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Kundenakquise und Bedarfsanalyse

Lernziele

Abschnitt: Kundenakquise Lesezeit: ~12 Min Fokus: Latenter vs. Konkreter Bedarf, Akquiseprozess, Erstgespräch, Fragetechniken

Kundenakquise im IT-Bereich

Besonderheiten der IT-Kundenakquise

Die Kundenakquise im IT-Bereich unterscheidet sich signifikant von anderen Branchen:

Faktor IT-spezifische Besonderheit Auswirkung auf Akquise
Komplexität IT-Projekte sind technisch komplex Expertenwissen erforderlich, Vertrauensaufbau
Entscheidungszyklen Lange Entscheidungsprozesse Geduld, Multi-Level-Besuche
Investitionsvolumen Hohe Investitionen Finanzierungskonzepte, ROI-Nachweis
Technologiewandel Schnelle Veränderungen Kontinuierliche Weiterbildung
Beratungsbedarf Kunden benötigen Beratung Lösungsorientierte Ansprache
Vertrauen Vertrauen ist entscheidend Referenzen, Zertifikate, Long-term-Relationships

Der Akquiseprozess

Der Akquiseprozess im IT-Bereich gliedert sich in folgende Phasen:

1. Prospektierung
   ↓
2. Erstkontakt
   ↓
3. Erstgespräch
   ↓
4. Bedarfsanalyse
   ↓
5. Angebotserstellung
   ↓
6. Verhandlung
   ↓
7. Abschluss
   ↓
8. Kunden-Integration

1. Prospektierung (Lead Generation)

Methoden zur Lead-Generierung

Methode Beschreibung IT-spezifische Anwendung
Inbound Marketing Kunden kommen durch Content Technical Blog, Webinare, Whitepapers
Outbound Sales Aktive Kontaktaufnahme Cold Calls, E-Mails, LinkedIn
Events & Konferenzen Präsenz bei Fachveranstaltungen Tech-Konferenzen, Hackathons
Referrals Empfehlungen durch Kunden Kunden empfehlen Unternehmen
Partnerschaften Kooperation mit Partnern Systemintegratoren, Hardware-Anbieter
Social Media Online-Präsenz LinkedIn, Twitter, GitHub

Qualifizierung von Leads

BANT-Framework:

  • B (Budget): Hat der Kunde ein Budget?
  • A (Authority): Hat der Kontakt Entscheidungsbefugnis?
  • N (Need): Besteht ein Bedarf?
  • T (Timing): Wann wird entschieden?

IT-spezifische Ergänzung:

  • T (Technology): Technologie-Stand, Systemlandschaft
  • C (Compliance): Compliance-Anforderungen

Lead-Scoring:

Bewertung von Leads nach Kriterien:

Kriterium Punkte
Umsatz des Unternehmens > 100 Mio. € = 5, 10-100 Mio. € = 3, < 10 Mio. € = 1
Kontaktrolle C-Level = 5, Manager = 3, Mitarbeiter = 1
Technologie-Stack Modern = 3, Legacy = 1
Interesse Hoch = 5, Mittel = 3, Gering = 1

2. Erstkontakt

Methoden

Methode Vor- und Nachteile
Cold Calling ✔️ Direkter Kontakt
❌ Geringe Erfolgsquote (1-3%)
Cold E-Mail ✔️ Skalierbar, gut dokumentierbar
❌ Geringe Öffnungsrate
LinkedIn ✔️ Profilsicht, professionell
❌ Weniger persönlich
Networking ✔️ Vertrauensaufbau
❌ Zeitaufwendig

Best Practices

Cold Calling

  • Vorbereitung: Recherche zum Unternehmen
  • Einstieg: Kurz, persönlich, wertorientiert
  • Pitch: Problem-Lösungs-Ansatz
  • Ziel: Gesprächstermin, nicht sofortiger Verkauf

Beispiel-Einstieg:

"Hallo Herr Müller, ich rufe an, weil ich gesehen habe, dass Ihr Unternehmen gerade digitalisiert. Viele mittelständische Unternehmen haben dabei Probleme mit der Datenintegration. Wir haben Lösungen, die diese Probleme in 3 Monaten lösen. Haben Sie 5 Minuten Zeit, um darüber zu sprechen?"

