3. Kriterienfilter und Muss-Kriterien
Lernziele
Nach diesem Kapitel können Sie: * Muss-Kriterien von Kann-Kriterien unterscheiden * Kriterienfilter methodisch anwenden * Die Kombination von Kriterienfilter und Nutzwertanalyse verstehen * Ressourceneffiziente Entscheidungsvorbereitung durchführen
3.1 Grundlagen des Kriterienfilters
Der Kriterienfilter ist ein Vorselektionsinstrument, das Lösungsalternativen basierend auf zwingenden Anforderungen ausschließt. Er ist die "Türsteher"-Methode vor der eigentlichen Nutzwertanalyse.
Definition: Muss-Kriterien vs. Kann-Kriterien
| Typ | Definition | Konsequenz bei Nichterfüllung | Beispiel |
|---|---|---|---|
| Muss-Kriterium | Zwingend zu erfüllende Anforderung | Sofortiger Ausschluss der Alternative | DSGVO-Konformität, Budgetobergrenze |
| Kann-Kriterium | Wünschenswerte Eigenschaft | Abzug in der NWA, aber kein Ausschluss | Benutzerfreundlichkeit, zusätzliche Features |
| Wunsch-Kriterium | Nice-to-have | Geringe Gewichtung in NWA | Erweiterte Reporting-Funktionen |
Die 70/30-Regel
Erfahrungsgemäß entfallen etwa 70% der Anforderungen auf Kann-Kriterien, aber nur 30% auf Muss-Kriterien. Dennoch sind die 30% entscheidend: Nichterfüllung eines Muss-Kriteriums ist ein Show-Stopper, auch wenn alle Kann-Kriterien perfekt erfüllt werden.
3.2 Funktionsweise des Kriterienfilters
Prozessablauf
graph TD
A[Anforderungserhebung] --> B[Klassifizierung<br/>Muss vs. Kann]
B --> C[Muss-Kriterium-Prüfung]
C --> D{Alle Muss<br/>erfüllt?}
D -->|Nein| E[Ausschluss]
D -->|Ja| F[Kann-Kriterium-Prüfung<br/>(NWA)]
E --> G[Zeitersparnis für NWA]
F --> G
G --> H[Effiziente Entscheidung]
style A fill:#e3f2fd,stroke:#2196f3
style B fill:#bbdefb,stroke:#2196f3
style C fill:#90caf9,stroke:#2196f3
style D fill:#64b5f6,stroke:#2196f3
style E fill:#f44336,stroke:#d32f2f
style F fill:#42a5f5,stroke:#2196f3
style G fill:#2196f3,stroke:#2196f3,color:#fff
style H fill:#1565c0,stroke:#2196f3,color:#fff
Vorgehensweise im Detail
- Anforderungserhebung: Alle Anforderungen werden gesammelt
- Klassifizierung: Jede Anforderung wird als Muss oder Kann klassifiziert
- Muss-Kriterium-Prüfung: Jede Alternative wird auf Muss-Kriterien geprüft
- Entscheidung: Alternativen ohne Muss-Erfüllung werden sofort ausgeschlossen
- NWA-Vorbereitung: Die verbleibenden Alternativen werden in der NWA detailliert bewertet
Beispiel: Auswahl eines Projektmanagement-Tools
Ein Unternehmen prüft 5 Projektmanagement-Tools. Es werden 20 Anforderungen definiert, davon 6 Muss-Kriterien (z.B. API-Schnittstelle, SSO-Unterstützung, <50€/Benutzer/Monat, GDPR-konform, <5 Tage Implementierung, On-Premises-Option).
Ergebnis des Kriterienfilters: - Tool A: Erfüllt 5/6 Muss-Kriterien (API fehlt) → Ausschluss - Tool B: Erfüllt 6/6 Muss-Kriterien → weiter zur NWA - Tool C: Erfüllt 4/6 Muss-Kriterien (On-Premises fehlt, Budget überschritten) → Ausschluss - Tool D: Erfüllt 5/6 Muss-Kriterien (SSO fehlt) → Ausschluss - Tool E: Erfüllt 6/6 Muss-Kriterien → weiter zur NWA
Zeitersparnis: Statt 5 Alternativen in der NWA zu bewerten, müssen nur noch 2 bewertet werden = 60% Zeitersparnis.
