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1. Grundlagen der Konzeptentwicklung

Lernziele

Nach diesem Kapitel können Sie: * Die Bedeutung und den Zweck des Grob-Konzepts in der IT-Beratung erklären * Die Phasen der Konzeptentwicklung strukturieren und anwenden * Die Rolle des Grob-Konzepts im Projektzyklus einordnen * Typische Fehler bei der Konzeptentwicklung vermeiden


1.1 Was ist ein Grob-Konzept?

Ein Grob-Konzept (auch als Grobplanung oder Vorplanung bezeichnet) ist das erste systematische Ergebnis der Lösungsfindung in einem IT-Projekt. Es steht zwischen der initialen Anforderungsanalyse (Ist-Aufnahme) und der detaillierten Feinkonzeption.

Kernmerkmale eines Grob-Konzepts

Merkmal Beschreibung
Strategische Ebene Fokus auf Gesamtlösung, nicht auf technische Details
Alternativenorientiert Mindestens zwei Lösungsoptionen werden vergleichend betrachtet
Transparenz schaffend Komplexe Zusammenhänge werden verständlich dargestellt
Entscheidungsgrundlage Basiert auf objektiven Kriterien und messbaren Daten
Verbindlichkeit Basis für die Projektbudgetierung und -planung

Positionierung im Projektzyklus

Das Grob-Konzept bildet das Fundament für alle nachfolgenden Phasen. Fehler in diesem Stadium führen zu exponentiell steigenden Korrektkosten in späteren Projektphasen. Die Faustregel: Eine Korrektur in der Grobplanung kostet 1x, in der Implementierung 10x, im Produktivbetrieb 100x.


1.2 Phasen der Konzeptentwicklung

Prozessablauf

graph LR
    A[Ist-Analyse] --> B[Anforderungsdefinition]
    B --> C[Alternativenfindung]
    C --> D[Variantenbewertung]
    D --> E[Empfehlung]
    E --> F[Management Summary]
    F --> G[Entscheidung]

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    style B fill:#e3f2fd,stroke:#2196f3
    style C fill:#bbdefb,stroke:#2196f3
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    style G fill:#2196f3,stroke:#2196f3,color:#fff

Detailbeschreibung der Phasen

1. Ist-Analyse

  • Erfassung der aktuellen Ausgangslage
  • Identifikation von Schwachstellen und Optimierungspotenzialen
  • Technologie- und Prozessaudit
  • Stakeholder-Interviews

2. Anforderungsdefinition

  • Sammlung funktionaler und nicht-funktionaler Anforderungen
  • Priorisierung nach Must-Have und Nice-to-Have
  • Definition von Erfolgskriterien
  • Abgrenzung des Projektumfangs (Scope Definition)

3. Alternativenfindung

  • Kreative Suche nach Lösungsoptionen
  • Sichtung von Standardsoftware, Eigenentwicklung, Cloud-Lösungen
  • Machbarkeitsprüfung jeder Option
  • Ausschluss von Optionen mit offensichtlichen Show-Stoppern

4. Variantenbewertung

  • Strukturierte Bewertung der verbleibenden Alternativen
  • Einsatz quantitativer Methoden (NWA, Kostenvergleich)
  • Qualitative Bewertung von Risiken und Chancen
  • Dokumentation der Bewertungskriterien und Ergebnisse

5. Empfehlung

  • Synthese der Ergebnisse zu einer klaren Empfehlung
  • Darstellung von Vor- und Nachteilen jeder Option
  • Begründung der Entscheidung anhand der Bewertungskriterien
  • Sensitivitätsanalyse (Was-wäre-wenn-Szenarien)

6. Management Summary

  • Kompakte Zusammenfassung (max. 1-2 Seiten)
  • Fokus auf strategische Aspekte, keine technischen Details
  • Klare Handlungsempfehlung für das Top-Management
  • Transparente Darstellung von Kosten und Nutzen

7. Entscheidung

  • Formale Freigabe der favorisierten Variante
  • Ressourcenverpflichtung
  • Festlegung der nächsten Schritte und Meilensteine

Praxisbeispiel: Einführung eines neuen ERP-Systems

Ein mittelständischer Produktionsbetrieb möchte sein veraltetes ERP-System ersetzen. Der Berater beginnt mit der Ist-Analyse und identifiziert Probleme: dezentrale Datenhaltung, manuelle Schnittstellen, hohe Fehleranfälligkeit.

In der Anforderungsphase werden 150 Anforderungen definiert, davon 45 Muss-Kriterien. Drei Alternativen entstehen: * Variante A: SAP S/4HANA (Standardsoftware) * Variante B: Microsoft Dynamics 365 (Standardsoftware) * Variante C: Eigenentwicklung auf Basis von Microservices

Nach Bewertung mittels NWA und Kosten-Nutzen-Analyse wird Variante B empfohlen. Das Management Summary fokussiert auf Investitionsvolumen (€1,2 Mio.), ROI-Prognose (18 Monate) und strategische Vorteile (Microsoft-Ökosystem). Die Entscheidung fällt nach 2-wöchiger Prüfung zugunsten von Variante B.


