Kapitel 5: Variantenvergleich (Make vs Buy)
Lernziele
Nach diesem Kapitel können Sie: * Die Entscheidung zwischen Make (Eigenentwicklung) und Buy (Standardsoftware) systematisch treffen * Variantenvergleichsmethoden anwenden und bewerten * Entscheidungsmatrizen für IT-Projekte erstellen * Risiken bei Make- und Buy-Optionen identifizieren und bewerten
1. Grundlagen der Make-vs-Buy-Entscheidung
Die Make-vs-Buy-Entscheidung ist eine der zentralen strategischen Fragen in der IT. Sie betrifft nicht nur die Softwarebeschaffung, sondern auch Infrastruktur, Services und Personal. Eine fundierte Entscheidung spart Kosten, beschleunigt Time-to-Market und reduziert Risiken.
Kernfragestellung
| Aspekt | Make (Eigenentwicklung) | Buy (Standardsoftware) |
|---|---|---|
| Anpassung | Exakt auf Anforderungen zugeschnitten | Kompromisse bei Spezialisierung |
| Kosten | Hohe Initialkosten, niedrige laufende Kosten | Geringere Initialkosten, höhere laufende Kosten |
| Zeit | Längere Entwicklungszeit | Schnelle Verfügbarkeit |
| Risiko | Technisches Risiko beim Entwickeln | Abhängigkeit vom Anbieter |
| Know-how | Aufbau internen Wissens | Nutzung externer Expertise |
2. Entscheidungsmatrix
Eine strukturierte Entscheidungsmatrix hilft, objektiv zwischen Varianten zu wählen. Bewerten Sie jede Option anhand gewichteter Kriterien.
Beispiel: CRM-System-Entscheidung
graph LR
A[Anforderungsanalyse] --> B[Kriterien definieren]
B --> C[Gewichtung vergeben]
C --> D[Varianten bewerten]
D --> E[Score berechnen]
E --> F[Entscheidung treffen]
style A fill:#e3f2fd
style B fill:#e3f2fd
style C fill:#bbdefb
style D fill:#bbdefb
style E fill:#90caf9
style F fill:#64b5f6
Kriterienkatalog
- Funktionale Anforderungen (30%)
- Anpassbarkeit an Geschäftsprozesse
- Integration in bestehende Systeme
-
Zukunftssicherheit und Skalierbarkeit
-
Wirtschaftliche Faktoren (25%)
- Total Cost of Ownership (TCO)
- ROI und Amortisationsdauer
-
Lizenz- vs. Entwicklungskosten
-
Technische Aspekte (20%)
- Architektur und Technologiestack
- Sicherheitsstandards
-
Performance und Verfügbarkeit
-
Organisatorische Faktoren (15%)
- Schulungsaufwand
- Change-Management
-
Internes Know-how-Aufbau
-
Risiken (10%)
- Abhängigkeiten und Vendor Lock-in
- Compliance-Risiken
- Projekt- und Umsetzungsrisiken
Scoring-Matrix (Beispiel)
| Kriterium | Gewichtung | Eigenentwicklung | Standardlösung A | Standardlösung B |
|---|---|---|---|---|
| Funktionalität | 30% | 9 (270) | 7 (210) | 8 (240) |
| TCO (5 Jahre) | 25% | 6 (150) | 7 (175) | 8 (200) |
| Technologie | 20% | 8 (160) | 6 (120) | 7 (140) |
| Organisation | 15% | 5 (75) | 8 (120) | 9 (135) |
| Risiko | 10% | 5 (50) | 7 (70) | 8 (80) |
| Gesamtscore | 100% | 705 | 695 | 795 |
Bewertungsskala
- 9-10: Exzellent, erfüllt Anforderung vollständig
- 7-8: Gut, kleine Abstriche akzeptabel
- 5-6: Mittel, Kompromisse notwendig
- 3-4: Ungenügend, erhebliche Mängel
- 1-2: Unzureichend, erfüllt Anforderungen nicht
3. Make-Option: Eigenentwicklung
