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Ishikawa-Diagramm

Lernziele

Nach diesem Kapitel können Sie: * Das Ishikawa-Diagramm zur Ursachenanalyse anwenden * Die 4M-, 6M- und 8M-Analyse unterscheiden und nutzen * Wurzelursachen systematisch identifizieren * Konkrete Maßnahmen aus Ursachen ableiten


1. Grundlagen des Ishikawa-Diagramms

Ursprung

Das Ishikawa-Diagramm wurde von Kaoru Ishikawa (1915–1989) entwickelt, einem japanischen Qualitätsmanagement-Pionier. Es wird auch Fischgräten-Diagramm (Fishbone Diagram) oder Ursache-Wirkungs-Diagramm (Cause and Effect Diagram) genannt.

1.1 Was ist das Ishikawa-Diagramm?

Das Ishikawa-Diagramm ist ein visuelles Werkzeug zur Ursachenanalyse. Es hilft, die Wurzelursache eines Problems zu identifizieren, anstatt nur Symptome zu behandeln.

Wann nutzen Sie das Ishikawa-Diagramm? * Bei Qualitätsproblemen (z.B. Fehlerquote zu hoch) * Bei Performance-Problemen (z.B. langsame Antwortzeiten) * Bei Prozessproblemen (z.B. lange Durchlaufzeiten) * Bei Kundenbeschwerden (z.B. Reklamationen) * Bei Security-Incidents (z.B. Datenlecks)

1.2 Struktur des Diagramms

Das Diagramm besteht aus visuellen Elementen, die an einen Fisch erinnern:

graph LR
    P[Problem/Ergebnis] --> K1[Kategorie 1]
    P --> K2[Kategorie 2]
    P --> K3[Kategorie 3]
    P --> K4[Kategorie 4]

    K1 --> U1[Ursache 1.1]
    K1 --> U2[Ursache 1.2]

    K2 --> U3[Ursache 2.1]
    K2 --> U4[Ursache 2.2]

    K3 --> U5[Ursache 3.1]
    K3 --> U6[Ursache 3.2]

    K4 --> U7[Ursache 4.1]
    K4 --> U8[Ursache 4.2]

    style P fill:#f96,stroke:#333,stroke-width:4px

Elemente: * Kopf (Problem): Das zu analysierende Ergebnis oder Problem * Gräte (Kategorien): Hauptkategorien potenzieller Ursachen * Untergräte (Ursachen): Spezifische Ursachen innerhalb der Kategorien


2. Die 4M-Analyse

Die 4M-Analyse ist die klassische Form des Ishikawa-Diagramms. Die vier M stehen für:

M Bedeutung Beispiele für IT-Projekte
Men Menschen Mitarbeiter, Know-how, Motivation
Machine Maschinen, Technologie Hardware, Software, Netzwerk
Material Material, Ressourcen Daten, Dokumente, Budget
Method Methoden, Prozesse Workflows, SOPs, Standards

2.1 Anwendung: Beispiel

Problem: Hohe Fehlerquote bei Kundendaten-Eingabe (12%)

M Potenzielle Ursachen
Men * Mangelndes Know-how bei Mitarbeitern
Hohe Fluktuation
Keine Schulung
Machine * Veraltetes ERP-System
Keine Validierungsfelder
Lange Ladezeiten
Material * Unvollständige Kundendaten aus Quellsystemen
* Fehlende Dokumentation
Method * Kein Standard-Prozess
Manuelle Dubletten-Prüfung
Keine automatische Plausibilitätsprüfung

2.2 Erweiterung: 5M-Analyse

Fügen Sie eine fünfte Kategorie hinzu:

M Bedeutung
Measurement Messung, KPIs, Metriken

Beispiel-Ursachen: * Keine KPI-Definition * Falsche Metriken * Keine Monitoring-Tools


3. Die 6M-Analyse

Die 6M-Analyse erweitert die 5M-Analyse um eine sechste Kategorie:

