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Porter's Five Forces und Wettbewerbsstrategien

Lernziele

Abschnitt: Wettbewerbsanalyse Lesezeit: ~12 Min Fokus: Branchenattraktivität, Five Forces, Wettbewerbsstrategien

Porter's Five Forces

Die Five Forces-Analyse von Michael Porter ist ein Framework zur Bewertung der Branchenattraktivität durch die Analyse von fünf Wettbewerbskräften.

Die fünf Kräfte

                 Bedrohung durch neue Wettbewerber
                         (Threat of New Entrants)
                             ↑ ↓
        Rivalität ←─────────────┼─────────────→ Verhandlungsmacht der
        unter           Kunden  │           Kunden
        Wettbewerbern           ↓         (Bargaining Power of Buyers)
                              ─┼─
                               │
   Verhandlungsmacht           │
   der Lieferanten ←───────────┼───────────→ Bedrohung durch
  (Bargaining Power            │           Ersatzprodukte
   of Suppliers)               │        (Threat of Substitutes)

1. Rivalität unter den bestehenden Wettbewerbern

Definition

Die Rivalität unter Wettbewerbern misst die Intensität des Wettbewerbs zwischen existierenden Marktteilnehmern.

Einflussfaktoren

Faktor Hohe Rivalität (unattraktiv) Niedrige Rivalität (attraktiv)
Anzahl Wettbewerber Viele Anbieter Wenige Anbieter
Marktwachstum Stagnierend oder schrumpfend Stark wachsend
Produkt-/Service-Differenzierung Gering (Standardprodukte) Hoch (spezifische Produkte)
Wechselkosten Niedrig Hoch
Kostenstruktur Hohe Fixkosten → Preiswettbewerb Niedrige Fixkosten
Kapazitätsauslastung Überkapazitäten Ausgelastete Kapazitäten
Diversifikationsgrad Hohes Zielsetzungsrisiko Geringes Zielsetzungsrisiko

IT-spezifische Beispiele

Hohe Rivalität: - Cloud-Speicher (Standard-Produkte): Google Drive, Dropbox, OneDrive – niedrige Wechselkosten, Standardisierung - Webhosting: Tausende Anbieter, Preiswettbewerb, niedrige Differenzierung - Software-Entwicklung (Outsourcing): Globale Konkurrenz, Kostenfokus

Niedrige Rivalität: - Spezialisierte IT-Services: Nische (z. B. Software für Radiologen) – hohe Differenzierung - Enterprise-Sicherheit (Cybersecurity): Hohe Wechselkosten, Vertrauensbasis - Kritische Infrastruktur: Nur wenige Anbieter können Anforderungen erfüllen

Strategische Implikationen

  • Bei hoher Rivalität: Fokus auf Differenzierung, Kostenführerschaft oder Nischenstrategie
  • Bei niedriger Rivalität: Marktpositionierung als Premium-Anbieter, höhere Margen

2. Bedrohung durch neue Wettbewerber

Definition

Die Bedrohung durch neue Wettbewerber misst, wie leicht neue Marktteilnehmer in den Markt eintreten können.

Einflussfaktoren

Eintrittsbarriere Hohe Bedrohung (unattraktiv) Niedrige Bedrohung (attraktiv)
Kapitalbedarf Niedrig (geringe Investitionen) Hoch (hohe Investitionen)
Größenvorteile Gering (keine Skaleneffekte) Hoch (starke Skaleneffekte)
Erfahrungskurven Flach (keine Kostenreduktion durch Erfahrung) Steil (hohe Kostenreduktion)
Zugang zu Distribution Einfach (Online-Sales) Schwierig (exklusive Partner)
Regulatorische Hürden Gering (keine Lizenzen nötig) Hoch (Zertifizierungen, Compliance)
Kundenbindung Niedrige Wechselkosten Hohe Wechselkosten
Marktgröße Groß (viel Platz für neue Anbieter) Klein (gesättigt)
Switching Costs Niedrig (Kunden können leicht wechseln) Hoch (teurer Wechsel)

IT-spezifische Beispiele

Hohe Bedrohung (niedrige Eintrittsbarrieren): - Webentwicklung: Niedriger Kapitalbedarf, keine Regulierungen, Online-Vertrieb möglich - SaaS-Start-ups: Cloud-Infrastruktur als Service, geringe Startkosten - Mobile App-Entwicklung: Niedrige Eintrittsbarrieren, viele Tools

Niedrige Bedrohung (hohe Eintrittsbarrieren): - Telekommunikations-Infrastruktur: Milliardeninvestitionen, Lizenzen, Regulierungen - Enterprise ERP (SAP): Hohe Integrationskosten, Erfahrungskurven, Kundenbindung - Kritische Sicherheits-Services: Zertifizierungen (ISO 27001), Vertrauensbasis, Compliance

Strategische Implikationen

  • Bei hoher Bedrohung: Aufbau von Markteintrittsbarrieren (z. B. durch Lock-in-Effekte, Markenbildung)
  • Bei niedriger Bedrohung: Positionierung als Premium-Provider mit hoher Margen

3. Bedrohung durch Ersatzprodukte

Definition

Die Bedrohung durch Ersatzprodukte misst, wie leicht Kunden das Produkt durch Alternativen ersetzen können.

