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Ist-Analyse

Wichtig

Die Ist-Analyse ist keine bloße Bestandsaufnahme, sondern eine kritische Untersuchung des aktuellen Zustands. Ihr Ziel ist es, nicht nur zu dokumentieren, "was ist", sondern zu verstehen, "warum es so ist" und "was besser sein könnte".


1. Ziele der Ist-Analyse

Die Ist-Analyse bildet den Ausgangspunkt jeder IT-Beratung. Ohne fundierte Kenntnis des aktuellen Zustands kann kein sinnvoller Change gestaltet werden.

1.1 Warum Ist-Analyse mehr als nur Inventur

Traditioneller Ansatz (Fehlerhaft) Professionelle Ist-Analyse
"Wie viele Server haben Sie?" "Welche Applikationen laufen auf welchen Servern?"
"Welche Software nutzen Sie?" "Welche Prozesse unterstützen die Software?"
"Wer arbeitet wo?" "Welche Rollen und Verantwortlichkeiten bestehen?"
"Was machen Sie?" "Warum machen Sie es so?"

1.2 Drei Analyse-Dimensionen

Eine professionelle Ist-Analyse untersucht den As-Is-Zustand in drei Dimensionen:

graph TD
    A[Ist-Analyse] --> B[Organisatorische Dimension]
    A --> C[Technische Dimension]
    A --> D[Prozessuale Dimension]

    B --> B1[Rollen & Verantwortlichkeiten]
    B --> B2[Organisationsstruktur]
    B --> B3[Kommunikationswege]

    C --> C1[Hard-/Software-Landschaft]
    C --> C2[Datenströme]
    C --> C3[IT-Architektur]

    D --> D1[Geschäftsprozesse]
    D --> D2[Arbeitsabläufe]
    D --> D3[Schnittstellen]

    style A fill:#f96,stroke:#333,stroke-width:3px

2. Organisatorische Dimension: Menschen und Struktur

2.1 Rollen und Verantwortlichkeiten klären

Oft herrscht Unklarheit darüber, wer eigentlich für welche Tätigkeit zuständig ist. Dies führt zu Dopplungen, Lücken und Konflikten.

Analyse-Methoden: * Organigramm-Review: Ist das aktuelle Org-Chart noch aktuell? * Rollen-Workshop: Gemeinsame Klärung wer was tut * RACI-Matrix: Verantwortlichkeiten pro Prozessschritt dokumentieren * Interviews: Einzelgespräche mit Führungskräften und Mitarbeitern

Praxis-Tipp: RACI-Check

Wenn in einem Prozess niemand "A" (Accountable) hat → Verantwortungslücke. Wenn mehrere "A" haben → Konfliktpotenzial.

2.2 Kommunikationswege und Informationsschleifen

IT-Lösungen scheitern oft nicht am Code, sondern an der Kommunikation.

Fragen zur Analyse: * Wie fließt Information zwischen Abteilungen? * Wo entstehen Informationsverluste? * Welche Medien werden genutzt (E-Mail, Chat, Telefon, Papier)? * Gibt es "Informationsinseln" (Silos)?

Visualisierungsmethode: Kommunikationsmatrix

Von An Häufigkeit Medium Problem
Vertrieb Produktion Täglich E-Mail, Telefon Unstrukturiert, keine Historie
Kunde Support Bedarfsweise Telefon Kein Tracking, Wartezeiten
Produktion Einkauf Wöchentlich Meeting Keine Echtzeit-Info

3. Technische Dimension: IT-Landschaft und Daten

3.1 Hard-/Software-Landschaft erfassen

Die technische Ist-Analyse dokumentiert die existierende IT-Infrastruktur.

Inventarisierung: * Server: Standort, Leistung, Alter * Netzwerk: Topologie, Bandbreite, Sicherheit * Endgeräte: Laptops, Smartphones, IoT * Software: ERP, CRM, Office, Spezialsoftware * Datenbanken: Art, Größe, Zugriff

Tools zur Erhebung: * Automatisierte Scans: Netzwerk-Discovery (z.B. Nmap, Lansweeper) * IT-Asset-Management: Bestehende Systeme abfragen * Interviews: IT-Administrator befragen

3.2 Datenströme und Schnittstellen

Ein IT-Projekt steht oder fällt mit der Datenintegration.

Analyse-Fragen: * Wo entstehen Daten? * Wohin fließen Daten? * Welche Schnittstellen existieren (API, File-Exchange, manuell)? * Gibt es Datenredundanzen? * Wo finden Datenübergaben statt?

