Deckungsbeitragsrechnung
Die Deckungsbeitragsrechnung (Contribution Margin Accounting) ist das wichtigste Controlling-Instrument für IT-Berater. Sie zeigt, wie viel ein Projekt oder eine Dienstleistung zur Deckung der Fixkosten beiträgt – und wo Sie Geld verlieren.
Lernziele
- Deckungsbeitrag richtig berechnen und interpretieren
- Einstufige und mehrstufige DB-Rechnung anwenden
- Profitabilität von Projekten und Sparten analysieren
1. Grundlagen der Deckungsbeitragsrechnung
Definition
Der Deckungsbeitrag (DB) ist der Betrag, der nach Abzug der variablen Kosten verbleibt und zur Deckung der Fixkosten (und zur Gewinnerzielung) zur Verfügung steht:
Die Deckungsbeitragsrechnung ist eine Teilkostenrechnung – im Gegensatz zur Vollkostenrechnung, bei der alle Kosten (fix und variabel) auf Kostenträger umgelegt werden.
!!! tip "Warum Teilkostenrechnung? In der IT-Beratung ist die Vollkostenrechnung oft irreführend, da Fixkosten (Miete, Verwaltung, Infrastruktur) pauschal verteilt werden. Die DB-Rechnung zeigt transparenter, was Projekte wirklich** an Geld einbringen.
Kostenarteneinteilung
| Kostenart | Definition | Beispiele IT-Beratung |
|---|---|---|
| Variable Kosten | Kosten, die mit Projektmenge schwanken | Projektreisekosten, externe Lizenzen, Subunternehmer-Honorare |
| Fixkosten | Kosten, die unabhängig von Projektmenge anfallen | Miete, Verwaltungsgehälter, IT-Infrastruktur |
| Gemischte Kosten | Teilweise fix, teilweise variabel | Server-Kosten (fixe Grundgebühr + variable Nutzungsgebühr) |
Trennungsaufwand
Die saubere Trennung in fixe und variable Kosten ist aufwendig, aber essenziell. Eine falsche Kostenarteneinteilung führt zu falschen DB-Werten und Fehlentscheidungen.
2. Einstufige Deckungsbeitragsrechnung
Grundschema
Bei der einstufigen DB-Rechnung wird ein einheitlicher Deckungsbeitrag pro Kostenträger berechnet:
Beispiel: Drei Projekte im Monat
| Projekt | Erlös | Variable Kosten | DB |
|---|---|---|---|
| A: CRM-Implementierung | 50.000 € | 20.000 € | 30.000 € |
| B: App-Entwicklung | 30.000 € | 18.000 € | 12.000 € |
| C: Schulung | 5.000 € | 1.000 € | 4.000 € |
| Summe | 85.000 € | 39.000 € | 46.000 € |
| - Fixkosten (Monat) | -30.000 € | ||
| = Gewinn (Monat) | 16.000 € |
Interpretation
- Projekt A trägt am stärksten zur Fixkostendeckung bei (30.000 €)
- Projekt B hat niedrige Marge (40% DB-Quote)
- Projekt C hat hohe Marge (80% DB-Quote), aber geringes Volumen
!!! tip "DB-Quote** Die DB-Quote zeigt die Profitabilität relativ zum Umsatz: $\(DB-Quote = \frac{DB}{Erlös} × 100\%\)$
Bei IT-Projekten ist eine DB-Quote von 40-60% angestrebt.
3. Mehrstufige Deckungsbeitragsrechnung
Hierarchische Fixkostenzuordnung
Die mehrstufige DB-Rechnung ordnet Fixkosten hierarchisch zu – von produktfix über bereichsfix bis unternehmensfix:
Erlös
- variable Kosten
= DB I
- produktfixe Kosten
= DB II
- bereichsfixe Kosten
= DB III
- unternehmensfixe Kosten
= Erfolg (Gewinn/Verlust)
Detailliertes Schema
| Stufe | Bedeutung | Beispiele |
|---|---|---|
| DB I | Deckungsbeitrag nach variablen Kosten | Erlös - externe Lizenzen, Reisekosten |
| - produktfixe Kosten | Kosten, die spezifisch für ein Produkt/Projekt anfallen | Projektspezifische Hardware, dedizierte Entwickler |
| = DB II | DB nach produktfixen Kosten | DB I - projektfixe Kosten |
| - bereichsfixe Kosten | Kosten einer Sparte/Abteilung | Abteilungsleitung, Team-Meetings, Abteilungs-Marketing |
| = DB III | DB nach bereichsfixen Kosten | DB II - bereichsfixe Kosten |
| - unternehmensfixe Kosten | Kosten des Gesamtunternehmens | Geschäftsführung, Buchhaltung, Miete Gesamt |
| = Erfolg | Gewinnausschüttung oder Verlust | DB III - unternehmensfixe Kosten |
Beispiel: IT-Beratung mit zwei Sparten
| Sparte | Umsatz | Var. Kosten | DB I | Produktfix | DB II | Bereichsfix | DB III |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Softwareentwicklung | 300.000 € | 120.000 € | 180.000 € | 40.000 € | 140.000 € | 60.000 € | 80.000 € |
| Beratung | 150.000 € | 60.000 € | 90.000 € | 20.000 € | 70.000 € | 30.000 € | 40.000 € |
| Summe | 450.000 € | 180.000 € | 270.000 € | 60.000 € | 210.000 € | 90.000 € | 120.000 € |
| - Unternehmensfix | -80.000 € | ||||||
| = Gewinn | 40.000 € |
Interpretation der mehrstufigen DB-Rechnung
- DB I: Sparte Softwareentwicklung ist profitabler (60% DB-Quote) als Beratung (60% auch, aber geringeres Volumen)
- DB II: Nach produktfixen Kosten noch immer profitabel
- DB III: Nach bereichsfixen Kosten trägt Softwareentwicklung mehr zur Unternehmensdeckung bei
!!! tip "Spartenvergleich** Wenn eine Sparte DB III < 0 (negativ), muss überlegt werden: - Sparte einstellen? - Preise erhöhen? - Prozesse optimieren (produktfixe/bereichsfixe Kosten senken)?
