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Geschäftsprozessanalyse

Lernziele

Nach diesem Kapitel können Sie: * Die Ziele einer systematischen Geschäftsprozessanalyse benennen * Methoden zur Prozessdarstellung anwenden * KPIs (Key Performance Indicators) definieren und messen * Handlungsempfehlungen aus Analyseergebnissen ableiten


1. Was ist Geschäftsprozessanalyse?

Die Geschäftsprozessanalyse ist die systematische Untersuchung von Geschäftsprozessen, um Schwachstellen zu identifizieren, Potenziale zu erkennen und Optimierungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Sie bildet die Basis für jede IT-Lösung.

1.1 Wichtige Unterscheidung: Prozessmanagement vs. Prozessanalyse

Aspekt Prozessmanagement Prozessanalyse
Fokus Langfristige Steuerung und Optimierung Punktuelle Untersuchung
Zeitraum Kontinuierlich Projektbezogen
Ziel Prozesse im Griff behalten Erkenntnisgewinn für Change
Beispiel Prozessverantwortlicher überwacht KPIs monatlich Berater analysiert Prozess vor Digitalisierungsprojekt

2. Ziele der Geschäftsprozessanalyse

Eine Prozessanalyse verfolgt drei übergeordnete Ziele:

2.1 Transparenz schaffen (Ist-Zustand verstehen)

Warum Transparenz?

"Sie können nicht verbessern, was Sie nicht verstehen." — unbekannt

Bevor Sie Prozesse verbessern oder digitalisieren können, müssen Sie verstehen, was heute passiert.

Methoden zur Transparenz: * Interviews: Beteiligte befragen (Mitarbeiter, Führungskräfte, Kunden) * Beobachtung (Go-and-See): Prozesse live vor Ort miterleben * Dokumentenanalyse: Vorhandene Unterlagen, Handbücher, SOPs * Datenanalyse: Systemlogs, Reports, KPI-Daten

2.2 Schwachstellen identifizieren (Probleme sichtbar machen)

Typische Schwachstellen, die eine Analyse aufdeckt:

Kategorie Beispiele
Ineffizienz Doppelte Arbeiten, unnötige Genehmigungsschritte
Qualitätsprobleme Hohe Fehlerquote, Reklamationen
Reaktionszeit Lange Durchlaufzeiten, Wartezeiten
Kosten Überproportionale Aufwendungen
Zufriedenheit Unzufriedene Mitarbeiter oder Kunden

2.3 Potenziale erkennen (Optimierungsmöglichkeiten)

Nach der Analyse sollten konkrete Handlungsfelder erkennbar sein:

  • Automatisierungspotenzial: Welche Arbeitsschritte können IT übernehmen?
  • Digitalisierungspotenzial: Wo werden noch Papierprozesse genutzt?
  • Rationalisierungspotenzial: Welche Schritte sind überflüssig?
  • Standardisierungspotenzial: Wo fehlen einheitliche Abläufe?

3. Methoden der Prozessdarstellung

Um Prozesse zu analysieren, müssen Sie sie zuerst visualisieren. Hierfür stehen verschiedene Notationen zur Verfügung.

3.1 Prozesslandkarte (Ebenenmodell)

Bevor Sie Details analysieren, verschaffen Sie sich einen Überblick über alle Prozesse des Unternehmens.

graph TB
    A[Unternehmen] --> B[Kernprozesse]
    A --> C[Unterstützungsprozesse]
    A --> D[Managementprozesse]

    B --> B1[Vertrieb & Marketing]
    B --> B2[Produktion / Service]
    B --> B3[Kundenservice]

    C --> C1[IT-Service]
    C --> C2[HR]
    C --> C3[Finanzen]

    D --> D1[Strategie]
    D --> D2[Controlling]
    D --> D3[QM]

    style A fill:#4CAF50,stroke:#333,stroke-width:2px,color:white
    style B fill:#2196F3,stroke:#333,stroke-width:1px,color:white
    style C fill:#FF9800,stroke:#333,stroke-width:1px,color:white
    style D fill:#9C27B0,stroke:#333,stroke-width:1px,color:white

3.2 Detaillierte Prozessmodelle (EPK, BPMN)

Für die detaillierte Analyse nutzen Sie Modellierungssprachen wie EPK (erweiterte Ereignisgesteuerte Prozesskette) oder BPMN (Business Process Model and Notation).

Wichtige Elemente eines Prozessmodells:

Element Bedeutung BPMN Symbol
Ereignis Auslöser oder Ergebnis Kreis
Tätigkeit Aktivität, die ausgeführt wird Rechteck mit abgerundeten Ecken
Entscheidung Verzweigung im Prozess Rhombus
Rolle Wer führt die Tätigkeit aus? Swimlane (Schwimmbahn)

3.3 Prozessschritt-Analyse (RACI-Matrix)

Für komplexe Prozesse mit mehreren Beteiligten ist die RACI-Matrix hilfreich:

Rolle Aktivität A Aktivität B Aktivität C
Kunde R I I
Sachbearbeiter A R I
Abteilungsleiter I A R
  • R (Responsible): Führt die Tätigkeit aus
  • A (Accountable): Trägt die Verantwortung
  • C (Consulted): Wird konsultiert (Einbeziehung)
  • I (Informed): Wird informiert

4. KPI-basierte Prozessanalyse

Neben der qualitativen Untersuchung ist eine quantitative Analyse essentiell. Sie messen den Ist-Zustand mit Kennzahlen (KPIs).