3.3 Muss-Kriterien: Definition und Anwendung
Typische Muss-Kategorien
| Kategorie | Beispiele |
|---|---|
| Technisch | API-Schnittstelle, Systemvoraussetzungen, Skalierbarkeit |
| Rechtlich/Compliance | DSGVO-Konformität, ISO-Zertifizierung, Branchenstandards |
| Finanziell | Budgetobergrenze, TCO-Limit, Finanzierungsmodell |
| Organisatorisch | Integration in bestehende Prozesse, Schulungsaufwand |
| Zeitlich | Implementierungsdauer, Verfügbarkeit, Go-Live-Termin |
| Strategisch | Vendor-Lock-in-Risiko, Zukunftssicherheit, Exit-Strategie |
Formulierung von Muss-Kriterien
❌ Schlecht (vage): "Die Software muss benutzerfreundlich sein."
✅ Gut (konkret): "Die Software muss eine Lernzeit für neue Benutzer von < 4 Stunden gewährleisten (gemessen durch Test mit 10 Probanden)."
❌ Schlecht (subjektiv): "Die Kosten müssen angemessen sein."
✅ Gut (messbar): "Die Gesamtkosten (Lizenz + Implementierung) dürfen 50.000€ nicht überschreiten."
Operativerisierungs-Tipps
| Abstraktes Kriterium | Operationalisierung (konkretes Muss-Kriterium) |
|---|---|
| "Hohe Verfügbarkeit" | "Mindestens 99,9% Uptime garantiert (max. 8h Ausfall/Jahr)" |
| "Schnelle Reaktion" | "Antwortzeit < 2 Sekunden bei 1.000 gleichzeitigen Benutzern" |
| "Gute Dokumentation" | "Vollständige Dokumentation in Deutsch und Englisch vorhanden" |
| "Einfache Integration" | "SOAP- und REST-API-Schnittstellen vorhanden" |
Die Muss-Kriterien-Falle
Ein häufiger Fehler ist die "Muss-Kriterien-Inflation" - zu viele Anforderungen werden als Muss klassifiziert. Das Problem: Je mehr Muss-Kriterien, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass keine einzige Alternative alle erfüllt. Regel: Maximal 5-8 Muss-Kriterien, alles andere sind Kann-Kriterien.
3.4 Der Kriterienfilter in der Praxis
Entscheidungsfluss
flowchart LR
Start([Start: 10 Alternativen]) --> Filter{Kriterienfilter<br/>Muss-Kriterien}
Filter -- Alternative 1: 6/7 Muss erfüllt --> Ausschluss1([❌ Ausgeschlossen])
Filter -- Alternative 2: 7/7 Muss erfüllt --> Weiter1([✓ Weiter zur NWA])
Filter -- Alternative 3: 5/7 Muss erfüllt --> Ausschluss2([❌ Ausgeschlossen])
Filter -- Alternative 4: 7/7 Muss erfüllt --> Weiter2([✓ Weiter zur NWA])
Filter -- Alternative 5: 4/7 Muss erfüllt --> Ausschluss3([❌ Ausgeschlossen])
Weiter1 --> NWA[Nutzwertanalyse]
Weiter2 --> NWA
NWA --> Bewertung[Bewertung der verbleibenden Alternativen]
style Start fill:#e3f2fd,stroke:#2196f3
style Filter fill:#90caf9,stroke:#2196f3
style Ausschluss1 fill:#ffcdd2,stroke:#f44336
style Ausschluss2 fill:#ffcdd2,stroke:#f44336
style Ausschluss3 fill:#ffcdd2,stroke:#f44336
style Weiter1 fill:#c8e6c9,stroke:#4caf50
style Weiter2 fill:#c8e6c9,stroke:#4caf50
style NWA fill:#42a5f5,stroke:#2196f3,color:#fff
style Bewertung fill:#1565c0,stroke:#2196f3,color:#fff
Beispiel: Auswahl eines Cloud-Anbieters
Ausgangslage: 8 Anbieter werden evaluiert.
Muss-Kriterien (definiert durch CISO, CTO, CFO): 1. ISO 27001 Zertifizierung 2. Hosting in Europa (DSGVO) 3. Mindestens 99,9% Uptime garantiert 4. Monatliche Lizenzgebühren < 5.000€ 5. Full-Backup-Option inkludiert 6. 24/7 Support in Deutsch verfügbar
Ergebnis des Kriterienfilters:
| Anbieter | ISO 27001 | Hosting EU | Uptime | Preis | Backup | Support | Ergebnis |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| AWS | ✓ | ✓ | ✓ | ✗ (7.000€) | ✓ | ✗ (Englisch) | 4/6 → Ausgeschlossen |
| Azure | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | 6/6 → Weiter |
| Google Cloud | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✗ (Englisch) | 5/6 → Ausgeschlossen |
| Deutsche Telekom | ✓ | ✓ | ✗ (99,5%) | ✓ | ✓ | ✓ | 5/6 → Ausgeschlossen |
| SAP Cloud | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | 6/6 → Weiter |
| 1&1 Ionos | ✗ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | 5/6 → Ausgeschlossen |
| Hetzner | ✗ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | 5/6 → Ausgeschlossen |
| OVH | ✗ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | 5/6 → Ausgeschlossen |
Ergebnis: Nur 2 von 8 Anbietern (Azure, SAP Cloud) gehen in die Nutzwertanalyse ein. 6 werden bereits im Kriterienfilter ausgeschlossen.