Cold E-Mail

  • Subject Line: Kurz, personalisiert, wertorientiert
  • Body: Kurz, relevant, CTA (Call to Action)
  • Personalisierung: Name des Kontakts, Unternehmensspezifisches

Beispiel:

Betreff: Digitalisierungsherausforderungen bei [Unternehmen]

Hallo [Name],

ich habe gesehen, dass [Unternehmen] gerade digitalisiert. Viele KMUs haben dabei Probleme mit der Datenintegration.

Wir haben [Unternehmen] geholfen, die Datenintegration in 3 Monaten zu optimieren und Kosten um 30% zu senken.

Wäre Ihnen ein kurzer Call am [Datum] oder [Datum] willkommen?

Beste Grüße, [Name]


3. Erstgespräch

Ziele des Erstgesprächs

  1. Vertrauen aufbauen: Kundenbeziehung etablieren
  2. Problemverständnis: Kundenprobleme verstehen
  3. Machbarkeitsprüfung: Prüfen, ob wir helfen können
  4. Next Steps: Vereinbarung für weitere Schritte

Vorbereitung auf das Erstgespräch

Datenanalyse zur Gesprächsvorbereitung

Quellen: - Website: Unternehmen, Produkte, Vision, Mission - Social Media: LinkedIn, Twitter, Facebook - Jahresberichte: Strategie, Finanzen - News/Presse: Aktuelle Entwicklungen - Branchenanalysen: Trends, Wettbewerber

Checkliste: - [ ] Unternehmenswebsite analysiert - [ ] Social Media geprüft - [ ] Letzte News und Entwicklungen recherchiert - [ ] Wettbewerber identifiziert - [ ] Fragen vorbereitet - [ ] Präsentationsmaterialien vorbereitet

Erhebungsmethoden im Erstgespräch

Methode Beschreibung Beispiel
Offene Fragen Fragen, die nicht mit Ja/Nein beantwortet werden können "Welche Herausforderungen haben Sie bei der Digitalisierung?"
Geschlossene Fragen Fragen mit Ja/Nein-Antworten "Haben Sie bereits Cloud-Services?"
Suggestivfragen Fragen, die Antwort nahelegen "Würden Sie KI nicht auch sinnvoll finden?"
Reflexive Fragen Rückfragen, um Verständnis zu prüfen "Verstehe ich das richtig, dass...?"
Hypothetische Fragen Fragen nach hypothetischen Szenarien "Was wäre, wenn wir das Problem in 3 Monaten lösen könnten?"

Fragetechniken

Die 5 Ws + H:

  • Was: Was ist das Problem?
  • Warum: Warum ist das Problem wichtig?
  • Wer: Wer ist betroffen?
  • Wann: Wann ist es aufgetreten?
  • Wo: Wo tritt das Problem auf?
  • Wie: Wie wird das Problem gelöst?

Beispiel-Dialog:

Berater: "Welche Herausforderungen haben Sie bei der Digitalisierung?" (Was) Kunde: "Unsere Prozesse sind langsam." Berater: "Warum ist das ein Problem für Sie?" (Warum) Kunde: "Wir verlieren Kunden an Wettbewerber." Berater: "Wer ist davon betroffen?" (Wer) Kunde: "Die Produktionsabteilung und die Kunden." Berater: "Wann ist das Problem aufgetreten?" (Wann) Kunde: "Seit dem letzten Upgrade vor 6 Monaten." Berater: "Wie könnte das Problem gelöst werden?" (Wie) Kunde: "Wir suchen nach einer Cloud-Lösung."

Ablauf des Erstgesprächs

1. Einstieg (5-10 Minuten)

  • Small Talk zur Beziehungsaufnahme
  • Vorstellung der eigenen Rolle
  • Zielsetzung des Gesprächs

Beispiel-Einstieg:

"Hallo Frau Schmidt, schön, dass wir uns heute treffen. Ich bin [Name], Senior Berater bei [Unternehmen]. Unser Ziel heute ist es zu verstehen, welche Herausforderungen Sie bei der Digitalisierung haben und wie wir Ihnen helfen können."