M Bedeutung Beispiele
Men Menschen Mitarbeiter, Skills, Motivation
Machine Maschinen Hardware, Software, Tools
Material Material Daten, Dokumente, Budget
Method Methoden Prozesse, SOPs, Workflows
Measurement Messung KPIs, Dashboards, Monitoring
Mother Nature Umwelt, Rahmenbedingungen Standort, Regulierungen, Wetter

3.1 Mother Nature in IT-Projekten

In IT-Projekten steht Mother Nature für externe Faktoren:

Externer Faktor Beispiele
Regulierungen DSGVO, SOX, Bankaufsicht
Standort Zeitzone, Infrastruktur, Kosten
Markt Wettbewerb, Kundenverhalten
Wirtschaft Inflation, Wechselkurse
Technologie-Trends KI, Cloud, Edge Computing

Mother Nature im Ishikawa

Problem: Hohe Latenzzeiten bei internationalen Kunden

Mother Nature-Ursachen: * Kunden in Übersee (Zeitzonen, Distanz) * Cloud-Region in Europa (Daten-Sovereignty-Gesetze) * Netzwerk-Infrastruktur im Zielmarkt schwach


4. Die 8M-Analyse (Comprehensive)

Die 8M-Analyse ist die umfassendste Form und wird in komplexen Analysen genutzt:

M Bedeutung Beispiele für IT-Projekte
Men Menschen Mitarbeiter, Skills, Change-Bereitschaft
Machine Maschinen Hardware, Software, Cloud-Infrastruktur
Material Material Daten, Dokumente, APIs
Method Methoden Prozesse, SOPs, Agile-Methoden
Measurement Messung KPIs, Dashboards, Monitoring
Mother Nature Umwelt Regulierungen, Standort, Markt
Management Führung, Strategie Vision, Ziele, Ressourcen-Management
Money Geld, Budget Kosten, ROI, Budgetierung

4.1 Management im Ishikawa

Management-Faktoren beeinflussen alle anderen Kategorien:

Management-Faktor Beispiele
Strategie Fehlende Vision, keine Klarheit über Prioritäten
Ressourcen Budget-Engpässe, Personal-Mangel
Entscheidung Langsame Entscheidungswege, Mikromanagement
Kultur Silo-Denken, Change-Resistenz

4.2 Money im Ishikawa

Finanzielle Faktoren können Wurzelursachen sein:

Finanz-Faktor Beispiele
Budget Kein Budget für Automatisierung
Cost-Cutting Reduzierung der IT-Security
ROI Kein klärer Business Case für Investitionen
OPEX vs. CAPEX Falsche Budgetierung (CAPEX für Cloud-Services)

5. Schritt-für-Schritt: Ishikawa-Analyse

5.1 Vorbereitung

Schritt 1: Problem definieren (SMART) * Formulieren Sie das Problem konkret * Beispiel: "Die Antwortzeit des CRM-Systems liegt im Durchschnitt bei 8 Sekunden (Soll: <2 Sekunden)"

Schritt 2: Team zusammenstellen * Holen Sie Experten aus verschiedenen Bereichen ins Boot * Beispiel: IT-Admin, Datenbank-Spezialist, Business-Analyst, Key-User

Schritt 3: Methode wählen * Entscheiden Sie: 4M, 5M, 6M oder 8M? * Hängt von der Komplexität des Problems ab

5.2 Durchführung

Schritt 4: Diagramm erstellen * Nutzen Sie ein Whiteboard, Flipchart oder ein Tool (Lucidchart, Miro, Draw.io) * Zeichnen Sie das Diagramm

Schritt 5: Ursachen brainstormen * Nutzen Sie Post-its für flexible Anordnung * Lassen Sie das Team frei brainstormen (Keine Kritik in dieser Phase)

Schritt 6: Ursachen cluster * Ordnen Sie die Post-its den Kategorien zu

Schritt 7: Priorisieren * Nutzen Sie die 5-Why-Methode für tieferes Verständnis * Nutzen Sie die Pareto-Analyse zur Priorisierung

5.3 Maßnahmen ableiten

Schritt 8: Maßnahmen definieren * Formulieren Sie konkrete Maßnahmen für die wichtigsten Ursachen

Schritt 9: Verantwortlichkeiten zuweisen * Wer ist für die Umsetzung verantwortlich?

