aber höhere Marge langfristig. Einmalige Software hat niedrigeren BEP, aber begrenztes Umsatzpotenzial pro Kunde.

4. Break-Even für IT-Projekte

Beispiel: Festpreis-Projekt

Ein IT-Projekt mit folgender Kalkulation:

Position Wert
Projekt-Preis 100.000 € (Festpreis)
Projekt-Dauer 3 Monate
Variable Kosten (Projekt) 40.000 € (Lizenzen, Hardware)
Projektfixe Kosten 20.000 € (Projektmanagement, dedizierte Ressourcen)
DB Projekt 40.000 € (40%)

Problem: Die Fixkosten des Unternehmens betragen 30.000 €/Monat.

\[DB_{benötigt/Monat} = 30.000 €$$ $$DB_{dieses Projekt/Monat} = \frac{40.000 €}{3} = 13.333 €\]
\[Projekte_{benötigt/Monat} = \frac{30.000 €}{13.333 €} = 2,25 Projekte\]

Projekt-Porting problematisch

Ein einzelnes Projekt von 100.000 € reicht nicht, um die monatlichen Fixkosten von 30.000 € zu decken – es werden mind. 2-3 solche Projekte parallel benötigt!

Break-Even für komplexe Projekte

Bei komplexen Projekten mit mehreren Phasen:

Phase Dauer Umsatz Var. Kosten Fixkosten DB Phase
Phase 1: Analyse 1 Monat 20.000 € 5.000 € 10.000 € 5.000 €
Phase 2: Entwicklung 2 Monate 60.000 € 25.000 € 15.000 € 20.000 €
Phase 3: Testing 1 Monat 20.000 € 5.000 € 5.000 € 10.000 €
Summe 4 Monate 100.000 € 35.000 € 30.000 € 35.000 €
\[DB_{durchschnitt/Monat} = \frac{35.000 €}{4} = 8.750 €/Monat\]
\[Projekte_{benötigt/Monat} = \frac{30.000 €}{8.750 €} = 3,43 Projekte\]

!!! tip "Projekt-Management optimieren** Durch Optimierung der Projektphasen kann der BEP erreicht werden: - Parallelierung von Phasen - Effizientere Ressourcen-Nutzung - Reduzierung von projektfixen Kosten

5. Break-Even für Investitionsentscheidungen

Beispiel: Neue Technologie einführen

Ein IT-Berater überlegt, eine neue Technologie (z.B. KI-gestützte Code-Generierung) einzuführen:

Position Mit neuer Technologie Ohne neue Technologie
Investition (einmalig) 50.000 € (Lizenzen, Schulung) 0 €
Stundensatz 130 €/h (geringer, da schneller) 150 €/h
Produktivität 40 Stunden/Woche fakturierbar 30 Stunden/Woche fakturierbar
Umsatz/Woche 5.200 € 4.500 €
Variable Kosten/Woche 800 € 600 €
DB/Woche 4.400 € 3.900 €
DB-Zuwachs/Woche +500 € -
\[BEP_{Zeit} = \frac{50.000 € Investition}{500 € DB-Zuwachs/Woche} = 100 Wochen\]

Die Investition amortisiert sich nach 100 Wochen (ca. 2 Jahren).

!!! tip "Investitionsentscheidung** Die Break-Even-Analyse hilft zu entscheiden, ob sich eine Investition lohnt: - BEP < 2 Jahre: Gute Investition - BEP 2-5 Jahre: Prüfen, ob Technologie langfristig relevant ist - BEP > 5 Jahre: Investition kritisch prüfen

Beispiel: Mitarbeiter einstellen vs. Freelancer

Ein IT-Berater prüft: Festangestellter Senior Consultant vs. Freelancer:

Position Festangestellter Freelancer
Jahresgehalt (Brutto) 90.000 € -
+ Sozialabgaben (20%) +18.000 € -
+ Sonderzahlungen +9.000 € -
+ Arbeitsplatz +4.000 € -
+ Gemeinkostenzuschlag (40%) +48.400 € -
Jahreskosten total 169.400 € 180.000 €
Netto-Stunden 1.400 h 1.600 h
Stundensatz 121 €/h (interne Kosten) 112,50 €/h (Rechnung)
Verkaufspreis 150 €/h 130 €/h (Freelancer kalkuliert)
\[DB_{Festangestellter} = (150 € - 121 €) × 1.400 h = 40.600 €$$ $$DB_{Freelancer} = (130 € - 112,50 €) × 1.600 h = 28.000 €\]

Entscheidung: Festangestellter hat höheren DB (+12.600 €) trotz höherer Fixkosten.

!!! warning "Fixkosten-Blindheit** Freelancer scheinen billiger (keine Fixkosten), aber bei hoher Auslastung sind Festangestellte profitabler. Die Break-Even-Analyse zeigt die Wahrheit.

6. Sensitivitätsanalyse

Was, wenn...?

Die Break-Even-Analyse hilft zu verstehen, wie Änderungen Parameter beeinflussen:

\[\Delta BEP_{Menge} = \frac{Fixkosten_{neu}}{DB_{neu}} - BEP_{alt}\]
Parameter-Änderung Auswirkung auf BEP
Fixkosten +10% BEP steigt um ~10%
Verkaufspreis +10% BEP sinkt um ~9%
Variable Kosten +10% BEP steigt um ~11%
DB-Quote +5% BEP sinkt um ~5%

!!! example "Szenario-Analyse** Grund-BEP: 200 Projekte/Jahr - Szenario 1 (Fixkosten +20%): 240 Projekte (+20%) - Szenario 2 (Preise +10%): 182 Projekte (-9%) - Szenario 3 (Var. Kosten +15%): 235 Projekte (+17%)

Zusammenfassung

Die Break-Even-Analyse ist ein entscheidendes Instrument für IT-Berater:

  1. Dienstleistungen: BEP in Stunden (wie viele Stunden muss ich fakturieren?)
  2. Produkte/Lizenzen: BEP in Stück (wie viele Lizenzen muss ich verkaufen?)
  3. Projekte: BEP in Projekten (wie viele Projekte parallel nötig?)
  4. Investitionen: BEP in Zeit (wann amortisiert sich die Investition?)
  5. Sensitivität: Wie reagiert der BEP auf Änderungen?

Der Schlüssel zum Erfolg: Regelmäßige Break-Even-Analyse (mindestens quartalsweise) und kritische Prüfung, wenn BEP nicht erreichbar ist. Wer seinen Break-Even-Point nicht kennt, arbeitet blind.

Im nächsten Kapitel lernen Sie die TCO-Analyse (Total Cost of Ownership) kennen – sie zeigt, dass der Kaufpreis nicht die einzigen Kosten sind.