Zeitersparnis: 75% weniger Alternativen in der NWA.
Dokumentation der Ausschlussgründe
Dokumentieren Sie für jede ausgeschlossene Alternative genau, welches Muss-Kriterium nicht erfüllt wurde. Dies ist wichtig für die Nachvollziehbarkeit und für den Fall, dass später Stakeholder nachfragen, warum bestimmte Anbieter nicht berücksichtigt wurden.
3.5 Kombination: Kriterienfilter + Nutzwertanalyse
Warum diese Kombination?
| Aspekt | Nur Kriterienfilter | Nur NWA | Kombination |
|---|---|---|---|
| Effizienz | Sehr hoch (schneller Filter) | Niedrig (aufwendig) | Optimal (Filter + Detailanalyse) |
| Detailtiefe | Gering (nur Muss-Kriterien) | Hoch (alle Kriterien) | Ausgewogen (Muss + Kann) |
| Transparenz | Einfach (Ja/Nein) | Komplex (Wichtungen) | Klar (Filter + NWA-Ergebnis) |
| Ressourcenbedarf | Gering | Hoch | Mittel |
| Eignung | Vorselektion | Entscheidung | Prozesskette |
Empfohlener Prozess
- Phase 1: Kriterienfilter (1-2 Tage)
- Muss-Kriterien definieren und konsentieren
- Alle Alternativen auf Muss-Kriterien prüfen
- Ausschluss nicht passender Alternativen
-
Dokumentation der Ergebnisse
-
Phase 2: Nutzwertanalyse (3-5 Tage)
- Kann-Kriterien definieren und gewichten
- Verbleibende Alternativen detailliert bewerten
- Gesamtnutzwert berechnen
-
Sensitivitätsanalyse durchführen
-
Phase 3: Management Summary (1 Tag)
- Zusammenfassung des Entscheidungsprozesses
- Empfehlung und Begründung
- Handlungsempfehlung
Fallstudie: Einführung eines Collaboration-Tools
Ein Unternehmen mit 500 Mitarbeitern möchte ein Collaboration-Tool einführen.
Phase 1: Kriterienfilter - 10 Tools werden evaluiert - Muss-Kriterien: DSGVO-konform, <8€/Benutzer/Monat, deutsche Servers, API verfügbar - Ergebnis: 3 Tools erfüllen alle Muss-Kriterien (Teams, Mattermost, Rocket.Chat)
Phase 2: NWA - 12 Kann-Kriterien werden definiert (Benutzerfreundlichkeit, Integration, Mobile-App, etc.) - Gewichtung durch Workshop mit Vertretern von IT, HR, Sales, Marketing - Bewertung der 3 verbleibenden Tools
Ergebnis: Teams gewinnt NWA mit 8,2 Punkten (Mattermost: 7,5, Rocket.Chat: 7,1)
Management Summary: Teams wird empfohlen. Kriterienfilter hat 7 von 10 Tools ausgeschlossen, was ca. 70% der Analysezeit gespart hat.
3.6 Fehler bei der Anwendung des Kriterienfilters
Häufige Fehler
| Fehler | Auswirkung | Lösung |
|---|---|---|
| Muss-Kriterien-Inflation | Zu viele Ausschlüsse, keine Alternative überlebt | Muss-Kriterien auf Maximum 5-8 begrenzen |
| Unklare Definition | Subjektive Auslegung führt zu Diskussionen | Jedes Muss-Kriterium operationalisieren und messbar machen |
| Fehlende Konsentierung | Stakeholder akzeptieren Ausschluss nicht | Muss-Kriterien vorab mit Entscheidern abstimmen |
| Kriterien-Drift | Nachträglich neue Muss-Kriterien aufnehmen | Muss-Kriterien fixieren, Änderungen nur im Konsens |
| Fehlende Dokumentation | Ausschlussgründe sind nicht nachvollziehbar | Jeden Ausschluss dokumentieren |
Best-Practice-Checkliste
- Muss-Kriterien sind operationalisiert und messbar
- Maximale Anzahl von 5-8 Muss-Kriterien
- Muss-Kriterien sind mit allen Entscheidern konsentiert
- Ausschlussgründe sind dokumentiert
- Kriterien-Drift wird vermieden (Änderungen nur im Konsens)
- Die verbleibenden Alternativen sind noch repräsentativ
Konfliktfall: Muss-Kriterium vs. Interessenskonflikt
Was passiert, wenn ein wichtiger Stakeholder eine Alternative favorisiert, diese aber ein Muss-Kriterium nicht erfüllt?