2. Bedarfsabfrage (20-30 Minuten)

  • Offene Fragen zum Problem
  • Zuhören und Notizen machen
  • Vertiefende Fragen stellen

Beispiel-Fragen:

  • "Welche Herausforderungen haben Sie aktuell bei der Digitalisierung?"
  • "Was sind die größten Schmerzpunkte?"
  • "Wie beeinflusst das Problem Ihre Kunden?"
  • "Was haben Sie bereits probiert?"

3. Lösungsvorschläge (10-15 Minuten)

  • Kurze Präsentation eigener Lösungen
  • Bezug auf Kundenprobleme
  • Keine Detaildiskussionen, nur Überblick

Beispiel:

"Auf Basis dessen, was Sie gesagt haben, denke ich, dass unsere Cloud-Migration-Lösung für Sie sinnvoll ist. Wir haben ähnlichen Unternehmen geholfen, die Effizienz um 30% zu steigern. Soll ich Ihnen kurz den Prozess erklären?"

4. Next Steps (5-10 Minuten)

  • Vereinbarung weiterer Schritte
  • Klärung von Verantwortlichkeiten
  • Terminvereinbarung

Beispiel:

"Zusammenfassend sehe ich Potenzial, Ihnen zu helfen. Ich würde vorschlagen, dass wir eine detaillierte Bedarfsanalyse durchführen. Dafür müssten wir mit Ihren Produktions- und IT-Teams sprechen. Wäre Ihnen ein Termin nächste Woche möglich?"

Ergebnisse des Erstgesprächs

Dokumentation:

  • Kundenprofil: Größe, Branche, Herausforderungen
  • Probleme: Identifizierte Probleme
  • Lösungsansätze: Mögliche Lösungen
  • Next Steps: Vereinbarte Schritte
  • Zuständigkeiten: Wer macht was?

Follow-Up:

  • E-Mail-Zusammenfassung des Gesprächs
  • Materialien senden (Whitepapers, Case Studies)
  • Terminvereinbarung für weiteres Gespräch

4. Bedarfsanalyse

Arten des Bedarfs

Art Beschreibung Beispiel
Latenter Bedarf Kunde hat Problem, kennt es aber nicht Unternehmen hat ineffiziente Prozesse, ist sich aber nicht bewusst
Konkreter Bedarf Kunde sucht aktiv nach Lösung Unternehmen möchte ERP-System einführen
Erwünschter Bedarf Kunde wünscht Lösung, kennt das Problem aber nicht Unternehmen möchte Innovation, ohne spezifisches Ziel

Prozess der Bedarfsanalyse

Schritt 1: Einwilligung

Datenschutz und Compliance:

  • Datenschutz-Informationen bereitstellen
  • Einwilligung zur Datenerhebung
  • Vertraulichkeitsvereinbarungen

Beispiel:

"Bevor wir beginnen, möchte ich Ihnen kurz den Datenschutz erklären. Wir erheben Daten nur zu Zwecken des Projekts und speichern sie sicher. Sie können jederzeit widersprechen. Ist das für Sie okay?"

Schritt 2: Gezielte Fragen

Technik:

  • Offene Fragen starten
  • Hypothetische Fragen verwenden
  • Szenario-Basierte Fragen

Beispiel-Fragen:

  • "Was wäre, wenn Sie Ihre Prozesse in der Hälfte der Zeit durchführen könnten?"
  • "Wie würde das Ihre Kunden beeinflussen?"
  • "Was wäre für Sie der beste Fall?"

Schritt 3: Kaufmotive ermitteln

Kaufmotiv-Typen:

Typ Beschreibung Beispiel
Rational Logische Gründe, wie Kosten, Effizienz "Ich möchte Kosten senken"
Emotional Gefühlsmäßige Gründe, wie Sicherheit, Status "Ich möchte innovativ sein"
Sozial Soziale Gründe, wie Anerkennung, Wettbewerb "Ich will nicht hinter Wettbewerbern zurückfallen"

Ermittlung:

  • "Warum ist das wichtig für Sie?"
  • "Was passiert, wenn Sie das Problem nicht lösen?"
  • "Wer wird davon profitieren?"

