Zum Inhalt

Stakeholder-Analyse und Bewertung

Lern-Einheit

Modul 03.4 Lesezeit: ~12 Min

📊 Management Summary

Nach der Identifikation müssen Stakeholder systematisch bewertet werden. Wer nur Namen auflistet, weiß nicht, wie man diese Personen einbindet. Die Stakeholder-Analyse untersucht drei Kernaspekte: Macht/Einfluss, Einstellung/Akzeptanz, und Erwartungen/Interessen. Diese Analyse ist die Grundlage für die Auswahl geeigneter Behandlungsstrategien und Kommunikationspläne. Ohne diese Analyse ist Stakeholdermanagement zufällig und ineffektiv.

🎯 Warum ist Stakeholder-Analyse notwendig?

Das Problem der "One-Size-Fits-All"-Kommunikation

Ein IT-Berater, der alle Stakeholder gleich kommuniziert, verschwendet Ressourcen und verpasst Akzeptanz:

  • Hoch-influssreiche Kritiker werden ignoriert → Projektverzögerung
  • Niedrig-influssreiche Befürworter werden über-kommuniziert → Zeitverschwendung
  • Unentschiedene Stakeholder werden nicht überzeugt → Akzeptanzprobleme

Der Wert gezielter Analyse

Die Stakeholder-Analyse ermöglicht:

  1. Priorisierung: Fokus auf kritische Akteure
  2. Maßgeschneiderte Strategien: Jede Stakeholder-Gruppe erhält passende Maßnahmen
  3. Ressourceneffizienz: Keine Zeitverschwendung bei unwichtigen Stakeholdern
  4. Risikominimierung: Frühzeitige Identifikation von Blockern
  5. Promotoren-Erkennung: Identifikation von Unterstützungspotenzialen

🎪 Kernkomponenten der Stakeholder-Analyse

1. Macht- und Einflussanalyse

Was ist Macht/Einfluss?

Die Fähigkeit eines Stakeholders, das Projekt zu beeinflussen oder zu blockieren.

Dimensionen der Macht:

Dimension Beschreibung Beispiele in IT-Projekten
Formale Macht Entscheidungsrecht in der Hierarchie Budgetgenehmigung (CFO), Projekt-Freigabe (CIO)
Informelle Macht Einfluss durch Netzwerk, Expertise, Charisma Opinion Leader, Key User, Tech-Gurus
Ressourcen-Macht Kontrolle über Ressourcen IT-Infrastruktur, Budget-Verantwortung
Zeitliche Macht Kontrolle über Zeitpläne PMO, Project Manager, Release Coordinator

Bewertungsskala: - 5 (Sehr hoch): Kann Projekt stoppen - 3 (Mittel): Hat signifikanten Einfluss, aber keine Veto-Macht - 1 (Gering): Kann Feedback geben, aber keine Entscheidungen

2. Einstellungs- und Akzeptanzanalyse

Was ist Einstellung?

Die positive oder negative Haltung gegenüber dem Projekt.

Dimensionen der Einstellung:

Dimension Beschreibung Beispiele in IT-Projekten
Befürwortung Aktive Unterstützung Champion, Promotor, Enthusiast
Neutralität Weder aktiv für noch gegen Unentschiedene, Wartende
Skepsis Zweifel, Bedenken, Vorbehalte Kritische Stimme, Vorschlaggeber
Ablehnung Aktiver Widerstand Opponent, Blocker, Saboteur

Bewertungsskala: - +2 (Sehr positiv): Aktiver Promotor - +1 (Positiv): Befürworter - 0 (Neutral): Unentschieden - -1 (Negativ): Skeptisch - -2 (Sehr negativ): Aktiver Opponent

3. Erwartungs- und Interessenanalyse

Was sind Erwartungen?

Was der Stakeholder vom Projekt erwartet, befürchtet oder hofft.

