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Stundenverrechnungssatz

Der Stundenverrechnungssatz ist das Herzstück der IT-Beratungspreiskalkulation. Er bestimmt, ob Sie profitabel arbeiten oder Verluste erleiden. Ein falsch kalkulierter Stundensatz ist einer der Hauptgründe für Insolvenzen kleiner IT-Dienstleister.

Lernziele

  • Fundierte Berechnung von Stundenverrechnungssätzen
  • Netto-Arbeitszeit korrekt ermitteln
  • Alle Kostenarten bei der Kalkulation berücksichtigen

1. Grundprinzip der Stundensatzberechnung

Die Kernformel

\[Stundenverrechnungssatz = \frac{Jahreskosten_{gesamt}}{Netto-Arbeitsstunden_{fakturierbar}}\]

Dieser einfachen Formel liegt ein komplexes Verständnis der Kostenstruktur zugrunde. Nur wer alle Kosten und die tatsächliche fakturierbare Zeit berücksichtigt, kalkuliert realistisch.

Der Kalkulationsfehler Nr. 1

Viele kleine IT-Berater kalkulieren so: 80.000 € Jahresgehalt ÷ 2.000 Arbeitsstunden = 40 €/h. Das falsch! Der Realitätscheck: Ein professioneller Stundensatz liegt bei 120-200 €/h – die Differenz sind die vergessenen Kosten und die übersehene Nicht-Fakturier-Zeit.

2. Ermittlung der Jahresgesamtkosten

Personalkosten

Die Personalkosten machen meist 60-80% der Gesamtkosten aus.

Position Berechnung Beispiel: Senior Developer
Bruttogehalt Grundgehalt + variable Anteile 75.000 €
+ Arbeitgeber-Sozialabgaben ca. 20% auf Brutto +15.000 €
+ Sonderzahlungen Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld, Boni +7.500 € (10%)
+ Weihnachtsgeld Falls nicht im Brutto enthalten +2.500 €
+ Versicherungen BU, KV-Zusatz, PKV (Arbeitgeberanteil) +1.500 €
= Personalkosten total 101.500 €

Netto-Arbeitgeber-Brutto-Verhältnis

Auf 1 € Bruttogehalt fallen ca. 1,35 € Personalkosten zu (inkl. Sozialabgaben und Sonderzahlungen).

Arbeitsplatzkosten

Jeder Arbeitsplatz verursacht fixe Kosten unabhängig von der geleisteten Arbeit:

Kostenart Jährlich pro Person
Notebook/Ausstattung (Abschreibung) 1.500 - 2.500 €
Software-Lizenzen (IDE, Office, Tools) 1.000 - 1.500 €
Arbeitsplatz (Miete inkl. Nebenkosten) 2.000 - 4.000 €
Internet/Telefonie 300 - 600 €
Summe Arbeitsplatzkosten 4.800 - 8.600 €

Fortbildungskosten

In der IT ist kontinuierliche Fortbildung essenziell:

\[Kosten_{Fortbildung} = \frac{Schulungen_{Anzahl} × Kosten_{Schulung}}{Nutzungsdauer}\]
Art der Fortbildung Kosten/Jahr
Online-Kurse (PluralSight, Udemy) 500 - 1.000 €
Präsenz-Schulungen (2-3×/Jahr) 3.000 - 6.000 €
Zertifizierungsprüfungen 500 - 1.500 €
Konferenzen/Meetups 500 - 2.000 €
Summe 4.500 - 10.500 €

!!! tip "Fortbildung als Investition** Fortbildungskosten sind keine Ausgaben, sondern Investitionen. Ein zertifizierter AWS-Architekt kann 150-200 €/h fakturieren – ohne Zertifizierung nur 120-150 €/h.

