Strategische Grundlagen
Lernziele
Abschnitt: Strategische Grundlagen Lesezeit: ~8 Min Fokus: Leitbild, Unternehmensziele, Stakeholder-Management
Unternehmensleitbild als strategische Fundament
Das Unternehmensleitbild bildet das Fundament jeder strategischen Planung und definiert die Identität des Unternehmens auf drei Ebenen:
Vision
Die Vision beschreibt das langfristige Zielbild und die angestrebte Position in der Zukunft.
Beispiel: "Wir sind der führende digitale Transformationspartner für mittelständische Unternehmen in der DACH-Region bis 2030."
Charakteristika: - Orientiert an der Zukunft (Horizont: 5-10 Jahre) - Inspirierend und motivierend - Realistisch, aber ambitioniert - Dient als Kompass für alle strategischen Entscheidungen
Mission
Die Mission definiert den Daseinszweck und den geschaffenen Wert.
Beispiel: "Wir befähigen Unternehmen, durch innovative IT-Lösungen ihre Geschäftsprozesse zu optimieren und wettbewerbsfähig zu bleiben."
Charakteristika: - Beschreibt das "Was" und das "Warum" - Gegenwartsorientiert - Differenziert vom Wettbewerb - Mitarbeiter- und Kundenorientiert
Strategie
Die Strategie legt fest, wie Vision und Mission erreicht werden.
Beispiel: "Fokus auf Cloud-Migrationen, datengetriebene Beratung und langfristige Partnerschaften statt kurzfristiger Projekte."
Charakteristika: - Handlungsorientiert - Basiert auf Ressourcen und Fähigkeiten - Berücksichtigt Marktumfeld - Priorisiert bestimmte Handlungsfelder
Unternehmensziele: Shareholder vs. Stakeholder
Shareholder-Ansatz (Eigentümerorientierung)
Kernprinzip: Maximierung des Unternehmenswertes und der Rendite für die Eigentümer.
Primäre Ziele: - Gewinnmaximierung: Ertrag > Kosten - Rentabilität: Return on Investment (ROI), Return on Equity (ROE) - Kapitalvermehrung: Steigerung des Unternehmenswertes - Dividendenausschüttung: Cash Flow für Eigentümer
Vorteile: - Klare, messbare Ziele - Fokus auf wirtschaftliche Effizienz - Kapitalmarktorientiert
Nachteile: - Vernachlässigt andere Interessengruppen - Kurzfristiger Fokus (Quartalsdenken) - Sozial- und ökologische Aspekte werden ausgeblendet
Stakeholder-Ansatz (Interessengruppenorientierung)
Kernprinzip: Balance der Interessen aller Gruppen, die vom Unternehmen beeinflusst werden oder es beeinflussen.
Wichtige Stakeholder im IT-Bereich:
| Stakeholder | Erwartungen | Einfluss |
|---|---|---|
| Mitarbeiter | Gute Arbeitsbedingungen, Weiterentwicklung, faire Vergütung | Hoch (Implementierung) |
| Kunden | Qualität, Zuverlässigkeit, Innovation, Support | Hoch (Umsatz) |
| Lieferanten | Zuverlässige Zahlungen, langfristige Partnerschaften | Mittel |
| Gemeinde/Öffentlichkeit | Umweltschutz, soziale Verantwortung | Mittel (Reputation) |
| Staat/Behörden | Compliance, Steuern, Arbeitsplätze | Hoch (Regulierung) |
Vorteile: - Langfristige Nachhaltigkeit - Risikominimierung (z. B. Reputationsrisiken) - Employer Branding - Bessere Akzeptanz in der Gesellschaft
Herausforderungen: - Zielkonflikte zwischen Interessengruppen - Komplexeres Entscheidungsmanagement - Schwerer messbare Ziele
Beispiel für Zielkonflikt: - Shareholder fordern Kostensenkung (z. B. Offshoring) - Mitarbeiter fordern Job-Sicherheit - Lösung: Transparente Kommunikation, Sozialpläne, alternative Einsatzmöglichkeiten
Formale und sachliche Unternehmensziele
Formale Ziele (Erfolgsziele)
Formale Ziele sind quantifizierbare Kennzahlen, die den wirtschaftlichen Erfolg messbar machen.