Schritt 10: Timeline definieren * Wann wird die Maßnahme umgesetzt?


6. Praxis-Beispiel: Ishikawa-Analyse

Szenario: Cloud-Migration-Flop

Die TechCorp AG hat ihre Anwendungen in die Cloud migriert. Die Performance ist jedoch signifikant schlechter als vor der Migration.

6.1 Problem definieren

Problem: Cloud-Migration hat zu einer 3-fachen Erhöhung der Antwortzeiten geführt (von 200 ms auf 600 ms)

6.2 8M-Analyse

M Ursachen
Men * IT-Team hat kein Cloud-Know-how
Keine Schulung vor Migration
Change-Resistenz bei Mitarbeitern
Machine * Cloud-Infrastruktur nicht optimiert
Veraltete Architektur (Monolith, nicht Microservices)
Keine Auto-Scaling konfiguriert
Material * Datenbank-Performance schlecht
Kein Caching implementiert
APIs nicht optimiert
Method * Lift-and-Shift statt Refactoring
Kein Performance-Testing vor Migration
Keine Architektur-Review
Measurement * Keine KPIs für Performance
Kein Monitoring der Cloud-Ressourcen
Keine Alerts bei Performance-Problemen
Mother Nature * Cloud-Region nicht optimal (Daten-Sovereignty)
* Netzwerk-Latenz zwischen Cloud und Kunden
Management * Keine Cloud-Strategie
Falsche Erwartungen an Migration
Budget für Optimierung fehlt
Money * Cost-Cutting bei Cloud-Provider (Instanzen zu klein)
* Kein Budget für Performance-Optimierung

6.3 Priorisierung (Pareto)

Die wichtigsten Ursachen (80/20-Regel):

  1. Method: Lift-and-Shift statt Refactoring (Kein Architektur-Review)
  2. Machine: Keine Auto-Scaling konfiguriert
  3. Money: Cloud-Instanzen zu klein (Cost-Cutting)

6.4 Maßnahmen

Priorität Maßnahme Verantwortlich Deadline
1 (Hoch) Architektur-Review und Refactoring Architekt 4 Wochen
2 (Hoch) Auto-Scaling konfigurieren DevOps 2 Wochen
3 (Hoch) Cloud-Instanzen upgraden Cloud-Engineer 1 Woche
4 (Mittel) Performance-Monitoring einrichten Monitoring-Team 3 Wochen
5 (Mittel) Mitarbeiter schulen (Cloud-Know-how) HR Ongoing
6 (Niedrig) Cloud-Region evaluieren CTO 6 Wochen

6.5 Ergebnis

Nach 6 Wochen: * Antwortzeiten: 220 ms (vorher: 600 ms) * Ziel: <200 ms (fast erreicht) * Nächste Schritte: Datenbank-Optimierung, Caching


7. Kombination mit anderen Methoden

7.1 Ishikawa + 5-Why

Nutzen Sie das Ishikawa-Diagramm für die erste Clusterung von Ursachen und die 5-Why-Methode für die tiefergehende Analyse.

Beispiel:

Schritt Ishikawa 5-Why
1 Problem identifizieren Problem identifizieren
2 Ursachen brainstormen (Kategorien) Warum? (1)
3 Ursachen cluster (4M/6M/8M) Warum? (2)
4 Wichtigste Ursachen priorisieren Warum? (3)
5 Maßnahmen ableiten Warum? (4) → Warum? (5)

7.2 Ishikawa + Pareto

Nutzen Sie das Ishikawa-Diagramm für die Strukturierung und die Pareto-Analyse (80/20-Regel) für die Priorisierung.