Gemeinkostenzuschlag

Dies ist der oft vergessene Teil. Jedes Unternehmen hat Gemeinkosten, die nicht direkt dem Berater zugerechnet werden können:

Gemeinkostenart Anteil am Personalkosten
Geschäftsführung / Management 15-25%
Verwaltung (HR, Buchhaltung) 8-12%
Marketing & Akquise 5-10%
Rechtsberatung / Steuern 3-5%
Miete (Bürofläche für Verwaltung) 4-8%
IT-Infrastruktur (Server, Firewall) 3-6%
Summe 38-66% des Personalkostenbetrags

!!! example "Gemeinkostenkalkulation** Bei Personalkosten von 101.500 € und einem Gemeinkostenzuschlag von 45%: $\(Gemeinkosten = 101.500 € × 0,45 = 45.675 €\)$

Wagnis- und Gewinnzuschlag

Kalkulatorische Wagnisse und Gewinn müssen ebenfalls eingepreist werden:

Position Anteil
Kalkulatorische Wagnisse (Ausfallrisiko) 5-10%
Gewinnzuschlag (Unternehmerlohn, Eigenkapitalrendite) 10-20%
Zusatz für Rücklagen (Investitionen, Schwankungen) 5-10%
Summe 20-40% auf Selbstkosten

Kein Gewinn = keine Zukunftsfähigkeit

Wer ohne Gewinnzuschlag kalkuliert, investiert nicht in Wachstum, kann Krisen nicht überstehen und hat keine Rücklagen für teure Fortbildungen oder Maschinen.

Zusammenfassung: Jahresgesamtkosten

Position Wert (Beispiel)
Personalkosten total 101.500 €
+ Arbeitsplatzkosten 6.000 €
+ Fortbildung 6.000 €
= Kosten vor Gemeinkosten 113.500 €
+ Gemeinkostenzuschlag (45%) 51.075 €
= Selbstkosten 164.575 €
+ Wagnis- & Gewinnzuschlag (30%) 49.373 €
= Jahresgesamtkosten 213.948 €

3. Ermittlung der fakturierten Arbeitszeit

Brutto- vs. Nettotage

Der entscheidende Fehler: Mit 260 Bruttotagen rechnen. Realistisch fakturiert werden nur Nettotage.

\[Netto-Arbeitsstunden = Bruttotage - Nicht-Arbeits-Tage\]

Detaillierte Berechnung

Position Tage Anteil
Bruttotage (52 Wochen × 5 Tage) 260 100%
- Feiertage (durchschnittlich) -10 96%
= Werktage 250
- Urlaub (gesetzlich + tariflich) -25 90%
= Tage ohne Urlaub 225
- Krankheit (Ø 5-8 Tage/Jahr) -6 88%
= Anwesenheitstage 219
- Fortbildung (Ø 3-5 Tage/Jahr) -4 86%
= Arbeitstage total 215
- Interne Verteilzeit (Ø 20-25%) -43 80%
= Fakturiertage 172
× 8 Stunden/Tag = 1.376 Stunden

Verteilzeiten vergessen

Interne Verteilzeiten sind oft unterschätzt: - Team-Meetings - Administratives (Zeitbericht, Dokumentation) - Nicht-fakturierbare Akquise - Coaching / Mentoring - Wartezeiten (auf Kunden, Freigaben)

Realistisch: 20-25% der Arbeitszeit sind nicht direkt fakturierbar!

Effektiver Stundensatz

Mit den Zahlen aus dem Beispiel:

\[Stundensatz = \frac{213.948 €}{1.376 h} = 155,49 €/h\]

Ein professioneller Berater mit diesen Kosten sollte also mind. 156 €/h fakturieren – nicht 40 €/h!

4. Stufensätze nach Rollen

Rollenbasierte Stundensätze

In der Praxis werden verschiedene Rollen mit unterschiedlichen Sätzen fakturiert:

Rolle Basis-Personalkosten/Jahr Netto-Stunden Stundensatz (incl. 40% Aufschlag)
Junior Consultant 70.000 € 1.400 h 70 €/h
Berater / Senior 90.000 € 1.350 h 108 €/h
Senior Consultant / Lead 110.000 € 1.300 h 139 €/h
Principal / Manager 140.000 € 1.200 h 187 €/h
Partner 200.000 € 1.000 h 280 €/h

!!! tip "Satzdifferenzierung** Junior-Berater sind im Coaching durch Seniors „teurer“, als ihr Brutto-Stundensatz suggeriert. Deshalb darf der Junior-Satz nicht zu nah am Senior-Satz liegen – sonst werden Coaching-Aufwendungen nicht gedeckt.