Einflussfaktoren

Faktor Hohe Bedrohung (unattraktiv) Niedrige Bedrohung (attraktiv)
Preis-Leistungs-Verhältnis Besser bei Ersatzprodukten Schlechter bei Ersatzprodukten
Wechselkosten Niedrig Hoch
Kundenzufriedenheit Ersatzprodukte sind attraktiv Ersatzprodukte sind unattraktiv
Verfügbarkeit Hohe Verfügbarkeit Geringe Verfügbarkeit
Technologie-Entwicklung Schnelle Entwicklung neuer Alternativen Langsame Entwicklung

IT-spezifische Beispiele

Hohe Bedrohung durch Ersatzprodukte: - On-Premise-Software → Cloud-SaaS: Kunden migrieren zur Cloud (z. B. Office 365) - E-Mail-Dienst → Kommunikations-Plattformen: Slack, Teams ersetzen E-Mail - Lizenz-Software → Open-Source: Kunden nutzen Open-Source-Alternativen - Eigene IT → Managed Services: Unternehmen lagern IT aus

Niedrige Bedrohung durch Ersatzprodukte: - Kritische Systeme (z. B. Bank-Software): Hohe Wechselkosten, Regulierung - Spezialisierte Branchenlösungen: Keine gute Alternativen - Sicherheits-Services: Kunden bevorzugen vertraute Provider

Strategische Implikationen

  • Bei hoher Bedrohung: Differenzierung, Integration, Lock-in, Innovation
  • Bei niedriger Bedrohung: Premium-Positionierung, hohe Margen

4. Verhandlungsmacht der Kunden (Buyer Power)

Definition

Die Verhandlungsmacht der Kunden misst, wie stark Kunden Preise und Konditionen beeinflussen können.

Einflussfaktoren

Faktor Hohe Macht (unattraktiv) Niedrige Macht (attraktiv)
Kaufvolumen Großes Volumen pro Kunde Kleines Volumen
Anzahl Kunden Wenige große Kunden Viele kleine Kunden
Standardisierung Produkte sind standardisiert Produkte sind spezifisch
Wechselkosten Niedrig Hoch
Transparenz Hohe Preis-/Qualitätstransparenz Geringe Transparenz
Profitabilität des Kunden Kunden haben niedrige Margen Kunden haben hohe Margen
Integrationsgrad Kunden integrieren rückwärts (z. B. eigene IT) Kunden haben keine Integrationsmöglichkeit

IT-spezifische Beispiele

Hohe Kundenmacht: - Standard-Cloud-Services: Große Kunden (z. B. DAX-Konzerne) haben hohes Volumen, können Preise verhandeln - Commodity-Services (Hosting, Storage): Standardisierte Services, niedrige Wechselkosten - Outsourcing-Dienstleistungen: Wenige große Kunden, hohes Volumen

Niedrige Kundenmacht: - Spezialisierte Beratungsleistungen: Hohe Differenzierung, niedrige Wechselkosten für Kunden? Nein, hohe Wechselkosten, da Kunden an Provider gebunden sind - Kritische Sicherheits-Services: Vertrauensbasis, hohe Switching Costs - Nischensoftware: Nur wenige Anbieter, Kunden abhängig

Strategische Implikationen

  • Bei hoher Kundenmacht: Differenzierung, hohe Servicequalität, Langzeitverträge, Integration
  • Bei niedriger Kundenmacht: Premium-Positionierung, höhere Margen

5. Verhandlungsmacht der Lieferanten (Supplier Power)

Definition

Die Verhandlungsmacht der Lieferanten misst, wie stark Lieferanten Preise und Konditionen beeinflussen können.