4. Projekt-DB vs. Sparten-DB
Projekt-DB (Operativ)
Die Projekt-DB zeigt die Profitabilität einzelner Projekte:
| Projekt | Umsatz | Var. Kosten | Projektfix | DB |
|---|---|---|---|---|
| CRM-Migration | 100.000 € | 40.000 € | 15.000 € | 45.000 € (45%) |
| App-Entwicklung | 80.000 € | 35.000 € | 20.000 € | 25.000 € (31%) |
| IT-Security Audit | 25.000 € | 8.000 € | 5.000 € | 12.000 € (48%) |
Sparten-DB (Strategisch)
Die Sparten-DB zeigt, welche Geschäftsbereiche profitabel sind:
| Sparte | Σ DB Projekte | Bereichsfix | DB Sparte |
|---|---|---|---|
| Softwareentwicklung | 180.000 € | 60.000 € | 120.000 € |
| Beratung | 90.000 € | 30.000 € | 60.000 € |
Portfolio-Optimierung
Wenn Projekte eine DB < 30% haben, prüfen Sie: - Sind die variablen Kosten zu hoch? (z.B. teure Lizenzen, Reisen) - Ist der Preis zu niedrig? (Preisfindung überdenken) - Wird zu viel unfakturierte Zeit investiert? (Zeiterfassung prüfen)
5. Anwendung in der IT-Beratung
Use Case 1: Make-or-Buy-Entscheidung
Soll eine Komponente selbst entwickelt oder gekauft werden?
| Option | Variable Kosten | Fixkosten (Projekt) | DB bei 50.000 € Umsatz |
|---|---|---|---|
| Make (Eigenentwicklung) | 15.000 € (Entwickler) | 10.000 € | 25.000 € (50%) |
| Buy (Lizenzkauf) | 35.000 € (Lizenz) | 5.000 € | 10.000 € (20%) |
Entscheidung: Make, da DB höher (trotz höherer Fixkosten).
!!! warning "Fehlende Fixkosten im Make-or-Buy Wichtig: Bei Make werden oft die Fixkosten (Coaching, Projektmanagement) unterschätzt. Berücksichtigen Sie alle** Kosten!
Use Case 2: Projektpriorisierung
Welche Projekte soll der Berater bevorzugen?
| Projekt | Umsatz | DB | DB-Quote | Aufwand (Tage) | DB/Tag |
|---|---|---|---|---|---|
| A: Großprojekt | 150.000 € | 60.000 € | 40% | 100 | 600 €/Tag |
| B: Mittelprojekt | 60.000 € | 30.000 € | 50% | 30 | 1.000 €/Tag |
| C: Kleinprojekt | 15.000 € | 9.000 € | 60% | 10 | 900 €/Tag |
Priorisierung: B > C > A (basierend auf DB/Tag – Effizienz!).
!!! tip "DB/Tag als Effizienz-KPI** Die DB pro Tag ist ein hervorragender KPI für die Kapazitätsplanung. Projekte mit hoher DB/Tag sollten priorisiert werden.
Use Case 3: Personalplanung
Wie viele Berater sind nötig, um die Fixkosten zu decken?
!!! example "Personalplanung** Fixkosten: 360.000 €/Jahr (30.000 €/Monat) Durchschnittliche DB-Quote: 50% Umsatz pro Berater: 180.000 €/Jahr
Benötigter Umsatz = 360.000 € / 0,50 = 720.000 €/Jahr
Benötigte Berater = 720.000 € / 180.000 € = **4 Berater**
6. Grenzen der Deckungsbeitragsrechnung
Kritische Aspekte
| Problem | Erklärung |
|---|---|
| Fix/Var-Trennung schwierig | Manche Kosten sind nicht eindeutig zuordenbar (z.B. gemischte Server-Kosten) |
| Langfristige Sicht fehlt | DB ist kurzfristig orientiert – Investitionen werden nicht abgebildet |
| Qualitätsaspekte ignoriert | Ein Projekt kann hohe DB haben, aber die Kundenbeziehung schädigen |
| Strategische Projekte | Pilotprojekte mit negativer DB können langfristig wichtig sein |
!!! warning "Nicht alles auf DB reduzieren** Die DB-Rechnung ist ein wichtiges, aber nicht das einzige Controlling-Instrument. Strategische Aspekte (Marktposition, Qualitätsentwicklung, Kundenbindung) müssen ebenfalls berücksichtigt werden.
Zusammenfassung
Die Deckungsbeitragsrechnung ist das Herzstück des Controllings in der IT-Beratung:
- Einstufig: Zeigt DB pro Projekt – wichtig für operative Entscheidungen
- Mehrstufig: Zeigt DB nach hierarchischen Fixkosten – wichtig für strategische Entscheidungen
- Anwendungen:
- Make-or-Buy-Entscheidungen
- Projektpriorisierung
- Personalplanung
- Spartenanalyse
Der Schlüssel zur erfolgreichen Anwendung: Saubere Trennung von fixen und variablen Kosten und regelmäßige Analyse (mindestens monatlich). Wer die DB-Rechnung nicht kennt, fliegt blind – und verliert Geld.
Im nächsten Kapitel lernen Sie die Break-Even-Analyse kennen – sie zeigt, ab wann Sie profitabel werden.