1.3 Zielsetzung des Grob-Konzepts

Primäre Ziele

  1. Transparenz schaffen
  2. Dem Kunden wird verständlich, welche Lösungsalternativen existieren
  3. Implikationen jeder Option (technisch, organisatorisch, finanziell) werden klar dargestellt
  4. "Black Box"-Lösungen werden vermieden

  5. Objektive Entscheidungsgrundlage liefern

  6. Entscheidungen basieren auf messbaren Kriterien, nicht auf Bauchgefühl
  7. Systematische Methoden (NWA, Kriterienfilter) gewährleisten Nachvollziehbarkeit
  8. Alle Stakeholder erhalten die gleiche Informationsbasis

  9. Risikominimierung

  10. Frühzeitige Identifikation technischer und organisatorischer Risiken
  11. Realistische Einschätzung von Aufwand und Kosten
  12. Vermeidung von Fehl-Investitionen

  13. Projektmanagement-Vorbereitung

  14. Das Konzept liefert die Basis für den Projektstrukturplan (PSP)
  15. Ressourcenbedarf und Zeitplan werden grob definiert
  16. Meilensteine und Entscheidungspunkte werden identifiziert

  17. Vertrauensaufbau

  18. Professionelle, methodische Vorgehensweise schafft Vertrauen
  19. Der Kunde sieht, dass seine Anforderungen ernst genommen werden
  20. Transparenz über Herangehensweise und Kriterien erhöht Akzeptanz

Häufige Fehler

  • Frühzeitige Fixierung: Vor Abschluss der Analyse wird eine favorisierte Lösung "emotional" verfolgt und andere Optionen willkürlich bewertet.
  • Detailverliebtheit: Das Grob-Konzept zu detailliert ausarbeiten (Feinkonzept-Beta). Zeitverlust und Fokusverlust auf das Wesentliche.
  • Einzelfallbetrachtung: Nur eine Lösungsoption wird analysiert und als "alternativlos" dargestellt.
  • Fehlende Stakeholder-Einbindung: Entscheidungen werden getroffen, ohne alle relevanten Akteure zu involvieren.
  • Unklare Kriterien: Bewertungskriterien sind vage oder subjektiv, was zu Willkür führt.

1.4 Dokumentstruktur eines Grob-Konzepts

Empfohlener Aufbau

Abschnitt Inhalt
1. Management Summary Kompakte Zusammenfassung für Entscheider (1-2 Seiten)
2. Einleitung Projektziele, Rahmenbedingungen, Stakeholder
3. Ist-Analyse Ausgangslage, Schwachstellen, Ist-Zustand
4. Anforderungen Funktionale und nicht-funktionale Anforderungen
5. Lösungsalternativen Beschreibung der untersuchten Varianten
6. Bewertungsverfahren Genutzte Methoden (NWA, Kriterienfilter, etc.)
7. Bewertungsergebnisse Detaillierte Ergebnisse und Vergleiche
8. Empfehlung Bevorzugte Variante mit Begründung
9. Risikoanalyse Chancen und Risiken der favorisierten Lösung
10. Umsetzungsplanung Grober Zeitplan, Meilensteine, Ressourcen
11. Anhang Detailauswertungen, Screenshots, Referenzen

Formatierungshinweise

  • Nutzen Sie visuelle Elemente (Diagramme, Tabellen, Flowcharts)
  • Halten Sie Texte prägnant (nicht mehr als 500 Wörter pro Abschnitt)
  • Verwenden Sie konsistente Formatierung für Vergleiche
  • Fügen Sie ein Executive Summary ganz vorne ein
  • Dokumentieren Sie Annahmen und Prämissen

1.5 Abgrenzung zum Feinkonzept

Aspekt Grob-Konzept Feinkonzept
Detaillierungsgrad Strategisch, grob Taktisch, detailliert
Zielgruppe Management, Entscheidungsträger Entwickler, Technische Umsetzer
Umfang 20-50 Seiten 100-300+ Seiten
Zeitaufwand 2-6 Wochen 2-4 Monate
Kosten 5-15% des Gesamtbudgets 15-25% des Gesamtbudgets
Inhalt Alternativen, Bewertung, Empfehlung Detaildesign, API-Spezifikationen, Datenmodelle
Bindungswirkung Mittel (Änderungen möglich) Hoch (Änderungen teuer)

Kontext-Beispiel

Für die Einführung eines E-Commerce-Systems umfasst das Grob-Konzept die Entscheidung zwischen Shopify, Magento und Eigenentwicklung. Das Feinkonzept spezifiziert dann beispielsweise, dass bei Magento die Checkout-Extension X verwendet wird, das Design nach Styleguide Y gestaltet wird und die Zahlungsschnittstelle Z implementiert wird.


Zusammenfassung

Das Grob-Konzept ist eine zentrale Disziplin in der IT-Beratung. Es bildet die Brücke zwischen Anforderungsanalyse und technischer Umsetzung. Durch die systematische Untersuchung von Lösungsalternativen und deren objektive Bewertung schafft es Transparenz, minimiert Risiken und liefert eine fundierte Entscheidungsgrundlage.

Der Prozess folgt klar definierten Phasen von der Ist-Analyse bis zur formalen Entscheidung. Ein professionelles Grob-Konzept zeichnet sich durch Alternativenorientierung, methodische Strenge und adressatengerechte Aufbereitung aus. Es dient sowohl als Planungsinstrument für das Projektmanagement als auch als Kommunikationsinstrument zur Entscheidungsfindung.

Für angehende IT-Berater ist die Beherrschung dieser Methodik essenziell, um Projekte zielgerichtet zu steuern und Fehl-Investitionen zu vermeiden. Die Qualität des Grob-Konzepts maßgeblich bestimmt den Erfolg des gesamten Projekts.