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Kalkulationsverfahren

Die Wahl des richtigen Kalkulationsverfahrens ist entscheidend für die Preisgestaltung in der IT-Beratung. Verschiedene Arten von Leistungen erfordern unterschiedliche Herangehensweisen – von der Zuschlagskalkulation für Produkte bis zur Dienstleistungskalkulation für Beratungsleistungen.

Lernziele

  • Drei Haupt-Kalkulationsverfahren anwenden
  • Gemeinkosten richtig zuordnen
  • Geeignete Verfahren für verschiedene IT-Leistungen auswählen

1. Grundlagen der Kalkulation

Kostenarten

Bevor Kalkulationsverfahren angewendet werden können, müssen Kostenarten unterschieden werden:

\[Kosten_{total} = Kosten_{einzel} + Kosten_{gemein}\]
Kostenart Definition Beispiele
Einzelkosten Direkt einem Kostenträger zuordenbar Lizenzen, Projekt-Reisekosten, externe Consultant-Honorare
Gemeinkosten Nicht direkt zuordenbar, müssen verteilt werden Miete, Verwaltung, Marketing, IT-Infrastruktur

Gemeinkosten-Verschwendung

Der häufigste Kalkulationsfehler in der IT: Vergessen der Gemeinkosten! Ein Berater mit 80.000 € Bruttogehalt verursacht inkl. Sozialabgaben, Arbeitsplatz und Gemeinkostenzuschlägen oft 120.000-140.000 € Gesamtkosten pro Jahr.

Verrechnungsprinzipien

Bei der Kalkulation werden Kosten über verschiedene Prinzipien verteilt:

Prinzip Anwendung Beispiel
Umlage (Ist) Gemeinkosten nach tatsächlichem Anfall Stromkosten verteilen nach kWh-Verbrauch
Schlüsselung (Plan) Gemeinkosten nach Planwerten Miete verteilen nach Mitarbeiterzahl
Zuschlagskalkulation Prozentuale Aufschläge auf Einzelkosten 30% Gemeinkostenzuschlag auf Fertigungslöhne

2. Zuschlagskalkulation

Die Zuschlagskalkulation ist das klassische Verfahren für die Kostenermittlung von Produkten und Projekten.

Grundschema

\[Herstellkosten = Materialkosten + Fertigungskosten + Sondereinzelkosten$$ $$Selbstkosten = Herstellkosten + Verwaltungsgemeinkosten + Vertriebsgemeinkosten\]

Detailliertes Schema

Stufe Kostenart Beispiel: Software-Entwicklung
1. Materialkosten Server-Hardware, Lizenzen, Cloud-Ressourcen
2. + Fertigungslöhne Gehälter Entwickler × Projektstunden
3. + Materialgemeinkosten Lagerung, Beschaffung (ca. 5-10% Zuschlag)
4. + Fertigungsgemeinkosten Leitungsaufwand, Team-Overhead (ca. 30-50%)
5. = Herstellkosten Basis für Preiskalkulation
6. + Verwaltungsgemeinkosten Buchhaltung, HR, Management (ca. 15-25%)
7. + Vertriebsgemeinkosten Marketing, Akquise, Sales (ca. 10-20%)
8. = Selbstkosten Kosten, die gedeckt sein müssen

Praxisbeispiel: Software-Projekt

Ein Software-Projekt verursacht: - Material (Lizenzen, Server): 5.000 € - Fertigungslöhne (3 Entwickler × 150h × 100 €/h): 45.000 € - Materialgemeinkosten (8%): 400 € - Fertigungsgemeinkosten (40%): 18.000 € - Herstellkosten: 68.400 € - Verwaltungsgemeinkosten (20%): 13.680 € - Vertriebsgemeinkosten (15%): 10.260 € - Selbstkosten: 92.340 €

Mit 20% Gewinnzuschlag: $\(Netto-Verkaufspreis = 92.340 € × 1,20 = 110.808 €\)$

Vor- und Nachteile

Vorteile Nachteile
Transparente Kostenstruktur Hoher Aufwand bei vielen Produkten
Gemeinkosten werden berücksichtigt Veraltet bei ständigen Änderungen
Standardisiertes Verfahren Ignoriert Marktpreise

3. Handelskalkulation

Die Handelskalkulation ist besonders relevant für IT-Berater, die Hardware oder Lizenzen verkaufen (Reselling).