Wichtige Kennzahlen:
| Kennzahl | Definition | IT-spezifische Relevanz |
|---|---|---|
| Gewinn | Ertrag minus Aufwand | Projektmargin, Service-Rendite |
| Umsatz | Gesamtertrag aus Verkäufen | Lizenzumsätze, Service-Umsätze |
| Rentabilität | Gewinn im Verhältnis zu eingesetztem Kapital | ROI von IT-Investitionen |
| Liquidität | Zahlungsfähigkeit des Unternehmens | Cash Flow aus Projekten |
| Deckungsbeitrag | Umsatz minus variable Kosten | Deckungsbeitrag pro Projekt/Kunde |
Anwendung im IT-Kontext:
- Projekt-Rentabilität: (Projektertrag - Projektkosten) / Projektkosten × 100
- Service-Deckungsbeitrag: Stundensatz minus variable Personalkosten
- Kunden-Rentabilität: Gesamtumsatz minus Aufwand pro Kunde
Sachziele
Sachziele sind qualitative Ziele, die den Inhalt des Handelns beschreiben.
Kategorien:
- Leistungsziele:
- Produktqualität (z. B. Fehlerquote < 0.1%)
- Servicequalität (z. B. Reaktionszeit < 4 Stunden)
-
Innovationskraft (z. B. 2 neue Produkte pro Jahr)
-
Soziale Ziele:
- Mitarbeiterzufriedenheit (z. B. Fluktuation < 5%)
- Aus- und Weiterbildung (z. B. 40 Stunden pro Mitarbeiter/Jahr)
-
Work-Life-Balance
-
Ökologische Ziele:
- Energieeffizienz (z. B. Green Data Center)
- Papierlose Prozesse
-
CO2-Neutralität
-
Marktziele:
- Marktposition (z. B. Top 3 in Nische X)
- Neukundengewinnung (z. B. 50 neue Kunden/Jahr)
- Marktanteil (z. B. 15% im Cloud-Markt)
SMART-Prinzip für Zielsetzung:
- Specific (Spezifisch)
- Measurable (Messbar)
- Achievable (Erreichbar)
- Relevant (Relevant)
- Time-bound (Terminiert)
Beispiel: "Wir erhöhen den Umsatz mit Cloud-Services um 20% auf 2 Mio. € bis zum 31.12.2026."
Marktziele: Strategische Vorgaben für den Erfolg
Marktziele definieren, wo das Unternehmen agieren will und welche Position es anstrebt.
Strategische Marktziele
1. Markterschließung: - Definition neuer Zielmärkte - Expansion in neue Regionen - Betreten neuer Branchen
Beispiel: "Erschließung des Gesundheitssektors für unsere ERP-Lösungen bis 2026."
2. Marktpositionierung: - Positionierung im Wettbewerbsumfeld - Differenzierung von Konkurrenz - Aufbau von Markenbekanntheit
Beispiel: "Positionierung als Premium-Berater für Cloud-Migrationen mit Fokus auf Sicherheit."
3. Marktausschöpfung: - Maximierung des Potentials in bestehenden Märkten - Cross-Selling und Up-Selling - Erhöhung der Kundenbindung
Beispiel: "Erhöhung des durchschnittlichen Umsatzes pro Kunde von 50k€ auf 70k€ bis 2027."
4. Marktverteidigung: - Abwehr von Wettbewerbsangriffen - Sicherung von Marktanteilen - Aufbau von Markteintrittsbarrieren
Beispiel: "Sicherung des 15%-Marktanteils im SAP-Beratungsmarkt durch Premium-Service."
Operative Marktziele
1. Marktanteilsziele: - Absoluter Marktanteil (Umsatz in % des Gesamtmarktes) - Relativer Marktanteil (Umsatz im Verhältnis zum stärksten Konkurrenten)
2. Umsatzziele: - Umsatzwachstum pro Marktsegment - Umsatzverteilung nach Produkten/Services
3. Deckungsbeitragsziele: - Marge pro Marktsegment - Kosten-Nutzen-Relation
4. Kundenziele: - Anzahl der Neukunden - Kundenbindung (Retention Rate) - Kundenzufriedenheit (NPS)
Absatzpolitische Ziele: Operative Umsetzung
Absatzpolitische Ziele übersetzen strategische Vorgaben in konkrete Handlungen im Markt.
Der Marketing-Mix (4 P's)
Der klassische Marketing-Mix besteht aus vier Instrumenten, die aufeinander abgestimmt werden müssen:
1. Product (Produktpolitik)
Entscheidungen: - Produktsortiment (Breite vs. Tiefe) - Produktmerkmale und -qualität - Markierung und Branding - Service und Support - Garantien und Zusatzleistungen
IT-spezifische Aspekte: - Software-Produkte: SaaS, On-Premise, Hybrid - Services: Beratung, Implementation, Support, Schulung - Service Level Agreements (SLAs): Verfügbarkeit, Reaktionszeiten - Versioning: Updates, Releases, Lifecycle-Management
Beispiel: "Angebot von drei Cloud-Service-Paketen (Basic, Professional, Enterprise) mit unterschiedlichen SLAs."