Beispiel: * Sie haben 30 potenzielle Ursachen identifiziert * Nach der Pareto-Analyse sind 6 davon für 80% des Problems verantwortlich * Fokusieren Sie sich auf diese 6 Ursachen

7.3 Ishikawa + GAP-Analyse

Nutzen Sie das Ishikawa-Diagramm für die Ursachenanalyse im Ist-Zustand und die Gap-Analyse für den Übergang zum Soll-Zustand.


8. Tools und Templates

8.1 Ishikawa-Diagramm-Tools

Tool Typ Kosten Besonderheiten
Lucidchart Online Freemium Vorlagen, Collaboration
Miro Online Freemium Whiteboard, Integrationen
Draw.io Online Kostenlos Open Source, Offline
Visio Desktop Paid Microsoft-Integration
XMind Desktop Freemium Mind-Map-Fokus
Whiteboard/Flipchart Analog Kostenlos Kreativität, brainstorming

8.2 Ishikawa-Template (Markdown)

# Ishikawa-Analyse: [Projekt/Prozess]

## 1. Problem definieren
[SMART-Formulierung]

## 2. Kategorien wählen
- [ ] 4M (Men, Machine, Material, Method)
- [ ] 5M (4M + Measurement)
- [ ] 6M (5M + Mother Nature)
- [ ] 8M (6M + Management + Money)

## 3. Ursachen cluster
| Kategorie | Ursachen |
|-----------|----------|
| **Men** | |
| **Machine** | |
| **Material** | |
| **Method** | |
| **Measurement** | |
| **Mother Nature** | |
| **Management** | |
| **Money** | |

## 4. Priorisierung (Pareto)
| Priorität | Ursache | Begründung |
|-----------|---------|-----------|
| 1 | | |
| 2 | | |

## 5. Maßnahmen
| Maßnahme | Verantwortlich | Deadline | Status |
|----------|----------------|----------|--------|
| | | | |

9. Häufige Fehler

Fehler Warum problematisch Lösung
Nur eine Kategorie untersucht Einseitige Analyse Alle Kategorien untersuchen
Fokus auf Symptome Problem kehrt zurück Bis zur Wurzelursache vordringen
Keine Priorisierung Ressourcenverschwendung Pareto-Analyse nutzen
Keine Maßnahmen Analyse ohne Nutzen Konkrete Schritte definieren
Kein Team-Input Einseitige Perspektive Workshop-Format nutzen
Nur Ishikawa, keine Validierung Annahmen ungeprüft Ergebnisse mit Daten validieren

10. Checkliste

10.1 Vorbereitung

  • Problem definiert: SMART-Formulierung?
  • Team zusammengestellt: Experten aus verschiedenen Bereichen?
  • Methode gewählt: 4M, 5M, 6M oder 8M?
  • Tool vorbereitet: Whiteboard, Flipchart oder Software?

10.2 Durchführung

  • Diagramm erstellt: Alle Kategorien dargestellt?
  • Ursachen brain-stormt: Post-its genutzt?
  • Ursachen cluster: Allen Kategorien zugeordnet?
  • Priorisiert: Wichtigste Ursachen identifiziert?
  • Maßnahmen abgeleitet: Konkrete Schritte definiert?

10.3 Validierung

  • Daten validiert: Fakten, keine Annahmen?
  • Stakeholder involviert: Rückmeldung erhalten?
  • Ergebnisse kommuniziert: Alle informiert?

11. Zusammenfassung

Das Ishikawa-Diagramm ist ein mächtiges Werkzeug zur Ursachenanalyse:

  1. Visuelle Darstellung: Komplexe Ursachen werden strukturiert
  2. Strukturierte Analyse: Kategorien (4M, 5M, 6M, 8M) sorgen für Vollständigkeit
  3. Team-basiert: Kollektive Intelligenz nutzen
  4. Priorisierung: Pareto-Analyse für Fokus
  5. Maßnahmen-orientiert: Nicht nur analysieren, sondern handeln

Nächster Schritt: Lernen Sie die Gap-Analyse für den Übergang von Ist zu Soll (Kapitel 02-Schwachstellen-Gap).