Grundschema (Handelskalkulation)

\[Verkaufspreis = Einkaufspreis + Handelskosten + Gewinn + Skonto + Rabatt\]

Detaillierter Aufbau

\[Netto-Einkaufspreis \rightarrow Bezugspreiseinheiten \rightarrow\]
Stufe Berechnung Beispiel: Server-Hardware
1. Listeneinkaufspreis 10.000 €
2. - Liefererrabatt -1.500 € (15%)
3. - Skonto -340 € (4% von 8.500 €)
4. + Bezugskosten +200 € (Fracht, Zoll)
5. = Einstandspreis 8.360 €
6. + Handlungskosten +1.672 € (20%)
7. + Handlungsgewinn +1.002 € (12%)
8. = Barverkaufspreis 11.034 €
9. + Kundenskonto +462 € (4% von 11.552 €)
10. + Kundenrabatt +1.155 € (10%)
11. = Listenverkaufspreis 12.651 €

Reselling-Marge verstehen

Die typische Marge im Hardware-Reselling liegt zwischen 10-20%. Im Software-Lizenzhandel sind 20-40% üblich. Ein Teil der Marge muss für Gewährleistung und Service zurückgelegt werden.

Vor- und Nachteile

Vorteile Nachteile
Einfach und übersichtlich Ignoriert Gemeinkosten der IT-Beratung
Marktübliche Kalkulation Wenig flexibel bei Preisveränderungen
Transparente Margen Nur für handelbare Güter geeignet

4. Dienstleistungskalkulation

Die Dienstleistungskalkulation ist das Standardverfahren für IT-Beratungsleistungen. Sie basiert auf Stundenverrechnungssätzen, die alle Kosten enthalten.

Grundansatz

\[Stundenverrechnungssatz = \frac{Jahreskosten_{gesamt}}{Netto-Arbeitsstunden_{jahr}}\]

Berechnungs-Schema

  1. Jahresgesamtkosten ermitteln:
Kostenart Berechnung Beispiel: Senior Consultant
Bruttogehalt Jahresbruttogehalt 80.000 €
+ Sozialabgaben ~20% (Arbeitgeberanteil) +16.000 €
+ Sonderzahlungen Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld +8.000 €
+ Arbeitsplatzkosten Notebook, Software, Platz +4.000 €
+ Fortbildung Schulungen, Zertifizierungen +2.000 €
+ Gemeinkostenzuschlag Verwaltung, Marketing, Miete +20.000 € (25% auf Personalkosten)
+ Wagniszuschlag Ausfallrisiko, Gewinnerwartung +10.000 €
= Jahresgesamtkosten 140.000 €
  1. Netto-Arbeitszeit berechnen:
\[Netto-Arbeitsstunden = Bruttotage - Feiertage - Urlaub - Krankheit - Fortbildung - Verteilzeiten\]
Position Tage
Bruttotage 260
- Feiertage -10
- Urlaub -25
- Krankheit (Ø) -5
- Fortbildung -5
- Interne Verteilzeiten (Ø 20%) -43
= Nettotage 172
× 8 Stunden = 1.376 Stunden
  1. Stundenverrechnungssatz berechnen:
\[Satz = \frac{140.000 €}{1.376 h} = 101,74 €/h \approx 102 €/h\]

Vergessene Verteilzeiten

Der häufigste Fehler: Mit 260 Tagen rechnen (ca. 2080 h). Faktisch fakturierbar sind nur ca. 1.400-1.500 h (67-72%). Wer dies ignoriert, kalkuliert 30% zu niedrig!