Projektsatz bei gemischten Rollen

In einem Projekt kommen oft mehrere Rollen zum Einsatz:

\[Satz_{effektiv} = \frac{\sum_{i} (Stunden_i × Satz_i)}{\sum_{i} Stunden_i}\]

Projekt-Beispiel

Ein CRM-Projekt mit 500 Stunden: - 100 h Junior (80 €/h): 8.000 € - 300 h Senior (120 €/h): 36.000 € - 100 h Principal (180 €/h): 18.000 € - Total: 62.000 ÷ 500 h = 124 €/h Durchschnitt

5. Markt-Orientierung der Stundensätze

Realistische Stundensätze am Markt

Rolle Marktsatz (kleine Berater) Marktsatz (Systemintegratoren) Marktsatz (Big Four)
Junior 80-100 €/h 100-130 €/h 150-200 €/h
Berater 120-160 €/h 160-220 €/h 250-350 €/h
Senior / Lead 180-250 €/h 250-350 €/h 400-600 €/h
Principal / Partner 250-400 €/h 400-600 €/h 800-1.500 €/h

Positionierung wählen

Ein kleiner IT-Berater kann nicht die gleichen Sätze wie Accenture oder Deloitte verlangen. Aber: Wenn Ihre Kosten eine 150 €/h-Grenze erfordern, fakturieren Sie nicht 90 €/h nur „um den Kunden zu bekommen“ – das ist der Weg zur Insolvenz.

Wettbewerbsvorteile statt Preiskampf

Statt im Preiskampf zu konkurrieren, bieten Sie Mehrwert:

Wettbewerbsvorteil Beispiel
Schnelligkeit „Wir liefern in 4 Wochen statt 3 Monaten“
Expertise „Zertifizierte Spezialisten für [Technologie]“
Transparenz „Fixed-Price mit transparenter Kalkulation“
Flexibilität „Wochenend-Einsätze verfügbar“
Branchen-Know-how „10 Jahre Erfahrung im [Bereich]“

6. Sonderfall: Fixpreis statt Time & Material

Fixpreis-Projekte

Bei Fixpreis-Projekten wird ein pauschaler Preis vereinbart. Die Kalkulation muss hier pessimistischer sein:

\[Preis_{fix} = Stunden × Satz_{realistisch} × (1 + Risiko_{zuschlag})\]
Projektart Risikozuschlag empfohlen
Wohldefinierte Standardprojekte 20-30%
Neuentwicklungen 40-60%
Integration Legacy-Systeme 50-100%
Unklare Anforderungen 100-150%

Fixpreis-Verlustfalle

Viele Berater verkalkulieren Fixpreis-Projekte, weil sie zu optimistisch sind. Die Faustregel: Wenn Sie 50% Aufschlag nicht rechtfertigen können, bleiben Sie bei Time & Material.

7. Kontrolle der Kalkulation

Monats- / Quartals-Review

Prüfen Sie regelmäßig, ob Ihre Stundensätze realistisch sind:

Metrik Berechnung Zielwert
Fakturierungsquote fakturierte Stunden / Anwesenheitsstunden >75%
Stundensatz realisiert Umsatz / fakturierte Stunden ≥ kalkulierter Satz
Deckungsbeitrag Projekt Umsatz - variable Kosten >30% auf Umsatz

!!! tip "Satz anpassen** Wenn Sie über 3 Quartale feststellen, dass Ihr realisierter Stundensatz >15% unter dem kalkulierten liegt, müssen Sie entweder: - Die Preise erhöhen - Die Prozesse effizienter machen - Die Akquise-Qualität verbessern (bessere Projekte)

Zusammenfassung

Ein realistischer Stundenverrechnungssatz berücksichtigt:

  1. Alle Personalkosten (Brutto + Sozialabgaben + Sonderzahlungen)
  2. Arbeitsplatz- & Infrastrukturkosten
  3. Fortbildung (Investition, nicht Ausgabe)
  4. Gemeinkostenzuschlag (30-50% auf Personalkosten)
  5. Wagnis- und Gewinnzuschlag (20-40% auf Selbstkosten)
  6. Tatsächliche fakturierbare Zeit (ca. 1.400 h/Jahr, nicht 2.080 h!)

Der Schlüssel zum Erfolg: Nie unter den kalkulierten Preis gehen – auch nicht im Verdrängungswettbewerb. Ein professioneller Berater mit realistischer Kalkulation überlebt langfristig, ein Billiganbieter mit unrealistischen Preisen nicht.

Im nächsten Kapitel lernen Sie die Deckungsbeitragsrechnung kennen – ein wichtiges Controlling-Instrument zur Profitabilitätsanalyse.