Einflussfaktoren

Faktor Hohe Macht (unattraktiv) Niedrige Macht (attraktiv)
Anzahl Lieferanten Wenige Lieferanten Viele Lieferanten
Einzigartigkeit Einzigartige Produkte Standardisierte Produkte
Wechselkosten Hohe Wechselkosten für Kunde Niedrige Wechselkosten
Integrationsgrad Lieferanten integrieren vorwärts (z. B. eigenes Sales) Keine Integration
Kaufvolumen des Lieferanten Lieferant hat viele Kunden Lieferant abhängig von Kunden
Abhängigkeit Kunde stark abhängig Kunde nicht abhängig

IT-spezifische Beispiele

Hohe Lieferantenmacht: - Hochspezialisierte Hardware (z. B. NVIDIA-Chips für KI): Nur wenige Lieferanten, hohe Nachfrage - Spezialisierte Lizenzen (z. B. SAP): Einzigartige Software, keine Alternativen - Cloud-Infrastruktur (AWS, Azure, Google): Wenige große Anbieter

Niedrige Lieferantenmacht: - Commodity-Hardware (Standard-Server, Speicher): Viele Lieferanten, Standardisierung - Open-Source-Software: Keine Lieferantenabhängigkeit - Standard-Services (z. B. Hosting): Viele Anbieter, niedrige Wechselkosten

Strategische Implikationen

  • Bei hoher Lieferantenmacht: Diversifizierung, Langzeitverträge, Partnerschaften, eigene Entwicklung
  • Bei niedriger Lieferantenmacht: Optimierung der Lieferantenbeziehungen, Kostensenkung

Bewertung der Branchenattraktivität

Scoring-Matrix

Bewerten Sie jede der fünf Kräfte auf einer Skala von 1 (sehr niedrig) bis 5 (sehr hoch):

Kraft Score Interpretation
1. Rivalität ? 1-2: attraktiv, 3: neutral, 4-5: unattraktiv
2. Bedrohung durch neue Wettbewerber ? 1-2: attraktiv, 3: neutral, 4-5: unattraktiv
3. Bedrohung durch Ersatzprodukte ? 1-2: attraktiv, 3: neutral, 4-5: unattraktiv
4. Verhandlungsmacht der Kunden ? 1-2: attraktiv, 3: neutral, 4-5: unattraktiv
5. Verhandlungsmacht der Lieferanten ? 1-2: attraktiv, 3: neutral, 4-5: unattraktiv

Gesamt-Score: Summe / 5 = Durchschnitt

  • < 2.5: Sehr attraktive Branche
  • 2.5 - 3.5: Moderat attraktiv
  • > 3.5: Unattraktive Branche

Beispiel: Cloud-Services-Branche

Kraft Score Begründung
1. Rivalität 4 Hoher Preiswettbewerb, viele Anbieter
2. Bedrohung durch neue Wettbewerber 2 Hohe Eintrittsbarrieren (Skaleneffekte)
3. Bedrohung durch Ersatzprodukte 2 Cloud ist Zukunft, On-Premise verliert Bedeutung
4. Verhandlungsmacht der Kunden 3 Große Kunden haben Macht, kleine nicht
5. Verhandlungsmacht der Lieferanten 4 Nur drei Haupt-Provider (AWS, Azure, Google)

Gesamt-Score: 15/5 = 3.0 → Moderat attraktiv


Porter's Wettbewerbsstrategien

Neben den Five Forces entwickelte Porter drei generische Wettbewerbsstrategien, um sich erfolgreich im Wettbewerb zu positionieren.

1. Kostenführerschaft (Cost Leadership)

Kernidee: Günstigster Anbieter in der Branche sein.

Voraussetzungen: - Effiziente Prozesse - Skaleneffekte - Zugang zu Ressourcen - Kostenmanagement-Fokus

Vorteile: - Schutz vor Preiswettbewerb - Ertragserhöhung - Marktposition bei Kunden, die Preise vergleichen

Nachteile: - Technologischer Wandel kann Effizienzvorteile neutralisieren - Kostenfokus kann zu Innovationsschwäche führen - Imitation ist leicht

IT-Beispiele: - Commodity-Hosting: Günstiger Anbieter für Standard-Services - Outsourcing-Dienstleistungen: Offshoring zu kostengünstigen Standorten - Hardware: Billige Standard-Server

Strategische Frage: "Können wir die kosteneffizienteste Lösung anbieten?"


2. Differenzierung (Differentiation)

Kernidee: Einzigartigkeit bieten, die Kunden bereit sind, für zu zahlen.

Voraussetzungen: - Starke Marketing-Fähigkeiten - Innovation - R&D-Kapazitäten - Reputation

Vorteile: - Kundenbindung - Höhere Margen - Schutz gegen Wettbewerber

Nachteile: - Hohe Investitionen - Kunden empfinden Differenzierung nicht als wertvoll - Imitation durch Wettbewerber

IT-Beispiele: - Spezialisierte Beratungsleistungen: Expertise in Nischen - Premium-Security-Services: Höchste Sicherheitsstandards - Maßgeschneiderte Software-Lösungen: Individuelle Entwicklung

Strategische Frage: "Was macht uns einzigartig und warum zahlen Kunden dafür?"