Stufensätze

In der Praxis werden oft Stufensätze nach Rollen verwendet:

Rolle Stundenverrechnungssatz Begründung
Junior Consultant 80-100 €/h Niedrigere Personalkosten, Coaching-Aufwand
Berater / Senior 120-160 €/h Erfahrung, Verantwortung
Principal / Manager 180-250 €/h Strategische Expertise, Leitung
Partner 300-500 €/h Höchste Verantwortung, Mandantenbindung

Mischkalkulation

In Projekten kommen oft mehrere Rollen zum Einsatz. Der effektive Projektsatz ergibt sich aus der gewichteten Mischung. $\(Satz_{projekt} = \frac{\sum_{i} (Stunden_i × Satz_i)}{\sum_{i} Stunden_i}\)$

5. Verfahrensauswahl in der Praxis

Entscheidungsmatrix

Situation Empfohlenes Verfahren Begründung
Produktentwicklung (Software, App) Zuschlagskalkulation Gemeinkostenanteil hoch
Hardware-Verkauf Handelskalkulation Marktüblich, transparent
Beratungsleistung Dienstleistungskalkulation Zeitbezogen, personalkostenintensiv
Mischprojekt (Software + Beratung) Kombination Getrennte Kalkulation pro Teil
Fixpreis-Auftrag Zuschlags- + Risiko-Zuschlag Pauschale Preisfindung nötig

Kombinierte Kalkulation (Mischprojekt)

Viele IT-Projekte umfassen mehrere Komponenten:

\[Gesamtpreis = Preis_{Software} + Preis_{Hardware} + Preis_{Beratung} + Preis_{Schulung}\]

!!! example "Komplexes Projekt Ein CRM-Projekt umfasst: - Software-Lizenz: 5.000 € (Handelskalkulation) - Server-Hardware: 15.000 € (Handelskalkulation) - Implementierung (500h × 140 €/h): 70.000 € (Dienstleistungskalkulation) - Schulung (3 Tage × 1.500 €): 4.500 € (Dienstleistungskalkulation) - Wartung (20% p.a.): 18.900 € laufend - Gesamtpreis: 113.400 €** einmalig + 18.900 €/Jahr

6. Sonderformen der Kalkulation

Prozesskostenrechnung (Activity Based Costing)

Die Prozesskostenrechnung wird eingesetzt, wenn Gemeinkostenanteile sehr hoch sind (typisch für IT-Abteilungen):

\[Prozesskosten = Kostentreiber_{anzahl} × Prozesskostensatz_{einheit}\]
Kostentreiber Beispiele
Support-Tickets Helpdesk, User-Support
Server-Instanzen Cloud-Kosten, Lizenzierung
API-Calls Integrationsdienste
Datenbank-Abfragen Reporting, Analytics

Make-or-Buy-Entscheidung

Die Prozesskostenrechnung zeigt, ob interne IT-Services wettbewerbsfähig sind. Wenn interne Kosten > Marktpreis, wird Externalisierung („Buy“) attraktiv.

Target Costing (Rückwärtskalkulation)

Bei marktorientierter Preisgestaltung wird vom Ziel-Preis ausgehend kalkuliert:

\[Zielkosten = Marktpreis - Zielmarge\]

Das ist sinnvoll, wenn: - Der Preis marktbestimmt ist (z.B. Standardsoftware) - Sie Preiskämpfer sein wollen - Die Kosten nicht direkt steuerbar sind

Zusammenfassung

Die Kalkulation ist das Fundament der Angebotserstellung:

  1. Zuschlagskalkulation: Für Produkte und komplexe Projekte
  2. Handelskalkulation: Für Hardware- und Lizenzverkauf
  3. Dienstleistungskalkulation: Für Beratungsleistungen auf Stundensatzbasis

Der Schlüssel zum Erfolg: Gemeinkosten nie vergessen! Ein realistischer Stundenverrechnungssatz muss alle Kostenanteile enthalten – nicht nur das Bruttogehalt.

Im nächsten Kapitel lernen Sie, wie Sie Stundenverrechnungssätze professionell berechnen.