Schritt 4: Zusammenfassung und Dokumentation

Dokumentation:

  • Zusammenfassung des Gesprächs
  • Identifizierte Bedürfnisse
  • Priorisierung der Bedürfnisse
  • Vorgeschlagene Lösungen

Beispiel-Zusammenfassung:

"Hallo Herr Müller, danke für das Gespräch. Zusammenfassend habe ich verstanden, dass Sie: 1. Ihre Prozesse beschleunigen möchten 2. Kosten senken möchten 3. Ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken möchten

Ich werde Ihnen in den nächsten 2-3 Tagen ein Angebot senden. Haben Sie noch Fragen?"


🎯 Praxisaufgabe

Aufgabe: Erstgespräch simulieren

Wählen Sie ein fiktives IT-Projekt (z. B. Cloud-Migration, KI-Implementation):

  1. Vorbereitung auf das Erstgespräch (Recherche, Fragen)
  2. Simulation des Erstgesprächs (Einstieg, Bedarfsabfrage, Lösungsvorschläge, Next Steps)
  3. Dokumentation der Ergebnisse (Probleme, Lösungsvorschläge, Next Steps)
  4. Erstellung einer Follow-Up-E-Mail

Template für Erstgespräch:

Vorbereitung:
- Kundeninformationen: ???
- Ziele des Gesprächs: ???
- Fragen vorbereitet:
  1. ???
  2. ???
  3. ???

Gesprächsverlauf:
1. Einstieg (Small Talk, Vorstellung)
   ???
2. Bedarfsabfrage (Fragen, Zuhören)
   ???
3. Lösungsvorschläge (Präsentation, Reaktion)
   ???
4. Next Steps (Vereinbarung, Verantwortlichkeiten)
   ???

Ergebnisse:
- Kundenprofil: ???
- Probleme: ???
- Lösungsvorschläge: ???
- Next Steps: ???

📋 Checkliste für IT-Berater

Bei der Kundenakquise:

  • Haben wir den Kunden prospektiert (Lead Generation)?
  • Haben wir den Lead qualifiziert (BANT)?
  • Haben wir den Erstkontakt professionell durchgeführt?
  • Haben wir das Erstgespräch vorbereitet (Recherche, Fragen)?
  • Haben wir offene Fragen verwendet?
  • Haben wir Kaufmotive ermittelt?
  • Haben wir die Ergebnisse dokumentiert?
  • Haben wir einen Follow-Up geplant?
  • Haben wir die Datenschutzanforderungen erfüllt?
  • Haben wir Vertrauen aufgebaut?

🔑 Schlüsselbegriffe

Begriff Erklärung
Kundenakquise Prozess der Neukundengewinnung
Latenter Bedarf Problem exists, but customer is unaware
Konkreter Bedarf Customer seeks solution
Kaufmotiv Grund für Kaufentscheidung (rational, emotional, sozial)
Lead Generation Prozess der Generierung von Leads
BANT-Framework Budget, Authority, Need, Timing – Lead-Qualifizierung
Lead Scoring Bewertung von Leads nach Kriterien
Cold Calling Ungewünschter Telefonanruf zur Akquise
Cold E-Mail Ungewünschte E-Mail zur Akquise
Erstgespräch Erstes Gespräch mit potenziellem Kunden
Offene Fragen Fragen, die nicht mit Ja/Nein beantwortet werden können
Geschlossene Fragen Fragen mit Ja/Nein-Antworten
Suggestivfragen Fragen, die Antwort nahelegen
Reflexive Fragen Rückfragen, um Verständnis zu prüfen
Follow-Up Nachfass-Kommunikation nach Gespräch
Datenschutz Schutz personenbezogener Daten
Compliance Einhaltung von gesetzlichen Anforderungen
Einwilligung Zustimmung zur Datenerhebung