Lösung: Bleiben Sie methodisch rigoros. Ein Muss-Kriterium ist zwingend. Wenn die Alternative trotz Ausschluss gewünscht wird, muss das Muss-Kriterium revidiert werden – aber nur dann, wenn eine echte Überprüfung zeigt, dass das Kriterium tatsächlich kein Muss ist. Das Ausschlusskriterium ist die einzige Möglichkeit, methodische Objektivität zu bewahren.
3.7 Sonderfälle und Erweiterungen
1. Gewichtete Muss-Kriterien
In einigen Fällen können Muss-Kriterien eine Wichtung erhalten, um die relative Bedeutung zu berücksichtigen.
| Muss-Kriterium | Wichtung | Konsequenz |
|---|---|---|
| DSGVO-Konformität | 1,0 (K.O.-Kriterium) | Sofortiger Ausschluss bei Nichterfüllung |
| Hosting in Europa | 0,8 | Sofortiger Ausschluss bei Nichterfüllung |
| Budget < 50k€ | 0,6 | Sofortiger Ausschluss bei Nichterfüllung |
2. Kriterienfilter mit Warnstufen
Nicht jeder Muss-Kriterien-Verstoß muss zum sofortigen Ausschluss führen.
| Muss-Kriterium | Status | Konsequenz |
|---|---|---|
| DSGVO-Konformität | Nicht erfüllt | Sofortiger Ausschluss (K.O.) |
| API vorhanden | Nicht erfüllt | Warnung, wenn Workarounds möglich |
| Support 24/7 | Nicht erfüllt | Nötig bei kritischer Umgebung, sonst Warnung |
3. Kriterienfilter im iterativen Prozess
Der Kriterienfilter kann in mehreren Runden angewendet werden.
graph LR
A[Start: 20 Alternativen] --> B[Runde 1: Harte Muss-Kriterien]
B --> C[Übrig: 12 Alternativen]
C --> D[Runde 2: Weichere Muss-Kriterien]
D --> E[Übrig: 5 Alternativen]
E --> F[Runde 3: Budget-Filter]
F --> G[Übrig: 3 Alternativen → NWA]
style A fill:#e3f2fd,stroke:#2196f3
style B fill:#bbdefb,stroke:#2196f3
style C fill:#90caf9,stroke:#2196f3
style D fill:#64b5f6,stroke:#2196f3
style E fill:#42a5f5,stroke:#2196f3
style F fill:#2196f3,stroke:#2196f3,color:#fff
style G fill:#1565c0,stroke:#2196f3,color:#fff
Zusammenfassung
Der Kriterienfilter ist ein effizientes Vorselektionsinstrument, das Lösungsalternativen basierend auf zwingenden Muss-Kriterien ausschließt. Er wird vor der Nutzwertanalyse angewendet, um Ressourcen zu sparen und den Entscheidungsprozess zu strukturieren.
Kernunterscheidung ist die zwischen Muss-Kriterien (zwingend, K.O.-Kriterium) und Kann-Kriterien (wünschenswert, Abzug in NWA). Muss-Kriterien müssen operationalisiert und messbar sein. Maximal 5-8 Muss-Kriterien sind empfohlen, um Muss-Kriterien-Inflation zu vermeiden.
Der Prozess umfasst: Kriteriumserhebung → Klassifizierung → Muss-Kriterien-Prüfung → Ausschluss bei Nichterfüllung → NWA der verbleibenden Alternativen. Die Kombination von Kriterienfilter und NWA liefert eine effiziente, transparente und fundierte Entscheidungsgrundlage.
Typische Fehler sind die Muss-Kriterien-Inflation, unklare Definitionen, fehlende Konsentierung und mangelnde Dokumentation. Diese lassen sich durch methodische Disziplin und Stakeholder-Einbindung vermeiden.