Visualisierung: Data-Flow-Diagramm (DFD)

graph LR
    A[CRM-System] -->|API| B[Middlelayer]
    C[ERP-System] -->|CSV| B
    B -->|REST API| D[Webshop]
    D -->|JSON| E[Kundenportal]
    E -->|E-Mail| A

    style A fill:#2196F3,stroke:#333,color:white
    style C fill:#4CAF50,stroke:#333,color:white
    style B fill:#FF9800,stroke:#333,color:white

Typisches Problem: Daten-Silos

Wenn Daten nicht fließen, entstehen isolierte Systeme. Ein Kundenwechsel im CRM ist im ERP nicht sichtbar → Fehlinformationen, Double-Work.

3.3 Qualität der technischen Infrastruktur

Nicht nur die Existenz, sondern auch der Zustand der IT-Infrastruktur ist relevant.

Qualitätskriterien: | Kriterium | Analyse-Methode | |-----------|----------------| | Performance | Response-Time-Messung, Load-Tests | | Verfügbarkeit | Uptime-Statistiken, Downtime-Analyse | | Sicherheit | Security-Audit, Penetration-Test | | Wartbarkeit | Code-Quality-Review, Dokumentationsstatus | | Skalierbarkeit | Lasttests, Stress-Tests |


4. Prozessuale Dimension: Arbeitsabläufe und Workflows

4.1 Arbeitsabläufe detailliert dokumentieren

Während die Prozessanalyse den Fokus auf den Geschäftsprozess hat, analysiert die Ist-Analyse die konkrete Ausführung.

Unterschied: * Prozessanalyse: "Wie sollte der Prozess idealerweise laufen?" (Soll) * Ist-Analyse: "Wie läuft der Prozess tatsächlich?" (Ist)

Realitäts-Check

Prozess-Soll: "Kunde sendet Bestellung → System prüft Lagerbestand → System versendet Ware" Prozess-Ist: "Kunde sendet Bestellung → Mitarbeiter prüft manuell Excel → Mitarbeiter ruft Lager an → Mitarbeiter erstellt Lieferschein → ..."

4.2 Ist-Zustand visualisieren (Reality Mapping)

Nutzen Sie die gleichen Notationen wie in der Prozessanalyse (BPMN, EPK), aber dokumentieren Sie tatsächliche Abweichungen:

  • Umwege und Workarounds (Papier-Zettel, E-Mail-Schleifen)
  • Doppelarbeiten (Doppelte Eingaben)
  • Fehlerquellen (Manuelle Übergaben)
  • Wartezeiten (Genehmigungen, Abstimmungen)

Kennzeichnung in Modellen: * ⚠️ Kritischer Punkt: Fehleranfällig * ⏱️ Zeitfresser: Lange Wartezeiten * ♻️ Wiederholung: Dopplung oder Rücklauf * 🔀 Verzweigung: Komplexe Entscheidungspunkte

4.3 Arbeitsweisen und Tools erfassen

Wie arbeiten die Mitarbeiter tatsächlich mit den Tools?

Analyse-Methoden: * Go-and-See: Prozess live beobachten * Screen-Recording: Videoaufzeichnung der Arbeit am Computer * Think-Aloud: Mitarbeiter erklären während der Arbeit, was sie tun * User-Journey-Mapping: Kundensicht auf den Prozess


5. Kombinierte Analyse-Methoden

5.1 GAP-Analysis (Ist vs. Soll)

Die Gap-Analyse vergleicht den Ist-Zustand mit dem Soll-Zustand (Vision, Anforderungen, Benchmarks).

Dimension Ist-Zustand Soll-Zustand Gap
Prozess-Durchlaufzeit 7 Tage 2 Tage -5 Tage
Automatisierungsgrad 20% 80% -60%
Datenintegration File-Exchange Real-Time API Manuell → Echtzeit
Kundenzufriedenheit 3.5/5 4.5/5 -1.0

5.2 SWOT-Analyse der IT-Landschaft

Nutzen Sie die SWOT-Methode für eine strukturierte Bewertung:

Intern Extern
Positiv Stärken Chancen
- Stabiles ERP-System - Cloud-Migration möglich
- Engagiertes IT-Team - KI-Integration verfügbar
Negativ Schwächen Risiken
- Veraltete Server-Hardware - Sicherheitsbedrohungen
- Kein Dokumentenmanagement - Compliance-Vorschriften

5.3 Ishikawa-Diagramm (Ursachenanalyse)

Bei kritischen Problemen nutzen Sie das Ishikawa-Diagramm (Fischgräten-Diagramm), um Ursachen zu identifizieren.

  • 4M-Analyse: Men, Machine, Material, Method
  • Erweiterung 6M: + Measurement, Mother Nature (Umwelt)
  • Erweiterung 8M: + Management, Money

(Detailliert in Kapitel 02-Schwachstellen-Gap)


6. Praxis-Beispiel: Ist-Analyse im Onboarding-Prozess

Szenario: GrowthCorp AG

Die GrowthCorp AG ist schnell gewachsen. Die IT-Support-Abteilung ist überlastet, weil neue Mitarbeiter langwierig eingerichtet werden.