4.1 Typische Prozess-KPIs

KPI-Kategorie Beispiele
Effizienz Durchlaufzeit, Bearbeitungszeit, Kosten pro Fall
Qualität Fehlerquote, Rücklaufquote, First Contact Resolution
Zufriedenheit Kundenbewertung, Mitarbeiterzufriedenheit
Volumen Anzahl der Fälle, Transaktionsvolumen

4.2 Beispiel: Bestellprozessanalyse

KPI Ist-Wert Soll-Wert Gap
Durchlaufzeit (Bestellung bis Lieferung) 7 Tage 3 Tage -4 Tage
Fehlerquote (falsche Lieferungen) 5% <1% -4%
Bearbeitungszeit pro Bestellung 45 Min 20 Min -25 Min
Kundenbewertung 3.8/5 4.5/5 -0.7

Ableitung von Anforderungen aus der KPI-Analyse: * Durchlaufzeit 7 Tage → 3 Tage: Automatisierung der Auftragsbestätigung, Integration von Lieferanten-Systemen * Fehlerquote 5% → <1%: Barcode-Scanning, digitale Pick-Listen


5. Praxis-Beispiel: Reklamationsprozess

Szenario: RetailCo GmbH

Die RetailCo GmbH (Online-Händler) klagt über hohe Rücksendekosten und sinkende Kundenbewertungen. Sie werden beauftragt, den Reklamationsprozess zu analysieren.

5.1 Ist-Zustand erheben

Beobachtungen: * Kunden senden Rücksendungen per E-Mail oder Telefon * Sachbearbeiter suchen Bestellungen manuell im ERP-System * Es gibt kein Standard-Formular für Reklamationen * Entscheidung über Gutschrift/Erstattung dauert 2–4 Tage * Kein Tracking des Reklamationsstatus für Kunden

5.2 Schwachstellen identifizieren

Schwachstelle Auswirkung Ursache
Keine zentrale Erfassung Doppelte Eingaben, Fehlinformationen Verschiedene Kanäle (E-Mail/Telefon)
Manuelle Suche Lange Bearbeitungszeit Kein digitales Rückgabeportal
Kein Status-Tracking Unzufriedene Kunden Fehlende Selbstbedienungsfunktion
Langsame Entscheidungsfindung Hohe Verwaltungskosten Manuelle Genehmigungsprozesse

5.3 Handlungsempfehlungen

  1. Online-Rückgabeportal: Kunden können Rücksendungen selbst initiieren (Digitalisierung)
  2. Automatische Zuordnung: System ordnet Rücksendung Bestellung zu (Automatisierung)
  3. Workflow-basierte Genehmigung: Automatische Gutschrift bei Standardfällen (Effizienz)
  4. Kunden-Tracking: Echtzeit-Status der Reklamation (Transparenz)

6. Von der Analyse zur Anforderung

Ziel der Prozessanalyse

Am Ende einer Prozessanalyse haben Sie eine Lastheft-Struktur, die Anforderungen an die IT-Lösung beschreibt.

Beispiel: Anforderungskatalog aus Prozessanalyse

Prozess-Schritt Problem Anforderung an IT-Lösung
Kunde will zurücksenden Keine zentrale Erfassung Kundenportal mit Rückgabeformular
Zuordnung zu Bestellung Manuelle Suche Automatischer Scan-Barcode-Match
Entscheidung über Erstattung 2–4 Tage Wartezeit Automatische Gutschrift bei Standardfällen
Status abfragen Keine Transparenz Echtzeit-Tracking in Kunden-Account

7. Zusammenfassung und Checkliste

7.1 Erfolgsfaktoren

  • Starten beim "Warum": Klären Sie vorab, wofür die Analyse durchgeführt wird (Digitalisierung, Optimierung, Compliance).
  • Nicht zu tief, nicht zu flach: Analysieren Sie auf dem Detailgrad, der für Ihr Projekt notwendig ist.
  • Daten und Interviews kombinieren: Was Leute sagen, ≠ was passiert. Validieren Sie Aussagen mit Daten.
  • Fokus auf Kundenwert: Fragen Sie bei jedem Schritt: "Schafft dieser Schritt Wert für den Kunden?"

7.2 Checkliste für Ihre Prozessanalyse

  • Ziel definiert: Warum analysieren wir diesen Prozess?
  • Grenzen gesetzt: Wo beginnt/endet der Prozess?
  • Stakeholder identifiziert: Wer ist involviert?
  • Datenquelle definiert: Woher bekommen wir Informationen?
  • Modellierungsmethode gewählt: Welche Notation nutzen wir (BPMN, EPK, etc.)?
  • KPIs definiert: Welche Kennzahlen messen wir?
  • Ergebnisdokumentation: Wie kommunizieren wir die Ergebnisse?

8. Reflexion

Nehmen Sie sich 10 Minuten Zeit und überlegen Sie: 1. In welchem Projekt haben Sie zuletzt eine Prozessanalyse durchgeführt? 2. Welche Methode haben Sie genutzt (Interview, Beobachtung, Datenanalyse)? 3. Welche Schwachstelle haben Sie entdeckt? 4. Wie haben Sie die Ergebnisse kommuniziert?


9. Weiterführende Methoden

In der Praxis nutzen IT-Berater oft kombinierte Analyseansätze:

  • Prozessmining: Automatische Prozessrekonstruktion aus Systemlogs (Spezial-Tool: Celonis, Signavio)
  • Value Stream Mapping: Lean-Management-Methode zur Identifizierung von Verschwendung (Waste)
  • Six Sigma: Statistisch fundierte Methode zur Prozessverbesserung (DMAIC-Zyklus)