2. Price (Preispolitik)
Preisstrategien: - Preisabschöpfung: Hoher Preis bei Innovation (Skimming) - Preisdurchdringung: Niedriger Preis für schnelle Marktanteile - Preisdifferenzierung: Verschiedene Preise für verschiedene Segmente - Wettbewerbsorientierte Preis: Orientierung am Marktpreis
Preismodelle im IT-Bereich: - Lizenzmodelle: Einmalkauf, Abo, Freemium - Nutzungsbasiert: Pay-per-use, Pro User - Projektbasiert: Festpreis, Zeit und Material - Wertbasiert: Preis nach geschaffenem Wert
Beispiel: "Einführung eines hybriden Preismodells: Grundgebühr + nutzungsabhängige Zusatzkosten."
3. Place (Distributionspolitik)
Entscheidungen: - Absatzkanäle (Direktvertrieb, Partner, Online) - Logistik und Lieferketten - Standortpolitik
IT-spezifische Aspekte: - Direktvertrieb: Vertriebs团队, Key Account Management - Indirekter Vertrieb: Partner, Reseller, Systemintegratoren - Digital Sales: Self-Service Portale, App Stores - Cloud Delivery: CDN, Edge Computing
Beispiel: "Aufbau eines Partner-Netzwerks für Regionalvertrieb + Digital Sales für Standardprodukte."
4. Promotion (Kommunikationspolitik)
Instrumente: - Werbung: Online, Print, TV - Public Relations: Pressearbeit, Events - Verkaufsförderung: Rabatte, Aktionen - Persönlicher Verkauf: Beratungsleistungen
IT-spezifische Aspekte: - Content Marketing: Whitepapers, Webinare, Blog - Suchmaschinenoptimierung (SEO): Sichtbarkeit im Web - Social Media: LinkedIn, Twitter, GitHub - Events und Konferenzen: Tech-Konferenzen, Hackathons - Referenzmarketing: Case Studies, Testimonials
Beispiel: "Fokus auf Content Marketing (Technical Blog) und Tech-Konferenzen zur Thought Leadership-Positionierung."
Zusammenfassung der Zielhierarchie
Unternehmensleitbild
├── Vision (Zielbild)
├── Mission (Daseinszweck)
└── Strategie (Wie es erreicht wird)
├── Formale Ziele (quantitativ)
│ ├── Gewinn
│ ├── Umsatz
│ ├── Rentabilität
│ └── Liquidität
└── Sachziele (qualitativ)
├── Marktziele
│ ├── Markterschließung
│ ├── Marktpositionierung
│ └── Marktverteidigung
└── Absatzpolitische Ziele
└── Marketing-Mix (4 P's)
├── Product
├── Price
├── Place
└── Promotion
🎯 Praxisaufgabe
Aufgabe: Strategische Positionierung
Analysieren Sie ein IT-Unternehmen Ihrer Wahl (z. B. Ihr Arbeitgeber, ein bekannter Tech-Gigant, ein Start-up):
- Identifizieren Sie Vision, Mission und Strategie
- Bestimmen Sie, ob der Fokus eher auf Shareholder oder Stakeholder liegt
- Listen Sie 3 formale und 3 sachliche Ziele auf
- Analysieren Sie den Marketing-Mix (4 P's)
Tipp: Nutzen Sie Annual Reports, Websites, Pressemitteilungen und andere öffentliche Informationen.
📋 Checkliste für IT-Berater
Bei der Zusammenarbeit mit Kunden sollten Sie folgende Fragen klären:
- Verstehe ich das Leitbild des Kunden (Vision, Mission, Strategie)?
- Wer sind die wichtigsten Stakeholder im Projekt?
- Welche formalen und sachlichen Ziele verfolgt der Kunde?
- Wie positioniert sich der Kunde im Markt?
- Passt die vorgeschlagene IT-Lösung zur Strategie des Kunden?
- Welchen Business Value generiert die Lösung für die Ziele des Kunden?
🔑 Schlüsselbegriffe
| Begriff | Erklärung |
|---|---|
| Vision | Langfristiges Zielbild, inspirierend und zukunftsorientiert |
| Mission | Daseinszweck des Unternehmens, beschreibt den geschaffenen Wert |
| Stakeholder | Alle Interessengruppen mit Erwartungen an das Unternehmen |
| Shareholder | Eigentümer des Unternehmens, fokussiert auf Rendite |
| Formale Ziele | Quantifizierbare, wirtschaftliche Kennzahlen (Gewinn, Umsatz, etc.) |
| Sachziele | Qualitative Ziele (Qualität, Innovation, soziale Verantwortung) |
| Marketing-Mix (4 P's) | Product, Price, Place, Promotion – die vier Instrumente der Absatzpolitik |
| SMART-Prinzip | Specific, Measurable, Achievable, Relevant, Time-bound |