6.1 Vorbereitung

Analyse-Schritte: 1. Scope definieren: Onboarding-Prozess neuer Mitarbeiter (Tag 1 bis Tag 30) 2. Stakeholder identifizieren: HR, IT-Support, Facility, Führungskräfte, neue Mitarbeiter 3. Interviews planen: Jeweils 2 Interviews pro Stakeholder-Gruppe

6.2 Erhebung

Interview-Fragen (Beispiele): * "Was passiert am ersten Tag eines neuen Mitarbeiters?" * "Welche Tools benötigen Sie für Ihre Arbeit?" * "Wo hakt es regelmäßig?" * "Welche Informationen erhalten Sie zu spät?"

Beobachtung (Go-and-See): * Einem neuen Mitarbeiter 2 Tage begleiten * Dokumentieren aller Tätigkeiten und Wartezeiten * Erfassen aller E-Mails, Formulare und Dokumente

6.3 Analyse

Ergebnisse der Ist-Analyse:

Problem Auswirkung Ursache (Ishikawa)
Laptop-Einrichtung dauert 3 Tage Neuer Mitarbeiter kann nicht arbeiten IT-Team überlastet (Personal), manuelle Konfiguration (Method)
Kein E-Mail-Zugriff für 24h Keine Kommunikation mit Kunden IT-Team überlastet (Personal), manuelle Anlage (Method)
Büroausstattung unvollständig Unzufriedenheit Keine Checkliste (Method), Lagerbestände unklar (Material)
Zugriff auf Anwendungen fehlt Verzögerung im Projekt Kein Rollenkonzept (Method), keine Automatisierung (Machine)

6.4 Handlungsempfehlungen

Ist-Zustand Anforderung an IT-Lösung
Manuelle Laptop-Einrichtung Automatisiertes Provisioning (z.B. Microsoft Autopilot)
Manuelle E-Mail-Anlage Self-Service-Portal für IT-Support-Tickets
Keine Übersicht Dashboard für Onboarding-Status
Kein Rollenkonzept Role-Based Access Control (RBAC)

7. Checkliste für Ihre Ist-Analyse

7.1 Vorbereitung

  • Ziel klar definiert: Warum analysieren wir?
  • Scope abgesteckt: Was ist IN, was ist OUT?
  • Stakeholder identifiziert: Wer muss befragt werden?
  • Methoden gewählt: Interviews, Beobachtung, Datenanalyse?

7.2 Durchführung

  • Interviews geführt: Mit allen relevanten Rollen
  • Prozesse beobachtet: Go-and-See durchgeführt
  • Daten erhoben: System-Logs, Reports, Statistiken
  • Dokumentation erstellt: Aktuelle Prozesse dokumentiert

7.3 Analyse

  • Stärken identifiziert: Was läuft gut?
  • Schwächen benannt: Wo gibt es Probleme?
  • Ursachen analysiert: Warum gibt es Probleme?
  • Gap-Analyse durchgeführt: Ist vs. Soll

7.4 Ergebnisse

  • Report erstellt: Ergebnisse dokumentiert
  • Visualisierung: Diagramme, Dashboards, Prozessmodelle
  • Priorisierung: Was zuerst angehen?
  • Handlungsempfehlungen: Konkrete Next Steps definiert

8. Häufige Fehler bei der Ist-Analyse

Fehler Warum problematisch Lösung
Nur Interviews, keine Daten Subjektiv, verzerrt Interviews mit Daten kombinieren
Fokus auf Technik, ignoriert Menschen Lösung wird nicht akzeptiert Change-Management einplanen
Kein Fokus, "alles analysieren" Zeit- und Ressourcenverschwendung Scope vorher definieren
Nur Probleme, keine Stärken Demotiviert, ignoriert Good Practice Balanced Analysis (SWOT)
Keine Validierung Annahmen bleiben ungeprüft Ergebnisse mit Stakeholdern validieren

9. Zusammenfassung

Die Ist-Analyse ist das Fundament erfolgreicher IT-Beratung:

  1. Drei Dimensionen: Organisatorisch, technisch, prozessual
  2. Nicht nur dokumentieren: Kritisches Verstehen statt bloßer Inventur
  3. Methodenvielfalt: Interviews, Beobachtung, Datenanalyse, Visualisierung
  4. Validierung: Ergebnisse mit Stakeholdern abstimmen
  5. Resultat: Fundierte Handlungsempfehlungen und Anforderungskatalog

Nächster Schritt: Identifizieren Sie Schwachstellen systematisch (Kapitel 02-Schwachstellen-Gap).