3. Nischenstrategie (Focus)

Kernidee: Fokus auf ein enges Segment des Marktes (Focus on a specific segment).

Zwei Ausprägungen:

3a. Kostenfokus (Cost Focus)

  • Kostenführerschaft in einer Nische
  • Günstigster Anbieter für ein Segment

3b. Differenzierungsfokus (Differentiation Focus)

  • Differenzierung in einer Nische
  • Einzigartigkeit für ein Segment

Voraussetzungen: - Segment ist unattraktiv für andere Anbieter - Fähigkeiten zur Bedienung der Nische - Tiefe Kenntnisse des Segments

Vorteile: - Schutz gegen großen Wettbewerb - Spezialisierte Kompetenz - Hohe Kundenbindung

Nachteile: - Risiko, dass die Nische attraktiv für größere Anbieter wird - Marktpotenzial ist begrenzt

IT-Beispiele: - Branchenspezifische Software: ERP für Gesundheitswesen, Fertigung - Regionale Dienste: IT-Services für spezifische Regionen - Spezialtechnologie: Quantum Computing Consulting, AI-Spezialist

Strategische Frage: "Welche Nische können wir dominieren?"


Kombination der Strategien

Porter warnt vor der sogenannten "Stuck in the Middle"-Position – eine Situation, in der Unternehmen versuchen, alles gleichzeitig zu sein und nichts wirklich erreichen.

Gefahr: - Unternehmen versucht, gleichzeitig kostengünstig, differenziert und fokussiert zu sein - Ergebnis: Keine klare Positionierung, Wettbewerb mit Spezialisten auf deren Terrain

Empfehlung: - Eindeutige Wahl einer Strategie - Klare Kommunikation der Positionierung - Konsistente Umsetzung im gesamten Unternehmen


🎯 Praxisaufgabe

Aufgabe: Five Forces + Wettbewerbsstrategie

Wählen Sie einen IT-Bereich (z. B. Cloud-Services, Cybersecurity, SaaS-Entwicklung, Outsourcing):

  1. Führen Sie eine Five Forces-Analyse durch (Bewertung 1-5 für jede Kraft)
  2. Bestimmen Sie die Branchenattraktivität
  3. Entwickeln Sie eine Wettbewerbsstrategie (Kostenführerschaft, Differenzierung oder Fokus)
  4. Erläutern Sie, warum diese Strategie für den gewählten Bereich geeignet ist

Template:

Kraft Score (1-5) Begründung
Rivalität ??? ???
Bedrohung neue Wettbewerber ??? ???
Bedrohung Ersatzprodukte ??? ???
Verhandlungsmacht Kunden ??? ???
Verhandlungsmacht Lieferanten ??? ???

Wettbewerbsstrategie: ???

Begründung: ???


📋 Checkliste für IT-Berater

Bei der Five Forces-Analyse mit Kunden:

  • Haben wir alle fünf Kräfte analysiert?
  • Wie hoch ist die Rivalität im Markt?
  • Welche Eintrittsbarrieren existieren?
  • Welche Ersatzprodukte bedrohen das Geschäft?
  • Welche Kunden haben hohe Verhandlungsmacht?
  • Welche Lieferanten haben hohe Macht?
  • Wie attraktiv ist die Branche?
  • Welche Wettbewerbsstrategie ist geeignet?
  • Welche Maßnahmen sind notwendig, um die Position zu stärken?

🔑 Schlüsselbegriffe

Begriff Erklärung
Porter's Five Forces Framework zur Analyse der Branchenattraktivität durch fünf Wettbewerbskräfte
Rivalität Intensität des Wettbewerbs zwischen bestehenden Anbietern
Markteintrittsbarrieren Hindernisse für neue Wettbewerber (Kapital, Regulierung, Skaleneffekte)
Ersatzprodukte Alternativen, die das Produkt ersetzen können
Verhandlungsmacht Fähigkeit, Preise und Konditionen zu beeinflussen
Kostenführerschaft Strategie, günstigster Anbieter zu sein
Differenzierung Strategie, durch Einzigartigkeit höhere Preise zu erzielen
Nischenstrategie Fokus auf ein enges Marktsegment
Stuck in the Middle Gefährliche Position ohne klare Strategie
Switching Costs Kosten für Kunden, Anbieter zu wechseln
Skaleneffekte Kostenvorteile bei steigendem Volumen