Kategorien von Erwartungen:

Kategorie Fragen Beispiele
Ergebnis-Erwartungen Was ist das gewünschte Ergebnis? Höhere Produktivität, Kostensenkung, Compliance
Prozess-Erwartungen Wie soll der Ablauf sein? Reibungslos, transparent, mit Einbindung
Beziehungs-Erwartungen Welche Beziehung zum Projekt? Als Partner, als Kunde, als Kontrolleur
Befürchtungen Was wird befürchtet? Kontrollverlust, Jobverlust, Technologie-Risiko
Interessen Was ist der persönliche Nutzen? Karriere, Recognition, Macht, Prestige

📊 Stakeholder-Register

Struktur eines Stakeholder-Registers

ID Stakeholder Rolle Macht Einstellung Erwartungen Einfluss Priorität
S1 CFO Sponsor 5 +1 ROI, Compliance Budget-Entscheider Hoch
S2 Betriebsrat Stakeholder 4 -1 Mitbestimmung Blocker Hoch
S3 CIO Sponsor 5 +2 Innovation Tech-Entscheider Hoch
S4 Vertriebsleiter Anwender 3 0 Sales-Features Feedback-Gebier Mittel
S5 Auditoren Überwacher 3 -1 Audit-Trail Compliance-Checker Mittel
S6 Key User (IT) Anwender 2 +2 Ease of use Promotor Mittel

Beispiel-vollständiges Stakeholder-Register

Projekt: ERP-Einführung

ID Stakeholder Rolle Macht (1-5) Einstellung (-2 bis +2) Erwartungen Befürchtungen Priorität
S1 CFO Sponsor 5 +1 ROI, Budgeteinhaltung Kostenüberschreitung Hoch
S2 CIO Sponsor 5 +2 Innovation, Skalierbarkeit Technische Obsoleszenz Hoch
S3 Betriebsratsvorsitzender Stakeholder 4 -1 Mitbestimmung, Datenschutz Kontrollverlust, Jobverlust Hoch
S4 Vertriebsleiter Anwender 3 0 Sales-Integration Zeitaufwand, Komplexität Mittel
S5 IT-Security-Manager Überwacher 3 -1 Security, Pen-Tests Security-Risiko, Compliance Mittel
S6 Key User (Vertrieb) Anwender 2 +2 Ease of use, Features Schlechtes UX, Performance Mittel
S7 Datenschutzbeauftragter Regulator 3 -1 DSGVO-Konformität Verstöße, Bußgelder Hoch
S8 Implementierungs-Partner Lieferant 2 +1 Zeitplan, Qualität Verzögerungen, Mehraufwand Niedrig
S9 Auditing-Team Überwacher 2 -1 Audit-Trail, Reporting Daten-Verlust, Fehl-Reporting Mittel
S10 Endanwender (100+) Anwender 1 0 Stabilität, Performance Systemausfall, Bugs Niedrig

🎯 Kraftfeldanalyse (Vier-Felder-Matrix)

Grundprinzip

Die Kraftfeldanalyse visualisiert Stakeholder in einem 2D-Diagramm: - X-Achse: Einstellung (negativ → positiv) - Y-Achse: Macht/Einfluss (niedrig → hoch)

Die vier Quadranten

Quadrant Macht Einstellung Typ Strategie
Quadrant 1: Promotoren Hoch Positiv Promotoren Verstärken, als Botschafter nutzen
Quadrant 2: Opponenten Hoch Negativ Opponenten Diskutiv überzeugen, Risikominimierung
Quadrant 3: Unentschiedene Hoch Neutral Unentschiedene Aufklären, Argumente liefern
Quadrant 4: Befürworter Niedrig Positiv Befürworter Informieren, Unterstützung ausbauen
Quadrant 5: Skeptiker Niedrig Negativ Skeptiker Beobachten, überwachen
Quadrant 6: Gleichgültige Niedrig Neutral Gleichgültige Beobachten, minimal informieren

Kraftfeldanalyse-Diagramm

Macht/Einfluss
     ↑
  5  | [Promotoren]      [Opponenten]
     |  Quadrant 1        Quadrant 2
  3  |                   [Unentschiedene]
     |  [Befürworter]    Quadrant 3
  1  |  Quadrant 4
     +--------------------------→ Einstellung
       -2   -1    0   +1   +2
                     [Skeptiker]  [Gleichgültige]