Eigenentwicklung ist sinnvoll, wenn: - Einzigartige Wettbewerbsvorteile durch Software geschaffen werden sollen - Hohe Anpassungsanforderungen bestehen - Internes Know-how aufgebaut werden soll - Langfristige Unabhängigkeit gewünscht ist
Chancen
- Exakte Anpassung: Software spiegelt Geschäftsprozesse perfekt wider
- Wettbewerbsvorteil: Exklusive Funktionen differenzieren vom Markt
- Wissensaufbau: Internes Verständnis für Prozesse und Technik
- Flexibilität: Schnelle Anpassung an Änderungen möglich
- Kein Vendor Lock-in: Unabhängigkeit von externen Anbietern
Risiken
Hauptrisiken bei Eigenentwicklung
- Budgetüberschreitungen: Komplexe Projekte sind schwer kalkulierbar
- Zeitverzögerungen: Fehlende Ressourcen oder technische Probleme
- Qualitätsmängel: Insufficient Testing und fehlendes Fachwissen
- Personalmangel: Schwierigkeiten bei der Rekrutierung qualifizierter Entwickler
- Wartungsaufwand: Laufende Kosten für Maintenance und Updates
Praxisbeispiel: Custom Analytics-Plattform
Ein mittelständisches E-Commerce-Unternehmen entschied sich für die Eigenentwicklung einer Analytics-Plattform. Die Standardlösungen boten keine ausreichende Integration in das komplexe Produktkategorisierungssystem.
Ergebnis nach 18 Monaten: - Kostenaufwand: 350.000 € vs. 80.000 € für Standardlösung - Entwicklungsdauer: 6 Monate länger als geplant - Nutzen: 15% Umsatzsteigerung durch verbessertes Cross-Selling - ROI: Amortisation nach 2,5 Jahren - Know-how: Aufbau eines 4-köpfigen Data-Science-Teams
4. Buy-Option: Standardsoftware
Standardlösungen sind sinnvoll, wenn: - Standardisierte Prozesse abgebildet werden können - Schnelle Verfügbarkeit gefordert ist - Budgetbeschränkungen bestehen - Fokus auf Kerngeschäft, nicht auf IT
Chancen
- Schnelle Implementierung: Go-Live oft innerhalb weniger Wochen
- Geringere Kosten: Keine Entwicklungskosten, kalkulierbare Lizenzgebühren
- Erfahrungswerte: Viele Referenzen und Best Practices
- Kontinuierliche Updates: Vendor kümmert sich um Weiterentwicklung
- Support: Professioneller technischer Support
Risiken
Hauptrisiken bei Standardsoftware
- Fehlende Anpassung: Kompromisse bei Geschäftsprozessen
- Vendor Lock-in: Abhängigkeit vom Anbieter
- Hidden Costs: Zusatzkosten für Anpassungen, Integrationen und Training
- Unflexibel: Änderungsanforderungen nicht sofort umsetzbar
- Datenhoheit: Abhängigkeit von Cloud-Anbieter und Datenschutzregelungen
Praxisbeispiel: SAP S/4HANA Implementierung
ein Konzern im Maschinenbau entschied sich für die Standard-ERP-Lösung SAP S/4HANA anstelle der Eigenentwicklung.
Vorgehen: - Prozesse wurden an SAP-Standard angepasst, nicht umgekehrt - Branchenlösung für Maschinenbau gewählt - Integrationspartner mit Branchenkenntnis beauftragt
Ergebnisse: - Implementierungsdauer: 14 Monate - Gesamtkosten: 2,8 Mio. € (Lizenzen + Implementierung + Training) - Einsparungen: 30% reduzierte Prozesskosten - Compliance: Automatische Einhaltung branchenspezifischer Vorschriften
5. Hybride Ansätze
Oft ist die beste Lösung eine Kombination aus Make und Buy.