Praktisches Beispiel

Stakeholder-Verteilung im ERP-Projekt:

    Macht ↑
       5  |  CIO (+2)             Betriebsrat (-1), DS-Beauftragter (-1)
          |  S3                   S7, S3
       3  |                       CTO (0)
          |  Key User (+2)        Security-Manager (-1)
       1  |  S6                   S5
          +------------------------------------------→ Einstellung
          -1    0    +1    +2
          Skeptiker    Unentschiedene    Promotoren

Interpretation der Quadranten

Quadrant 1: Promotoren (Hoch/Positiv) - Strategie: Verstärken und nutzen - Maßnahmen: Als Botschafter einsetzen, in Präsentationen zitieren, frühzeitig Feedback einholen - Ziel: Promotoren zu "Champions" machen

Quadrant 2: Opponenten (Hoch/Negativ) - Strategie: Diskutiv überzeugen, Risikominimierung - Maßnahmen: 1:1-Gespräche, Vorbehalte ernst nehmen, Kompromisse finden, FUD (Fear, Uncertainty, Doubt) reduzieren - Ziel: Opponenten zu Neutralen wandeln

Quadrant 3: Unentschiedene (Hoch/Neutral) - Strategie: Aufklären, überzeugen - Maßnahmen: Fakten liefern, Vor- und Nachteile kommunizieren, Trial/Pilot anbieten - Ziel: Unentschiedene zu Befürwortern machen

Quadrant 4: Befürworter (Niedrig/Positiv) - Strategie: Informieren, unterstützen - Maßnahmen: Regelmäßige Updates, Feedback-Kanäle, Anerkennung - Ziel: Befürworter aktiv halten

Quadrant 5: Skeptiker (Niedrig/Negativ) - Strategie: Beobachten, überwachen - Maßnahmen: Monitoring, keine übermäßige Kommunikation (Zeitverschwendung) - Ziel: Vermeidung von Eskalation

Quadrant 6: Gleichgültige (Niedrig/Neutral) - Strategie: Minimal informieren - Maßnahmen: Newsletter, standardisierte Updates - Ziel: Gleichgültige bleiben gleichgültig

📊 Bewertungsmethoden

1. Scoring-Systeme

Matrix-Score:

Stakeholder Macht (1-5) Einstellung (-2 bis +2) Score (M×E) Priorität
CFO 5 +1 +5 Hoch
Betriebsrat 4 -1 -4 Hoch
CIO 5 +2 +10 Sehr hoch
Vertriebsleiter 3 0 0 Mittel
Key User 2 +2 +4 Mittel

Interpretation: - Score > 5: Hoch-Priorität (Promotoren stärken) - Score < -3: Hoch-Priorität (Opponenten überzeugen) - Score zwischen -3 und +3: Niedrig-Priorität

2. Einfluss-vs-Auswirkungs-Matrix

Auswirkung ↑
     5  |  Prioritätsquadrant      Prioritätsquadrant
        |  (Einfluss: Hoch)        (Einfluss: Hoch)
     3  |  Sofortiges Handeln      Sofortiges Handeln
        |
     1  |  Überwachen              Überwachen
        +--------------------------------→ Einfluss
           1    2    3    4    5

3. Macht-Interesse-Matrix (Mendelow's Matrix)

Macht ↑
   5  |  Manage Closely           Keep Satisfied
      |  Hoch/Mittel              Hoch/Niedrig
   3  |
      |  Monitor                  Keep Informed
   1  |  Niedrig/Mittel           Niedrig/Niedrig
      +--------------------------------→ Interesse
         1    2    3    4    5

🛠️ Praktische Vorgehensweise

Workshop-Format (6 Stunden)

Teilnehmer: 5-8 Projektteam-Mitglieder + Stakeholder-Experten

Agenda:

1. Einleitung (30 Min) - Ziel der Analyse - Methoden erklären

2. Macht-Analyse (90 Min) - Jeden Stakeholder nach Macht einstufen (1-5) - Diskussion und Konsens

3. Einstellungs-Analyse (90 Min) - Einstellung bewerten (-2 bis +2) - Vorbehalte und Befürchtungen dokumentieren

4. Erwartungs-Analyse (90 Min) - Erwartungen und Interessen notieren - Befürchtungen identifizieren

5. Quadranten-Zuordnung (60 Min) - Stakeholder in Matrix einordnen - Strategien pro Quadrant definieren

6. Stakeholder-Register erstellen (60 Min) - Ergebnisse tabellarisch dokumentieren - Owner zuweisen

Kontinuierliche Aktualisierung

Die Stakeholder-Analyse ist nicht statisch. Aktualisieren Sie monatlich oder bei: - Projektphasen-Übergängen - Organisationsänderungen - Budget- oder Personalwechseln - Stakeholder-Reaktionen (positiv/negativ)

💡 Berater-Tipps

Tipp 1: Macht ist nicht immer formell

Die gefährlichsten Opponenten sind oft nicht formal mächtig, aber durch Netzwerke und Expertise stark. Identifiziere diese "Dark Matter"-Stakeholder durch Interviews und Social Network Analysis.

Tipp 2: Einstellungen ändern sich

Ein Opponent heute kann ein Promotor morgen sein. Macht-Einstellungs-Tracking ist kein One-Time-Event, sondern ein kontinuierlicher Prozess.

!!! tip "Tipp 3: Konzentriere dich auf die "Schwelle"** Unentschiedene (Neutral/Hoch) sind die niedrig hängenden Früchte. Wenig Aufwand für großen Effekt. Investiere hier Ressourcen.

Tipp 4: Erwartungen sind der Schlüssel

Macht und Einstellung sind ungenügend ohne Erwartungen. Was will der Stakeholder wirklich? Befürchtungen sind oft stärker als Erwartungen.

⚠️ Häufige Fehler vermeiden

Fehler 1: Nur Macht, keine Einstellung

Das Problem: Fokus nur auf formale Macht, Einstellung ignoriert. Die Lösung: Macht und Einstellung sind beide kritisch. Ein mächtiger Opponent ist gefährlicher als ein schwacher Promotor.

Fehler 2: Statische Einschätzung

Das Problem: Stakeholder werden einmal bewertet und nie aktualisiert. Die Lösung: Monatliche Updates. Projektphasen verändern Macht und Einstellung.

Fehler 3: Keine Erwartungs-Dokumentation

Das Problem: Nur Score, keine Details zu Erwartungen/Befürchtungen. Die Lösung: Für jeden Stakeholder mindestens 3 Erwartungen und 3 Befürchtungen dokumentieren.

Fehler 4: Gleichbehandlung aller Quadranten

Das Problem: Alle Stakeholder gleich kommunizieren. Die Lösung: Quadranten-spezifische Strategien anwenden.

🔗 Verknüpfung zu anderen Modulen

  • Modul 03.3 (Stakeholder-Identifikation): Identifikation ist Vorläufer der Analyse
  • Modul 03.5 (Strategien): Analyse-Ergebnisse sind Grundlage für Strategien
  • Modul 03.6 (Kommunikation): Analyse-Ergebnisse bestimmen Kommunikationsplan
  • Modul 04 (Kommunikation): Kommunikationsmatrix basiert auf Stakeholder-Analyse

📊 Zusammenfassung

Aspekt Kernbotschaft
Dreiklang Macht, Einstellung und Erwartungen müssen alle analysiert werden
Kraftfeldanalyse Vier-Felder-Matrix ist das zentrale Werkzeug
Strategische Priorisierung Fokus auf Hoch-Priorität-Stakeholder (Promotoren und Opponenten)
Kontinuierlich Analyse ist nicht statisch – monatliche Updates
Berater-Wert IT-Berater verstehen, wie Stakeholder beeinflussen werden und wie man diese Einflussnahme proaktiv managt