Architekturtypen
graph TB
subgraph "Frontend"
A[Standard CRM]
B[Custom Dashboard]
end
subgraph "Backend"
C[Standard ERP]
D[Custom Middleware]
E[Proprietärer Algorithmus]
end
subgraph "Infrastruktur"
F[Cloud Provider]
G[On-Premise Legacy]
end
A --> D
B --> D
D --> C
D --> E
C --> F
E --> G
style A fill:#c8e6c9
style C fill:#c8e6c9
style F fill:#c8e6c9
style B fill:#fff9c4
style D fill:#fff9c4
style E fill:#ffe0b2
style G fill:#ffe0b2
Szenarien für hybride Ansätze
- Standard-Kern, Custom-Erweiterungen
- Standard-ERP mit individueller Rechenlogik
-
CRM mit custom-Integration zu Fachapplikationen
-
Best-of-Breed-Integration
- Verschiedene spezialisierte Tools integriert via Middleware
-
Zentrales Datenmodell verbindet alle Systeme
-
Phasenweise Migration
- Start mit Standardlösung
- Schrittweise Entwicklung custom-Module für Differenzierung
Empfehlung für hybride Ansätze
Definieren Sie klare Schnittstellen zwischen Standard- und Custom-Komponenten. Verwenden Sie standardisierte APIs und Microservices-Architektur, um Flexibilität zu gewährleisten und Vendor Lock-in zu minimieren.
6. Entscheidungsprozess
Der Entscheidungsprozess sollte strukturiert und dokumentiert erfolgen.
Prozessschritte
- Anforderungsanalyse
- Detaillierte Definition funktionaler und nicht-funktionaler Anforderungen
-
Identifikation von Must-Have- und Nice-to-Have-Kriterien
-
Marktanalyse (für Buy)
- Recherche relevanter Lösungen und Anbieter
-
Einholung von Referenzen und Case Studies
-
Machbarkeitsstudie (für Make)
- Technische Machbarkeit prüfen
-
Ressourcenabschätzung (Personal, Budget, Zeit)
-
Variantenbewertung
- Erstellung der Entscheidungsmatrix
-
Stakeholder-Workshops zur Validierung
-
Proof of Concept
- Testen vielversprechender Varianten
-
Realistische Bewertung而非 nur Theorie
-
Entscheidung
- Dokumentation der Entscheidung inkl. Begründung
- Genehmigung durch Management und Stakeholder
Praxisbeispiel: Entscheidungsprozess für Projektmanagement-Tool
Ein IT-Service-Unternehmen mit 200 Mitarbeitern stand vor der Entscheidung: Custom-Tool oder Standardlösung für Projektmanagement.
Prozess: 1. Anforderungsanalyse: 75 Must-Haves, 40 Nice-to-Haves identifiziert 2. Marktanalyse: Jira, Asana, Monday.com, Microsoft Project evaluiert 3. Machbarkeit: Eigenentwicklung ca. 6 Monate, 3 Entwickler 4. Variantenbewertung: Jira gewinnt mit 78% vs. Custom 65% 5. PoC: 4-wöchige Testphase mit 20 Pilotnutzern 6. Entscheidung: Jira mit Custom-Plugins für spezifische Workflows
Resultat: - Go-Live nach 3 Monaten (inkl. Migration) - Gesamtkosten: 60.000 € (Lizenzen 1. Jahr) + 40.000 € (Plugins) - Zufriedenheit: 85% der Nutzer zufrieden - ROI: Amortisation nach 14 Monaten
Zusammenfassung
Die Make-vs-Buy-Entscheidung ist komplex und erfordert eine systematische Herangehensweise. Eine strukturierte Bewertungsmatrix mit gewichteten Kriterien ist unverzichtbar.
Kernpunkte: - Strukturierter Prozess: Analyse → Bewertung → PoC → Entscheidung - Objektive Kriterien: Wirtschaftlichkeit, Funktionalität, Risiko, Organisation - Hybride Lösungen: Oft die beste Balance zwischen Flexibilität und Effizienz - Dokumentation: Entscheidungen müssen nachvollziehbar sein - Stakeholder-Einbindung: Alle betroffenen Parteien müssen involviert sein
Es gibt keine pauschale Antwort – die Entscheidung muss für jeden Einzelfall basierend auf Anforderungen, Ressourcen und strategischen Zielen getroffen werden.